Im Zoo

Letztes Wochenende waren die Schweriner Urban Sketchers im Zoo. Oder sagen wir mal: die, die nicht mit Fieber im Bett lagen. Ich war gerade wieder auferstanden, ein bisschen wacklig noch fragte ich mich, wie das wohl bei dem Wetter werden würde. Es wurde. Schön.

Zuerst einmal: es war still. Außer uns waren kaum mehr als fünf Familien auf dem Gelände. (Wir waren auch nur zu viert.) Und es gab Löwen. Vor einigen Jahren ist in Schwerin eine neue, hochmoderne Löwenanlage gebaut worden, in der ein kleines Rudel Asiatischer Löwen lebt. In freier Wildbahn gibt es nur noch 350 von dieser Unterart; sie leben in einem indischen Nationalpark. Um so größer ist die Freude über den Löwennachwuchs; die zwei älteren, jetzt fünf Monate alten Löwenjungen konnten wir durch die großen Panoramascheiben ausgiebig beobachten. (Die jüngeren sind gerade erst geboren und von der Öffentlichkeit noch abgeschirmt.)

Die Löwenjungen wuselten durch das Gehege, sprangen auch mal durch die extragroße Katzenklappe nach draußen in den Schnee – da habe ich mich zum Zeichnen an den Löwenkater Shapur gehalten, der seinen Nachwuchs mit königlicher Gelassenheit im Auge behielt.

Auf dem Heimweg machte ich noch eine kleine Bleistiftskizze am Warmhaus der Flamingos. Zu Hause kam noch ein bisschen Farbe dazu, eher atmosphärisch als genau.


Berlin, Berlin (Teil 2)

Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern

John F. und die Gropiuslerchen, 1987

Für den Sonnabend stand die Mauergedenkstätte Bernauer Straße auf meinem Programm. Vor einiger Zeit war ich mal mit der Straßenbahn dort entlang gefahren, hatte das Areal kurz wahrgenommen, war aber nicht ausgestiegen. Jetzt erfuhr ich, dass es nur noch wenige Stellen im Berliner Stadtgebiet gibt, in denen Reste der Grenzanlagen (die „Mauer“ war nur ein Teil davon) erhalten sind.

Ich saß im Schatten eines der noch jungen Bäume, links von mir die Bernauer Straße, unspektakulär, Straßenbahn in der Mitte, auf der anderen Seite ein typischer Westberliner Bau aus den 70ern oder 80ern. Rechts von mir eine lange Reihe von übermannshohen Eisenstäben, den Verlauf der Mauer nachzeichnend, ein Stück weiter ein Stück originaler Beton. Hinter den Stäben – die so locker gesetzt sind, dass man durch sie hindurchgehen kann – und der Mauer eine Parkanlage auf dem Gelände, das einmal der „Todesstreifen“ war.

Die meisten Besucher und Besucherinnen waren jung, so jung, dass sie in Zeiten des geteilten Berlins noch nicht geboren waren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, die Stadt Berlin (und ganz Deutschland) nur als Ganzes kennengelernt zu haben. Ich selbst war anderthalb Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde; viele der Erinnerungen aus meiner frühen Oranienburger Kindheit haben mit der Erschütterung und dem Schmerz der Erwachsenen zu tun, denen ein ganzer familiärer Hintergrund abgetrennt worden war.

Als ich mit der Zeichnung fertig war, folgte ich weiter der Straße. Es gibt ein Dokumentationszentrum, das ich nur streifte, um mich der „Kapelle der Versöhnung“ zuzuwenden.

Dort, wo jetzt dieses Kapelle steht, im ehemaligen Todesstreifen, befand sich eine Kirche. Dass sie nach 1961 nicht mehr genutzt werden durfte, versteht sich von selbst; 1985 wurde sie gesprengt. Bald nach der Wende begann man mit dem Wiederaufbau als „Kapelle der Versöhnung„ – glücklicherweise nicht im preußischen Pseudokulissenstil. Hier hätte lange genug viel zu viel Beton gestanden, als dass man diesen Baustoff noch gern gesehen hätte – man entschied sich für einen ovalen Baukörper aus Stampflehm, verkleidet mit einem lichten Holzgitter.

Hinter der Kirche gibt es einen Gemeinschaftsgarten, und in den setzte ich mich, etwas stadt- und pflastermüde, und versuchte diesen so seltsamen wie nährenden Ort aufs Papier zu bringen.


