Es geht los
Veröffentlicht: 31. Juli 2019 Abgelegt unter: Amsterdam 2019, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Amsterdam, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarAm Mittwoch, heute vor einer Woche, geht es richtig los. Jedenfalls mit der Hitze, über 35 Grad sind angesagt. Das Symposium beginnt erst am Nachmittag, genug Zeit für einen ausgedehnten Morgenspaziergang.

Gleich um die Ecke finde ich die Staalmeestersbrug, an der es früh am Morgen noch sehr ruhig ist.
Als ich nach einer kleinen Mittaggsruhe im Hof der Zuiderkerk, einer zum Vernastaltungszentrum umgebauten Kirche, ankomme, summt und brummt der Hof schon von den Zeichnern aus aller Welt, die sich dort versammelt haben.

Anstehen für die Registrierung. 
Kurz bevor die Türen aufgehen – die freiwilligen Helfer tragen rot.
Frisch eingecheckt stürme ich erst einmal zum da-Vinci-Stand, einer von Künstlerbedarfshändlern, die ihren Platz auf der Empore haben. Und wirklich, bei den Pinseln ist die längste Schlange, und als ich die absolviert habe, bin ich um drei neue Reisepinsel reicher.

Die ersten Striche mit einem der neuen Pinsel sagen mir: es hat sich gelohnt!
Amsterdam – Ouvertüre
Veröffentlicht: 30. Juli 2019 Abgelegt unter: Allgemein, Amsterdam 2019, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Amsterdam, Sushi Hinterlasse einen KommentarBevor es in der letzten Woche mit dem internationalen Symposium der Urban Sketchers, dem großen internationalen Zeichenfestival, in Amsterdam losging, musste ich erst einmal hinkommen. Müde und zerknittert wie immer am ersten Reisetag saß ich im Zug und musste mir einen ordentlichen Schubs geben, um mit dem lang ersehnten Zeichnen zu beginnen. (Für Nicht-Zeichner: die Hand-Auge-Koordination ist eine sensible Angelegenheit und möchte daher eigentlich täglich – täglich! – trainiert werden – „Nulla dies sine linea“ hieß das bei den alten Meistern.)

Ein paar Leute auf dem Bahnhof und meine neue Grünauswahl im Kasten – Hauptsache anfangen! 
Der Plastikbecher des Sitznachbarn ließ in mir den Wunsch aufkommen, auch diese Seite der Reise zu dokumentieren.
In Amsterdam angekommen, lief ich erst einmal etwas verpeilt durch die Gegend, bis ich ein schönes Sushi-Restaurant für das Abendessen fand.

Sushi gehen (fast) immer. Diese waren besonders gut.
Am nächsten Tag besuchte ich einen Freund im weiteren Umland. Auf dem Weg zum Bahnhof zeichnete ich für ihn noch eine kleine Postkarte.

Blick von der Brücke am Rembrandthaus auf den „Montelbaanstoren“, einen alten Verteidigungsturm. Diese Ansicht würde ich in den nächsten Tagen noch mehrmals variieren. 
Am Hundestrand im Nirgendwo bei Houten. Gezeichnet auf blau getöntem Aquarellpapier.
Belliner Bilderbogen
Veröffentlicht: 21. Juli 2019 Abgelegt unter: Botanische Malerei, Farbstifte, Mixed Media, Pflanzen, visuelles Tagebuch | Tags: Bellin, Pflanzen, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarVergangenes Wochenende hatte ich, wie schon im vergangenen Jahr, das Vergnügen, im „Haus der Stille“ im mecklenburgischen Bellin einen kleinen Zeichenkurs zu geben. Passend zur Ausrichtung des Hauses ging es dabei weniger um technisches Können als darum, die Wahrnehmung zu schulen und im Hier und Jetzt genau hinzusehen.
So fingen wir auch nach dem Abendessen genau damit an: mit dem Hier und Jetzt und dem, was auf dem Tisch vor uns stand. In meinem Fall war das ein Glas voller Honig von den Bienen der evangelischen Schule in Parchim.

Am nächsten Morgen ging es weiter mit einem „Bilderbogen“ – kleinen schnellen Skizzen zur Motivfindung. Auf meinem habe ich gezeichnet, was ich sehe, wenn ich aus der Tür des Hauses trete – nachdem ich die Kästchen vorbereitet hatte, habe ich dafür kaum mehr als zwanzig Minuten benötigt.

