Perspektive

Heute habe ich ein bisschen Perspektive geübt. Bei meiner Rast in Unterweissach saß ich neben einem alten Dorfbrunnen, dahinter das obligatorische Fachwerk-Rathaus, und weil ich Zeit hatte – es gab schließlich keine Hitze mehr, vor der ich davonlaufen musste – machte ich mich daran, alles fein säuberlich auszumessen.

Am Ende war ich wieder einmal fasziniert davon, wie sich mein Auge auch nach jahrelangem Training immer wieder täuschen lässt. Da gibt es die Kirchtürme, die trotz sorgfältigsten Messens mal wieder nicht aufs Bild passen, und immer wieder Anfälle von Bedeutungsperspektive: was wichtig und auffällig ist, stellen wir größer dar. In diesem Fall war ich überrascht, wie klein das Rathaus im Gegensatz zu dem Brunnen war: seine auffällige Farbigkeit und Struktur hatte es größer erscheinen lassen. (Ganz zu schweigen von dem selbstverständlich zu groß geratenen Türmchen.) 

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Rathaus und alter Dorfbrunnen in Unterweissach.


Am Weg

Wann immer es geht, versuche ich bei einer Rast zu zeichnen, was ich sehe. Keine spektakulären Ansichten, keine lange gesuchten Blickwinkel – die Übung heißt in diesem Fall, das Besondere im Alltägliche zu sehen. Da das auch immer mal schiefgeht, greife ich in diesem Fall zur Postkarte.

Gern rastet die Pilgerin auf Friedhöfen, wenn sie an einer Kirche gelegen sind. Immer findet sich eine Bank, windgeschützt und im Schatten, auch wenn die Kirchentür verschlossen ist. 

Auch in Tullau hatte ich das Kirchlein im Rücken, ohne Friedhof, dafür mir Blick auf ein unsaniertes Fachwerkhaus mit üppigem Garten und Backofen darin. 

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Manchmal allerdings ist der Blick vom Rastplatz nicht alltäglich,  wie hier oberhalb von Westheim, wo ein perfekter Grillplatz mit Tisch und Bänken die Aussicht feierte – früh um acht war ich selbstverständlich allein an dem Ort. (Wie überhaupt weitgehend auf meinen Wegen. Andere Pilger habe ich keine getroffen, Wanderer sehr vereinzelt, eher Radfahrer.)


Im Kochertal

Von Schwäbisch Hall hat sicher jeder schon einmal etwas gehört, wo es liegt, wissen vermutlich die wenigsten (es sei denn, sie leben hier irgendwo um die Ecke). Schwäbisch Hall (eigentlich nur „Hall“, der Zusatz kam erst spät) liegt am Kocher, einem gar nicht so kleinen Fluss, der sich ein bis zu 200m tiefes Tal in die umgebenden Kalksteinebenen gegraben hat.

Autofahrer kennen vielleicht die Kochertalbrücke, eine spektakuläre Stahlbetonbtücke, die das Tal in großer Höhe überspannt.

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Kochertalbrücke im Regen.

Schwäbisch Hall ist eine schöne Stadt, der man den Reichtum einer alten Salzstadt noch heute ansieht. Fachwerk über Fachwerk, ich konnte mich gar nicht satt sehen, und habe mich dann für ein besonderes prächtig dekoriertes Haus entschieden, um dann feststellen zu müssen, dass weder meine Geduld noch die Feinheit meiner Zeichenmaterialien den vielen üppigen Schnitzereien, Dekoren, Masken und Zierleisten gewachsen waren.

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Besonders üppig dekoriertes Fachwerkhaus in Schwäbisch Hall.

 


Unterwegs

Seit vier Tagen bin ich wieder unterwegs, ein Tag Anreise und drei Gehtage, von Rothenburg o.d.T. südwestwärts über die Hohenloher Ebene, dem Jakobsweg folgend, der hier in der Gegend wiederum dem Schwäbischen Hauptweg Nr.8 folgt, eine für südwestdeutsche Verhältnisse dünn besiedelte Gegend mit ausgedehnten Waldgebieten.

