Blandy’s Garden
Veröffentlicht: 12. März 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Madeira 2017, Pen&Ink, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Funchal, Madeira, Park, Pflanzen Ein KommentarDie madeirische Inselhauptstadt Funchal hat drei große (und unzählige kleinere) Parks. Während der offizielle Botanische Garten und der Tropische Garten von Monte auf fast allen Besichtigungsplänen stehen, geht es in Blandy’s Garden (portugiesisch Jardim Palheiro) deutlich ruhiger zu. In 500m Höhe auf einem für madeirische Verhältnisse nur wenig geneigten Plateau gelegen, bietet er auf den ersten Blick das Bild eines englischen Landschaftsgartens mit Rasenflächen, Baumgruppen und abgegrenzten formalen Beeten.
Erst beim zweiten Hinsehen stellte sich bei mir, gerade wegen der vordergründig europäischen Form, ein ähnlich surrealer Effekt ein wie im Garten von Monte. Seit über 200 Jahren haben die Besitzer des Gartens – zuerst die portugiesische Adelsfamilie Carvalhal und dann die reichen britischen Blandys – gesammelt, was ihnen an Pflanzen unter die Finger kam. Die zum Teil riesigen alten Bäume stammen aus allen Teilen der Erde, und das Klima auf der Höhe erlaubt es, praktisch fast alles an- und durcheinanderzupflanzen, was irgendwo auf dieser Welt wächst. (Von kalkliebenden und Wüstenpflanzen vielleicht mal abgesehen.)
So stehen dort Palmen neben Lorbeer, Eichen und südamerikanischen Araukarien, und wo bei uns Veilchen oder Krokusse wüchsen, breiten sich als Unterwuchs Montbretien und Calla aus. Das alles ließ sich zeichnerisch natürlich nicht erfassen, jedenfalls nicht an einem Nachmittag. Ebenso konnte ich die hunderte an blühenden Kamelien nur betrachten und bestaunen, nicht aber abbilden.
Gezeichnet habe ich am Ende einen Blick auf das immer noch von den Blandys bewohnte Herrenhaus mit seinen englischen Kaminen vor einer grauen Wand aus kahlem Laubwald (es war auch ein ganz europäisch grauer und kühler Nachmittag), halb versteckt hinter blühenden Beeten, Palmen, Zypressen und Aloen.

Villa Blandy im gleichnamigen Park oberhalb von Funchal/Madeira. Lexington Grey Ink in S&B Zeta.
Chinoiserie II
Veröffentlicht: 5. März 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: China, Funchal, Madeira, Park Ein KommentarVor einiger Zeit habe ich ein chinesisches Teehaus mitten in Hamburg gezeichnet und dabei auch ein bisschen über die europäischen China-Moden nachgedacht. Für Mitteleuropäer eher unerwartet trifft man auch auf Madeira immer mal wieder auf Chinesisches, war doch die jesuitische Ostasien-Mission der portugiesischen Krone unterstellt. (Scorseses Film „Silence“, der gerade in unsere Kinos kommt, erzählt davon.)
Vielleicht deshalb, vielleicht auch aus ganz anderen Gründen finden sich im „Monte Palace Tropical Garden“ oberhalb von Funchal mehrere in ostasiatischem Stil gestaltete Gartenabschnitte. Der Garten, ganz in der Nähe der Wallfahrtskirche gelegen, ist in einer schattigen Schlucht gelegen, die nicht nur mit Chinoiserien, sondern mit einer geradezu psychedelisch anmutenden Mischung an Pflanzen und Sammelstücken angefüllt ist, verbunden mit Wasserfällen, Brückchen, Tempelchen, Teichen …
Neben den zahlreichen ostasiatischen Objekten gibt es eine riesige Sammlung portugiesischer Azulejos (kunstvoll gestalteter Kacheln), ein Sammelsurium an Plastiken vom alten Rom bis zur Gegenwart, sandsteinerne Reste (meist Fensterrahmen) von madeirischen Häusern – mehr haben die zahlreichen Naturkatastrophen aus den ersten Jahrhunderten der Inselbesiedlung nicht übrig gelassen – , moderne afrikanische Kunst und eine Mineraliensammlung. Wenn man ausnahmsweise mal kein Artefakt im Blickfeld hat, meint man, gleich käme Captain Jack Sparrow hinter dem nächsten Farnwedel hervor, denn auch die Bepflanzung ist ausgesprochen eklektisch und erinnerte mich Schatzinselfilme.
Bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren habe ich mich zuerst einmal von dieser Pflanzenwelt überwältigen lassen. Dieses Mal bin ich ganz gezielt hingefahren, um mir zumindest einen Teil der ausgestellten Dinge näher zu betrachten und zu zeichnen.