Im weiteren Verlauf des Wochenendes habe ich es einigen Teilnehmer*innen gleich getan und mich mit neuen Materialen vertraut gemacht – in meinem Fall waren das getönte Papiere und deckende Farben.

Hier ein schnelles Porträt mit Gouachefarbe auf dem schönen Paint-On-Papier von Clairefontaine, entstanden beim abendlichen Gespräch im Garten.
Da ich eine Frühaufsteherin bin, konnte ich vor dem Frühstück noch eine Nachtkerze zeichnen – dieses Mal auf die graue Variante dieses Papiers. Die knalligen weißen Linien habe ich zu Hause mit einem Gelroller ergänzt. Ich weiß noch nicht so richtig, ob ich das Ergebnis mag.

Fragaria namenlos
Veröffentlicht: 11. Juli 2019 Abgelegt unter: Ink&Wash, Pflanzen | Tags: Botanical Art, Obst, Pflanzen Hinterlasse einen KommentarNoch vor meiner Reise nach Potsdam hatte ich Lust auf eine schön meditative Pflanzenzeichnung bekommen. Ich entschied mich für eine Bodendeckererdbeere. Vor Jahren hatte ich ein paar Pflanzen aus meinem früheren Garten mitgebracht und voll Freude beobachtet, wie sie sich gegen weniger Erwünschtes durchsetzten, dabei hübsche und hinreißend duftende Früchte ansetzten und bald eine robuste Population bildeten, im Schatten wie in der Sonne.
Wie wollen diese bescheidenen freundlichen Pflanzen eigentlich angesprochen werden? Sie ähneln in Duft und Gestalt der Walderdbeere, Fragaria vescia, sind allerdings größer und schmecken dann doch nicht so aromatisch. Beim Nachlesen schwirrte mir bald der Kopf von all den Fragarien, chiloensis, virginiana, ananassa, ihren Hybriden und Sorten … So blieben sie – zumindest für mich – am Ende namenlos, wie manche andere über den Gartenzaun vermehrte Sorte …

Am Morgen eines heißen Tages
Veröffentlicht: 10. Juli 2019 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Potsdam, Rokokko, Sanssouci 3 KommentareNachdem ich in der Neustädter Havelbucht den Spuren meiner ersten Stadtzeichnung nachgegangen war, ging ich noch einmal in den Park Sanssouci. Das Thermometer war bereits auf über 30 Grad gestiegen; umso erfreuter war ich, an der großen Fontäne noch einen Platz auf einer schattigen Marmorbank gefunden zu haben.
Wie immer erweiterte das Zeichnen meinen Blick: aus zwei seit über fünfzig Jahren vertrauten, doch stets namenlos gebliebenen Marmorfiguren wurden Apollo und Diana. Auch dass sie einander sehnsuchtsvoll zugewandt sind, sah ich zum ersten Mal.

Völkerkunde oder: Chinoiserie 2.0
Veröffentlicht: 7. Juli 2019 Abgelegt unter: Architektur, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: China, DDR, Potsdam, Rokokko Ein KommentarEigentlich hatte ich die Rosen zeichnen wollen: hunderte alte Sorten kann man im Rosengarten am Schloss Charlottenhof im Park Sanssouci bewundern. Wenn man zur richtigen Zeit kommt. Ich aber war zwei, drei Wochen zu spät, die Hitze hatte das ihre dazu beigetragen, dass nur noch ein paar Nachzüglerinnen ihre letzten rosa Blütenköpfe zeigten. Außerdem wurde es dort rasch heiß.
So wanderte ich weiter zum Chinesischen Teehaus, einem Pavillon im „chinesischen“ Stil, dessen lebensgroße vergoldete Figuren unter „Palmen“-Säulen uns viel über das Weltbild des Rokokko und wenig über das China jener Zeit erzählen: eine Chinoiserie. Bewacht wurde das Gebäude von einem grimmig dreinschauenden Herrn meines Alters, der mich daran erinnerte, dass Potsdam einst eine Hochburg sehr staatsnaher DDR-Beamter gewesen war.
Kaum hatte ich es mir auf meiner schattigen Bank gemütlich gemacht, kamen drei echte Chinesinnen des Wegs und begannen vor der Figurengruppe für ein Foto zu posieren. Zwei von ihnen überstiegen eine niedrige Hecke am Wegrand und im selben Moment hörte man es von innen laut an die Scheibe wummern. Als die Damen nicht reagierten, kam der Wachmann in erstaunlichem Tempo um die Säulen herum gerannt und brüllte: „MACHT IHR DITT IN CHINA OOCH SO, ODA WATT?“

