Zwanzig Jahre später

Gestern hatte ich in Grabow bei Ludwigslust zu tun. Das Städtchen ist außerhalb seines näheren Umkreises kaum bekannt und wäre manchen Besuch wert, bietet es doch eine geschlossene barocke Fachwerkbebauung, viele historische Gewerbebauten dabei, und idyllische Flussuferblicke. Grabow war eine Handwerker- und Kaufmannsstadt von solidem Wohlstand (die Vorfahren der Schriftstellerfamilie Mann sind von hier aus nach Lübeck gegangen), die ihren speziellen Charakter noch bis in die DDR-Zeit hinein bewahren konnte.

1998 bin ich einige Male zum Zeichnen hingefahren, meine damals neugeborene Tochter im Kinderwagen dabei, einige kostbare Wochen Freiheit nutzend. Fasziniert stand ich vor einem ausgedehnten frühindustriellen Mühlenkomplex, der gerade dabei war, seinen Betrieb einzustellen; man konnte in den Höfen ungestört umhergehen.

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Die alte Mühle in Grabow, PITT-Pens und Farbstifte in einem 30×30 cm großen Skizzenbuch. 1998

Gestern bin ich ganz bewusst an die gleiche Stelle gegangen und fand sie äußerlich weitgehend unverändert vor, das Dach notgesichert und das Gebäude seit 20 Jahren von einem Investor träumend. Die mittägliche Stille war fast schon schmerzhaft, von den Ladengeschäften, die es vor 20 Jahren in der Nähe noch gegeben hatte, war kein einziges mehr vorhanden.

Ich aber und mein Blick hatten sich gewandelt: erstaunt konstatierte ich, dass ich das Anwesen ohne die Vorgeschichte meiner früheren Besuche vermutlich nicht gezeichnet hätte – die Fassade flach und ummoduliert im Mittagslicht, wenig Tiefe; und alles schon sehr museal und unbehaust. So machte ich nun das Beste daraus, versuchte mich ganz bewusst an einer zügigen und nicht zu sorgfältigen Zeichnung im kleinen A6-Buch.

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20 Jahre später, gezeichnet im Hahnemühle Watercolour-Buch A6.

 


Misstraut den Grünanlagen

„Misstraut den Grünanlagen!“ – mit diesem Satz begannen oder endeten manche der Berliner Spurensuchen des Autors Heinz Knobloch. In einer Stadt, die von Luftkrieg und Häuserkampf derart gezeichnet ist wie Berlin, wurde vieles überbaut und mit Rasen zugedeckt, was des näheren, oft auch schmerzenden Hinsehens wert gewesen wäre.

Als ich Ende Juli, an einem der vielen heißen Tage, einer Einladung zu einem Glockenspielkonzert an der Berliner Parochialkirche folgte, kam mir dieser Satz in den Sinn. Ich hatte einen frühen Zug genommen und ging mit einem kleinen Schlenker durch das Nikolaiviertel die wenigen hundert Meter vom Alexanderplatz zu der Kirche. Ich weiß nicht, woran es lag, an der Sonntagsferienleere, an der Erschöpfung von Menschen und Stadt durch die Hitze, an den über dreißig Jahren, die vergangen waren, seit ich dort das letzte Mal zu Fuß ging: ich hatte das Gefühl, die Verluste und Verletzungen dieses Teils von Berlin mit Händen greifen zu können. Die völlige Überformung eines gewachsenen Stadtgrundrisses im Geist der Moderne, der Aufbruchswille auch, der sich darin spiegelte, die hilflosen und heute etwas peinlich anmutenden Versuche in postmodernen Arkaden, die falschen „Altberliner“ Gaststätten und schließlich die Stille und Leere zwischen den großen Verwaltungsgebäuden, die stehengeblieben waren oder wieder aufgebaut wurden – alles das sprach zu mir davon, wie viel vom Vergangenen noch nicht vergangen ist.

Der Friedhof der Parochialkirche ist eine stille grüne Insel in der Nähe der ehemaligen Stadtmauer. Die Kirche selbst brannte im Krieg vollständig aus; den Turm mit dem einst berühmten Glockenspiel erhielt sie erst im letzten Jahr wieder.

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Blick von der Parochialkirche zum Alexanderplatz.

