Die zerrissene Perlenkette
Veröffentlicht: 4. September 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 10 | Tags: Bodensee, Denkmal, Pilgerweg 2 KommentareDas Land zwischen Donau und Bodensee ist landwirtschaftlich geprägt; die Dörfer liegen weit auseinander. Auch echte Wanderwege gibt es nur kaum. Manchmal geht es ein Stück parallel zur Straße durch einen schattigen Waldabschnitt, dann sind die Füße froh.
Neben einem solchen Weg, kurz bevor er wieder in die Straße mündete, sah ich zwischen Gesträuch und jüngeren Bäumen eine Edelstahlkugel liegen. Sie schimmerte perfekt und sah ganz unwirklich aus an dem Platz, bis ich bemerkte, dass sie Teil eines Denkmals ist. Es erinnert an die Flugzeugkollision vom Sommer 2002, bei der 78 Menschen ums Leben kamen, u.a. viele Kinder. Das Denkmal heißt „Die zerrissene Perlenkette“ und besteht aus mehreren Teilen an den verschiedenen Absturzstellen. Dieser erinnert an die beiden Piloten der Frachtmaschine, die in dieses Waldstück gestürzt war.

Es gibt noch einen ganz konventionellen Stein für die beiden Piloten, eine Metalltafel, die das Ganze erklärt und auf dem auch der Satz mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ steht.
Die kleine Gedenkstätte hat mich sehr berührt.
Heiliger Antonius, bitte für mich
Veröffentlicht: 3. September 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 10, Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Bodensee, Heiliger, Pilgerweg 3 KommentareIch liebe meinen Pilgerhut, und ich brauche ihn. Zu blöd, wenn ich ihn schon am Abend des erste Gehtages verliere! (Nicht zum ersten Mal, es war der dritte in sieben Jahren.) Heute morgen bastelte ich mir ein Provisorium aus einem Halstuch und lief in den sonnig strahlenden Tag hinein. Einen neuen oder wenigstens eine Mütze würde ich spätestens in zwei Tagen besorgen können, auf zwanzig Kilometer im Umkreis gibt es weder Bäcker noch Fleischer, geschweige denn einen Supermarkt.
Die erste Rast legte ich in Großschönach ein, in der dortigen Antoniuskirche. Ein gesichtsloser Bau aus den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts. Und weil es nichts zu zeichnen gibt, schaue ich mal nach, wofür der Heilige Antonius eigentlich so zuständig ist. Ich traue meinen Augen kaum: für verlorene Gegenstände! Da kann eine klitzekleine Bitte in seine Richtung bestimmt nicht schaden.
Und als ich die Kirche verlasse, steht doch vollen Ernstes fünfzig Meter weiter so ein Selbstbedienungsbüdchen, in denen es sonst Marmelade und Äpfel gibt – nur das es hier selbst gemachter Kitschkrimskrams ist, Traumfänger, Kirschkernkissen – und Mützen! Ganz unten im Regal liegen ein paar Schirmmützen mit neckischen Sprüchen drauf wie „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Die einzige ohne Spruch ist aus schwarzgrauem Military-Flecktarn, die nehme ich glücklich an mich.

Wieder unterwegs
Veröffentlicht: 1. September 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 10 | Tags: Fachwerk, Hohenzollern, Linzgau, Pilgerweg 2 KommentareSeit gestern bin ich wieder unterwegs. Ich fange da an, wo ich vor zwei Jahren geendet habe: in Beuron und Pfullendorf, zwei Tage zum Runterkommen und Akklimatisieren nach einigen eher schwierigen Wochen. Ich ging früh um fünf zur Morgenhore der Mönche – hier verbietet es sich leider zu zeichnen. Diese Wechselgesänge sind älter als unsere meisten Kirchengebäude, sie sind Tradition seit tausendfünhundert Jahren, ebenso wie die Ordensregel des Heiligen Benedikt.
Gezeichnet habe ich dann eine malerisch im Donautal gelegene Kapelle, die in einem seltsamen Architekturstil ausgeführt ist, der als „Beuroner Schule“ bekannt wurde und Elemente altägyptischer, christlich-orthodoxer und klassisch griechischer Kunst miteinander verbindet. Das Ergebnis erinnert an Art déco, ist aber schon im 19.Jahrhundert entstanden.

Heute hatte ich mir einen Zeichentag vorgenommen. Das Hoehnzollernschloss Sigmaringen steht spektakulär auf einem Felsen über der Donau; leider lag dieser Blick im grellen Gegenlicht, so ich mich für etwas verzwickte Dachlinie von der Rückseite her entschloss.

Pfullendorf schließlich, der Endpunkt meines Weges von vor zwei Jahre, ist gar kein Dorf, sondern eine ehemalige Freie Reichsstadt mit einer großen Zahl an sehr repräsentativen Fachwerkhäusern.

