Herbst ohne Leiter
Veröffentlicht: 8. Oktober 2022 Abgelegt unter: Botanische Malerei | Tags: Gemüse, Pilze Hinterlasse einen KommentarWer kennt es nicht, das Lied vom pinselnden Herbst auf der Leiter – und manchmal braucht er die gar nicht. Auf meinem Balkon waren Ende September die zusammen mit den Tomaten gepflanzten Paprika reif geworden – eine besonders robuste Sorte, versprach das Schild, und wirklich konnten ihnen Sturm und Regen wenig anhaben. Nur mit dem Rotwerden ließen sie sich Zeit, doch nun, wo es endlich soweit ist, warten sie in dem kühlen Wetter geduldig darauf, zum Essen an die Reihe zu kommen.

Letzten Sonnabend saßen wir zusammen um meinen Stubentisch, eine kleine zeichnende Gruppe, denn draußen regnete es in Strömen und das Stadtzeichnen musste ausfallen. Einer der beiden Paprika-Töpfe wurde hereingeholt und ich probierte es mit den Inktense-Stiften von Derwent, die, wie man sehen kann, auf dem dunklen Papier wunderbar deckten. Nur die Weißhöhung ist mit der wasserlöslichen Kreide von Art Graf aufgebracht.
In den sandigen Kiefernwäldern südlich von Schwerin „erblühen“ derweil Pilze in allen Farben – hier hat der Herbst sich gebückt. Die Pilzernte war überwältigend, ich konnte wählerisch sein und legte nur potentiell essbare in meinen Korb. Zu Hause wurden die meisten geputzt und nur einige (lange nicht alle) interessante Exemplare behielt ich zum Zeichnen zurück.
Da waren zum ersten zwei Perlpilze, Musterexemplare, die weitgehend heil zu Hause angekommen waren. (Sie sind nicht sehr stabil.) Den Perlpilz, Amanita rubescens, umgibt eine Aura des Gefährlichen, denn der essbare und schmackhafte Pilz hat einen gefährlichen Doppelgänger – den hochgiftigen Pantherpilz. Die Unterscheidung ist nicht schwierig, wenn man darum weiß und daran denkt.

Charakteristisch sind die Rötungen an Druck- und Fraßstellen – „rubescens“ bedeutet rötend – und die wie plissiert aussehende, geriefte Manschette.
Zu meiner Freude hatte ich auch eine Auswahl farbenprächtiger Täublinge einsammeln können. Es gibt weltweit mehrere hundert Täublingsarten, die oft nur unter dem Mikroskop unterschieden werden können. Pilzsammler wissen die „Täublingsregel“ zu schätzen:
Beim Zerkauen kleiner Mengen rohen Pilzfleisches schmecken essbare, in Mitteleuropa heimische Arten der Gattungen Russula, Lactarius und Lactifluus mild, während scharf und/oder bitter schmeckende ungenießbar sind.
Ist das nicht wunderbar? Pilze, die man kosten darf! (Die charakteristischen Merkmale eines Täublings – glatter, brüchiger Stiel, keine Manschette und keine Knolle – sollte man einmal von einem erfahrenen Pilzsammler gezeigt bekommen haben.)

