Altes Kurhaus

Manche Stadtzentren erzählen dort besonders eindringlich ihre Geschichte, wo eine Generation die Bausünden der nächsten verschlimmbessert hat. Mit Häusern kann es ähnlich sein, besonders dann, wenn sie bereits ein paar Hundert Jahre alt sind, wie das „Alte Kurhaus“ in Streitberg. Mit heutigen Augen besonders schmerzlich anzusehen sind die Umbauten der letzten fünfzig Jahre, hässliche Veranden mit Sperrholztüren, billige Pseudosprossenfenster und falsche Butzenscheiben.
Zum Glück – so stellte ich beim Zeichnen fest – waren Maßstab und Ausschnitt meiner Abbildung dann doch recht versöhnlich gewählt … (Der Name „Kurhaus“ bezieht sich auf die im 19.Jahrhundert populäre „Molkenkur“, eine spezielle Art des Fastens.)

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Das Hotel „Altes Kurhaus“ in Streitberg in der Fränkischen Schweiz. Füller und PITT-Pens.


Goldengel und graue Schlange

Königsfeld auf dem Fränkischen Jura hat nicht nur ein Gasthaus mit Stammtisch zu bieten, es hat auch Geschichte. Der Name Königsfeld erinnert an eine karolingische Pfalz, die Kirche ist noch heute mit Mauern und Toren als Wehrkirche befestigt, und alles atmet den Geist eines sehr alten Siedlungsplatzes.

Im Innern geht es hübsch barock zu, besonders die Kanzelengel hatten es mir angetan. Leider habe ich den pfiffig-verschmitzten Ausdruck nur bedingt einfangen können.

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Barocker Engel an der Kanzel der Königsfelder Kirche.

In einer Nebenkapelle stieß ich dann auf ein Glasfenster mit einer Mondsichelmadonna, der Machart nach vermutlich um 1900 entstanden. Ich stand auf Augenhöhe mit dem zarten Madonnenfuß, der die Schlange der Sünde zertritt, und war sowohl von der feinen Grisaille-Arbeit als auch von der naturalistischen Darstellung des Schlangenkopfes beeindruckt.

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Detail einer Glasmalerei in der Marienkapelle in Königsfeld. Besonders hat mir die an eine Schwarzweißfotografie erinnernde Darstellung von Schlange und Apfel gefallen. PITT-Pens und etwas Wasserfarbe in S&B Zeta.

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Volkskunde

Die fünfte Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen. Einmal längs und vielleicht auch ein bisschen schräg von Deutschlands Mitte bis zum Bodensee, so ist es geplant, angekommen bin ich mittlerweile in Oberfranken. Bamberg war der Schlusspunkt der vierten Etappe, Nürnberg das nächste Ziel. Dazwischen: Die Fränkische Schweiz, ein kleines bisschen östlich der als solche ausgeschriebenen Pilgerwege. Eine ländliche und, ja, ein bisschen abgelegene Gegend, das hatte ich schon bei den Vorbereitungen gemerkt.

Die erste Übernachtung im Kloster Kirchschletten, wo ich vergangenes Jahr aufgehört hatte, und dann weiter hügelauf hügelab Richtung Südosten, Unterkunft in Würgau in einem Brauereigasthof, wie es hier noch viele gibt, kleine Familienbetriebe, wo die Leute aus den umliegenden Dörfern ihr Bier kastenweise holen und auf eine Brotzeit oder einen Braten mit Klößen einkehren.

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Die „Brauerei Hartmann“ in Würgau. Der Gasthof ist fachwerkhübsch, doch die Braukessel tragen Wirtschaftswundermode – Kacheldekor und eloxierte Fensterrahmen.

Am nächsten Tag 150 Höhenmeter hoch auf den Fränkischen Jura, ein Karstplateau, das immer mal wieder von tiefen Schluchten durchzogen wird. Oben flaches Land, fast parkartig, Schlehen- und Weißdornhecke filtern den hier vermutlich immer wehenden Wind, Kreuze und Kapellen an jeder Wegkreuzung. Im Dorfgasthaus sitzt, als wäre er für die Zeichnerin bestellt, der Herr Pfarrer mit am Stammtisch.