Im Zug habe ich mir erst einmal damit die Zeit vertrieben, den Inhalt meiner Zeichentasche abzubilden.

 

Die Überraschung des ersten Wandertages war die Pflanzenwelt. Am frühen Nachmittag saß ich selig in einer Wiese voller z.T. hüfthoher Orchideen, besonders prächtiger Exemplare des Knabenkrauts.

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Bevor ich am nächsten Tag, gestern, aufbrach, trödelte ich noch ein bisschdn herum und versuchte dem Ort Schrozberg etwas liebenswertes abzugewinnen. Schließlich zeichnete ich, was ich sah – getreu dem Motto der Urban-Sketching-Bewegung – und das war in diesem Fall ein 70/80-Jahre Wohnblock mit tchibobrauner Ladenzeile gegenüber der geschlossenen Kirche.

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Gegenüber dem Pilgerrastplatz in Schrozberg, sozusagen das Ortszentrum.

Heute staunte ich nicht schlecht, als ich, kaum war ich von meiner Übernachtung im Tal wieder auf die Hochebene gestiegen, hinter den Bäumen ein paar Rotorblätter sich bewegen sah. Und wirklich: der fürstlich-hohenlohische Wald steht voller Windräder! Sie drehten sich heute nur langsam und sahen ein bisschen aus wie Wesen aus einer anderen Welt.

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Windräder im Wald, eine Überraschung.


Frauenkirche

Hier nun das dritte und letzte Bild meiner Dresden-Reise, entstanden samstagmorgens an der Elbe. Ich war früh auf, und bevor noch mein Frühstückscafé öffnete, setzte ich mich in einen kleinen, um diese Zeit natürlich verlassenen Biergarten am Elbufer. Vor mir lag das berühmte Panorama im Morgenlicht, anfangs noch sanft und verhangen, später in greller stechender Sonne.

Deren Licht einzufangen war nicht einfach und (für mich) letztlich nur um den Preis von viel Blau am Himmel und viel Grau in den Schatten zu haben. Auf stützende Tintenlinien zu verzichten fiel mir nicht leicht, immer wieder zuckte die Zeichenhand zum Füller; am Ende kam er dann mit einem kleinen Stück Schrift zum Einsatz.

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Die Dresdener Frauenkirche im Morgenlicht. Aquarell auf Stillman&Birn Beta.


Schildkröten

Noch vor dem großen Fliegenmodell habe in einem der Tropenhäuser des Botanischen Gartens der Dresdener Universität einige Schildkröten gezeichnet. Schildkröten sind dankbare Objekte, denn sie bewegen sich bekanntlich nur wenig – wobei diese Art, die Amerikanische Gelbwangen-Schmuckschildkröte, unter Haltern als „lebhaft“ gilt. Den Namen habe ich erst durch Recherche herausgefunden – sie waren, anders als alle Pflanzen, nicht bezeichnet. Dabei habe ich erstaunt erfahren, dass die Tiere fast schon als invasive Art gelten. Immer mal wieder werden welche in der Elbe oder anderswo ausgesetzt und landen dann in mittlerweile schon ziemlich überfüllten Auffangstationen. Vielleicht ist das Tropengewächshaus ja auch so ein Schildkrötenasyl.

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Gelbwangen-Schmuckschildkröten im Botanischen Garten Dresden. Gezeichnet mit blaugrauer Tinte von deAtramentis auf vorgrundiertem Stillman&Birn Beta.

 

 


Ziemlich große Fliege

Am Wochenende war ich in Dresden, zwei angefüllte Tage zwischen verschiedenen Museen, dem Botanischen Garten und langen Gesprächen. Fast überraschend war auch noch Raum zum Zeichnen, und ein besonders geeigneter Ort dafür ist das Hygienemuseum . Neben der Sonderausstellung über Haustiere – „Tierisch beste Freunde“, daher die Anregung für den Titel – bietet die ständige Schau eine unübersehbare Menge an Modellen, Präparaten und Mitmachobjekten – weshalb auch ein Mensch mit kleinem Farbkasten überhaupt nicht auffällt und ich alles schön vor Ort fertig kolorieren konnte.

