Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt.
Veröffentlicht: 1. Mai 2018 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Ink&Wash, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Bellin, Tee 3 KommentareIch hatte mir vorgenommen, früh am Morgen zeichnen zu gehen, endlich mal in Ruhe zum Schloss. Was ich nicht bedacht hatte: im Gegensatz zu den vergangenen Morgen war es eisig kalt und und vor allem windig; ich verkroch mich in eine von Hecken geschützte Ecke im Burggarten und bekam wirklich eine Zeichnung fertig, sogar mit einem bisschen Farbe (ich zeige sie später). Dann war ich allerdings so durchgefroren, dass ich schnell wieder nach Hause gelaufen bin und mir erst einmal eine Kanne Tee gekocht habe.
Noch etwas steifgefroren und nicht ganz fertig mit dem Frühstück machte ich mich darüber her, die Teetasse zu zeichnen, und natürlich ging das schief: an Stelle von eleganten Ellipsen nur schräge Eier, von gelungener Perspektive ganz zu schweigen. Mit der Farbe kam, wie neulich schon mal im Domhof, die Rettung, das leuchtende Orangerot zog die Aufmerksamkeit weg vom Ungelungenen, tiefes Indigo definierte die Form neu, und die Schrift im Hintergrund verlieh dem Ganzen eine zweite grafische Ebene.
Warum ich das hier so genau beschreibe? Weil die halbe Stunde, die ich mit der Abbildung dieser Tasse zugebracht habe, viel darüber erzählt, was Tagebuchzeichnen für mich ausmacht. Einen Gegenstand genau anzusehen, genau hinzusehen und das Bild, was ich von ihm im Kopf habe, ein Stück weit loszulassen, bringt mich mit ihm in Verbindung; und während ich mich beim Zeichnen eines so banalen Gegenstandes wie einer Tasse selbst vergesse, erschaffe ich etwas von Tiefe und Dauer. (Und weil es ein schönes Beispiel für die „Rettung“ einer scheinbar missglückten Zeichnung ist.)

Tee an einem kalten Morgen.
Vom 3.-5.August werde ich zusammen mit dem Pfarrer Christian Höser aus Güstrow einen Wochenendkurs zum Thema „Gezeichnetes Tagebuch“ anbieten. Der Kurs findet im Haus der Stille in Bellin bei Güstrow statt. Ich habe hier schon des öfteren Bilder aus Bellin gezeigt, der Ort hat eine eigene Magie mit seiner archaischen Kirche und der Lage im stillen Herzen Mecklenburgs. Anmeldung bitte über den Verein „Haus der Stille Bellin“, im Programm des Hauses ist er unter K21 „Tagebuch-Bilder“ zu finden. Es gibt nur sieben Plätze! Die Kursgebühr umfasst Unterkunft, Verpflegung und ein Skizzenbuch, ich selbst bringe mich dort ehrenamtlich ein – was für mich das reine Vergnügen ist, da ich einfach gern an diesem Ort bin. Fragen an mich gern unter meiner Email annette_hofmann@t-online.de .
Die Titelzeile entstammt dem Gedicht „Prag Jänner 64“ von Ingeborg Bachmann.
Osternacht
Veröffentlicht: 5. April 2018 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Bellin, visuelles Tagebuch 2 KommentareDiese Ostern hatte ich nach vielen Jahren einmal dienstfrei, und wie geplant bin ich in das abgelegene mecklenburgische Dörfchen Bellin gefahren, um in der wunderbar archaischen Kirche des Ortes die Osternacht zu feiern. Aufstehen kurz nach drei, Losfahren kurz nach vier, schon dieses Durchbrechen des Alltags stimmt auf Besonderes ein. Wer hätte gedacht, WIE besonders dieser frühe Morgen werden sollte mit seinem auch Osten hin schnell zunehmenden Schneetreiben, dem Schneebruch hier und da am Straßenrand … Als ich in völliger Finsternis an der alten Kirche ankam, war mir schon ein bisschen seltsam zumute.
Es war ja zum Glück alles gut gegangen, und ich wurde mit einem sehr schönen Ostergottesdienst belohnt. Mit dem Skizzenbuch in der Kirche wie immer etwas ambivalent, habe ich mich auf ein paar Zeichenstriche beschränkt, die ich dann zu Hause mit Hilfe zweier flüchtiger Fotos ergänzen konnte.

