In schwindendem Licht

Endlich wieder zeichnen! Täglich! An diesem Wochenende konnte ich ein Projekt abschließen, das mich neben Alltag und Arbeit auf anregende Weise involviert hatte und nun wieder Zeichenzeit freigibt. Und dann, nicht ganz unwichtig, steht auch noch ein Urlaub bevor.

Wieder einmal war ich im Haus der Stille im mecklenburgischen Bellin; zwei Farbstiftskizzen der Kirche sind entstanden, deren eine, vom Freitagabend, ich hier zeigen möchte. Sie ist mit Farbstiften aud dunkelgrauem Papier gezeichnet, wie ich es in Amsterdam im Kurs von Pat Southern-Perace gelernt habe. Vor Ort war nur Zeit für die Dachlinie, den Himmel und die Binnenstruktur der Kirche habe ich heute fertiggestellt. (Das Wetter war ganz das richtige für einen Nachmittag am Zeichentisch.) Leider hat der schicke violette Acrylmarker von Derwent ganz fürchterlich gekleckst.

Gestern Abend, auf dem Rückweg von Bellin, habe ich noch eine Freundin besucht und mich im schwindenden Licht auch noch mit der Kirche beschäftigt – dieses Mal ganz „normal“ auf weißem Papier. Erst ein bisschen Farbe locker aufgetragen und dann vor Ort mit Marker Konturen und etwas Schatten angelegt. Die restliche Farbe kam, vielleicht ein bisschen zu bunt, heute dazu.

Die Dorfkirche von Kuppentin in Mecklenburg.

Zwei mal zwei

In den letzten beiden Wochen hatte ich viel zu tun, zum Zeichnen kam ich immer nur sporadisch: zwischendurch im Einkaufszentrum ein paar Passanten (Üben! Üben!), die hier nicht gezeigt werden sollen. Das Objekt der Begierde vom letzten Wochenende konnte ich nur in Etappen fertigstellen, die letzte heute Abend am Zeichentisch. Dafür habe ich es gleich zweimal gezeichnet, einmal „normal“ – Linie zuerst – und einmal „color first“.

Ich hatte die alte Ludwigsluster Autowerkstatt schon lange ins Auge gefasst, immer fürchtend, jemand könnte sie abreißen oder auch nur zu Tode renovieren, bevor ich sie zeichne. Repariert wird da übrigens schon lange nichts mehr – sie dient als Carport.

Heute war Sonntag, in Schwerin gab es gleich zwei nette Märkte und ich hatte Zeichenzeit eingeplant. Die Marktbesucher (Üben! Üben!) gibt es hier nicht zu sehen, dafür gleich zwei Domblicke auf getöntem Papier. Für einen Vortrag will ich verschiedene Varianten von Negativräumen zeigen; dabei kam mir die Idee, dass auch der Himmel, zeichentechnisch gesehen, ein Negativraum ist, und was für einer! Variante zwei ist eine Übung in Gouache.


Autos in der Stadt

Mit den Autos ist das so eine Sache: Wie viele Errungenschaften des modernen Lebens werden sie lieber genutzt als gezeichnet. Ich nehme mich da selbst nicht aus, auch wenn ich sie seit seit dem hinreißenden Workshop von Dave Robb in Eutin mit anderen Augen sehe. Daves wichtigste Botschaft an diesem denkwürdigen Vormittag: Dieses blaue Auto ist nicht blau. (Sondern silbern, spiegelnd, leuchtend, grün, rot und und und …)

Als ich gestern Vormittag am Schweriner Schelfmarkt um die Ecke bog, um zum ersten Treffen der neuen Schweriner Urban-Sketcher-Gruppe (!) zu gehen, sprangen mir die im Schatten der Linden geparkten Autos ins Auge. Das wäre mein Motiv für nachher! Und, ja, es ist es dann auch geworden, auch wenn mir der dunkle Vordergrund vor dem hell orange leuchtenden Haus ordentlich was zu knabbern gab. Dafür hatte ich aber wirklich ein blaues Auto erwischt, noch dazu eins, an dem relativ viel Blau zu sehen war.