Berlin, Berlin (Teil 1)

Zeichnen macht glücklich, das wissen alle, die es gelegentlich praktizieren. Wie glücklich es macht, mit tausend anderen gemeinsam zu zeichnen, durfte ich am letzten Wochenende beim Deutschlandtreffen der Urban Sketchers in Berlin erleben. Die Bewegung der Urban Sketchers entstand 2007 in Seattle als Antwort auf die zunehmende Digitalisierung künstlerischen Arbeitens. Das wichtigste Grundprinzip ist das Zeichnen vor Ort als Gegenentwurf zum Arbeiten nach Fotografie – Authentizität. Die ersten Urban Sketchers waren Profikünstler, Gerichts- und Pressezeichner; bald entwickelte sich daraus eine weltweite Bewegung, an der auch viele künstlerische Laien teilhaben.

Zu den „Ritualen“ des Urban Sketchings zählt das gemeinsame Zeichnen – in kleinen Gruppen am Heimatort und auf großen, z.T. internationalen Festivals. Menschen ziehen gemeinsam los, zeichnen jedeR für sich das gleiche Motiv und sitzen danach gern noch zusammen, um ihre Bilder anzusehen, bevor sie in sozialen Medien ausgestellt werden.

Wie immer bei solchen erfolgreichen Bewegungen ist damit eine gewisse Kommerzialisierung verbunden. Die großen Farb- und Papierhersteller haben neue Materialien entwickelt und die Stadtzeichner als Multiplikatoren entdeckt; Profikünstler bieten Ihre Kurse an … Die Berliner Gruppe ging dieses Jahr einen anderen Weg, „zurück zu den Wurzeln“: kostenfreie Teilnahme, (fast) keine Sponsoren, keine Workshops, dafür ein beispielloses ehrenamtliches Engagement. Am Ende hatten sich an die tausend Leute angemeldet, die in Gruppen von 20 – 30 Personen zu interessanten Orten in der Stadt geführt wurden.

Die Zeichenspaziergänge wurden ausgelost. Am ersten Tag, am Freitag, fand ich mich auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs wieder. Es ist ein disparater Ort, eine offene Wunde in der schönen Oberfläche der Großstadt. Der ehemals größte Bahnhof Berlins war in Bombenkrieg und Häuserkämpfen schwer beschädigt worden; in der zunehmenden Abriegelung der Stadt ab der Blockade von 1948 erschien sein Weiterbetrieb nicht mehr wirtschaftlich, Ende der 50er Jahre wurde er gegen den Widerstand der Berliner Bevölkerung gesprengt. Lediglich der Portikus der Eingangshalle blieb erhalten, eingebettet in eine rudimentäre Parkanlage mit einem Schotterplatz und etwas Grün, frequentiert von Obdachlosen.

Die Zeichnung wurde dann auch etwas ruppig mit ihrem Blick auf die Reste des Gebäudes am rechten Bildrand und die Paläste des neuen Potsdamer Platzes im Hintergrund.

Der Weg führte weiter durch einen kleinen innerstädtischen Urwald, der die ehemaligen Gleisanlagen überwuchert, vorbei am Technikmuseum (die meisten Leute zeichneten das Flugzeug auf dem Dach) und unter der Hochbahnstrecke des Bahnhofs Gleisdreieck hindurch. Hier fand ich mein zweites Motiv. Inzwischen ein bisschen „eingezeichnet“, widmete ich mich akribisch der Hochbahnkonstruktion aus dem 19.Jahrhundert und ihrem Kontrast zu dem Backsteinbau mit dem Flügelrad am runden Giebel.

Eine gute Stunde saß ich dort, die genügte, um die Struktur des Motivs zu erfassen, Schatten und Schraffur ergänzte ich heute zu Hause, Stoff für eine beliebte Diskussion unter Urban Sketchers: mit wieviel Nacharbeit ist ein Bild noch authentisch?


Schwerin

Seit ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, gehe ich weniger spazieren. Und sehe weniger von der Stadt. Da braucht es erst Besucher aus Berlin, Hamburg und München, um mir die Augen zu öffnen.

Letzten Mittwoch war das, ich hatte mir den Nachmittag frei genommen und saß mit den Gästen zuerst am Schelfmarkt. Unter den vielen möglichen Blicken wählte ich einen mit angenehmer Sitzgelegenheit im Schatten; das blaue Auto kam mir gerade recht.

Danach erst, als die Tagestouristen schon allmählich aufbrachen, ging es Richtung Schloss. Zielsicher steuerte ich die Westbastion an, die Bank im Mauerschatten mit Blick auf den Turm. Irgendwann muss ich hier schon einmal gezeichnet haben; die Suchfunktion lässt mich im Stich und straft die Legende Lügen, ich könnte mich an alles erinnern, das den Weg in meine Skizzenbücher gefunden hat.


