Straßburg

Zum Abschluss meiner Reise habe ich mir noch einen lange gehegten Traum erfüllt und bin für drei Tage nach Straßburg im Elsass gefahren. Als ich ankam, musste ich mich erst einmal orientieren – nach elf Wandertagen, die ich weitgehend fern von Menschenansammlungen verbracht hatte, fand ich die Stadt bei aller Schönheit voll und anstrengend. Im Münster wurde ein großer Gottesdienst zelebriert – später erfuhr ich, eine Priesterweihe – die Menschen drängelten sich um den Eingang und alles war laut und viel … (Dem Münster mit dem Herzen nahe zu kommen sollte sich auch an den kommenden Tagen als nicht ganz einfach erweisen.)

Ich zog mich in das angrenzende Musée de l’Œuvre Notre-Dame zurück, in dem neben vielen anderen mittelalterlichen Stücken Teile des originalen Figurenschmucks der Münsterfassade zu betrachten sind. Nach einigem Abwägen entschloss ich mich, einige der Löwen zu zeichnen, die sich über dem Hauptportal auf einer Treppe befinden. Diese Treppe führt symbolisch zu den Thronen des König Salomon und der Gottesmutter Maria. Das wusste ich allerdings noch nicht, als ich den geradezu putzigen Löwen im Museum im wahrsten Sinne auf Augenhöhe begegnete. (Eine Treppenstufe ist ca. 50 cm hoch.) Wie spielende Kätzchen oder junge Hunde tollen sie auf ihrer Treppe herum, und je länger ich sie zeichnete, um so mehr wärmten sie mir das Herz. (Natürlich sieht man auch hier, wie bei vielen anderen mittelalterlichen Löwenskulpturen, dass der Bildhauer nie einen wirklichen Löwen gesehen hat.)

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Skulpturen junger Löwen vom Portal des Straßburger Münsters.

 

Danach lief ich recht ziellos durch die Stadt und es war mir eigentlich immer noch viel zu voll. Auf dem Platz an der Thomaskirche kam ich dann zur Ruhe und ließ mich von ihrer romanischen Wuchtigkeit beeindrucken. Diesen Eindruck habe ich dann auch versucht zu Papier zu bringen – und es ganz bewusst etwas ruppig angehen lassen.

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St.Thomas in Straßburg.

 


Von Schwäbisch Hall nach Winnenden

Hinter Schwäbisch Hall folgt der Pilgerweg noch ein wenig dem Kochertal, um dann zur ehemaligen Wallfahrtskirche in dem Dorf Rieden abzubiegen. Dort habe ich wohl an die zwei Stunden zugebracht, und einen der Altäre gezeichnet.

 

Am nächsten Tag bin ich etwas vom Pilgerweg abgewichen, weil es nicht immer einfach ist, Zwischenübernachtungen zu finden.

 

Am einzigen sehr heißen Tag der Tour konnte ich ein bisschen Zug fahren und habe dann in Murrhardt Zeit, ausgiebig einen romanischen Wasserspeier zu studieren.

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Am nächsten Morgen breche ich früh auf und kraxle durch die Hörchbachschlucht – das Schild „Nur für geübte Wanderer“ finde ich erst beim Ausgang. Später eine schöne Rast am Wanderheim Eschelshof.

 

Am vorletzten und letzten Wandertag geht es von Backnang hügelauf, hügelab durch zersiedelte Dörfer und dazwischen unerwartet schöne Streuobstlandschaften nach Winnenden.

 

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Irgendwo im Streuobstland.

 


Von Rothenburg bis Schwäbisch Hall

Wieder zu Hause habe ich die Bilder der letzten Wanderung gesichtet, einiges noch ein wenig überarbeitet und vor allem neu gescannt – die Qualität der Unterwegs-Fotos von den Bildern lässt leider oft zu wünschen übrig.

Hier noch mal ein kurzer, chronologisch geordneter Überblick über die ersten fünf Wandertage. Die Wegstrecke lässt sich auf der Seite der Deutschen Jakobswege  nachlesen, an der ich mich auch orientiert habe.

Am ersten Wandertag waren gleich 20 km zu schaffen; früh aufgebrochen und voll guter Vorsätze habe ich dann doch einiges zu Papier gebracht.

Eines meiner Lieblingsbilder dieser Reise entstand dann am Nachmittag, als das anfangs kühle Wetter sich erwärmte und ich eine selige Stunde in einer Wiese voller hüfthoher Knabenkräuter saß.

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Orchidee im Wald vor Schrozberg.

Schrozberg auf der Hohenloher Ebene hat ein Schloss, in dem – vielleicht – mal Götz von Berlichingen für kurze Zeit gewohnt hat. Ansonsten überwiegt die Moderne, vor allem die aus den 70er Jahren. Am nächsten Tag, auf dem Weg nach Langenburg, war ich von den Windrädern im Wald fasziniert.