Das Bestimmen der Schönheiten zog sich über den halben Feiertag und ich brauchte noch einige Abende, bis ich die Bilder fertig hatte. Die Pilze trockneten derweil langsam ein, die Sporenproben krümelten vor sich hin und das Ganze begann, einen aromatischen und, nun ja, etwas unanständigen Geruch zu verbreiten.
Nun sind sie eingeräumt und am liebsten würde ich gleich wieder losziehen.
Leporello, mal wieder
Veröffentlicht: 18. September 2022 Abgelegt unter: Alltag, Artist Journal, Dinge, Mixed Media, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Dinge, Leporello, mixed media, Obst, visuelles Tagebuch 4 KommentareVor einigen Wochen sah ich mal wieder einen der hinreißenden Leporellos der Landschaftsarchitektin Martina Offenberg. Sie ist eine großartige Zeichnerin, die ihre Urban Sketches gern auf selbst gestaltete Leporellos zeichnet. Sie bereitet diese Papierstreifen als Collage aus unterschiedlichen Papieren und Stempeln vor, die unterwegs noch weiter ergänzt wird.
So etwas wollte ich auch machen! In vier Wochen habe ich Urlaub, und da wäre es schön, einen selbst gestalteten Leporello as Reisetagebuch mitzunehmen. (An fertig konfektionierten hatte ich schon zwei mal meine Freude gehabt – hier und hier) Ich beschloss einen Probelauf und sichtete meine sich als reichlich erweisenden Papiervorräte. Ich liebe die Resultate solcher Aktionen – wenn andere Leute sie angefertigt haben. Selbst bin ich darin ungeschickt; ich habe Freude an der Haptik der verschiedenen Aquarell- und Bastelpapiere, doch beim Schneiden und Kleben gab es erst einmal eine Menge Ausschuss.
Irgendwann war das Produkt fertig, zusammengeklappt hat es A6-Format. Ich hatte wild darauf los geschnippelt und geklebt, unterschiedlich Papiersorten gemischt, mit Aquarellgrundierung versehen und zusätzlich noch diverse Collage-Elemente vorbereitet.
Als erstes schnitt ich eine kleine Skizze vom Mittagessen bei „Nordsee“ aus einem anderen Skizzenbuch aus und klebte sie ein – sie ist hier nicht zu sehen, nur der Leuchtturm kündet auf dieser Seite davon. Zu sehen sind drei besondere Löffel – am liebsten hätte ich „Eine kleine Geschichte von mir in sieben Löffeln“ erzählt und mich unendlich in den Assoziationen verloren, die die Dinge an unserer Seite auftun. Aber ich beschränkte mich erst einmal auf drei – mit Fortsetzungsoption.

Den „Göffel“ hat eine Freundin liegengelassen. Es ist ein superleichtes superhartes Objekt aus Titan, die Minimalistinnen-Variante des Besteckkastens für den Rucksack. Seltsamer Weise trägt er die Inschrift „Light my Fire“.
Der Suppenlöffel mit dem „Konsum“-Signet entstammt den unendlichen Tiefen der Besteckkiste auf meiner Arbeitsstelle (und ist inzwischen dorthin zurückgekehrt). Ein rauchender Schornstein und eine Sichel ergeben in typisch ostmoderner Ästhetik zusammen ein „K“ wie „Konsum“ (gesprochen Kónsumm) – dem Inbegriff des Lebensmittelgeschäfts in der DDR. (Das interessante Wurzeln in Lebensreform und Sozialdemokratie hat und in einem gemeinwohlorientierten Land wie der Schweiz z.B. als „volg“ überleben konnte.)
Der geschnitzte „Folklore“-Löffel kam durch einen der zahlreichen Osteuropa-Kontakte meiner Mutter in unseren Haushalt und hing viele Jahre als Dekoration in der Küche – mit einer dazu passenden Gabel als Salatbesteck. Ich hätte es gern benutzt, doch es ist klein und unhandlich, so wanderte es in eine Schublade, die „Mein Museum“ heißt und voll ist mit kleinen Dingen, über die ich – irgendwann einmal – schreiben möchte.