Vor Gericht

Der Schweriner Demmlerplatz liegt am nördlichen Rand der heutigen Innenstadt. In früheren Jahrhunderten befand sich auf diesem Hügel die „Königsbreite“, ein Richtplatz, weit außerhalb der Altstadt. Mecklenburg industrialisierte sich langsam, entsprechend gemächlich vergrößerte sich die Stadt. In den fetten Jahren zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg war der Stadtrand bis hier vorgerückt, mit hübschen bürgerlichen Häusern, und 1916 war das Gerichtsgebäude fertig geworden. Ein gewaltiger Kasten, stadtseitig zwischen Neoklassizismus und Art Déco – die Rückseite, die damals auf die Felder hinaus ging, gehörte zum Untersuchungsgefängnis und blieb entsprechend undekoriert.

Seit ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, streife ich diesen Stadtbezirk auf meinem Arbeitsweg und nehme mir immer wieder vor, hier zu zeichnen. Gestern war es endlich soweit, im Kreis der Schweriner Urban Sketchers.

Während einige von uns vor der einschüchternden Präsenz des Gebäudes zu den Stadtvillen flohen, nahm ich es mutig mit dem Eingangsbereich auf. Ein Mäuerchen an einer halb vertrockneten Grünanlage (der Platz liegt abseits aller Durchgangswege und wirkt trotz des angrenzenden Riesenbaus etwas vergessen) lud zum Sitzen ein, es gab sogar Schatten. Später holte ich mir doch noch einen Sonnenbrand und wurde dennoch nicht fertig.

So friemelte ich heute zu Hause an der Fassade weiter und kreiste mit meinen Gedanken um die düstere Geschichte des Ortes: das schöne Gebäude beherbergte nach 1945 ein sowjetisches Militärtribunal und seit Mitte der 50er Jahre die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit samt Untersuchungsgefängnis. (Misstraut den Grünanlagen.) Erst nach 1989 konnten Land- und Amtsgericht wieder an den Ort zurückkehren, das Dokumentationszentrum für die Opfer deutscher Diktaturen erinnert an die Geschichte.


Fachwerk mit Vogelschiss

Seit fast zwei Wochen bin ich wieder zu Hause, und während Wohnung und Wäsche sich wieder in die alte Ordnung gefunden haben, verlieren die Orte entlang des Flusses die ihre schon wieder – jedenfalls in meinem Kopf.

Nienburg, so erinnere ich mich, war die drittletzte Station. Aus meinem Hotel hatte ich einen malerischen Flussblick, unter dem Fenster rauschte ein alter Mühlbach; ich hätte dort sitzen bleiben mögen … Natürlich tat ich das nicht, sondern lief ein bisschen umher auf der Suche nach einem schönen Zeichenblick. Passende Bänke waren nicht zu haben, eine Bordsteinkante unter den Linden auf dem Kirchplatz bot sich als Kompromiss an: Das schiefe und sich gegenseitig stützende Fachwerk lockte.

Es war ein schönes Motiv, der Füller glitt wie von allein über das Papier, als – klatsch! – ein Vogelschiss am Rand meines Blattes landete. Verwerfen? Viel zu schade! Ich wischte das grünliche Malheur weg; der Rest verfärbte sich rasch in ein unauffälliges Braun und ich zeichnete fröhlich weiter. Von der Vogelkolorierung abgesehen, blieb das Bild an dem Abend schwarzweiß – bis zur Farbe mochte ich nicht auf der harten Bordsteinkante sitzen.

Heute war es soweit, dass ich das Zeichenbuch wieder zur Hand nahm, hin und her wendete und – same procedure as every year – überlegte, in welcher Weise ich es abschließen könnte. Manche Bilder bleiben „unfertige“ Erinnerungen nur für mich, andere werden – Vogelschiss hin oder her – noch ein bisschen hübsch gemacht, bevor sie gezeigt werden können.


Mut zur Lücke

Was ist Urban Sketching? Die Begründer dieser Kunstform waren allesamt Profis, kamen von Illustration und Pressezeichnung her und hatten daher kein Problem mit der Abbildung komplexer Szenerien. Laien, auch etwas ambitionierteren wie mir, fällt das nicht immer leicht – man beschränkt sich auf Gebäude, lässt gern auch „Störendes“ wie Autos und Verkehrsschilder weg. Das ist einerseits schade – macht es die Szenerien doch oft leblos – , andererseits verständlich, denn ein Bild mit ungelungenen Menschen kann schnell wie eine Kinderzeichnung aussehen.

In Holzminden, bei der Mittagsrast im „Café Lücke“, wage ich mich seit langem wieder einmal an eine komplette Szene. Fachwerk (ohne geht nicht) , Blumentöpfe, Laternen, Schaufenster und vor allem die beiden ins Gespräch vertieften Herren – der eine sieht aus wie ein Silver-Ager-Model mit schicker schlohweißer Tolle und gestutztem Bart. Zum Glück bin ich so schlau, mit den beiden zu beginnen, denn obwohl sie eine ganze Weile bleiben: irgendwann stehen sie doch auf.