Für mein zweites Bild nahm ich mir eine Jugendstilfassade vor, die ich schon immer mal hatte zeichnen wollen. Obwohl ich beste Bedingungen vorfand dort im luftigen Schatten auf dem schönen alten Platz, biss ich mir an dem Motiv fast die Zähne aus – zu viel auf einmal, zu dünner Stift, zu glattes Papier … Und dann stand da auch noch dieses knallrote Auto … Sollte ich das überhaupt kolorieren? Ich sollte – und unversehens hatte ich mich mit dem Bild versöhnt. Auch wenn von der Jugendstilfassade nicht viel zu sehen ist.


Die Puppe mit den Schlafaugen

Heute habe ich eine meiner alten Puppen verschenkt. Das kleine Mädchen hatte sich zum Geburtstag eine „Puppe mit Schlafaugen“ gewünscht und ich mich erinnert, dass noch zwei aus meiner Kindheit tief unten im Schrank lagen. Die Puppe war erstaunlich gut erhalten – bei dieser Gelegenheit erst sah ich, dass die Schenkerin seinerzeit – Anfang der 60er Jahre – eine teure Marke gewählt hatte. So hatte ich jetzt auch kein Problem, von eben dieser Marke ein perfekt sitzendes modernes „Outfit“ zu erwerben, denn die Kleidung war doch schon ein bisschen in die Jahre gekommen.

Vor dem Umzug habe ich sie noch einmal in ihrer alten Kleidung gezeichnet. Der gestreifte und schon ziemlich ausgeleierte Pullover war möglicherweise später dazu gekommen – erinnerte er mich doch an eben diese Mode Ende der 70er, für immer verewigt in Niedeckens „Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau“. Bei der Hose fiel mir dann auch noch Reinhard Meys „Kinderhosenballade“ ein. (Überhaupt diese Mischung aus Kindergesicht, Latzhose und toupierter Frisur!)

Am Ende sind zwei Seiten in zwei unterschiedlichen Büchern daraus geworden. Zuerst machte ich mehrere freihändige Skizzen auf dem feinen glatten Zeta-Papier von Stillman&Birn und hatte dann Lust, ein bisschen mit Farbe und Collage zu spielen.

Danach griff ich zu dem selbstgebundenen Buch, das ich vor der Amsterdam-Reise zusammengestellt hatte. Darin warten noch viele Seiten getöntes Bockingford-Aquarellpapier aus meinem unerschöpflichen geerbten Vorrat darauf, dass ich ausprobiere, was sich mit ihnen am besten anstellen lässt. In diesem Fall ist es ein Aquarell mit einem Hang zur Gouache geworden. Immerhin habe ich mich beherrscht und keine Stifte verwendet.


Fertig werden

Wer kennt das nicht: Eigentlich – schon das Wort, „eigentlich“ … eigentlich sollte es verboten werden – also eigentlich ist das Projekt fertig. Bis auf, nun ja, diese Kleinigkeit: zwei letzte Kisten müssen noch ausgepackt werden, die in der Mappe nach hinten gepackten Schriftstücke abgezeichnet und diese kaputte Glühbirne ausgewechselt … Und, es ist wie verhext, obwohl diese kleinen, unerledigten Dinge gar nicht wichtig sind, nichts von ihnen abhängt, so kleben sie uns an den Fersen und machen die nächsten Schritte schwer.

So ging es mir mit den allerletzten Amsterdamer Bildern. Sie waren fertig, mussten nur noch gescannt werden. Eigentlich, bis auf die Schrift. Wie blöd, der blaue Füller ist grad leer. Mach ich morgen. Und die Schatten noch mal vertiefen neben dem Bagel. Muss erst trocknen, bevor ich die Schrift … und der Füller, wo war der noch mal abgeblieben … ?

Heute, an einem dieser wunderbar duftenden Augustmorgen, war es endlich so weit: Farbe in den Füller, Schatten vertieft, Schrift ergänzt … Ging ganz schnell und hat gar nicht wehgetan.