Am nächsten Tag saß ich am Schweriner Marienplatz und versuchte mich – gleich mit Füller – an einer kleinen Stadtansicht. Über die Dachsilhouette und ein paar Oberleitungen der Straßenbahn kam ich nicht hinweg, so dass ich das Ganze abends mit drei Äpfeln übermalte.
Das hätte ich vermutlich in einem konventionellen Skizzenbuch nicht getan, doch die Anmutung von Collage, die dem ganzen Projekt eigen ist, machte es möglich. Wie immer nimmt die locker aufgebrachte Grundierung die Angst vor dem leeren Blatt, macht munter und mutig. Es liegt darin auch die Gefahr, Lockerheit mit Schlampigkeit zu verwechseln und die Struktur zu verlieren. So hat mich dieses Probe-Projekt bis heute schon gelehrt, es nicht zu übertreiben mit „Mixed media“, nicht zu viele unterschiedliche Papiersorten und Collageelemente zu verwenden – zumal die einem auf Reisen sowieso in reicher Zahl in Form von Eintrittskarten, Prospekten, Zuckertüten & Co. zufallen.
Am Tag nach den Äpfeln bin ich zu mal wieder zu einer Dorfkirche über Land gefahren: Fortsetzung folgt.
Rückblick 2: In der Stille
Veröffentlicht: 29. August 2022 Abgelegt unter: #uskschwerin, Farbstifte | Tags: Backstein, Fachwerk, Friedhof, Kirche, Mecklenburg, Schwerin Hinterlasse einen KommentarIm März hatte ich einen Anlauf genommen, der für Monate der einzige bleiben sollte: Mit dem Fahrrad die Kirchen der Umgebung zu besuchen und zu zeichnen, einen kleinen Pilgerweg vor Ort zu zelebrieren … Schön wäre das gewesen, theoretisch. Praktisch bin ich an unverplanten Wochenenden gern eine Einsiedlerin, die je nach Jahreszeit Balkon, Ofenplatz oder Sofa bewohnt und zeichnend an Stillleben und Pflanzen ihre Freude hat. Die verplanten, man ahnt es, gehören Freunden und Familie.
Manchmal lässt sich etwas verbinden, wie vor vier Wochen, als ich eine Freundin besuchte, die im tiefsten mecklenburgischen Hinterland lebt, zwischen Schwerin und der Seenplatte. Ich befragte meinen Kirchenführer und fand eine Dorfkirche, die fast am Weg lag, in Prestin.

Es war gegen Mittag und heiß, dabei noch luftig (die Schwüle würde erst kommen im Lauf des August) und unfassbar still. Der leichte Wind raschelte in den Blättern, mehr war nicht zu hören.
Eine bescheidene Kirche ohne Turm, halb Feldstein, halb Fachwerk, und links daneben, auf meinem Bild nicht sichtbar, die Grabkapelle des Adelsgeschlechts, das hier einst das Sagen hatte. Vielleicht hatten dessen Nachfahren auch die neuen Dachziegel und die Renovierung bezahlt, denn die Kirche war zwar verlassen, aber keineswegs verfallen. Die Kirchentür war verschlossen, im Schaukasten gilbte eine Telefonnummer neben dem Plan der Gottesdienste, die in den Nachbardörfern stattfinden.
Zu Hause schaute ich mir das Foto in meinem Bildband noch einmal an, der mir als Wegweiser dient: Fast der gleiche Blickwinkel, etwas größer der Abstand; die Linde, in deren Schatten ich gesessen hatte, war mit im Bild, blattlos, winterlich. Der große Nadelbaum, der mir halb den Blick versperrt hatte, fehlte noch. Stattdessen, und ich brauchte etwas, um den Unterschied zu sehen, standen Grabsteine im Vordergrund, zahlreiche Grabsteine – ein ganz normaler Dorffriedhof. Wird die Pacht für ein Grab nicht verlängert, muss oft auch der Stein entfernt werden. Das Foto wird um 1980 herum aufgenommen sein – vierzig Jahre später sind nicht nur die Dörfer halb verlassen, auch die Friedhöfe beginnen zu verkahlen. Die nach dorfeinheitlichen Regeln (deren Wirkmacht nur unterschätzt, wer nie auf dem Dorf gelebt hat) gestalteten Gräber (Buchsbaum, Bergenien, Begonien; im Frühjahr Stiefmütterchen und vor Totensonntag das Tannengrün) werden weniger, mit ihnen die Regelhüterinnen …
Was bleibt, ist die Stille.
Rückblick 1: Worpswede
Veröffentlicht: 28. August 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Fachwerk, Jugendstil, Möbel Hinterlasse einen KommentarIn der letzten Zeit bin ich wieder zum regelmäßigen Zeichnen an den Wochenenden gekommen und oft entsteht der Text dazu gleichzeitig in meinem Kopf. Die Schnittstelle zur Textverarbeitung fehlt (ob das zu begrüßen oder zu bedauern ist, soll hier nicht verhandelt werden) und so hat sich ein bisschen was angesammelt, das hier gezeigt werden will.
Vor zwei Wochen bin ich über ein verlängertes Wochenende in Worpswede gewesen, mit einer Freundin, die nicht zeichnet, doch sich gern in Begleittexte, Broschüren und Biografien versenkt und auch mal eine Extrarunde ins Nachbarmuseum dreht, so dass es gut gepasst hat. Worpswede warb mit dem Heinrich-Vogeler-Jahr; das war unser Anlass.