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Stammtischpublikum in den „Drei Kronen“ in Königsfeld/Oberfranken.

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Ludwigslust am Wasser, 2

Das westmecklenburgische Ludwigslust liegt zwischen Erlenbruch und staubtrockener Binnendüne, kein Fließgewässer weit und breit und doch haben barocke Geltungssucht, solide Ingenieurskunst und nicht zuletzt der Schweiß der Kanalarbeiter dieser Landschaft einige unerwartete Wasserspiele abgerungen. Als die Kaskaden fertig waren, war das Barock vorbei, und der Park wurde im Stil eines englischen Landschaftsgarten umgestaltet.

Passend dazu entstand eine Kirche im Tudorstil, auf einem künstlichen Inselchen gelegen. Dass diese Kirche von Anfang an als katholische Kirche konzipiert war und somit der zweite katholische Kirchenneubau nach der Reformation in Mecklenburg, habe ich erst heute nachgelesen.

Beim Zeichnen habe ich mich bewusst für die frontale Ansicht entschieden, um die reiche Backsteindekoration der Fassade zur Geltung kommen zu lassen. Die seltsamen antennartigen Aufbauten auf den kleineren Türmchen sind vermutlich Blitzableiter – der Herzog hatte eine große Angst vor Gewittern.

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Katholische Kirche im Ludwigsluster Schlosspark, verschiedene Tinten und Marker mit Wasserfarbe auf S&B Beta.


Propheten und Piraten

Ein Mann sitzt, bequem zurückgelehnt, mit rosigen Schlafwangen auf einer Bank. Der lange Bart kennzeichnet ihn als alt, der buddhahaft runde Bauch als wohlhabend. Am Brustkorb ist die Jacke (oder, passend zur Zeit, das Wams) mit einem sauberen Schnitt geöffnet, und heraus wächst ein Baum. Illustriert wird hier eine Stelle aus dem alten Testament, beim Propheten Jesaja: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Isai – Jesse in der mittelalterlichen Diktion – ist der Vater des zukünftigen König David, noch nicht selbst König, doch ein geachteter wohlhabender Mann.

Den Autoren der christlichen Evangelien war daran gelegen, Jesus mit den messianischen Prophetien des Alten Testaments zu verbinden, und zwar sowohl genealogisch als auch inhaltlich. Daraus entwickelte sich das Motiv des Jessebaums, einer bildlichen Darstellung des Stammbaums Jesu.

Ich war von diesem Bild des in sich ruhenden, vom Gedanken an erfüllte Nachkommenschaft ganz durchdrungenen alten Mannes sehr berührt. Vielleicht hört er im Geist auch die Worte des Propheten Jesaja über das Reich Gottes, das in den Zweigen dieses Baums erblühen soll: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. “

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Wurzel Jesse, von einem Schnitzaltar im Lübecker St.Annen-Museum.

Der Lübecker Dombezirk liegt ein wenig abseits, es ist stiller dort als in den Kaufmannskirchen der Innenstadt. Zum Zeichnen hatte ich unter der reichen Ausstattung nach einem überschaubaren Motiv gesucht, und meine Wahl fiel auf die Kanzelabtrennung – eine Art Zaun um den Fuß der Kanzel, der den Propheten Mose darstellt. Den sieht man allerdings kaum, so prächtig sind die „Zaunpfähle“ gestaltet, kunstvollstes Schmiedeeisen wechselt ab mit seltsamen Hermen, in eine Säule übergehenden Brustfiguren.

Die männlichen von ihnen tragen Kopftücher und üppige, melancholische Bärte um schwellende rote Lippen herum. Erst zu Hause konnte ich das Rätsel lösen: Dieses Kanzelgitter ist die Spende einer Schifferinnung, die kopftuchtragenden Herren sollen vermutlich irgendwie exotisch gedachte Piraten darstellen, mit denen auf die Risiken des seefahrenden Berufs angespielt wird.

