Hamburg

Zum Ende meines Urlaubs gab es noch einen Ausflug nach Hamburg. Anlass war die „Licht des Nordens“-Ausstellung in der Kunsthalle. Die Ausstellung ist nicht sehr groß, so dass noch ausreichend Zeit für Teile der ständigen Sammlung blieb. Hier stieß ich auf Leibls „Drei Frauen in der Kirche“, von dem ich zwei kleine Skizzen anfertigte – nicht ohne zu denken, dass ich mit dem Kopieren dieses Bildes gern Wochen zugebracht hätte.

Um dem Trubel des CSD zu entgehen, wendeten wir uns anschließend Richtung Landungsbrücken und Elphi uns saßen ganz wie richtige Touristen am Dallmannkai, nicht ohne später die moderne Architektur am Überseeboulevard zu bewundern.

Etwas erschöpft saßen wir bis zur Abfahrt unseres Zuges (die sich noch sehr verzögern sollte) am Rand einer Seitenstraße in Bahnhofsnähe.

Zum guten Schluss kam der Zug doch – und ich hatte noch die Kraft, einen unendlich gelassenen Hund zu skizzieren.


Nicht nur Häuser

Urban Sketching, von seiner ursprünglichen Idee her, ist gezeichnete Reportage, ist viel mehr als das Abbilden von Häusern und Straßen, ist nicht vollständig ohne die Menschen, die sich in ihnen bewegen. Und dass die sich bewegen, macht die Sache so schwierig – jedenfalls für Laien ohne künstlerische Ausbildung.

Ich selbst bin mit den Jahren mutiger geworden, versuche mich im Bekanntenkreis und im öffentlichen Raum an der Abbildung von Menschen, gehe schon etwas sicherer auf dem schmalen Grat zwischen Neugier und Indiskretion. Und so hatte ich in Amsterdam für den ersten Tag einen Workshop mit dem schönen Titel „Face To Face! – Urban Portraits That Tell Stories“ gebucht.

Bevor der losging, galt es noch den, na ja, nicht ganz so heißen Morgen zu nutzen. Ich lief ein paar Kilometer durch die Stadt, um nicht ganz zufällig in einem hippen Frühstückscafé namens „Toki“ zu landen – was irgendwas mit „Tokio“ zu tun hat. Es gab minimalistisches Design, Buchweizenpfannkuchen und Soja-Cappuccino – und still vor ihren Macbooks und Handys sitzende junge Menschen verschiedenster Nationalitäten.

Dann kam der Schreck – wie im schlechten Traum fiel mir ein, dass mein Workshop bald losgehen sollte – ich hatte mich um eine Stunde vertan! Anders als im Traum fand ich dank Tante Google den schnellsten Weg per Straßenbahn – und war noch pünktlich bei Marina Grechanik . Sie ermutigte uns, mit den verschiedensten Zeichenmaterialien zu experimentieren, schnell und und mutig das zu zeichnen (und zu zeigen), was Herz und Bauch gesehen hatten.

Anna und Imre

Und am Abend? Am Abend saß ich, in einer fast magischen Stimmung mit einigen anderen Zeichner*innen, die dem lauten Drink&Draw aus dem Weg gegangen waren, am Amstelufer und zeichnete – Häuser.

Die Häuser an der Amstel sind auch bei realistischerer Betrachtung ziemlich schief.

Es geht los

Am Mittwoch, heute vor einer Woche, geht es richtig los. Jedenfalls mit der Hitze, über 35 Grad sind angesagt. Das Symposium beginnt erst am Nachmittag, genug Zeit für einen ausgedehnten Morgenspaziergang.

Als ich nach einer kleinen Mittaggsruhe im Hof der Zuiderkerk, einer zum Vernastaltungszentrum umgebauten Kirche, ankomme, summt und brummt der Hof schon von den Zeichnern aus aller Welt, die sich dort versammelt haben.

Frisch eingecheckt stürme ich erst einmal zum da-Vinci-Stand, einer von Künstlerbedarfshändlern, die ihren Platz auf der Empore haben. Und wirklich, bei den Pinseln ist die längste Schlange, und als ich die absolviert habe, bin ich um drei neue Reisepinsel reicher.


Amsterdam – Ouvertüre

Bevor es in der letzten Woche mit dem internationalen Symposium der Urban Sketchers, dem großen internationalen Zeichenfestival, in Amsterdam losging, musste ich erst einmal hinkommen. Müde und zerknittert wie immer am ersten Reisetag saß ich im Zug und musste mir einen ordentlichen Schubs geben, um mit dem lang ersehnten Zeichnen zu beginnen. (Für Nicht-Zeichner: die Hand-Auge-Koordination ist eine sensible Angelegenheit und möchte daher eigentlich täglich – täglich! – trainiert werden – „Nulla dies sine linea“ hieß das bei den alten Meistern.)

In Amsterdam angekommen, lief ich erst einmal etwas verpeilt durch die Gegend, bis ich ein schönes Sushi-Restaurant für das Abendessen fand.