Am früheren Beruf des Herrn hatte ich nun keinen Zweifel mehr. Die Chinesinnen aber schlenderten geruhsam weiter und ließen mich mit der Frage zurück, ob ihnen wohl eine App verraten hatte, was die goldenen Figuren darstellen sollten.
Der rote Zug
Veröffentlicht: 3. Juli 2019 Abgelegt unter: Allgemein, Aquarell, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Moderne, Potsdam Ein KommentarAm Tag, als die Hitze kam, war ich früh aufgestanden. Von meinem kleinen Hotel in Potsdam-West war ich schon vor 7 Uhr aufgebrochen, um an der Neustädter Havelbucht nach dem richtigen Blick zu suchen. Ungefähr vor 45 Jahren hatte ich als Schülerin hier schon einmal gezeichnet – das griffige und einfach zu erfassende Motiv gehörte zum Standardprogramm unseres Kunstunterrichts.
Ich fand das Sujet meines ersten urban sketches weitgehend unverändert wieder – die Brücke, die Hochhäuser (die seinerzeit ganz neu gewesen waren), das Wasser. Die Bäume schienen mir höher als damals (kein Wunder nach so langer Zeit) und die Bootsliegplätze hatte es wohl auch noch nicht gegeben, genau so wenig wie die „Seerose“, einen Mütherschen Schalenbau, auf dessen Terrasse ich es mir jetzt bequem gemacht hatte.
Und auch die roten Züge, der so bildwirksam im Viertelstundentakt über die Brücke rollten, hätte es 1975 nicht gegeben. Nicht nur, dass Züge grau oder grün gewesen waren: diese Strecke war von der Berliner Hauptverbindung nach Westen zu einer Nebenstrecke geworden, auf der neben streng bewachten Transitzügen nur eine kleine Stadtlinie verkehrte, die kaum noch jemand zu brauchen schien.
Die roten Züge wissen, dass es anders kam.

Epilog: Karlsruhe
Veröffentlicht: 25. Juni 2019 Abgelegt unter: Hommage, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Baden, Friedhof, Karlsruhe Hinterlasse einen KommentarAuf dem Heimweg von meiner Frühlingsreise habe ich noch einen Tag in Karlsruhe Station gemacht, um einen alten Freund zu besuchen. Ich hatte die Stadt einige Jahre nicht gesehen und fand sie freundlich und verjüngt vor – auch wenn meine Zeichnungen weder die schönen modernen Campusgebäude noch die die vielen jungen Menschen zeigen.
Am Ankunftsabend saß ich in der fallenden Dämmerung auf einem kleinen dreieckigen Platz in der Oststadt (hat Karlsruhe eigentlich auch Plätze, die NICHT dreieckig sind?) und zeichnete mein Hotel. Es herrschte eine ruhige und friedliche Stimmung dort, etwas von (noch?) nicht gentrifizierter Nachbarschaft; vielleicht war ich ja auch nur selbst nach zwölf Tagen Pilgerweg so friedvoll gestimmt … Passend dazu versuchte ich mich in meditativer Genauigkeit, ein wenig in Anlehnung an die Karlsruhe-Skizzen von Tatjana Kulikova; doch am Ende sieht es doch wieder sehr nach mir aus.

Am nächsten Tag lernte ich den sehr schönen Karlsruher Hauptfriedhof kennen. Hier versuchte ich nicht, in den Schuhen von jemand anders zu gehen; ich zeichnete schwungvoll drauf los und auch die Farbe kam gleich vor Ort aufs Blatt.