Das Schloss in Braunsbach war dann das Gegenteil von hochherrschaftlich, sondern erfrischend unsaniert und schlichtweg in Wohnungen aufgeteilt. Am nächsten Tag lief ich unter der berühmten Kochertalbrücke hindurch, einer der größten Brücken ihrer Art weltweit.

Von Braubach lief ich durch schöne Wälder bis nach Schwäbisch Hall. In der Kirche St.Michael war ich froh, die Perspektive ganz gut erfasst zu haben – dafür ist es bei der Bleistiftskizze geblieben. Und während die Public Viewer in den Kneipen ringsum immer stiller wurden, weil Deutschland gegen Mexiko verlor, friemelte ich an einem besonders aufwendigen Fachwerk herum.

 

 

 

 


Perspektive

Heute habe ich ein bisschen Perspektive geübt. Bei meiner Rast in Unterweissach saß ich neben einem alten Dorfbrunnen, dahinter das obligatorische Fachwerk-Rathaus, und weil ich Zeit hatte – es gab schließlich keine Hitze mehr, vor der ich davonlaufen musste – machte ich mich daran, alles fein säuberlich auszumessen.

Am Ende war ich wieder einmal fasziniert davon, wie sich mein Auge auch nach jahrelangem Training immer wieder täuschen lässt. Da gibt es die Kirchtürme, die trotz sorgfältigsten Messens mal wieder nicht aufs Bild passen, und immer wieder Anfälle von Bedeutungsperspektive: was wichtig und auffällig ist, stellen wir größer dar. In diesem Fall war ich überrascht, wie klein das Rathaus im Gegensatz zu dem Brunnen war: seine auffällige Farbigkeit und Struktur hatte es größer erscheinen lassen. (Ganz zu schweigen von dem selbstverständlich zu groß geratenen Türmchen.) 

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Rathaus und alter Dorfbrunnen in Unterweissach.


Am Weg

Wann immer es geht, versuche ich bei einer Rast zu zeichnen, was ich sehe. Keine spektakulären Ansichten, keine lange gesuchten Blickwinkel – die Übung heißt in diesem Fall, das Besondere im Alltägliche zu sehen. Da das auch immer mal schiefgeht, greife ich in diesem Fall zur Postkarte.

Gern rastet die Pilgerin auf Friedhöfen, wenn sie an einer Kirche gelegen sind. Immer findet sich eine Bank, windgeschützt und im Schatten, auch wenn die Kirchentür verschlossen ist. 

Auch in Tullau hatte ich das Kirchlein im Rücken, ohne Friedhof, dafür mir Blick auf ein unsaniertes Fachwerkhaus mit üppigem Garten und Backofen darin. 

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Manchmal allerdings ist der Blick vom Rastplatz nicht alltäglich,  wie hier oberhalb von Westheim, wo ein perfekter Grillplatz mit Tisch und Bänken die Aussicht feierte – früh um acht war ich selbstverständlich allein an dem Ort. (Wie überhaupt weitgehend auf meinen Wegen. Andere Pilger habe ich keine getroffen, Wanderer sehr vereinzelt, eher Radfahrer.)


Im Kochertal

Von Schwäbisch Hall hat sicher jeder schon einmal etwas gehört, wo es liegt, wissen vermutlich die wenigsten (es sei denn, sie leben hier irgendwo um die Ecke). Schwäbisch Hall (eigentlich nur „Hall“, der Zusatz kam erst spät) liegt am Kocher, einem gar nicht so kleinen Fluss, der sich ein bis zu 200m tiefes Tal in die umgebenden Kalksteinebenen gegraben hat.

Autofahrer kennen vielleicht die Kochertalbrücke, eine spektakuläre Stahlbetonbtücke, die das Tal in großer Höhe überspannt.

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Kochertalbrücke im Regen.

Schwäbisch Hall ist eine schöne Stadt, der man den Reichtum einer alten Salzstadt noch heute ansieht. Fachwerk über Fachwerk, ich konnte mich gar nicht satt sehen, und habe mich dann für ein besonderes prächtig dekoriertes Haus entschieden, um dann feststellen zu müssen, dass weder meine Geduld noch die Feinheit meiner Zeichenmaterialien den vielen üppigen Schnitzereien, Dekoren, Masken und Zierleisten gewachsen waren.

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Besonders üppig dekoriertes Fachwerkhaus in Schwäbisch Hall.

 


Unterwegs

Seit vier Tagen bin ich wieder unterwegs, ein Tag Anreise und drei Gehtage, von Rothenburg o.d.T. südwestwärts über die Hohenloher Ebene, dem Jakobsweg folgend, der hier in der Gegend wiederum dem Schwäbischen Hauptweg Nr.8 folgt, eine für südwestdeutsche Verhältnisse dünn besiedelte Gegend mit ausgedehnten Waldgebieten.