Den Barkenhoff kennen viele aus Vogelers berühmtem Gemälde „Sommerabend“, einer Ikone von Jugendstil und Symbolismus; auf vielen anderen, lockereren und, wie ich finde, schöneren Bildern bietet er den idyllischen Hintergrund. Im Inneren sind die Lebensstationen Vogelers anhand von Originaleinrichtung, Gemälden und Zeitzeugnissen erfahrbar – vom Jugendstil-Romatiker zum glühenden Kommunisten, der in seiner Idylle ein Kinderheim der Roten Hilfe einrichtete und später in der Sowjetunion Propagandakunst schuf, um 1942 70jährig als unliebsamer Ausländer nach Kasachstan „evakuiert“, ums Leben zu kommen. (Jedoch nicht in einem Lager, wie ich lange gedacht hatte.)

Vogelers Frau Martha ließ sich nach der Trennung der beiden das „Haus im Schluh“ bauen und eröffnete dort eine Galerie mit Werken Vogelers. Sie, die der Romantiker auf seinen Bildern schwärmerisch zur ätherischen Prinzessin verklärt hatte, erwies sich als tatkräftig und lebensklug. Sie gründete eine Handweberei und eine Pension und konnte die wachsende Familie damit – und mit dem angeschlossenen großen Garten – auch in schlechtesten Zeiten über die Runden bringen; das Ensemble befindet sich noch immer in Familienbesitz.

Das „Haus um Schluh“ konzentriert sich auf Gebrauchskunst wie Weberei und Möbel. Die farbkräftig gestrichenen Möbel mit ihren stilisierten Blumen (meist Tulpen) sahen für mich ein bisschen aus wie möbelgewordene Kreationen der schwedischen Modedesignerin Gudrun Sjøden. (Deren Kleidung ich liebe, bei Möbeln ziehe ich holzfarbene Schlichtheit vor.)
Am Ende der drei Tage waren wir angefüllt mit Bildern, Geschichten und Erlebtem wie dem morgendlichen Schwimmen in der moorig-braunen Hamme und einem hervorragenden Abendessen im „Vogeler-Bahnhof“ (der nicht nur so heißt, sondern wirklich von Vogeler entworfen worden war); wir hatten nicht die Hälfte von dem gesehen, was möglich gewesen wäre – wir kommen wieder.
Hortus conclusus
Veröffentlicht: 21. August 2022 Abgelegt unter: #uskschwerin, Pflanzen, Urban Sketching | Tags: Garten, Gedicht, Obst, Pflanzen 6 KommentareAm nördlichen Schweriner Stadtrand, wo die sich die Wismarsche Straße scheinbar endlos bis in die 300er Hausnummern zieht, versteckt sich ein verzauberter Garten. Am Eingang eines alten Mietshauses weist ein winziges Schild darauf hin; man geht durch den Torweg und folgt erstaunt einem sich schlängelnden Weg in ein weiträumiges Hanggelände, das sich zwischen den Häusern und der Bahn erstreckt: Den Schweriner Gemeinschaftsgarten. Dort haben die Schweriner Urban Sketchers gestern gezeichnet.

Es war sonnig und schwül geworden, so suchte ich mir als erstes einen Platz im Obstgarten. Die Platzwahl war durch den Schatten bestimmt, so machte ich es mir unter einem Pflaumenbaum bequem. Während ich zeichnete, schlich sich Brechts Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ in meine Gedanken, jene wunderbare Meditation über Zeit und Ewigkeit, über Erinnern und Vergessen, das der Dichter mit unglaublichen zweiundzwanzig Jahren geschrieben hatte.
Die Sonne drehte ihre Bahn, und mit ihr der Schatten – ich flüchtete mich unter die Kastanien, wo wir später lange saßen und eine Kaffeetafel hielten. Zuerst aber waren die Blätter dran, gezeichnet von einer Urban Sketcherin: Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig. Mit Autos auf den Straßen (die waren gerade nicht da) und mit Mottenfraß in den Blättern.

