Oscar Niemeyer oder das Glück der Moderne

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als der erste Band des „Lexikon der Kunst“ aus dem DDR-Seemann-Verlag bei uns auftauchte, irgendwann zwischen Kindheit und Noch-Nicht-Erwachsensein, Anfang der 70er. Es war eine bilderarme Zeit in einem bilderarmen Land, Papier knapp und der sozialistische Realismus noch offizielle Doktrin. So sah ich manches, was anderswo Allgemeingut war, in diesem Lexikon zum ersten Mal, und ich schaute es mir so oft an, bis es Teil meines innersten Bildarchivs geworden war.

Vermutlich habe ich auch das erste Bild von Niemeyers Brasília in einem der dicken grauen Bände gesehen. Dass ich für den Kunstunterricht ein elegantes Stelzenhaus mit schrägem Dach entwarf, war dadurch inspiriert (und durch die lichten Stahlbetonparabeln von Ulrich Müther, die ich von eigenem Ansehen kannte.) Ich mochte diese hellen, freundlichen Gebäude, so wie vermutlich die meisten Menschen in meiner Umgebung sie mochten: mit ihnen war der Krieg endgültig vorbei. Der WBS-70-Mehltau sollte sich erst zehn Jahre später über das Land legen, und bis zu den postmodernen Erkerchen war es auch noch eine Weile hin.

Das alles fiel mir heute beim Anblick des Niemeyerschen Hotelbaus in Funchal wieder ein – stückweise, denn ich hatte Jahrzehnte nicht mehr daran gedacht. Ich war zuerst wegen des spektakulären Casinos hergekommen, das leider durch hässliche Werbung so verhunzt ist, dass mir die Lust auf eine Zeichnung verging. Das Hotel sieht auf den ersten Blick wie eine ganz normale, nur etwas geschwungene Bettenburg aus. Wie harmonisch das Ganze ist, wie rhythmisch gegliedert, wie durchsichtig, ohne indiskret zu sein: das sah ich, als ich die Lobby betrat und dann auch ganz mutig bis zur Poolbar durchging. Von dort aus habe ich den Blick auf das meerseitig gelegene Restaurant skizziert.

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Restaurant des Hotel Pestana Casino Park in Funchal. Aquarell und etwas Tinte in S&B Beta.


Das Wiedersehen

Vergangenen Sonntag hatte ich es endlich einmal geschafft, in die ständige Sammlung des Staatlichen Museums Schwerin zu gehen. Leider erst am Nachmittag, Schließzeit ist 17:00, so dass es nur für einen ersten Überblick und eine Zeichnung reichte. Beim Überblick gingen mir schier die Augen über von den Schätzen, die ich in den letzten Jahren ignoriert hatte, der riesigen Holländersammlung, dem lebensgroßen (!) Nashorn von Oudry und den Elfenbeinschnitzereien. (Und, ja, es gibt auch noch den neuerdings angefügten Anbau voller Dada, Videoinstallationen und Ueckerscher Nagelbilder … )

Ein Platz zum Zeichnen fand sich in der Barlach-Sammlung. „Das Wiedersehen“ ist eine Bronzeskulptur, nicht sehr groß, einen knappen halben Meter hoch, die kleinere Version einer doppelt so großen Holzplastik. Ich hatte noch Zeit, ein bisschen Perspektive zu treiben, ein paar Hilfslinien anzudeuten und die beiden Figuren mit grauer Tinte auszuführen. (Zu Hause mit der Farbe tat ich mich schwerer.)

Und beim Zeichnen hatte ich wieder einmal Gelegenheit, darüber zu sinnieren, dass es großer Kunst überhaupt nicht schadet, wenn man sieht, wie sie „gemacht“ ist. Zu sehen, in welcher wunderbar spannungsvollen Nähe die beiden Figuren zu einander stehen, fast ornamental, wie gerade der Jesus, wie gekrümmt der Thomas (denn dieses Wiedersehen ist es, was Barlach abbildet, der Auferstandene und der „Ungläubige“); und wie der Thomas sich an Jesus aufrichtet, von ihm gehalten und getragen wird.

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„Das Wiedersehen“, Bronze von Ernst Barlach, ausgestellt im Staatlichen Museum Schwerin. Noodler’s Lexington Grey Ink in Stillmann&Birn Beta, mit Wasserfarben koloriert.