Am nächsten Tag besuchte ich einen Freund im weiteren Umland. Auf dem Weg zum Bahnhof zeichnete ich für ihn noch eine kleine Postkarte.


Am Morgen eines heißen Tages

Nachdem ich in der Neustädter Havelbucht den Spuren meiner ersten Stadtzeichnung nachgegangen war, ging ich noch einmal in den Park Sanssouci. Das Thermometer war bereits auf über 30 Grad gestiegen; umso erfreuter war ich, an der großen Fontäne noch einen Platz auf einer schattigen Marmorbank gefunden zu haben.

Wie immer erweiterte das Zeichnen meinen Blick: aus zwei seit über fünfzig Jahren vertrauten, doch stets namenlos gebliebenen Marmorfiguren wurden Apollo und Diana. Auch dass sie einander sehnsuchtsvoll zugewandt sind, sah ich zum ersten Mal.

Apollo und Diana vor dem Schloss Sanssouci.

Völkerkunde oder: Chinoiserie 2.0

Eigentlich hatte ich die Rosen zeichnen wollen: hunderte alte Sorten kann man im Rosengarten am Schloss Charlottenhof im Park Sanssouci bewundern. Wenn man zur richtigen Zeit kommt. Ich aber war zwei, drei Wochen zu spät, die Hitze hatte das ihre dazu beigetragen, dass nur noch ein paar Nachzüglerinnen ihre letzten rosa Blütenköpfe zeigten. Außerdem wurde es dort rasch heiß.

So wanderte ich weiter zum Chinesischen Teehaus, einem Pavillon im „chinesischen“ Stil, dessen lebensgroße vergoldete Figuren unter „Palmen“-Säulen uns viel über das Weltbild des Rokokko und wenig über das China jener Zeit erzählen: eine Chinoiserie. Bewacht wurde das Gebäude von einem grimmig dreinschauenden Herrn meines Alters, der mich daran erinnerte, dass Potsdam einst eine Hochburg sehr staatsnaher DDR-Beamter gewesen war.

Kaum hatte ich es mir auf meiner schattigen Bank gemütlich gemacht, kamen drei echte Chinesinnen des Wegs und begannen vor der Figurengruppe für ein Foto zu posieren. Zwei von ihnen überstiegen eine niedrige Hecke am Wegrand und im selben Moment hörte man es von innen laut an die Scheibe wummern. Als die Damen nicht reagierten, kam der Wachmann in erstaunlichem Tempo um die Säulen herum gerannt und brüllte: „MACHT IHR DITT IN CHINA OOCH SO, ODA WATT?“

Vergoldete Figurengruppe am Chinesischen Teehaus im Park Sanssouci

Am früheren Beruf des Herrn hatte ich nun keinen Zweifel mehr. Die Chinesinnen aber schlenderten geruhsam weiter und ließen mich mit der Frage zurück, ob ihnen wohl eine App verraten hatte, was die goldenen Figuren darstellen sollten.


Der rote Zug

Am Tag, als die Hitze kam, war ich früh aufgestanden. Von meinem kleinen Hotel in Potsdam-West war ich schon vor 7 Uhr aufgebrochen, um an der Neustädter Havelbucht nach dem richtigen Blick zu suchen. Ungefähr vor 45 Jahren hatte ich als Schülerin hier schon einmal gezeichnet – das griffige und einfach zu erfassende Motiv gehörte zum Standardprogramm unseres Kunstunterrichts.

Ich fand das Sujet meines ersten urban sketches weitgehend unverändert wieder – die Brücke, die Hochhäuser (die seinerzeit ganz neu gewesen waren), das Wasser. Die Bäume schienen mir höher als damals (kein Wunder nach so langer Zeit) und die Bootsliegplätze hatte es wohl auch noch nicht gegeben, genau so wenig wie die „Seerose“, einen Mütherschen Schalenbau, auf dessen Terrasse ich es mir jetzt bequem gemacht hatte.

Und auch die roten Züge, der so bildwirksam im Viertelstundentakt über die Brücke rollten, hätte es 1975 nicht gegeben. Nicht nur, dass Züge grau oder grün gewesen waren: diese Strecke war von der Berliner Hauptverbindung nach Westen zu einer Nebenstrecke geworden, auf der neben streng bewachten Transitzügen nur eine kleine Stadtlinie verkehrte, die kaum noch jemand zu brauchen schien.

Die roten Züge wissen, dass es anders kam.

Die Neustädter Havelbucht in Potsdam, vor Ort aquarelliert am frühen Morgen eines heißen Tages.

Epilog: Karlsruhe

Auf dem Heimweg von meiner Frühlingsreise habe ich noch einen Tag in Karlsruhe Station gemacht, um einen alten Freund zu besuchen. Ich hatte die Stadt einige Jahre nicht gesehen und fand sie freundlich und verjüngt vor – auch wenn meine Zeichnungen weder die schönen modernen Campusgebäude noch die die vielen jungen Menschen zeigen.