Es war eine heitere und ein bisschen verwunschene Stimmung in dem versteckten Garten, auch wenn wir mit einem Hauch von schlechtem Gewissen den Vereinsmitgliedern beim Gärtnern zusahen. Nach dem Kaffee setzte ich mich unter einen Sonnenschirm und zeichnete das Pardiespförtchen, das in den Obstgarten führt, wo Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume sich unter der Last ihrer Früchte biegen. Zeichnerisch war es eine spezielle Übung, ganz ohne Farbe Struktur in das Motiv zu bringen.

Ich weiß, dass ich schmecke, sagte der Fisch
Veröffentlicht: 24. Juli 2022 Abgelegt unter: Alltag, Mixed Media, visuelles Tagebuch | Tags: Fisch, Maräne, Schwerin Hinterlasse einen KommentarMaränen habe ich schon ab und zu gezeichnet. Es sind heringsgroße Fische, die tiefe, kalte und saubere Süßwasserseen brauchen, besonders für das Wachstum der Jungfische. Ausgewachsene Exemplare sind nicht so empfindlich und schwärmen schon mal in die Ostsee aus. Fangsaison ist im Sommer, wenn es nicht zu warm wird. Und da die Feuerzungen der Große Hitze bisher nur kurz herübergelodert haben, gibt es noch welche. Sie sind sozusagen der Inbegriff von Regionalität. (Und sie scheinen sehr variable Gene zu haben, denn jeder große See, der auf sich hält, hat seine eigene Art. Anderswo heißen sie Felchen oder Renken, wobei der lokale Name nur locker mit dem wissenschaftlichen verknüpft ist. Diese hier haben „Coregonus albula“ in der Geburtsurkunde stehen.)
Am Verkaufswagen der Schweriner Seenfischerei konnte ich letzte Woche drei geräucherte Exemplare erwerben, und Freitag Abend machte ich mich daran, sie zu malen. Ich nahm das schöne dunkelgraue Papier von PaintOn, Tinte, Aquarellfarbe (nein, es ist keine Gouache), die farbkräftigen Inktense-Stifte von Derwent, die ich mir Ende Januar in Karlsruhe gekauft hatte und zum Schluss noch einen weißen Gelmarker. Immer schön Schicht auf Schicht.

Dann kamen sie wieder in den Kühlschrank und ich hatte anderweitig zu tun und zu speisen. Heute gaben sie ein gutes Sonntagsfrühstück. Sie lassen sich gut essen, denn sie haben festes, saftiges Fleisch, das an Forellen erinnert, und kaum fiese Gräten.
Es war Sonntag, ich hatte Zeit, sie mir in Ruhe schmecken zu lassen und gleich noch einmal die Stifte herauszuholen. Dieses Mal zeichnete ich in das kleine quadratische Büchlein von Royal Talens, das ich ebenfalls bei Gerstäcker Karlsruhe erworben habe und sehr liebe. Es hat griffiges, etwas gelbliches Papier, das fast kein Wasser verträgt. Ich zeichnete mit Kugelschreiber und etwas Buntstift, den ich nur mit ein paar Tropfen Wasser anlöste.