 


Chinoiserie

Viele Male war ich als Kind im Park von Sanssouci, und häufig lag das Chinesische Teehaus am Weg, ein von Blattgold strotzendes Rokoko-Tempelchen, von dessen Dachtraufe putzige vergoldete Troddeln hingen, unter denen galante Paare mit Tatarenbärten und Sonnenschirmchen turtelten – wie man sich das ferne und nur wenigen von Angesicht bekannte China derzeit eben vorstellte. Chinoiserie war eine Mode der Zeit.

Gestern hatte ich die glückliche Gelegenheit, in Hamburg eine ganz andere Chinoiserie zu zeichnen. Im Stadtteil Rotherbaum findet sich zwischen Gründerzeit- und Art-Deco-Fassaden unvermittelt ein chinesischer Bau, wie er chinesischer nicht sein könnte: Das „Yu-Garden“-Teehaus, ein Geschenk der Stadt Shanghai an die Partnerstadt Hamburg. Hier ist das Hamburger Konfuzius-Institus zu Hause – das chinesische Pendant zum Goethe-Institut -, ansonsten dient das aufwändig in traditioneller chinesischer Bauweise errichtete Gebäude als Veranstaltungs- und Tagungsgebäude.

Anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes waren die Hamburger Urban Sketchers eingeladen, in dem Gebäude zu zeichnen, und ich hatte mich ihnen angeschlossen. Mein morgendlicher Aufbruch in Schwerin war etwas holprig gewesen und als ich mit dem Zeichnen beginnen wollte, hatte ich nur ein Skizzenbuch mit viel zu glattem Papier und gar keinen Bleistift dabei. Ich probierte verschiedenes aus, diese Skizze des über dem kleinen Teich fast schwebenden Teepavillons habe ich vor Ort mit einem hellgrauen „Graphik“-Liner von Derwent angelegt. Zu Hause gefiel mir der zarte Grau, und ich vertiefte mit es mit Lexington Grey Ink von Noodlers und nicht zu viel Farbe. Ostasien war bei dieser Übung gleich zweimal mit im Spiel: die schöne graue Tinte steckt in einem feinen japanischen Füller (Pilot Prera) und die Aquarellfarben sind von er koreanischen Firma Mijello – leuchtende, kräftige, dabei wenig opake Töne, die ein bisschen an Acrylfarben erinnern.

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Teepavillon im Hamburger Yu-Garden.


Mal was anderes

Diese beiden Porträtskizzen sind am Rande unseres Zeichentreffens in der Classic Remise entstanden, beide auf Aquarellpostkarten im A6-Format.


Wand-Lettering

Das Städtchen Gräfenberg in Oberfranken hat – mit allen eingemeindeten Dörfern – viertausend Einwohner, drei Brauereien und einen Bahnanschluss Richtung Nürnberg. Über den kommen am Wochenende die Bierwanderer und absolvieren den 5-Seidla-Steig. Auf meiner Herbsttour konnte ich sie in ihren primärfarbenbunten Wetterjacken schon von weither sehen.

Im Gasthof einer der Brauereien habe ich übernachtet, und an der zweiten kam ich vorbei. Besonders hatte es mir der schöne 60er-Jahre-Schriftzug über der Rampe angetan. Heute nennt man so etwas „Hand-Lettering“: geschwungene Buchstaben mit der Anmutung von Handschrift. Dieser hier brauchte keine gemalten 3-D-Effekte, der Schattenwurf ist echt und der Oktobermorgensonne gedankt.

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Rampe der Brauerei Friedmann in Gräfenberg, vor Ort mit Bleistift skizziert und zu Hause koloriert.


Mein erstes Auto

Der Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.

Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.

Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

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1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)


Von Müllern und Katern

Am Ende des schönen Trubachtals liegt das Örtchen Egloffstein, zwei Handvoll Häuser, von der unvermeidlichen Burg überkrönt. Übernachtet habe ich unten neben der Trubach, in einer ehemaligen Wassermühle. Vor dem Aufbruch am nächsten Morgen bemerkte ich gerade noch rechtzeitig die Tür mit dem Wappen der Mühle: Zwei Kater, eine Zahnwelle haltend. Ein sinniges Motiv, dürften doch Mäuseplagen den Müllern aller Zeiten zugesetzt haben.

