Biddet Gott vor Hartich Baltzer
Veröffentlicht: 30. Mai 2020 Abgelegt unter: Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Backsteingotik, Gotik, Mecklenburg Hinterlasse einen KommentarAm Tag nach Wismar besuchte ich Doberan. (Das Wetter hatte dem Wind noch Wolken hinzugefügt und ich fühlte mich an den Wintereinbruch mit Schnee erinnert, der uns Anfang Mai vergangenen Jahres am Rand der Schwäbischen Alb ereilt hatte.) Das Kloster Doberan war einst groß und mächtig gewesen und man merkt ihm auch heute noch an, dass es eher ein politischer als ein spiritueller Ort ist.
Das Münster ist innen reich mit Altären, Grablegen und gotischem Mobiliar ausgestattet – die eigentlich gebotene zisterziensische Schlichtheit trat hier mit den Jahren immer weiter zurück. Wie oft, wenn die Auswahl groß ist, meint man lange nichts rechtes zum Zeichnen zu finden, das eine hängt zu hoch, das andere ist abgesperrt und das dritte in schlechtes Licht gesetzt … Doch dann sah ich die beiden Ritterfiguren und hatte mein Motiv gefunden! Sie wirkten unkonventionell ihrer lebendigen, einander zugewandten Haltung und ausgesprochen weltlich im Habitus. Doch wer waren sie?

Als ich durchgefroren wieder zu Hause ankam (ich hatte dann doch noch draußen gezeichnet) brachte ich den Rest des Nachmittags und Abends damit zu, das herauszufinden. (Weshalb Schrift und Farbe auch erst heute dazu kamen.) Das war gar nicht so einfach, tauchten sie doch weder auf Postkarten noch in den Kurzbeschreibungen auf. Erst der „Schlie“, eine mehrbändige Beschreibung aller Kunstschätze Mecklenburgs um 1900, kannte ihre Namen. Später fand ich sogar eine Monografie über die beiden: Es handelt sich um zwei mecklenburgische Herzöge, die Statuen sind so etwas wie Grabmäler. Nicht nur, dass diese Art der Darstellung für ihre Zeit und an diesem Ort ausgesprochen ungewöhnlich ist – es gibt auch noch ein besonders seltsames Detail. Die beiden so lebendig aussehenden Männer tragen merkwürdige Tücher um ihre Köpfe – es sind „Totenbinden“, eine Art angedeutetes Leichentuch, das darauf verweisen soll, dass die Stauen dem Totengedenken dienen: „Bittet Gott für Herzog Balthasar und für Herzog Erich“ lautet die Schrift, die an den Konsolen zu ihren Füßen angebracht ist.
Kleines Glück im Eis
Veröffentlicht: 30. Mai 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Artist Journal, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Backsteingotik, Café, Gotik, Kuchen, Mecklenburg, Renaissance, Wismar Ein KommentarAls ich am 11.Mai nach Wismar fuhr, hatten über Nacht die Eisheiligen begonnen. Ein eisiger Wind fegte den Himmel blau und bog die Bäume, an Zeichnen im Freien war kaum zu denken. Ich hatte mir dieses Mal St.Nikolai mit ihren zahlreichen Seitenkapellen, Altären und anderen Ausstattungsstücken vorgenommen. Am Ende entschied ich mich für ein Detail des riesigen Triumphkreuzes, das nach seiner Sicherung aus der einsturzgefährdeten Wismarer Georgenkirche hierher gekommen war.
Das Medaillon, etwa einen halben Meter hoch, bildet den unteren Abschluss des Kreuzes und symbolisiert den Evanglisten Matthäus. Beim Nachlesen habe ich erfahren, dass dies kein Engel, sondern ein „geflügelter Mensch“ ist – in Analogie zu den geflügelten Tieren der anderen drei Evangelisten (der bekannteste dürfte der geflügelte Markuslöwe sein, der später zum Wahrzeichen von Venedig wurde.)