Gottesdienst am Ostermorgen in der Belliner Kirche.
Um so mehr Zeit konnte ich mir dann am Vormittag mit dem Zeichnen der Kirche lassen. Alle Gottesdienstbesucher waren längst fort, ich saß im Haus der Stille allein am Fenster, die Welt wurde immer weißer und weicher und leiser …

Osterschnee in Bellin
Streiflicht
Veröffentlicht: 23. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Bellin, Mecklenburg, Sternberger Seenland Ein KommentarAm Wochenende war ich wieder einmal in dem mecklenburgischen Dörfchen Bellin. Ich hatte mir vorgenommen, mich mal damit zu befassen, wie sich ein Motiv vereinfachen lässt. Ich versuchte mich an Umrissen und zusammenhängenden Farbflächen und musste feststellen, dass Perspektive etwas ist, das man ganz schlecht wieder aus dem Kopf bekommt.
Da ich auch wasservermalbare Graphitstifte dabei hatte, probierte ich eine Untermalung damit. Die Stifte sind sehr weich und erinnern eher an Kohle oder Kreide als an einen herkömmlichen Bleistift. Sie lassen sich sehr gut vermalen, was leider den Effekt hat, dass man die Zeichnung nicht mit Aquarell fixieren kann – schnell hat man das Graphit überall im Bild. Möglicherweise wäre später, wenn alles durchgetrocknet ist, noch eine Lasur möglich, das habe ich dann aber nicht mehr probiert, sondern das Bild so etwas rau gelassen.

Dorfkirche Bellin kurz vor Sonnenuntergang. Wasserfarbe über Graphitstift. Etwa A5.
Ruhe und Maß
Veröffentlicht: 21. September 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Ink&Wash, visuelles Tagebuch | Tags: Bellin, Güstrow, Mecklenburg, Sternberger Seenland 2 KommentareIn der Schweriner Schelfstadt, in der ich wohne, wechseln sich spätbarocke Fachwerkhäuser mit moderneren Gebäuden ab, die nach und nach in die Lücken gebaut wurden und so den Übergang von der Ackerbürgerstadt zur Residenz nachzeichneten. Die Fachwerkhäuser sind ungleich schlichter als ihre Verwandten in Mittel- und Süddeutschland, und ihr einziger Schmuck ist meist die Tür. Ich habe schon eine lange Liste dieser schönen klassizistischen Türen angelegt, die ich irgendwann einmal abbilden will – in die Tat umgesetzt habe ich den Vorsatz nun am ehemaligen Pfarrhaus des Dörfchens Bellin nahe Güstrow.
Beim Zeichnen wurde mir erst wirklich klar, wieviel Ruhe und Maß in diesen letzten vorindustriellen Holzarbeiten steckt. Einfache geometrische Dekore gliedern die Fläche, kein Schnörkel zu viel, kein am Fließband gefertigter Schnickschnack … Statt dessen wohl abgewogene, harmonische Formen und Strukturen. Diese Tür zu zeichnen hat mein Herz geklärt und den Geist beruhigt.

Tür des „Hauses der Stille“ in Bellin/Mecklenburg
Belliner Beinwell
Veröffentlicht: 13. September 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Botanische Malerei, Ink&Wash, Mixed Media, Pflanzen, visuelles Tagebuch | Tags: Beinwell, Bellin, Kräuterheilkunde, Mecklenburg Ein KommentarEnde August war ich wieder mal für ein paar Tage im mecklenburgischen Bellin. Das „Haus der Stille“ liegt, von uralten Linden umgeben, auf einem kleinen Hügel zwischen tief abgesenkten sumpfigen Bachniederungen. Am schattigen Hang hat sich Beinwell ausgebreitet, rau und großblättrig und um die Zeit mit einigen späten Nachblüten. Dort konnte ich nach langer Zeit mal wieder die Gelegenheit ergreifen, eine Pflanze am Ort ihres Wachsens zu zeichnen.
Ganz einfach ist so etwas nicht. Wind bewegt die Blätter, der Gartenstuhl sinkt in der feuchten Erde ein und spätestens wenn Farbe ins Spiel kommt, fehlen die dritte und die vierte Hand. (Immer wieder mal veröffentlichen andere Zeichner kluge Konstruktionen von all-inclusive-Leichtstaffeleien, doch mit denen ginge es mir vermutlich wie mit dem Angelrucksackhocker: sie stehen im entscheidenden Moment zu Hause in der Kammer.)
Am Ende habe ich dann doch wieder zu Hause nachgearbeitet, ein paar Linien nachgezogen, Schatten vertieft, Spritzerchen und nicht zuletzt ein bisschen Schrift eingefügt, nicht ohne in meinen Kräuterbüchern ein bisschen über den Beinwell zu lesen. Schon allein der Name klingt so wunderbar archaisch aus einer Zeit zu uns herüber, in der Knochen noch Bein hieß und „wallen“ (das auch mit Welle, Wal und Wels entfernt verwandt ist) auch „zusammenwachsen“ bedeutete. Eine der vielen alten Wundpflanzen also, und zwar eine, die das Zeug hat, sogar die Heilung von Knochenbrüchen zu beschleunigen.