Gelb
Veröffentlicht: 26. August 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Mixed Media, Pflanzen | Tags: Bellin, Mecklenburg, Pflanzen Ein KommentarGelb ist die Farbe des Spätsommers, und so ist es auch die Farbe meiner letzten Fingerübungen geworden.
Am vorigen Wochenende war ich wieder einmal in Bellin, auf den Tag genau sechs Jahre nach meinem ersten Besuch dort und wieder und immer noch verzaubert vom Geist des Ortes. Hüfthoch steht die Wiese an einigen Stellen, und natürlich ist der Rainfarn mit seinem tiefaromatischen Duft immer dabei.

Zu Hause angekommen, begann ich mit den Vorbereitungen für den nächsten Pilgerweg. Zu den schönsten Leiden im Vorfeld einer solchen Tour gehört der Entscheidungsschmerz, welches Malzeug mitgenommen werden soll. (Der Rücken und – wichtiger noch – die Füße – müssen es tragen, tagein, tagaus.) Beim Aufräumen fiel mir der kleine A5-Block des naturfarbenen PaintOn-Papiers in die Hände, den ich beim Sketchertreffen 2017 in Eutin bekommen hatte. (Ein erfolgreiches Werbegeschenk, ich bin seitdem ein Fan dieser Papiersorte.) Eine rucksacktaugliche Größe und eine Einladung zu kleinen weißgehöhten Studien.
Der Probelauf mit einer Sonnenblumenblüte war vielversprechend; also wird er mit auf die Reise gehen.

Apfelübung
Veröffentlicht: 8. August 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Pflanzen, visuelles Tagebuch | Tags: Obst, Pflanzen, Sommer, Stillleben Hinterlasse einen KommentarNach der Tomaten- die Apfelübung. Die wunderbar kantigen Klaräpfel verlangten nach allem, was zur Erfassung von Dreidimensionalität hilfreich sein kann, nach monochromen Werkzeugen wie Bleistiften und Füllern …, sie sehnten sich nach einem Tag am Zeichentisch (und sonst gar nichts.)
Natürlich kam es anders, was unter anderm daran lag, dass die Äpfel noch in einen Kuchen verbacken werden wollten – von der netten Kaffeerunde ganz zu schweigen.
Also fasste ich mich kurz. Ich hatte das Blatt am Abend vorher schon grundiert – die Äpfel waren sozusagen schon da und mussten nur noch mit ein paar Tintenstrichen und einem bisschen Blau und Gelb zum Leben erweckt werden.
Langsam folgt auch die Hand dem Auge wieder.

Tomatenübungen
Veröffentlicht: 7. August 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Pflanzen | Tags: Gemüse, Pflanzen, Rot Hinterlasse einen KommentarIn den letzten Wochen war ich von einigen Projekten eingenommen, so dass es mit dem Zeichnen knapp wurde. Nun heißt es, die Hand-Auge-Koordination wieder neu einzuüben. Die Balkontomaten mit ihren schönen Farben kommen gerade recht, und ich habe den Pinsel ganz tief in die Näpfchen mit dem Rot versenkt.

Spargel am Abend
Veröffentlicht: 3. Juni 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Artist Journal, Ink&Wash, Pflanzen | Tags: Alltag, Füllfederhalter, Gemüse, visuelles Tagebuch 2 KommentareDer grüne Spargel sah so hinreißend aus, dass ich ihn unbedingt kaufen musste: Die Köpfe mit festen, leicht glänzenden Schuppen in unterschiedlichen Lilatönen, die Stiele in kräftigem Grün, zur Basis hin in ein Braunviolett übergehend. Essen würde man ihn natürlich auch können, aber vor allem erwarb ich ihn zum Zeichnen.
Ich wickelte die Stangen in ein feuchtes Tuch und versenkte sie im Gemüsefach des Kühlschranks. Es folgte ein gut gefülltes Wochenende voller Zeichnerei und Besuch; ich stellte endlich die Balkonbepflanzung fertig, grummelte ein bisschen am Schreibtisch herum und verschwendete nicht einen Gedanken an den Spargel. Der tauchte erst am Montagabend wieder auf, frischer als ich.

Also habe ich ihn gezeichnet (und danach natürlich noch geputzt und gekocht), bis es schon wieder viel zu spät geworden war. Mein neuer Füller mit der variablen Strichbreite half mir dabei, er glitt ganz von allein über das Papier. Auch Lila und Grün waren schnell zur Hand. Am nächsten Abend gab es Spargelsalat, der so hübsch aussah, dass ich ihn am liebsten gezeichnet hätte.
Das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.
Einmal Mühlrad und zurück
Veröffentlicht: 2. Juni 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Mühle, Schloss, Schwerin Hinterlasse einen KommentarAm Wochenende trafen sich die Schweriner Urban Sketchers wieder unter fast „normalen“ Bedingungen: ohne drei Schichten Kleidung oder Feuerschale und mit der Aussicht auf einen „Kaffee danach“ in netter Gesellschaft. Das Zielobjekt, die „Schleifmühle“, lag ganz in der Nähe des „Franzosenwegs“, auf dem ich vergangenes Wochenende nach Adebors Näs gewandert war, und so hatte ich schon einmal Ausschau gehalten: das Mühlrad sollte es sein. Eine bequeme Bank mit unverstelltem Blick erleichterte die Entscheidung.
Es wurde, erwartungsgemäß, eine längere Übung: vorsichtiges Antasten mit Bleistift, Hilfslinien, Perspektive … am Ende, nach zwei Stunden, hatte ich eine ganz passable lineare Zeichnung fertig. (Und ausreichend in der Sonne gebraten. So ist das mit dem schönen Wetter.)