Dass Künstler früherer Jahrhunderte Löwen oft etwas eigentümlich abbildeten, ist der Tatsache geschuldet, dass sie nie einen im Original sahen – warum aber der unbekannte Künstler, dem Felis silvestris sicher eine vertraute Art war, sie derart seltsam darstellte, dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen. In die Länge gezogen und mit löwenartig bequasteten Schwänzen (auf meiner Zeichnung nicht besonders gut zu erkennen) sind sie ein so merkwürdiger Anblick, dass ich einen Moment überlegen musste, welche Tiere überhaupt gemeint sind. An ihrem Geschlecht hingegen gibt es keinen Zweifel: beide ziert eine prächtige Erektion.

Vor Ort gezeichnet habe ich das Motiv mit Bleistift; als ich die Schatten zu Hause ebenfalls mit Graphit vertieft hatte, kam ich auf die Idee, mit Albrecht-Dürer-Aquarellstiften weiterzuarbeiten. Der etwas opake, kreidige Charakter der Stifte schien mir besser zu dem Motiv zu passen als Aquarellfarbe. Wieder einmal ist mir dabei aufgefallen, wie anders diese Stiftfarben sich verhalten als übliche Wasserfarbe.

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Alte Eingangstür mit Wappen der Egloffsteiner Mühle. Graphit und Aquarellstifte.


Durchs schöne Trubachtal

Einer der schönsten Wegabschnitte meiner Wanderung in der Fränkischen Schweiz war der durch das Tal der Trubach, von Obertrubach nach Egloffstein. Lief der Weg die ersten zwei Kilometer wegen der Enge des Tals noch etwas nah an der Straße, weitete sich die Landschaft dann in eine hüglige Idylle und verzweigte sich in Nebentäler. In der Kleinteiligkeit erkennt man die Formen der alten Kulturlandschaft: Terrassierungen, alte Bewässerungsgräben, Hecken …

An einem Rastplatz habe ich eine kleine Studie von zwei Pflanzen begonnen, die das Bild ganz besonders prägen: Der Pfaffenstrauch mit seiner unglaublichen Farbkombination aus magentafarbenen Blüten und orangenen Beeren und der Walnussbaum, der auf keinem Bauerngehöft fehlen darf und oft auch in Verbindung mit den Hecken zu finden ist, sie meist weit überragend.

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Pflanzenstudie Pfaffenhütchen und Walnussblatt. Vor Ort aquarelliert und zu Hause mit Tinte vervollständigt.


Steampunk

„Steampunk“ steht für eine Stilrichtung, die an die Ästhetik von Jules-Vernes-Verfilmungen anknüpft, an unsere Bilder von Ballonfahrten, Taucherglocken, allerersten Automobilen. An all das und ein bisschen auch an die Weltraumreisen des Piloten Pirx durfte ich mich glücklich erinnern, als ich am Freitag Nachmittag in der Schweriner „Rösterei Fuchs“ die Kaffeeröstmaschine zeichnete.

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Röstmaschine in der Schweriner Kaffeerösterei „Fuchs“. Füllfeder, verschiedene Marker und Aquarellstifte.


Kunigundes Kemenate

Ich hatte den Eintritt bezahlt und durfte nun die Gößweinsteiner Burg betreten und besichtigen. Es hat sich gelohnt! Der erste verblüffende Eindruck war der von der Kleinheit der Anlage. Was von fern riesig auf hohem Berg erscheint, rückt nach gar nicht so viel Höhenmetern nahe und schrumpft auf die Größe von zwei Einfamilienhäusern plus einräumiger Kapelle. In diesem Ambiente sind ein paar Räume geöffnet, die im Mittelalterrevival des 19.Jahrhunderts letztmalig renoviert und noch nie museumspädagogisch verbessert wurden. Darin stehen ein paar schöne alte Eichenmöbel, manche mittelalterlich, manche nur so tuend. Eine Aufsicht gibt es auch nicht, die Möbel bleiben dank ihres Gewichts ohnehin am Platz, was immer man versucht.

Ich hatte es mir in der „Kemenate“ gemütlich gemacht, in der das Bett und ein zugehöriger Schrank wohl wirklich ein paar hundert Jahre alt sind. Wenn ich mich auf die Strohmatratze gelegt und ein Mittagsschläfchen gemacht hätte, wäre es vermutlich auch nicht aufgefallen; ich habe mich aufs Zeichnen beschränkt, und das auch nur mit Bleistift. Zu Hause habe ich das Ganze dann mit PITT-Pens und etwas Bleistift ausgeführt.

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Bett in dem als „Kemenate“ bezeichneten Raum der Gößweinsteiner Burg. PITT-Pens und etwas Bleistift.