Bagger, Reframing und Popkultur
Veröffentlicht: 24. Juni 2019 Abgelegt unter: Alltag, Bewohntes Gelände 8, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Kleidung, Popkultur, Schwaben, Tracht Hinterlasse einen KommentarFast schon wäre es mir zur Mühsal geworden, die letzten Seiten im Reisebuch vorzeigbar herzurichten – zum Glück hatte ich gestern ein paar „leere“ Stunden zur Verfügung, in denen ich noch ein bisschen Farbe und Schrift verteilen konnte.
Einiges, wie die flüchtigen Skizzen der letzten, kurzen Wanderetappe von Bisingen nach Balingen bleibt unfertig und ungescannt zwischen den Buchdeckeln. Dafür leistete ich am Morgen beim Frühstück, schön im Warmen hinter einer großen Scheibe, meinen Beitrag zu einem derzeitigen running gag der Urban Sketcher: ich zeichnete einen Bagger. (Und hatte, da keine Wanderetappe anstand, Zeit für die Kolorierung.) Das kleine Bagger-Glück war ein schönes Beispiel für das, was Psychologen auf neudeutsch Reframing nennen: Dinge neu zu bewerten, in dem man sie in einem anderen Rahmen betrachtet – eine Baustelle vor dem Hotel gehört sonst ja eher nicht zu den Reisefreuden.

Im Regio von Tübingen nach Stuttgart konnte ich noch das Rätsel lösen, was es mit den jungen „Trachten“-Träger*innen auf sich hatte, die uns hier in der Gegend immer mal wieder aufgefallen waren. Eine junge Frau in einem rosa Dirndl saß in meinem Sichtfeld; sie war so sehr mit sich, ihrer Verkleidung, ihrer Bierbüchse und dem Gespräch mit ihrem Gegenüber beschäftigt, dass ich sie ungestört zeichnen konnte.
In Bad Cannstadt stieg sie aus, und mit ihr noch zahlreiche andere bedirndlte und belederhoste Gleichaltrige, die dem „Wasen“ zustrebten, einem Stuttgarter Volksfest. Dass es dort seit einigen Jahren Usus geworden ist, sich in etwas zu kleiden, was man eher ein popkulturelles Zitat als eine Tracht im eigentlichen Sinn bezeichnen kann, war sogar der Lokalpresse einen Artikel wert. (Und erinnerte mich daran, im vergangenen Herbst im tiefsten Mecklenburg Zaungast eines „Oktoberfestes“ gewesen zu sein, zu dem die Menschen ähnlich faschingsmäßig kostümiert antraten.)

Zu den Hohenzollern
Veröffentlicht: 16. Juni 2019 Abgelegt unter: Bewohntes Gelände 8 | Tags: Burg, Hohenzollern, Kleidung, Preußen 4 KommentareNach dem frühsommerlichen Pfingstausflug schweifen meine Gedanken wieder zurück zur Frühlingswanderung. Hinter Schloss Lindich ging es weiter über maigrüne Wiesen, während die Burg Hohenzollern allmählich näher rückte.

Als Kind der DDR bin ich, obschon in Potsdam aufgewachsen, nicht besonders sattelfest in dynastischer Geschichte, und so weiß ich auch noch gar nicht so lange, wie die preußischen Könige und Kaiser mit dieser hübschen süddeutschen Burg und dem Duodezfürstentum Hohenzollern-Hechingen zusammenhängen. (Eine erste Ahnung bekam ich auf der Pilgeretappe 2017, als ich in der Klosterkirche von Heilsbronn unvermittelt auf Hohenzollern-Gräber stieß.)
In Hechingen übernachteten wir in der einzigen Bruchbude der Tour, der wir gern noch vor sieben Uhr den Rücken kehrten, um der angekündigten Kaltfront zuvorzukommen. Kurz nach neun und kurz vor dem Wettereinfall waren wir oben und konnten uns das Schneetreiben (!) durch neugotische Fenster hindurch ansehen.

Die Burg ist, wie fast alle Bauten dieser Art, eine neugotische Kulisse – sie ist nie bewohnt worden, sondern war einer der teuren steingewordenen Träume des „Romantikers auf dem Thron“ Friedrich Wilhelm IV. (Apropos Kind der DDR: bei solchen Anlässen klingt mir Bertolt Brecht in den Ohren „Wer erbaute das siebentorige Theben …“)
Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg fast alle Hohenzollernschlösser im Osten Deutschlands wiederfanden (und, wo immer es ging, abgerissen oder umgenutzt wurden), kam der Burg Hohenzollern eine neue Rolle als Sehnsuchts- und Projektionsort zu; in ihrer Schatzkammer werden seitdem Devotionalien der preußisch-wilhelminischen Ära ausgestellt.