Über Ihnen ist eine Inschrift angebracht: EINEN PROPHETEN ALSE MI WERT DI DE HER DIN GODT ERWECKEN VT DI UN DINE BRODERN DE SCHOLE GI HORE. DEUT 18 (Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.) Auch eine prophetische Aussage, dieses Mal aus dem 5.Buch Mose, Kap.18.

Aber was für ein seltsames Deutsch, ein frühes Niederdeutsch, dem englischen und holländischen verwandter als unser heutiges, in einer noch von keinem Duden kanonisierten Rechtschreibung. Der Text stammt aus der Übersetzung Johannes Bugenhagens, eines Reformators der ersten Stunde, Freund Luthers. Noch 150 Jahre lang wurde seine – an die Lutherische eng angelehnte – Bibelübertragung immer wieder aufgelegt, bis das Hochdeutsche im gottesdienstlichen Rahmen mehr und mehr an Raum gewann.

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Ein „Zaunpfahl“ des Kanzelgitters im Lübecker Dom.

 

 


Rückblick 2

Heute habe ich wieder ältere Skizzenbücher rin die Hand genommen, z.B. das von der 2.Etappe meiner Pilgerwanderung, einiges noch einmal neu gescannt und die alten Beiträge wieder gelesen – schon wieder zwei Jahre her …

Diese Etappe führte von Naumburg durch Saale- und Ilmtal über Weimar nach Erfurt.

Die Beschreibungen zu den Bildern finden sich in den einzelnen Blogbeiträgen.

 

 


Ausblick, Rückblick

Zuerst der Ausblick: Vom 4.September 2016 an werde ich einige meiner Bilder in einer Ausstellung zeigen, und zwar in der Auferstehungskirche in Berlin Friedrichshain, Friedensstraße 83, 10249 Berlin. Eröffnung ist am 4.September, Sonntag, ab 11:00.

Es werden Reise- und Alltagsskizzen aus den letzten drei Jahren sowie einige botanische Arbeiten zu sehen (und auch zu erwerben) sein. Die Ausstellung wird bis in den Herbst hinein dauern. Zu besichtigen ist sie immer sonntags von 10 – 14 Uhr sowie Dienstag 16 – 18 und Donnerstag 14 – 17 Uhr.

Der Rückblick ergibt sich daraus: ich habe alle Skizzenbücher und -blätter der letzten Jahre noch mal in die Hand genommen, einiges neu gescannt, geordnet … So kann ich jetzt hier bereits einiges ältere „neu“ zeigen. Ich beginne mit der ersten Etappe meiner Pilgerwanderung.

Im April 2014 begann ich mir den lange gehegten Traum zu erfüllen, auf einen Pilgerweg zu gehen. Über viele Jahre hatte ich den Gedanken in meinem Herzen bewegt, hatte äußere Zwänge bedacht und innere Wünsche betrachtet, bis am Ende „mein Weg“ daraus wurde, der auch diesem Blog seinen Namen gab: ein Etappenweg über „Bewohntes Gelände, entlang der Spuren unserer Vorfahren, der Schnittstellen von Kultur und Natur, Geschichte und Gegenwart, menschlichem und göttlichem. Manchmal führte er auf klassischen Pilgerrouten, manchmal mäanderte er zwischen ihnen herum.

Gestartet bin ich in der Mitte Deutschlands, am nördlichen Harzrand, in der Gernröder Stiftskirche, in die ich mich schon bei früheren Besuchen „verguckt“ hatte und die mir ein guter Ort zu Beginnen schien. Neben dem Portal sind dort einige Sätze Wilhelm von Kügelgens anlässlich des Wiederaufbaus der Kirche im 19.Jahrhundert zu lesen:

Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.


Heiligengrabe

Heiligengrabe ist einer jener Plätze, die man, zumindest wenn man irgendwo zwischen Berlin und Hamburg lebt, als Schild an der Autobahn kennt. Dass sich dort eine bedeutende und gut erhaltene Klosteranlage mit zisterziensischen Wurzeln befindet, wusste ich zwar schon länger, hatte sogar schon einmal einen in einem Sturzregen ertränkten Versuch gemacht, sie mir anzusehen, doch erst in diesem Sommer bin ich mit vollen Sinnen dort gewesen.