Die Gedanken schweiften derweil zur Lektüre der letzten Tage (ja, auch das Lesen hat kam dem Zeichnen etwas in die Quere): „Der Butt“ von Günter Grass, zu dem ich über diverse Assoziationsketten kam. In diesem Buch sagt der namensgebende sprechende Plattfisch bei der ersten Begegnung zum Ich-Erzähler „Mir ist bekannt, dass ich schmecke.“ (Er bleibt, wie man aus dem Märchen weiß, am Leben.) Ich stellte mir die drei Maränen vor, wie es dem Fischer mit ihnen – noch quicklebendig – ergangen wäre, was sie mit feinen Stimmchen versprochen hätten, um ungeräuchert wieder ins Wasser zu dürfen – um am Ende auf die Frage zu kommen, das allein das „die“ vor der Maräne einen prinzessinnenhaften Gegenentwurf zum männlich-väterlichen Butt evozierte – ein kleiner Beitrag zum unerschöpflichen Thema Genus und Sexus …
Freu dich Fritzchen …
Veröffentlicht: 23. Juli 2022 Abgelegt unter: Alltag, Botanische Malerei, visuelles Tagebuch | Tags: Gemüse, Kochen, Pflanzen Hinterlasse einen Kommentar… morgen jiebt et Selleriesalat. Vermutlich habe ich den Spruch schon in meiner an Sprüchen aller Art reichen Randberliner Kindheit kennengelernt – ohne dass mir jemand erklärt hätte, was es damit auf sich hat. Erst später erfuhr ich, dass der Sellerie wegen seiner aphrodisierenden Wirkung auch Geilwurz oder Hemdenspreizer genannt wird … Allerdings sollte die Pflanze roh verzehrt werden, so dass Fritzchens Berliner Selleriesalat aus gekochtem Knollensellerie vermutlich eher eine suggestive als eine pharmakologische Wirkung entfaltet.
Letzte Woche hatte ich mir vorgenommen, Caponata zuzubereiten. Caponata ist ein dem Ratatouille ähnliches Gemüseragout sizilianischer Herkunft, das süßsauer gewürzt lauwarm oder kalt gegessen wird. Neben Auberginen – der Hauptzutat – kommt auch Staudensellerie dazu, allerdings (leider, Fritzchen) wird auch der zumindest kurz mitgekocht.
Ich liebe Auberginen und mache hier eine Ausnahme vom regionalen Prinzip, aber zu meiner Freude gab es regional angebauten Staudensellerie auf dem Markt. Das Grün war noch dran – alles zusammen zu zeichnen, wurde eine ordentliche Friemelei.