Als ich an der Kirche ankam, hatte ich noch Zeit, einen der vielen möglichen dissonanten Blicke an diesem Ort einzufangen. Die Kirche war noch geschlossen, als sie später geöffnet hatte, kam ich leider nicht mehr dazu, ihr Inneres zu zeichnen – mit seinen nackten Ziegelwänden und einem rauen Kreuz aus ausgeglühtem Stahl ist es ein unerwartetes Denkmal in der nach außen hübsch barock wieder hergestellten Hülle.

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Lauschende auf dem Parochialfriedhof

Später, während des Konzertes, habe ich dann versucht, die versonnene Stimmung einzufangen, die von solch einem ungewöhnlichen Konzert ausgeht. Das Glockenspiel ist weit im Umkreis zu hören, so dass die Gäste sich auf dem Gelände des alten, lange aufgelassenen Friedhofs verteilen können – zum Sitzen gibt es stabile Papphocker.


Straßburg – Teil 3 und Schluss

An meinem letzten Straßburger Tag konnte ich dann doch noch Freundschaft mit dem Münster schließen. Wiederum am zeitigen Vormittag fand ich es dieses Mal geöffnet, Nonnen eilten zur Messe in einer Seitenkapelle und der Sicherheitsmensch am Eingang wies auch mich nicht ab.

Da saß ich dann endlich glücklich fast allein in der großen Kirche. Beim Anblick der hypergotischen Westfassade mag man nicht vermuten, dass der östliche Teil – Chor, Apsis und ein Teil der Querschiffe – in einem prächtigen romanischen Stil erbaut sind. Dorthin setzte ich mich und versuchte mich wieder einmal in Perspektive. Vor Ort zog ich nur Bleistiftlinien, Schattierungen und Farbe kamen erst zu Hause dazu. Für die Schatten blieb ich bei Graphit in Form von wasserlöslichen Graphitstiften und ganz zum Schluss noch etwas Aquarellfarbe mit Graphitpigment.

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Der romanische Chorraum des Straßburger Münsters am Morgen.

 

Abends dann der Gegenentwurf zur sorgfältig ausgemessenen Perspektive: ein kleiner Versuch, die Atmosphäre der Stadt einzufangen, natürlich wieder von einem Restauranttisch aus, der dieses Mal auf eine belebte Straßenkreuzung schaute.

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Vor dem Restaurant „Chaîne d’or“ in Straßburg.


Westwerk

Kirchen sind in den meisten Fällen in Ost-West-Richtung gebaut, unser Ausdruck „Orientierung“ stammt daher, sie sind nach Osten, Richtung Orient, ausgerichtet. Zum Lichten, Hellen, zum Sonnenaufgang hin stand in mittelalterlichen Kirchen der Hauptaltar; nach Westen, von wo die Nacht mit ihren Dämonen heraufzog, baute man Bollwerke, Türme, manchmal symbolisch, manchmal durchaus von realem Verteidigungswert. „Westwerk“ nennen Kunsthistoriker diese westlichen Querriegel.

In Drübeck habe ich mich am letzten Abend vor die Westseite der Kirche gesetzt und im sinkenden Licht erst einmal eine schnelle Vorzeichnung in einer Linie gemacht, immer wieder hilfreich, um herauszufinden, was mich an einem Motiv am meisten interessiert. Dann ging es los mit Perspektive, schön ordentlich mit Abmessen und Hilfslinien. Den Moment, auf einen etwas kräftigeren Stift umzusteigen, habe ich verpasst, und irgendwann wurde es auch am schönsten Frühlingsabend dunkel.

Zu Hause, heute, habe ich der Zeichnung erst ordentlich Farbe verpasst – und dann doch noch ein paar kräftige Linien eingefügt, weil das Ganze mir ansonsten zu vage war.

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Erst Farbe, dann kräftigere Linien mit Füller – die Westfassade der Drübecker Kirche im Abendlicht.


Drübeck

Das Drübecker Kloster ist nicht nur schon lange kein Kloster mehr, der frühmittelalterlich-archaische Eindruck seiner Kirche ist auch kein Relikt, sondern (vorläufiges) Ergebnis einer langen Reihe von Um- und Anbauten, Plünderungen, Bränden, Abrissen, Wiederaufbau und Rekonstruktion; beim letzten, gestaltgebenden wurde in den 50er Jahren des 20.Jahrhunderts gleich ein ganzes Seitenschiff wieder aufgebaut.