Nachdem ich noch zwei Runden im Wind um die Kirche gedreht hatte, verabschiedete ich mich endgültig von der Idee, draußen zu zeichnen. Schon auf dem Hinweg hatte ich das „Café Glücklich“ ins Auge gefasst, und glücklich fand ich dort einen Platz am Fenster, einen heißen Kaffee und ein Stück luftig-leichter Torte.

Der Blick aus dem Fenster fiel auf das „Schabbellhaus“, das Wismarer Stadtmuseum, und ich versuchte mein bestes, mich bei der üppigen Renaissance-Fassade nicht mit Details aufzuhalten.

Am Abend war ich dann so gut „eingezeichnet“, dass ich am Rande einer Plauderei bei Freunden noch den Fleiderstrauß auf dem Tisch einfangen konnte.

Nördliches Arkadien
Veröffentlicht: 17. Mai 2020 Abgelegt unter: Urban Sketching | Tags: Mecklenburg, Park, Schloss, Schwerin 2 KommentareAufgewachsen bin ich in Potsdam, so wundert es nicht, dass Sanssouci in Sachen Park für mich das Maß aller Dinge geblieben ist. Mit einer Ausnahme: Den Schweriner Gartenanlagen in Schlossnähe, und ganz besonders der Schlossrückseite unter den Türmchen und Kuppeln, mit Rosenterassen, Pavillons und und dem Kolonnadenhof der Orangerie. Hier kann der Blick über den See schweifen, als sei er ein südliches Meer.
Gestern war mal wieder Gelegenheit, dort zu zeichnen, gemeinsam im kleinen – und zeitgemäß ordentlich auseinander gezogenen – Kreis der Schweriner Urban Sketchers. Bei mir waren zuerst mal wieder die goldenen Kuppeln dran, der rückseitige Blick auf den neugotischen Schlosskirchenanbau.

Die zweite Runde verbrachte ich in der unteren Etage, im Orangeriehof mit seinen gußeisernen Säulchen und Gittern. Den vielen unterschiedlichen Strukturen versuchte ich mit einer Extraportion Lockerheit beizukommen. Die Farbe kam hier, wie bei dem obigen Bild auch, zu Hause.

Über Land II
Veröffentlicht: 15. Mai 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Mecklenburg, Ostsee 4 KommentareLetzten Freitag folgte die nächste Landpartie: von Schwerin Richtung Nordwesten bis zur Lübecker Bucht. Meine erste Station war die Kirche von Mühlen Eichsen, die von einem steilen Hügel herab auf eine viel befahrene Kreuzung blickt. Seit vielen Jahren war ich immer mal wieder daran vorbei gefahren.
Der Hügel ist so steil, dass man beim Zeichnen entweder mit dem Hocker hintenüber fällt oder eine extreme Untersicht wählen muss – ich entschied mich für Letzteres. Gerade als ich mit der ersten Schicht Farbe fertig war – die zweite folgte zu Hause – kam ein alter Herr mit dem Kirchenschlüssel und einem Schild „Offene Kirche“, das aussah, als wäre es so alt wie er selbst. Bevor er aufschloss, erzählte er mir noch ausführlich die Geschichte seines kaputten Staubsaugers, wegen dessen Reparatur er jetzt in die Stadt fahren müsse und daher keine Zeit hätte …

Über Grevesmühlen und am noch geschlossenen Kloster Rehna vorbei fuhr ich weiter Richtung Klütz. Das Landstädtchen hat als „Jerichow“ in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ Weltruhm erlangt. Da das Literaturhaus leider auch noch im Quarantäneschlaf lag, bot sich wiederum die Kirche an – leider ohne „Offen“-Schild, dafür mit diversen Lärmquellen in der Umgebung. Etwas gereizt tobte ich mich in wilden Tintenschraffuren aus, zu denen die beiden Kaffeflecken vom nächsten Tag hervorragend passten. Bei der Kolorierung bin ich in dem Farbspektrum geblieben.

Bei Gut Brook, schon kurz vor Travemünde, erreichte ich die Ostsee. Das naturbelassene Steilufer im ehemaligen Grenzgebiet ist mein Lieblingsstrand in dieser Gegend. Hier saß ich eine ganze Weile einfach so da, bis ich vor der Heimfahrt doch noch zu Stift und Farbe griff.