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Die Heiligengrabkapelle. Sie enthält eine symbolische Nachbildung des Grabes Christi, ein im Mittelalter nicht seltenes ikonographisches Motiv.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass der Ort, obschon vielfältig mit der Welt verbunden (z.B. durch ein breites Kursangebot), auf eine gewisse Weise vor ihr verborgen bleibt . Achthundert Jahre lang wurden hier die Töchter des brandenburgischem Adels in Kargheit und Strenge erzogen, achthundert Jahre lang wurden hier in aller Stille Verbindungen geknüpft, leise Fäden der Macht gezogen, Standesbewusstsein gepflegt. Zuerst, bis zur Reformation, in einem zisterziensischen Nonnenkloster, danach in einem adligen Damenstift, ab der Mitte des 19.Jahrhunderts in einer Internatsschule, die nach modernen pädagogischen Prinzipien unterrichtete und jungen Frauen ermöglichte, nach ihrem Abschluss einen Beruf zu ergreifen.

Nach 1945 fand eine aus Schlesien geflohene diakonische Einrichtung Zuflucht auf dem Gelände, und auch einige Stiftsdamen waren geblieben. Seit der Wende ist der Konvent wieder am Wachsen.

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Am Damenplatz. In diesen barocken Fachwerk-Reihenhäusern lebten die Stiftsdamen ab dem 18.Jahrhundert.

 

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Schweriner Bilder

Vor zwei Wochen hatte ich das Vergnügen, mit einigen Zeichenkollegen und -kolleginnen gemeinsam einen Tag lang in Schwerin zu zeichnen. Und wie das so ist: die meisten Plätze hatte ich auch allein noch nicht abgebildet. Meint man doch immer, das könnte man ja jederzeit (und ein andermal, wenn man nicht auf Reisen ist) tun.

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Begonnen haben wir unseren Stadtrundgang an der barocken Schelfkirche. Sie steht an einem stillen baumumstandenen Platz voller schlichtem, fast ein wenig ländlich anmutendem Fachwerkbarock. Wie jüngere Forschungen vermuten lassen, war ihr Vorgängerbau vermutlich im Kern älter als der Schweriner Dom.

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Der östliche Chorraum des Schweriner Doms, gesehen vom Hof eines kleinen Restaurants in der Nähe.

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Vietlübbe

Das Dorf Vietlübbe liegt knappe 20 km nordwestlich von Schwerin, und es ist auch darüber hinaus wegen seiner ungewöhnlichen romanischen Kirche bekannt. Die Kirche ist eines der ältesten in Mecklenburg erhaltenen Bauwerke überhaupt, architektonisch verwandt dem Ratzeburg Dom, mit einem Grundriss in Form eines gleichschenkligen, „griechischen“ Kreuzes. Diese Kreuzkonstruktion ergibt zusammen mit den wuchtigen Rundbögen einen archaischen, ganz und gar romanischen Eindruck. (Von außen ist der durch einen hohen spitzen Holzturm deutlich in die gotische Länge gezogen.)

1989 wurde die Kirche generalüberholt und „reromanisiert“, Einbauten des 19.Jahrhunderts und die Übermalung im Stil der Zeit wurden entfernt und durch schlichte rot-weiße Kalkmalerei ersetzt. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Auffassungen von Authentizität zu verschiedenen Zeiten waren und sind – hier im Vergleich der Zustand vor der Renovierung.

Auch wenn die Authentizität nur eine vermutete ist und ich mir die Lebensverhältnisse im Mecklenburg um 1250 nicht herbeiwünsche – der Raumeindruck war überwältigend. Eine freundliche Küsterin ließ mich eine ganze lange Stunde zum Zeichnen allein, eine Stunde, die mir vorkam wie ein ganz besonderes Stück Zeit, ein Stück geschenkte Ewigkeit.

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Innenraum der Kirche von Vietlübbe in Nordwestmecklenburg.