So ist der Raumeindruck im entkernten Innern auch nur mäßig harmonisch, der zeichnende Blick sucht nach Details und findet sie in den üppig und recht unterschiedlich verzierten Kapitellen. Besonders angetan hat es mir eines mit Eckmasken und verschlungenen, langobardisch anmutenden Mustern. Es stammt, so lese ich, nicht aus der ersten Bauphase – da versuchte man noch, das untergegangene Rom zu imitieren – sondern aus der Hochromanik.

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Säule mit reich verziertem Kapitell in der Drübecker Klosterkirche.

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Reicher Kapitellschmuck mit bärtigen Mützenmännern, über deren Bedeutung wir nichts mehr wissen.

 


Schlossblicke

Als vor einigen Wochen Zeichner aus Berlin und dem Norden in Schwerin zu Gast waren, haben natürlich alle das Schloss gezeichnet. Alle außer mir. Für derart komplexe Ansichten, wie sie das Schweriner Schloss bietet, hatte ich an dem Tag nicht die Geduld, ich habe mich an überschaubare Motive gehalten. Und den Vorsatz gefasst, dieses Jahr endlich mal ein paar gezeichnete Schlossblicke zu wagen.

Am 1.Mai bin ich dann auch vorsatzgemäß früh losgezogen, um ungestört im Burggarten zeichnen zu können – und war nach einer Stunde so durchgefroren, dass ich den ganzen Tag brauchte, um aufzutauen. So habe ich das Bild vor Ort auch nur teilweise koloriert, der goldene Schein auf Kuppel und Turmspitzen fehlte noch, ebenso wie das Neapelgelb der Mauern. Ich habe darauf verzichtet, sie zu ergänzen – so rückt der neogotische Choranbau der Schlosskirche in den Mittelpunkt. Gemalt habe ich ihn mit einer meiner Lieblingsfarben, Hämatitschwarz von Schmincke.

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Nordostecke des Schweriner Schlosses, im Vordergrund der neogotische Choranbau der Schlosskirche.

Heute hingegen war das Wetter traumhaft, die Stadt an einem langen Wochenende voller Menschen; zuerst fand ich einen Platz zwischen Fliederduft und Clematislaube, doch danach habe ich mich noch mitten ins Getümmel gesetzt, auf den Logenplatz des „Café Prag“, und die Skyline der Kuppeln und Türmchen gezeichnet.

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Die Stadtseite des Schweriner Schlosses.


Markthalle

Die Markthalle in Funchal ist in meinem Februarurlaub eine feste Größe. Über die Stimmung dort habe ich in den vergangenen Jahren schon einmal etwas geschrieben, und es gibt natürlich keinen besseren Ort, um Menschen zu zeichnen. Auch dieses Mal war ich pünktlich Freitag Morgen um acht dort.

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Auf dem Bauernmarkt in Funchal, früh um acht. Die beiden haben nur Wurzelgemüse im Angebot und langweilen sich etwas.

Am Abend vorher allerdings hatte ich mich zum ersten Mal dem Gebäude gewidmet. Letztes Jahr war eben hier in Funchal, angeregt durch einen Hotelbau von Oscar Niemeyer, mein Interesse an der Architektur der Moderne wieder erwacht. Und dann war da auch noch dieses Gerichtsgebäude im „Estado-Novo-Stil“, das mir allerhand zum Nachdenken aufgab über Ideologie und Moderne.

Jetzt sah ich zum ersten Mal bewusst, dass auch die Markthalle dieser architektonischen Epoche zuzuordnen ist, irgendwo zwischen Art déco, Futurismus und Heimatstil. Ich setzte mich im dicksten Feierabendverkehr neben eine Ampel, versuchte die Menschenmassen, Autos, Busse, Laternen zu ignorieren und mich wirklich auf das im Abendlicht erstrahlende Gebäude mit seinen Rundungen und Vorsprüngen zu konzentrieren – wobei der nächste Spaziergang daran entlang mir zeigte, dass es rechtwinkliger ist als gedacht, nur eine Längsseite verläuft aufgrund der Straßenführung schräg.