In schwindendem Licht
Veröffentlicht: 29. September 2019 Abgelegt unter: Mixed Media | Tags: Bellin, Mecklenburg, Pat Southern-Pearce Hinterlasse einen KommentarEndlich wieder zeichnen! Täglich! An diesem Wochenende konnte ich ein Projekt abschließen, das mich neben Alltag und Arbeit auf anregende Weise involviert hatte und nun wieder Zeichenzeit freigibt. Und dann, nicht ganz unwichtig, steht auch noch ein Urlaub bevor.
Wieder einmal war ich im Haus der Stille im mecklenburgischen Bellin; zwei Farbstiftskizzen der Kirche sind entstanden, deren eine, vom Freitagabend, ich hier zeigen möchte. Sie ist mit Farbstiften aud dunkelgrauem Papier gezeichnet, wie ich es in Amsterdam im Kurs von Pat Southern-Perace gelernt habe. Vor Ort war nur Zeit für die Dachlinie, den Himmel und die Binnenstruktur der Kirche habe ich heute fertiggestellt. (Das Wetter war ganz das richtige für einen Nachmittag am Zeichentisch.) Leider hat der schicke violette Acrylmarker von Derwent ganz fürchterlich gekleckst.

Gestern Abend, auf dem Rückweg von Bellin, habe ich noch eine Freundin besucht und mich im schwindenden Licht auch noch mit der Kirche beschäftigt – dieses Mal ganz „normal“ auf weißem Papier. Erst ein bisschen Farbe locker aufgetragen und dann vor Ort mit Marker Konturen und etwas Schatten angelegt. Die restliche Farbe kam, vielleicht ein bisschen zu bunt, heute dazu.

Am Glasermoor
Veröffentlicht: 9. Juni 2019 Abgelegt unter: Pflanzen | Tags: Mecklenburg, Pflanzen, Sternberger Seenland Hinterlasse einen KommentarEinige Kilometer östlich des Schweriner Sees erstreckt sich eine verzauberte Endmoränenlandschaft voller Moore mit Biberburgen, uralten Baumriesen, Hecken, Findlingen und Hügelgräbern. Obschon mit einem Rundwanderweg erschlossen, ist die Gegend einsam; meist trifft man an einem Nachmittag nur ein, zwei Wanderer. (Der Name Glasermoor verweist auf die früher hier ansässigen Glashütten – und erinnert mich an meine Vorfahren, die nördlich von Oranienburg als „Glaser“ gearbeitet haben und auch diesen Namen trugen.)


Orte
Veröffentlicht: 13. April 2019 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Architektur, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Güstrow, Lost Place, Mecklenburg, Sternberger Seenland Hinterlasse einen KommentarIn den letzten drei Wochen war ich so von gleich zwei mit diesem Blog nur wenig kompatiblen Projekten beansprucht, dass zum Zeichnen nur ein kleiner Platz blieb. Keine Frühstücksbilder, keine Blumen und leider auch keine Menschen im Café … nur drei Skizzen von Orten, von kleinen Pausen auf der Durchreise und auf dem Morgenweg …

Fährt man von Schwerin nach Güstrow, kommt man nach 20 km an Brüel vorbei, einem Ackerbürgerstädtchen von nicht einmal dreitausend Einwohnern. Der kleine Ort zieht sich mit zwei Straßen über einen Höhenzug, der von sumpfigen Wiesen und einem Flusslauf umgeben ist; Neubaugebiete werden so auf Abstand gehalten. Eine altmodisch schmale Allee führt ortsauswärts und zu einer alten Fabrik, lange verlassen und von einer Katzenfamilie bewohnt, die sich in den Fenstern sonnt.
Kaum habe ich meine Zeichnung begonnen, spricht mich eine Dame an; die Mutter des jetzigen Besitzers. Von ihr erfahre ich, dass hier einmal Ofenkacheln gebrannt wurden und noch eine Menge mehr – bis zur Anzahl der Katzen … (die zu füttern sie gerade unterwegs ist.) Ich soll doch wiederkommen, wenn ihr Sohn da ist, er würde mir die Anlage zeigen und ich könnte den ganzen Tag dort zeichnen …

Am nächsten Wochenende steckt das kleine A6-Hahnemühle-Buch (zu dem ich nach einem Ausflug in größere Formate zurückgekehrt bin) beim Morgenweg in der Jackentasche. Den Sonnenaufgang habe ich um eine halbe Stunde verpasst, doch das Schloss im Morgenlicht entschädigt mich. Leider ist es zum Sitzen noch zu feucht, so dass die kleine Skizze samt Kolorierung im Stehen fertig – und dann auch noch trocken! – werden muss.