Am Ankunftsabend saß ich in der fallenden Dämmerung auf einem kleinen dreieckigen Platz in der Oststadt (hat Karlsruhe eigentlich auch Plätze, die NICHT dreieckig sind?) und zeichnete mein Hotel. Es herrschte eine ruhige und friedliche Stimmung dort, etwas von (noch?) nicht gentrifizierter Nachbarschaft; vielleicht war ich ja auch nur selbst nach zwölf Tagen Pilgerweg so friedvoll gestimmt … Passend dazu versuchte ich mich in meditativer Genauigkeit, ein wenig in Anlehnung an die Karlsruhe-Skizzen von Tatjana Kulikova; doch am Ende sieht es doch wieder sehr nach mir aus.

Am nächsten Tag lernte ich den sehr schönen Karlsruher Hauptfriedhof kennen. Hier versuchte ich nicht, in den Schuhen von jemand anders zu gehen; ich zeichnete schwungvoll drauf los und auch die Farbe kam gleich vor Ort aufs Blatt.


Bagger, Reframing und Popkultur

Fast schon wäre es mir zur Mühsal geworden, die letzten Seiten im Reisebuch vorzeigbar herzurichten – zum Glück hatte ich gestern ein paar „leere“ Stunden zur Verfügung, in denen ich noch ein bisschen Farbe und Schrift verteilen konnte.

Einiges, wie die flüchtigen Skizzen der letzten, kurzen Wanderetappe von Bisingen nach Balingen bleibt unfertig und ungescannt zwischen den Buchdeckeln. Dafür leistete ich am Morgen beim Frühstück, schön im Warmen hinter einer großen Scheibe, meinen Beitrag zu einem derzeitigen running gag der Urban Sketcher: ich zeichnete einen Bagger. (Und hatte, da keine Wanderetappe anstand, Zeit für die Kolorierung.) Das kleine Bagger-Glück war ein schönes Beispiel für das, was Psychologen auf neudeutsch Reframing nennen: Dinge neu zu bewerten, in dem man sie in einem anderen Rahmen betrachtet – eine Baustelle vor dem Hotel gehört sonst ja eher nicht zu den Reisefreuden.

Im Regio von Tübingen nach Stuttgart konnte ich noch das Rätsel lösen, was es mit den jungen „Trachten“-Träger*innen auf sich hatte, die uns hier in der Gegend immer mal wieder aufgefallen waren. Eine junge Frau in einem rosa Dirndl saß in meinem Sichtfeld; sie war so sehr mit sich, ihrer Verkleidung, ihrer Bierbüchse und dem Gespräch mit ihrem Gegenüber beschäftigt, dass ich sie ungestört zeichnen konnte.

In Bad Cannstadt stieg sie aus, und mit ihr noch zahlreiche andere bedirndlte und belederhoste Gleichaltrige, die dem „Wasen“ zustrebten, einem Stuttgarter Volksfest. Dass es dort seit einigen Jahren Usus geworden ist, sich in etwas zu kleiden, was man eher ein popkulturelles Zitat als eine Tracht im eigentlichen Sinn bezeichnen kann, war sogar der Lokalpresse einen Artikel wert. (Und erinnerte mich daran, im vergangenen Herbst im tiefsten Mecklenburg Zaungast eines „Oktoberfestes“ gewesen zu sein, zu dem die Menschen ähnlich faschingsmäßig kostümiert antraten.)


Über Berg und Tal II

Weiter geht es mit meinem Reisebericht, der mittlerweile ein Rückblick geworden ist. In Rottenburg (von dem ich nicht eine einzige Zeichnung mitgebracht habe) verlassen wir das Neckartal und biegen nach Süden ab. Von jetzt ab gibt es, im Vorland der Schwäbischen Alb, wieder ausgedehnte Waldgebiete – wenn sich auch die Zersiedelung in den kleineren Tälern weiter ins Land frisst. Am nächsten Wandertag bekommen wir davon jedoch wenig mit.

Pflanzenstudien am Wegrand.

An den Wegrändern begleiten uns einige Pflanzen, die wir von unserem Zuhause im Nordosten Deutschlands nicht kennen; schließlich lege ich mir sogar eine Bestimmungs-App zu, die zuverlässig auch offline funktioniert.

Auf halbem Weg eine Rast am Bach.
Vor der letzten Etappe ziehen Regenwolken auf …
… und verhelfen der Burg Hohenzollern zu einer grandiosen Kulisse.

Die Burg Hohenzollern bestimmt von nun an die Landschaft. Doch bis wir dort ankommen, haben wir noch eine Tagesetappe zurückzulegen. Sie führt an Schloss Lindich vorbei, einem wenig harmonischen Konglomerat aus Schloss (privat, mit hohem Zaun), einer Reitanlage und verfallenden Nazi-Baracken (mit Stacheldrahtzaun und in Zwangsversteigerung, wie ich lese.) Dazwischen ein edles Restaurant, in dessen Garten wir rasten, während es aus einem zugezogenen Himmel immer mal tröpfelt.

Die Skizze der skurill beschnittenen Linden verleitet mich zu Hause zu Farb- und Stempelexperimenten.