Beinwell – Symphytum officinale – Tinte und Aquarell auf S&B Beta.
Anna im Rankenwerk
Veröffentlicht: 31. August 2015 Abgelegt unter: Allgemein | Tags: Bellin Hinterlasse einen KommentarAls dritter und letzter Teil meiner Belliner Bilder ist heute noch eine Innenansicht der Kirche fertiggeworden. Die Ausmalungen sind im 19.Jahrhundert restauriert und im Zeitstil verändert worden, einige mehr, die anderen weniger. Am schönsten fand ich eine Adam-und-Eva-Darstellung in der Apsis, aber um die zu zeichnen, hätte ich mir den Hals verrenken müssen. So habe ich mich für eine Darstellung der heiligen Anna, der Mutter Mariens, im Chorraum entschieden. Sie ist von ziemlich chaotischem Rankenwerk und drei musizierenden Engeln umgeben, an denen vermutlich der Künstler des 19.Jahrhunderts etwas nachgeholfen hat. (Apropos – ein hinreißendes Buch, in dem diese Art von „Restaurierung“ und ihr nahtloser Übergang in die Fälschung beschrieben wird: „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus)
Im Segment links daneben ist die mystische Verlobung der heiligen Katharina mit dem Jesusknaben dargestellt – eine für uns heutige etwas verwirrende Szene.
Porträt einer Eiche
Veröffentlicht: 29. August 2015 Abgelegt unter: Allgemein | Tags: Bellin, Eiche, Mecklenburg 3 KommentareAls Abschluss meines Belliner Wochenendes habe ich eine Eiche porträtiert, eine Eiche, wie sie eichiger kaum denkbar ist, einen solitären Baum von mindestens 200 Jahren mit mächtigem Stamm und nach allen Seiten ausladenden, reichlich beblätterten Ästen: eine Persönlichkeit, für die der Begriff „Porträt“ durchaus angemessen ist.
Auch hier hatte ich Zeit: ich konnte vor Ort die Form und die wichtigsten Schatten anlegen. Heute hatte ich Gelegenheit für die Feinarbeit. Bei der technischen Gestaltung habe ich mich von Claudia Nice‘ wunderbarem Buch „Creating Textures in Pen&Ink with Watercolor“ anregen lassen.
Bellin
Veröffentlicht: 28. August 2015 Abgelegt unter: Allgemein | Tags: Bellin, Güstrow, Mecklenburg 4 KommentareIm stillen Herzen Mecklenburgs, etwas südlich von Güstrow, liegt der kleine Ort Bellin, der im Mittelalter vielleicht bedeutender war als heute – jedenfalls lässt die wuchtige Kirche das ahnen. Heute steht sie etwas außerhalb des Dorfes auf einem Hügel, umgeben von alten Linden und benachbart mit dem ehemaligen Pfarrhaus. In diesem Haus, das heute ein kleines, liebevoll von einem Verein geführtes Einkehrhaus ist, habe ich das vergangene Wochenende verbracht.
Bei makellosem Spätsommerwetter durfte ich einen ganzen Vormittag lang ungestört im Schatten der Bäume sitzen, so dass ich die Zeichnung einschließlich Kolorit fast vollständig dort fertigstellen konnte – ich habe zu Hause nur noch mit zwei Farbschichten die Kontraste vertieft.