Und nun – Kolorieren oder nicht? Linear sah das Ganze zwar wie eine schicke Konstruktionszeichnung aus, aber auch irgendwie körperlos. Wenigstens Schatten mussten her. Zum Schraffieren war ich zu faul und vor Aquarell war mir ob der vielen Feinheiten etwas bang – also griff ich zu den Markern von Faber Castell. Den ziegelroten Hintergrund habe ich nur angedeutet, um mich nicht in noch mehr Details zu verlieren.
Am späteren Nachmittag saß ich – schließlich ist einiges nachzuholen – noch einmal im Café und wartete auf eine Freundin. Dabei hatte ich das Schloss vor Augen und blieb dieses Mal bei einer absichtlich reduzierten linearen Skizze.

Westberlin
Veröffentlicht: 15. Mai 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Berlin, Brunnen, Moderne 3 KommentareAls Ende 1989 die Mauer fiel, war dies nicht nur der Anfang für das schnelle Ende der DDR – auch das alte Westberlin begann sich zu verwandeln, auszubleichen, in der neuen Hauptstadt aufzugehen (nicht immer zur reinen Freude der immerhin zwei Millionen Westberliner). Tagestouristen und Neubürger blieben fortan weitgehend im Osten. Auch ich, in ferner Nähe aufgewachsen, machte da kaum eine Ausnahme.
Letzte Woche verbrachte ich einige Tage in Charlottenburg, und es blieb Zeit, einige der weißen Flecken meiner inneren Landkarte auch zeichnend zu füllen.

Ich war mit einigen Zeichnerinnen und Zeichnern am St.-Georg-Brunnen am Hindemithplatz verabredet. Der Brunnen fällt vor allem durch das Fehlen des namensgebenden Heiligen auf – der ist ihm 1945 abhanden gekommen. So stehen die vier Säulen auf seiner oberen Ebene etwas unmotiviert in der Gegend herum. Weiter unten herrscht ein wildes Getümmel von Fratzen, Masken und merkwürdigen Gestalten, die wohl einen Bezug zum Drachen des herstellen sollen.
Leider hatte der Brunnen nicht nur keinen Georg, sondern auch kein Wasser, was die seltsame pandemisch-stille Stimmung auf dem kleinen Platz noch verstärkte.

Doch Westberlin besteht nicht nur aus Schnörkeln. Der Bombenkrieg hatte hier nicht weniger gewütet als im Ostteil der Stadt, und dem Wiederaufbau fiel im Rausch der Moderne manches zum Opfer, was man hätte erhalten können. Nur wenige Straßenzüge entfernt von der Gründerzeit-Idylle türmen sich am Richard-Wagner-Platz ein paar 70er-Jahre-Plattenbauten in den Himmel – ein bisschen gegliederter die Fassade als die ihrer Brüder und Schwestern im Osten, ein bisschen bunter, ein bisschen brutalistischer der U-Bahn-Eingang … doch kaum wohnlicher anmutend an der Kreuzung zweier großer lauter Straßen …

Am Waldrand
Veröffentlicht: 1. Mai 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, visuelles Tagebuch | Tags: Frühling, Mecklenburg, Sternberger Seenland 2 KommentareVor ein paar Tagen sind wir wieder einmal den Hügelgräberweg im Sternberger Seenland gewandert. Der Rundweg führt an Biberburgen vorbei, an von Weißdorn und Schlehen umgebenen hügeligen Wiesen, an blühenden Wildobstbäumen, er führt durch Alleen uralter Buchen und Hainbuchen – und natürlich an einigen namensgebenden Hügelgräbern vorbei.
Nichts von alledem habe ich gezeichnet, jedenfalls dieses Mal nicht. Denn über der lieblichen Landschaft wehte im grellen Aprillicht ein scharfer Nordwind, der uns im Windschatten einiger frisch gerodeter Stubben rasten ließ. Der Blick fiel auf eine Wiese, die sich mit einer zügig den Hügel hinab weidenden Schafherde überzog – die sich, kaum hatte ich Papier und Stift herausgeholt, wie von Geisterhand hinter eine Bodenwelle zurückzog.

So blieb mir nichts anderes übrig, als mich umzudrehen und mich dem geschlagenen Holz zuzuwenden. Wenn ich das Bild jetzt sehe, vermeine ich wieder den Duft der noch frischen Sägespäne zu riechen, die nur kurz von einigen Windböen unterbrochene Stille zu hören …