Im Zug habe ich mir erst einmal damit die Zeit vertrieben, den Inhalt meiner Zeichentasche abzubilden.

 

Die Überraschung des ersten Wandertages war die Pflanzenwelt. Am frühen Nachmittag saß ich selig in einer Wiese voller z.T. hüfthoher Orchideen, besonders prächtiger Exemplare des Knabenkrauts.

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Bevor ich am nächsten Tag, gestern, aufbrach, trödelte ich noch ein bisschdn herum und versuchte dem Ort Schrozberg etwas liebenswertes abzugewinnen. Schließlich zeichnete ich, was ich sah – getreu dem Motto der Urban-Sketching-Bewegung – und das war in diesem Fall ein 70/80-Jahre Wohnblock mit tchibobrauner Ladenzeile gegenüber der geschlossenen Kirche.

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Gegenüber dem Pilgerrastplatz in Schrozberg, sozusagen das Ortszentrum.

Heute staunte ich nicht schlecht, als ich, kaum war ich von meiner Übernachtung im Tal wieder auf die Hochebene gestiegen, hinter den Bäumen ein paar Rotorblätter sich bewegen sah. Und wirklich: der fürstlich-hohenlohische Wald steht voller Windräder! Sie drehten sich heute nur langsam und sahen ein bisschen aus wie Wesen aus einer anderen Welt.

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Windräder im Wald, eine Überraschung.


Frauenkirche

Hier nun das dritte und letzte Bild meiner Dresden-Reise, entstanden samstagmorgens an der Elbe. Ich war früh auf, und bevor noch mein Frühstückscafé öffnete, setzte ich mich in einen kleinen, um diese Zeit natürlich verlassenen Biergarten am Elbufer. Vor mir lag das berühmte Panorama im Morgenlicht, anfangs noch sanft und verhangen, später in greller stechender Sonne.

Deren Licht einzufangen war nicht einfach und (für mich) letztlich nur um den Preis von viel Blau am Himmel und viel Grau in den Schatten zu haben. Auf stützende Tintenlinien zu verzichten fiel mir nicht leicht, immer wieder zuckte die Zeichenhand zum Füller; am Ende kam er dann mit einem kleinen Stück Schrift zum Einsatz.

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Die Dresdener Frauenkirche im Morgenlicht. Aquarell auf Stillman&Birn Beta.


Schildkröten

Noch vor dem großen Fliegenmodell habe in einem der Tropenhäuser des Botanischen Gartens der Dresdener Universität einige Schildkröten gezeichnet. Schildkröten sind dankbare Objekte, denn sie bewegen sich bekanntlich nur wenig – wobei diese Art, die Amerikanische Gelbwangen-Schmuckschildkröte, unter Haltern als „lebhaft“ gilt. Den Namen habe ich erst durch Recherche herausgefunden – sie waren, anders als alle Pflanzen, nicht bezeichnet. Dabei habe ich erstaunt erfahren, dass die Tiere fast schon als invasive Art gelten. Immer mal wieder werden welche in der Elbe oder anderswo ausgesetzt und landen dann in mittlerweile schon ziemlich überfüllten Auffangstationen. Vielleicht ist das Tropengewächshaus ja auch so ein Schildkrötenasyl.

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Gelbwangen-Schmuckschildkröten im Botanischen Garten Dresden. Gezeichnet mit blaugrauer Tinte von deAtramentis auf vorgrundiertem Stillman&Birn Beta.

 

 


Ziemlich große Fliege

Am Wochenende war ich in Dresden, zwei angefüllte Tage zwischen verschiedenen Museen, dem Botanischen Garten und langen Gesprächen. Fast überraschend war auch noch Raum zum Zeichnen, und ein besonders geeigneter Ort dafür ist das Hygienemuseum . Neben der Sonderausstellung über Haustiere – „Tierisch beste Freunde“, daher die Anregung für den Titel – bietet die ständige Schau eine unübersehbare Menge an Modellen, Präparaten und Mitmachobjekten – weshalb auch ein Mensch mit kleinem Farbkasten überhaupt nicht auffällt und ich alles schön vor Ort fertig kolorieren konnte.

Dieses Modell der Lieblingsfliege aller Genetiker ist etwa zwei Meter groß; erst wollte ich noch einen Besucher daneben stellen, so als ganz korrekten Urban Sketch, aber die Fliege war gezeichnet so raumgreifend, dass ich es bei der Beschriftung belassen habe.

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Etwa zwei Meter hohes Modell einer Fruchtfliege im Hygienemuseum Dresden. Das Papier hatte ich etwas vorgrundiert, daher hat die Fliege nun rote Punkte an ungewöhnlicher Stelle. Gezeichnet mit brauner Tinte von deAtramentis, etwas grauem und weißem Marker und Wasserfarbe von Schmincke.