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Das Markthallengebäude In Funchal/Madeira, gezeichnet mit Lexington Grey Ink in vorkoloriertes Hahnemühle Watercolour Book.


Hamburg

Gestern war ich bei einem Workshop mit Till Lenecke in Hamburg zeichnen. Auf dem Programm standen Fischmarkt und Holzhafen – also richtige Hamburger Bilderbuchansichten. Der Wind pfiff um die Ecken und es hat immer mal geschauert, dafür wurden wir mit spektakulären Abendhimmeln entschädigt.

Am Fischmarkt habe ich die Aussicht noch ignoriert und statt dessen unseren Treffpunkt, den Minervabrunnen, gezeichnet (einschließlich der frierenden Zeichner unter ihm). Das ganze Ensemble atmet mit seinem kupfergrün gestrichenen Stahlrohrtürmchen und seinen abgerundeten Backsteinformen den heute ein bisschen gestrig anmutenden Charme der 80er Jahre. Auch der Brunnenfigur konnte ich das Jahrzehnt ihrer Entstehung auf eine nicht näher zu definierende Weise ansehen. Beim Nachlesen stellte ich dann fest, dass sie just von dem gleichen Künstler – Hans Kock – stammt wie die Lampen im Greifswalder Dom, die mich vor einigen Wochen so penetrant an die Lampen aus dem Palast der Republik erinnert hatten! (Der Brunnen selbst ist allerdings alt, er stammt aus dem 18.Jahrhundert.)

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Minervabrunnen am Hamburger Fischmarkt.

Danach ging es ein paar Straßen weiter zum Holzhafen. Während schon die Dämmerung einfiel, konnte ich aus dem Windschatten eines Hauses heraus den Blick auf die Elbe zeichnen. Auf der Heimfahrt im Zug habe ich noch ein bisschen daran herumgefriemelt – besonders die Geometrie der Hochhausfassade konnte noch ein bisschen Gestrichel vertragen. Die Farbe kam dann heute dazu.

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Blick vom Hamburger Holzhafen auf die Elbe. Hinter den alten Kränen der „Kristall-Tower“, ein Luxuswohnhaus.

 

 


Dresden

Letzte Woche war ich für ein paar Tage in Dresden. Gelegenheit für ausgedehnte Studien boten weder Wetter noch Umstände: wie gut, dass ich das kleine „Report-&-Art“-Buch von Hahnemühle in der Tasche hatte. Das Büchlein war Teil des Gabenbeutels beim Eutiner Treffen; ich wusste erst so recht nichts damit anzufangen – extremes Landschaftsformat ist eher nicht mein Ding, und A6 finde ich eigentlich zu klein – , doch nach der Reise habe ich es richtig lieb gewonnen mit seinen stoßfesten runden Ecken, seiner Stiftschlaufe und der schönen planliegenden Heftung. (Und das Wetter ermöglicht dazu die passende Kleidung mit großen Jackentaschen.)

Meine Wege führten mich auf das Gelände der Technischen Universität, wo ich eine freie Stunde in der Bibliothek verbrachte. Diese Bibliothek ist ein ungewöhnlicher Bau, der sich vorwiegend unterirdisch erstreckt, „ein Ort für Leser, nicht für User“, wie der Architekt es beschreibt, mit einem altmodischen Lesesaal in der Tiefe, umgeben von Galerien; ein Ort voll zeitloser Stille, von fast magischer Intensität.

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In der Dresdener Universitätsbibliothek, gezeichnet mit brauner Tinte von deAtramentis in Hahnemühle „Report & Art“

Vor der Abfahrt hatte ich gerade noch genug Zeit für die Jacob-Böhme-Ausstellung im Residenzschloss. In der rekonstruierten Schlosskapelle ist der Versuch unternommen worden, das Gedankengebäude dieses fast vergessenen Mystikers zu visualisieren. Leider erforderten die zahlreichen ausgestellten Originalmanuskripte eine sehr gedämpfte Beleuchtung, die die Betrachtung mancher Exponate mühsam machte. Am Ende widmete ich mich beim Zeichnen der Architektur: das Deckengewölbe ist, wie fast alles am Dresdner Residenzschloss, eine Rekonstruktion, und zwar eine höchst kunstvolle: das Gegenteil von Kulissenbarock.