Dieses Modell der Lieblingsfliege aller Genetiker ist etwa zwei Meter groß; erst wollte ich noch einen Besucher daneben stellen, so als ganz korrekten Urban Sketch, aber die Fliege war gezeichnet so raumgreifend, dass ich es bei der Beschriftung belassen habe.

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Etwa zwei Meter hohes Modell einer Fruchtfliege im Hygienemuseum Dresden. Das Papier hatte ich etwas vorgrundiert, daher hat die Fliege nun rote Punkte an ungewöhnlicher Stelle. Gezeichnet mit brauner Tinte von deAtramentis, etwas grauem und weißem Marker und Wasserfarbe von Schmincke.

 


Westwerk

Kirchen sind in den meisten Fällen in Ost-West-Richtung gebaut, unser Ausdruck „Orientierung“ stammt daher, sie sind nach Osten, Richtung Orient, ausgerichtet. Zum Lichten, Hellen, zum Sonnenaufgang hin stand in mittelalterlichen Kirchen der Hauptaltar; nach Westen, von wo die Nacht mit ihren Dämonen heraufzog, baute man Bollwerke, Türme, manchmal symbolisch, manchmal durchaus von realem Verteidigungswert. „Westwerk“ nennen Kunsthistoriker diese westlichen Querriegel.

In Drübeck habe ich mich am letzten Abend vor die Westseite der Kirche gesetzt und im sinkenden Licht erst einmal eine schnelle Vorzeichnung in einer Linie gemacht, immer wieder hilfreich, um herauszufinden, was mich an einem Motiv am meisten interessiert. Dann ging es los mit Perspektive, schön ordentlich mit Abmessen und Hilfslinien. Den Moment, auf einen etwas kräftigeren Stift umzusteigen, habe ich verpasst, und irgendwann wurde es auch am schönsten Frühlingsabend dunkel.

Zu Hause, heute, habe ich der Zeichnung erst ordentlich Farbe verpasst – und dann doch noch ein paar kräftige Linien eingefügt, weil das Ganze mir ansonsten zu vage war.

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Erst Farbe, dann kräftigere Linien mit Füller – die Westfassade der Drübecker Kirche im Abendlicht.


Schlossblicke

Als vor einigen Wochen Zeichner aus Berlin und dem Norden in Schwerin zu Gast waren, haben natürlich alle das Schloss gezeichnet. Alle außer mir. Für derart komplexe Ansichten, wie sie das Schweriner Schloss bietet, hatte ich an dem Tag nicht die Geduld, ich habe mich an überschaubare Motive gehalten. Und den Vorsatz gefasst, dieses Jahr endlich mal ein paar gezeichnete Schlossblicke zu wagen.

Am 1.Mai bin ich dann auch vorsatzgemäß früh losgezogen, um ungestört im Burggarten zeichnen zu können – und war nach einer Stunde so durchgefroren, dass ich den ganzen Tag brauchte, um aufzutauen. So habe ich das Bild vor Ort auch nur teilweise koloriert, der goldene Schein auf Kuppel und Turmspitzen fehlte noch, ebenso wie das Neapelgelb der Mauern. Ich habe darauf verzichtet, sie zu ergänzen – so rückt der neogotische Choranbau der Schlosskirche in den Mittelpunkt. Gemalt habe ich ihn mit einer meiner Lieblingsfarben, Hämatitschwarz von Schmincke.

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Nordostecke des Schweriner Schlosses, im Vordergrund der neogotische Choranbau der Schlosskirche.

Heute hingegen war das Wetter traumhaft, die Stadt an einem langen Wochenende voller Menschen; zuerst fand ich einen Platz zwischen Fliederduft und Clematislaube, doch danach habe ich mich noch mitten ins Getümmel gesetzt, auf den Logenplatz des „Café Prag“, und die Skyline der Kuppeln und Türmchen gezeichnet.

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Die Stadtseite des Schweriner Schlosses.


Im Garten

Freunde haben kürzlich einen Schrebergarten gepachtet. Heute Nachmittag habe ich sie zum ersten Mal dort besucht.

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Gießkanne und Wassertonne, gezeichnet mit Lexington Grey Ink in ein Aquarellbuch von „Kunst und Papier“