Stehen geblieben war ich am Freitag, dem 26.Juli, als ich im Buntstiftfarbenrausch eine Dachlinie nach der anderen zeichnete. Für den Samstag hatte ich einen Kurs bei Norberto Dorantes gebucht: „Line Flow: Discover How a Simple Line Can Be a Launch Point and Join Spaces“ Rein formal ging es hier um schnelles lineares Zeichnen und um intuitive Komposition – dahinter leuchtete immer wieder das Wort „Vertrauen“ auf, keine Angst zu haben vor den manchmal unerwartet riesigen weißen Flächen, die sich in unseren Skizzenbüchern auftun.

Den Schwung habe ich in den Nachmittag und die nächsten Tage mitgenommen, auch zu Hause hat er mich noch ein wenig begleitet.

Abends schwirrte mir der Kopf derart vom Trubel, dass ich die Abschlussveranstaltung schwänzte und mich ganz allein auf den Kai vor dem Nemo setzte. Das Ergebnis war ein schnelles Aquarell, ganz ohne Linien und noch einmal anders als die verschiedenen Stile, die ich an den Vortagen ausprobiert hatte.

Aquarell auf blau getöntem Bockingford-Papier in meinem selbst gebundenen Skizzenbuch.

Mittwochsmarkt

Ich wollte immer schon mal auf dem Schweriner Mittwochsmarkt zeichnen, doch es ist nie etwas daraus geworden. Heute hatte ich es mir fest vorgenommen und saß mit gespitztem Bleistift und neuem „Schmierheft“ (dem hübschen Rausreißbuch von Leuchtturm1917 aus dem Amsterdamer Gabenbeutel) auf einem der begehrten Außenplätze vom „Fuchs“. Ich wollte den Schwung vom letzten Wochenende nutzen und Menschen zeichnen.

Das tat ich auch – erst einmal. Doch der Kaffee war noch nicht ausgetrunken, als mich die Dächerlinie und der dramatische Himmel magisch anzogen, ich mein Aquarellbuch rausholte und ein bisschen was im Stil von Pat Southern-Pearce probierte – nur eben mit Aquarell und auf weißem Blatt. Ich begann mit der Dächerlinie, kolorierte dann den Himmel und widmete den Gebäuden möglichst wenig Aufmerksamkeit.

Und was wurde aus den „gesture drawings“? Die zwei ausdrucksstärksten habe ich zu Hause ausgeschnitten und in die „Sense-of-Place“-Kästchen geklebt, die ich schon vorbereitet hatte. Das Ergebnis ist eine Symbiose aus zwei sehr unterschiedlichen Seminarerfahrungen, ein bisschen unruhig und „wild“, und ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Auf dem Schweriner Mittwochsmarkt.

Menschen!

Dieses Wochenende habe ich Menschen gezeichnet, und zwar viele. Unter Anleitung der Illustratorin Nicola Maier-Reimer ging es zwei Tage lang vor allem um eines: das Erfassen der menschlichen Gestalt in Bewegung. Stundenlang saßen wir in Hamburger Einkaufszentren und Selbstbedienungsrestaurants und versuchten, nicht nur schnell zu sein, sondern uns auch in die gezeichneten Gegenüber einzufühlen.


Immer noch Amsterdam

Ja, immer noch, und immer noch die Nachwirkungen des Workshops bei Pat Southern-Pearce: getöntes Papier, Kreide, ein leuchtender Himmel, Schrift und Kästchen mit Details. Hier nun das letzte Bild aus dieser Serie, entstanden am Freitagabend, als die Stadt noch heißer, noch lauter, noch voller zu sein schien als an den vorangegangenen Tagen. Ein bisschen von dieser Stimmung hat sich in meinem Bild niedergeschlagen, ein bisschen Unruhe in den unterschiedlichen Schriften, Hintergründen, Kästchen …

Es wird das vorerst letzte aus dieser Serie bleiben; als nächstes werde ich beobachten, ob sich etwas von dem Gelernten mit dem Bisherigen verbinden mag. Wobei nicht einmal alles neu ist – verschiedene Schriften habe ich schon immer gern verwendet und auch mit Stiften und Kreiden arbeite ich nicht zum ersten Mal.