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In der rekonstruierten Dresdner Schlosskapelle.


Greifswald

Anfang der 80er habe ich in Greifswald studiert, nicht nur mein Fach, sondern intensiv auch das Leben. Mit einigen der Mitlebenden jener Jahre durfte ich mich vergangenes Wochenende dort treffen. Ich habe die Stadt, deren Zerfall und Abriss mich bis heute schmerzt, seit meiner Studienzeit nur sporadisch besucht, um so eindringlicher war der heutige Blick auf die Orte der Vergangenheit.

Zuerst ein Postkartenmotiv: Der Dom vom Rubenow-Platz aus. Muss ich sagen, dass der rosige Himmel ein – hach, schönes Neudeutsch! – Fake ist? In der sogenannten Wirklichkeit war er grau (und blieb es fast den ganzen Tag, belebt nur vom kalten Greifswalder Wind), doch ich hatte das Blatt schon mit etwas Magenta präpariert. Mein Beitrag zum Thema „Urban Sketcher zeigen die Welt, wie sie wirklich ist“.

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Greifswalder Dom von Westen, Super5-Tinte violett und Wasserfarbe in S&B Beta.

Wir sind – mit dem Wind im Rücken, immerhin – am Ryck entlang nach Wieck und Eldena gelaufen, ein klassischer Greifswalder Spaziergang. Die Klosterruine Eldena ist eine der berühmtesten Ruinen der Kunstgeschichte, Ikone und Topos der Romantik, von Caspar David Friedrich immer wieder gemalt, der ins Leere blickende Spitzbogen des Ostchors ein Versatzstück popkultureller Mittelaltersehnsucht.

Die Ruine in ihrer jetzigen Form hat wenig mit Friedrichs Bildern gemein, ein heiteres, parkartiges Areal; auch ist vom ehemaligen Kloster deutlich mehr erhalten, als Friedrichs Bilder ahnen lassen. Auf Motivsuche habe ich mich in Klein- und Kleinst-Skizzen ausgetobt; Friedrichs Ostchor hat, obwohl nicht der interessanteste Ausschnitt, dann doch noch eine besondere Bühne erhalten.

 

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Ikone der Romantik – der Ostchor der Klosterrunie Eldena.

Am Sonntag Vormittag kam dann die Gelegenheit, im Dom zu zeichnen, und mit ihr die Frage, was. In der Mischung der Stile materialisieren sich 700 Jahre Geschichte, vom gotischen Baukörper über frühbarocke Epitaphe, neugotischen Zuckerguss bis zu den deutlichen Spuren des Umbaus der 80er Jahre. Ich entschied mich für letztere,  Kronleuchter mit Kugellampen, die mich an die Bezeichnung „Erichs Lampenladen“ für den „Palast der Republik“ erinnerten. Während der „Palast“ längst einer Schlosskulisse gewichen ist, dürfen die Greifswalder Lampen immer noch von den Um- und Querwegen der Geschichte erzählen, von den komplizierten Verhältnissen zwischen Staat und Kirche in der DDR, die kurz vor der politischen Wende dazu führten, dass Erich Honecker dem Eröffnungsgottesdienst einer Kirche beiwohnte – neben Berthold Beitz vom vormaligen kapitalistischen Erzfeind Krupp.

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Greifswalder Dom. Kronleuchter im Stil der 80er Jahre.

 

Zum Weiterlesen hier noch ein paar Informationen zur jüngeren Geschichte des Greifswalder Doms: „Ein Dom der Ost-West-Moderne“. Ein Artikel zur den baulichen und stilistischen Hintergründen des Umbaus.  „Zwischen Anpassung und Abgrenzung“. Ein Beitrag zur politischen Situation. „Der Greifswalder Weg“ ist ein Buch der Autorin Rahel von Saß (jetzt Rahel Frank), das sich sehr gründlich den Verbindungen von Kirche und Staatssicherheit im Greifswalder Umfeld widmet. Ein langes Interview mit dem evangelischen Greifswalder Studentenpfarrer jener Zeit, Harro Lucht, schlägt den Bogen weiter, von den 50er Jahren bis in die Gegenwart.

 

 

 

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