Die Caponata wurde eine köstliche Angelegenheit, und da sie gehaltvoller ist als ähnliche mediterrane Gemüserezepte, eignet sie sich auch als leichtes sommerliches Hauptgericht. Das Netz quillt über von Rezepten, keines ist wie das andere; ich füge denen meines dazu. (Es ist schon alles gesagt, nur nicht von jedem.) Also:
3 Auberginen in eher kleine Würfel schneiden, salzen und beschwert abtropfen lassen.
2 etwa faustgroße Zwiebeln schneiden und in in einer Schmorpfanne mit etwas Öl langsam und bei niedriger Temperatur (!) eher schmoren als braten, ggfs. etwas Wasser dazu geben oder den Deckel auf die Pfanne setzen.
Einige Knoblauchzehen, 1 – 2 Paprikaschoten und einige eingeweckte Tomaten zu den Zwiebeln geben (die sollten bereits weich geschmort sein und süßlich schmecken) dazugeben und das Ganze sanft weiter köcheln lassen.
Jetzt die abgetropften Auberginenwürfel in einer zweiten Pfanne kräftig anbraten (Wer hat, nimmt Erdnussöl.) und wenn sie gar sind, zu dem übrigen Gemüse geben.
Ein Bund Staudensellerie (da ist er ja!) schneiden und mit in die Pfanne geben.
Jetzt brauchen wir nur noch die „Extras“ dazugeben und das Ganze abschmecken. Ich habe nicht gegeizt: Jeweils eine Handvoll Oliven, Zedernüsse (die ersetzen bei mir die Pinienkerne; Mandeln gehen auch) und Rosinen sowie ein reichlicher Esslöffel Kapern. Alles zusammen ein letztes Mal aufkochen lassen und den Herd abstellen. Mit Essig, Zucker und Salz abschmecken (da hat jeder sein eigenes Maß) und mindestens über Nacht, besser einen ganzen Tag durchziehen lassen.
Das Ergebnis ist eine komplexe Mischung von Aromen und Texturen, die sich teilweise überlagern und vermischen und doch noch einzeln zu erkennen sind: der immer noch knackige Sellerie (Fritzchen freut sich), die Nüsse, die über Nacht wieder zu saftigen Beeren gewordenen Rosinen mit ihrer Süße, daneben die salzigen Kapern und Oliven …
Am Ende hatte ich mich mit meiner großen Pfanne etwas übernommen und beschlossen, eine Woche Caponata-Pause einzulegen – den Freund, der den Rest in einem Glas mitnahm, hat es gefreut.
Nach Art der Madame Maigret
Veröffentlicht: 13. Juni 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Botanische Malerei, Ink&Wash | Tags: Fisch, Frankreich, Kochen, Pflanzen Hinterlasse einen KommentarWir erinnern uns: Eine Wahrsagerin ist ermordet worden und wird von der Inhaberin eine Anglerpension gefunden, die ihr ein paar Schleie gebracht hatte. In dieser Pension wird der Kommissar später den Bösewichtern auf die Schliche kommen (wer nachlesen möchte, der Roman heißt „Maigret contra Picpus“), doch die Spur der Fische verliert sich im Ungewissen.
Nehmen wir einmal an, der Kommissar hätte die Fische mit nach Hause genommen. Wie hätte Madam Maigret sie zubereitet?
Dank Internet und Übersetzungsprogrammen war es gar nicht so schwierig, nach französischen Rezepten zu suchen. Ich entschied mich für „Tanche á la Lorraine“, „Schleien auf lothringische Art“. Dazu kocht man einen halben Liter Weißwein mit Kräutern und gibt die Fische (oder den Fisch, meiner war recht groß und passte nur zerteilt in den Topf) in den heißen Sud, bis sie gar, aber noch fest sind. Anschließend nimmt man Fische und Kräuter heraus und lässt die Flüssigkeit stark einkochen. Während das geschieht, häutet und entgrätet man die Fische. An den eingekochten Fond kommen Sahne und reichlich Butter, das ergibt eine wunderbare aromatische Sauce von feiner, glatter Konsistenz. (Und weil ist es des Guten noch nicht genug war, empfahl mein Rezept, das Ganze im Ofen mit Semmelbröseln zu überbacken.)
Da ich den Fisch schon einmal gezeichnet hatte, kam ich auf die Idee, mich an die Kräuter zu halten. Madame Maigret kocht natürlich mit einem „Bouquet garni“, dem klassischen französischen Kräutersträußchen: Thymian, Estragon, Petersilie, Lorbeerblatt.
Thymian ist in meinem Garten nur wenig vorhanden, vielleicht ist es ihm zu feucht. (Ganz anders als in der Provence, in die unsere erste Frankreich-Reise 1990 geführt hatte und wo eigentlich aller unbebauter Boden mit Thymian bewachsen war.)

Umso besser geht es dem Estragon und jeder, der welchen im Garten hat, weiß dass es immer zu viel ist – denn er möchte bescheiden am Essen verwendet werden. Frischer Estragon, zwischen den Fingern zerrieben, duftet nur ganz leicht nach Anis. Im Essen entfaltet er eine ganze Fülle von Aromen und zwar recht kräftig. Ein Zweiglein war in meinem Kräuterstrauß genug.

Die dritte im Bunde (das Lorbeerblatt blieb ungezeichnet) war die Petersilie. Sie gedeiht am besten im Topf auf meinem Balkon und findet sich eben so gern gehackt auf Kartoffeln und Gemüse wie in Madame Maigrets Kräuterstrauß. (Sie steht dort ganz harmlos als das bürgerlichste alle Küchenkräuter und verrät nicht, dass sie in früheren Jahrhunderten – und in weit höheren Dosen als am Mittagessen – als Abtreibungsmittel diente. Wo man in einer alten Stadt eine Petersilienstraße findet, kann man davon ausgehen, dass dies in lange vergangener Zeit die Hurengasse war.)

Die Bilder sind ein Kompromiss aus leidlich exakter Zeichnung und lockere Farbgebung. Gerne hätte ich mich in die Maserung jedes einzelnen Blättchens vertieft, hätte Farbreihen angelegt und mit jeder Pigmentschicht die Schönheit der Schöpfung gepriesen … Doch nicht nur, dass ich das gar nicht kann, jedenfalls nicht so gut wie die klassischen botanischen Illustratoren, – das Leben geht weiter, lockt mit immer wieder neuen Zeichenmotiven; es will nicht nur gezeichnet, sondern auch gelebt sein …