A Sense of Place and a Story Told …

…, das war der Titel des zweiten Workshops, den ich in Amsterdam besucht habe. Gehalten wurde er von Pat Southern-Pearce, der großen alten Dame des Urban Sketching. Wie erfasse ich den Geist eines Ortes? Pat hat uns ihren Weg dazu gewiesen, oder besser: einen ihrer Wege, denn auch wenn sie einen charakteristischen Stil hat, so ist sie doch eine sehr vielfältige Künstlerin.

Technisch unterscheidet sich das Gelernte wesentlich vom Gewohnten, was für mich einen Teil des Reizes ausmachte: getönte Papiere, Farbstifte, Kalligraphie, das Arbeiten von dunkel nach hell … doch wie die Überschrift ahnen lässt, waren die Methoden Mittel zum Zweck, um zur Ausstrahlung eines Ortes vorzudringen. Und was da strahlt, ist zumindest draußen erst einmal der Himmel, daher bekommt er, gebändigt von der Dachlinie, den ersten großen Auftritt. Dazu kommen kleine „Bilder im Bild“ und sorgfältig placierte Schrift.

Das erste Übungsbild aus dem Workshop demonstriert dieses Vorgehen. In zweien der „Kästchen“ haben wir mit unseren Farbmaterialien experimentiert, den Rest frei gewählt.

Am Nachmittag des selben Tages habe ich das Gelernte auf ein anderes Motiv angewendet – den Begijnhof. Das zweite Bild von diesem Ort entstand an einem ruhigen Sonntagmorgen – ich habe es bereits gezeigt. Das erste allerdings – dieses hier – anzufertigen, glich ein wenig einem Hindernislauf. Vor den vielen Menschen zog ich mich in die Kirche der English Reformed Church zurück, die leider bald darauf schloss – ich schaffte es noch, die Umrisslinien der komplexen Balkenkonstruktuion zu zeichnen. Als ich gerade das Gleiche beim Eingang der katholischen Kapelle und den Zeichnern davor geschafft hatte, schloss auch der Hof – sicher sehr zur Freude der Anwohner, deren Geduld durch die vielen Menschen auf eine harte Probe gestellt wird.

Heute bin ich endlich dazu gekommen, das Bild fertigzustellen. Jenseits der technischen Details habe ich viel dabei gelernt. Das Vorgehen ist von meinem sonstigen ziemlich weit entfernt – fülle ich doch gern schwungvoll ganze Blätter mit einem Motiv. Diese andere Arbeitsweise könnte – adaptiert an meine üblichen Materialien – eine schöne Methode sein, mit der relativen Materialknappheit auf dem Pilgerweg umzugehen.


Begijnhof

Im Herzen des Amsterdamer Touristenrummels, zwischen Büchermarkt und Stadtmuseum, gibt es einen Ort der der Stille. Oder sagen wir mal: es gibt ihn vermutlich zwischen 17:00 und 09:00, wenn die Tore für Touristen verschlossen sind und der Platz denen gehört, die darin wohnen. Am Tage strömen die Menschen, zu denen auch ich zähle – immer sind wir selbst ein Teil des Problems – durch den für die Öffentlichkeit freigegebenen Teil und erdrücken durch ihre schiere Menge das, wonach sie suchen.

Ich nahm drei Anläufe, im Begijnhof zu zeichnen. Beim den ersten beiden wurde die Zeit knapp, weil anderes anlag oder die Tore schlossen; erst beim dritten, am Sonntagmorgen vor der Abfahrt, fand ich Zeit und Ruhe, etwas vom Zauber des Ortes einzufangen, in dem seit hunderten von Jahren fromme Frauen – Beginen – gelebt und gearbeitet hatten.

Das Bild ist nach Anregungen der britischen Künstlerin Pat Southern-Pearce, deren Workshop ich in Amsterdam besucht hatte, entstanden. Es ist das letzte Bild aus einer Serie, doch da ich auf der Heimfahrt im Zug daran arbeiten konnte, kam es – im Gegensatz zu den anderen – schon fast fertig in Schwerin an. Nur die Schrift und die Detailzeichnung der Madonna habe ich noch ergänzt. Dieses Madonna am Giebel sagt uns, dass wir uns am Ort eines lange Zeit sehr diskret, weil in eigentlich strikt calvinistischem Umfeld, praktizierten Katholizismus befinden.