Da bin ich schon weitgehend fertig, ergänze noch ein paar Details, bevor ich wieder aufs Rad steige. Am Abend entschließe ich mich, der linearen Zeichnung etwas Farbe zu geben – doch nicht zu viel und nicht überall: Mut zur Lücke.


Im Zauberberg

In „ausdehnungsloser Gegenwart“ findet Hans Castorp sich wieder, der Protagonist von Thomas Manns „Zauberberg“: Für drei Wochen wollte er ein Sanatorium in den Bergen besuchen, am Ende werden sieben Jahre daraus.

Ich konnte ahnen, wie es Hans Castrop ergangen war: schon nach drei Tagen begann die Zeit zu verschwimmen im immer gleichen Ablauf der Anstalt. Die Zeit, die draußen immer knapp zu sein scheint, ist mit eins reichlich vorhanden; rückblickend scheint sie wie nicht gewesen. Doch konnte ich sie auch nutzen für die eine oder andere Zeichnung, aufwendiger ausgearbeitet als sonst.

Besonders angetan hatten es mir die ehemaligen Wirtschaftsgebäude der Anlage, schön gestaltet in einem dänischen oder niederländischen Stil wie alles hier.

Das im Hintergrund sichtbare Gebäude war das Badehaus. Der Gebäudekomplex – zumindest äußerlich hervorragend erhalten – wird von einem großen Bildungsträger im Gesundheitswesen genutzt und derzeit saniert.

Vor einigen Tagen schon hatte ich eine der Giebelfronten dieses Badehauses im 12×12 cm kleinen Skizzenbuch gezeichnet.


Rot, gelb, blau

Die „Schweriner Höfe“ sind das kleinste und ganz gewiss das schönste Schweriner Einkaufszentrum, eine originell gestaltete Anlage, die es nicht leicht hat gegen die Giganten. Hier trafen sich heute fünf Zeichnerinnen im windgeschützten und überdachten, aber ungeheizten Brunnenhof. Es gibt ein Sushi-Restaurant, in dem ich schon mehrmals gezeichnet habe (und das leider erst heute Abend öffnen würde), aber den Ort selbst hatte ich noch nie zum Zentrum meiner Aufmerksamkeit gemacht.

Zuerst kamen die Mitzeichnerinnen an die Reihe; und wie aufgereiht saßen sie dort, in rot, gelb und blau.

Dann reihte ich mich – in einer leuchtend grünen Jacke – neben Blau ein und widmete mich dem namensgebenden Brunnen. Leider habe ich nicht herausbekommen, wer ihn geschaffen hat, auf der Website der Höfe ist nur von „einer Künstlerin“ die Rede. Der Brunnen, aus farbig glasierten Ziegeln gebaut, ist eine Hommage ebenso an Hundertwasser wie an die zahlreichen mit glasiertem Zierat geschmückten Backsteingebäude Schwerins; mit seinen geschwungenen postmodernen Formen ist er direkt den 90er Jahren entwachsen.


Einmal Bleistift und zurück

Ich zeichne gern in Museum – im Winter ist dafür die beste Zeit. Im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus werden derzeit Plastiken des Bildhauers August Martin Hoffmann gezeigt. August Martin Hoffmann wirkte von den 60er bis in die 80er Jahre in Schwerin; jeder kennt seine Plastiken und keiner den Namen.

Ich genoß es sehr, gemeinsam mit zwei anderen Zeichner*innen in den schönen hellen und warmen Ausstellungsräumen zu sitzen, der Blick aus dem Fenster fiel auf verschneite Fachwerkhäuser … Die Lieblingsskulptur war schnell gefunden, ein Porträtkopf des Shakespeare-Übesetzers Rudolf Scheffler – noch einer, dessen Namen ich noch nie gehört hatte – und der museumsgerechte Bleistift vertrug sich überraschend gut mit dem Aquarellbuch von Hahnemühle – ich blieb dabei, glücklich friemelnd und strichelnd …

Einer der Räume war mit „Schaudepot“ benannt, dicht an dicht standen unkommentiert kleine und mittelgroße Plastiken auf knallroten Podesten – das gab einen eigentümlichen Kontrast. Die Zeit war schon fortgeschritten und es fiel mir gar nicht so leicht, wenigstens die grobe Raumstruktur mit Bleistift zu erfassen. Zu Hause griff ich zum großen weiche Bleistift – nein, hier würde frriemeln nicht helfen – und zum Schluss doch noch zu Pinsel und Farbe …