Letztes Wochenende, wieder auf dem Weg nach Güstrow, habe ich in Sternberg Rast gemacht. Hier führt die Ortsumgehung direkt an der eindrucksvollen alten Stadtbefestigung entlang, die Kirche mit ihrem dicken Turm ist auf jeder Durchreise eine Einladung zum Zeichnen. Natürlich war auch dieses Mal wieder die Zeit knapp – anderthalb Stunden blieben für Kaffee, Motivsuchspaziergang und schlussendlich das Bild.
Der Ort, den ich zum Zeichnen gefunden hatte, war traumhaft: ein ungestörter Sitzplatz mit Blick auf die im Streiflicht prunkende Südfassade der Kirche, nur: wie bringt man so viel Pracht in zwanzig Minuten unter? Ich entschied mich für „erst-Farbe-dann-Linie“. Allerdings habe ich einen Tag später noch die Schatten vertieft – und gemerkt, dass es manchmal überhaupt nichts macht, wenn die Perspektive nicht stimmt.
Im Übrigen schien in dieser Sonntagsidylle die Eile in der Luft zu liegen. Während ich zeichnete, ging die Feuersirene und kurz darauf brauste ein Auto auf den Hof des Gemeindehauses, auf dessen Treppe ich daß. Natürlich brachte ich beides in meiner Versunkenheit gar nicht miteinander in Verbindung – erst als der freiwillige Feuerwehrmann, sich auch noch freundlich entschuldigend, mit einem Satz über meine Malutensilien sprang, ging mir ein Licht auf.
Zug um Zug
Veröffentlicht: 9. Februar 2019 Abgelegt unter: Alltag, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Mecklenburg, Zug fahren 2 KommentareIm Winter fahre ich, entgegen allen guten Vorsätzen, selten mit dem Zug zur Arbeit – in der dunklen Zeit macht der sonst so geliebte Bahnhofsweg durch Schwerin und Ludwigslust einfach keinen Spaß. Dabei habe ich es gut: auf unserer Strecke sind die Züge sauber, leer und pünktlich und die halbe Stunde ist lang genug, um die Malsachen auszupacken.
Nun, wo die Tage wieder länger werden, nehme ich den Weg am Pfaffenteich entlang wieder auf und genieße die geschenkte Zeit.


Deutschland, einig Vaterland
Veröffentlicht: 2. Oktober 2018 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Architektur, Urban Sketching | Tags: Alltag, DDR, Mecklenburg, Moderne Ein KommentarDas mecklenburgische Dorf Mestlin wurde in den 50er Jahrne zum „sozialistischen Musterdorf“ ausgerufen und erhielt einen großen leeren Platz mit Schule, Landambulatorium, Geschäften und vor allem einem überdimensionierten Kulturhaus im Stalinstil. Es steht mittlerweile unter Denkmalschutz, wird von einem Verein betreut und nach langem Leerstand gelegentlich wieder genutzt.
Als ich am Sonntagabend dort zum Zeichnen Halt machte, hing eine blauweiße Rautenflagge draußen und kündigte ein „Oktoberfest“ an. Kaum hatte ich mich in der Bushaltestelle niedergelassen, kam ein offensichtlich genervter Halbwüchsiger vorbei und schmiss ein paar Knaller dagegen – ob sie mir galten, habe ich lieber nicht ermittelt. Die faschingsmäßig „bayerisch“ kostümierten Dorfbewohner, die nach und nach eintrafen, nahmen von mir zum Glück keine Notiz.

Der sozialistische Dorfplatz in Mestlin.