Chinesische Steinlaterne im „Tropical Monte Palace Garden“ oberhalb von Funchal/Madeira
Bei der Mutter der Insel
Veröffentlicht: 4. März 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Funchal, Madeira, Madonna, Wallfahrtskirche Ein KommentarHoch oben über der Stadt Funchal steht im Vorort Monte eine Wallfahrtskirche. Hier ist es deutlich kühler als unten und feucht vom Nebel. „Die Kälte, die Feuchtigkeit, die Nebel schaffen ein durch und durch von Pflanzen beherrschtes Reich, in dem die Menschen fast fürchten, auf ihren Händen könnten Flechten wachsen und auf ihrem Haar Moos“ schreibt Helena Marques in ihrem Madeira-Roman „Raquels Töchter“. (Das Buch ist eine aus anrührenden kleinen Geschichten zusammen gesetzte Familiensaga aus der Welt des gehobenen Funchaler Bürgertums um 1900; manchmal dicht am Kitsch, gibt es doch viele interessante Hintergrundinformationen zu dem, was man heute in Funchal sieht.)
Um die Kirche herum ist Trubel, hier kommen die Touristen von der Seilbahn und drängen sich die Korbschlittenfahrer um Kundschaft. Gut hundert Meter weiter gibt es einen kleinen Platz mit Anklängen an früheren Kurbetrieb, Bänken, Platanen, ein, zwei Cafés. Aus einer Felswand, gefasst in ein hübsches Brunnenhäuschen und überhangen von riesigen Farnwedeln, sprudelt eine Quelle. Hier ist der eigentliche Ort der „Nossa Senhora de Monte“.
Es war an dem Nachmittag, an dem ich dort saß – die Sonne war aus dem Nebel hervorgekommen, stand aber schon schräg – ein ungemein friedlicher, stiller Ort. Einzelne Menschen betraten das blumengeschmückte Brunnenhäuschen mit dem Madonnenbild, tranken einen Schluck, einige füllten wohl auch mitgebrachte Flaschen und zündeten eine Kerze an. Der Kellner des Cafés, ein alter Herr, kam ab und zu und richtete die umgefallenen Kerzen wieder auf …

Das Brunnenhäuschen der heiligen Quelle in Monte/Madeira.
Moderne auf Madeira III – der Engel der Arbeiterklasse
Veröffentlicht: 28. Februar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Madeira 2017, Pen&Ink, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Funchal, Madeira, Moderne Ein KommentarIm Hotelviertel von Funchal steht auf einer tristen Verkehrsinsel die Skulptur eines Engels. Wobei: „steht“ nicht der richtige Ausdruck ist. Er ist in einem Eisengestell aufgehängt, mit deutlichen Anleihen an die Ikonografie des Schmerzensmanns. Meist fährt man mit dem Bus daran vorbei; bevor man noch richtig einordnen kann, was man da gesehen hat, ist man schon einen Kilometer weiter.
Gestern ergab es sich, dass ich in der Nähe wandern war, und so konnte ich mir die Figur endlich in Ruhe anschauen. Erst einmal: sie ist riesig. Mindestens zwei Stockwerke hoch, vielleicht drei. Und: was ikonografisch an Sakrales anknüpft, ist ein Arbeiterdenkmal. Ein Denkmal für „alle, die im Bereich des öffentlichen Bauens mitgearbeitet haben“, so ließe sich die Widmung aus dem Jahr 2004 frei übersetzen.
Auch unter den Voraussetzungen von iberischem Pathos ist das ein erstaunliches Denkmal. Erklärlicher wird es aus der Topografie der Insel: hier bedeutet „öffentlicher Bau“ Straßen- und Wasserleitungsbau unter unglaublichen Bedingungen, an Steilhängen und durch Tunnel, immer wieder zurückgeworfen durch Erdbeben, Flut und Feuer.

„Denkmal für den Arbeiter“ – „Monumento ao Trabalhador“ von Ricardo Velosa auf der Praça Assicom in Funchal/Madeira
Justitia oder Moderne auf Madeira II
Veröffentlicht: 22. Februar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Madeira 2017, Mixed Media | Tags: Funchal, Madeira, Moderne Ein KommentarIch erinnere mich, dass das Gebäude und die Statue mir schon vor drei Jahren, an meinem ersten Tag auf Madeira, auffielen. Düster-protzig und pathetisch erinnerten sie mich an – ja, woran eigentlich? Am ehesten an Denkmale der frühen DDR, an sowjetische Kriegerehrenmale und ähnliches.
Nun bin ich endlich dazu gekommen, mir das Ensemble genauer anzusehen. Eine Tafel erklärt in Portugiesisch und schlechtem Englisch, dass es sich um das 1962 eingeweihte Gerichtsgebäude handle, die Dame mit dem Schwert somit Justizia sei. Das Ganze wäre ein gelungenes Beispiel des Estado-novo-Stils, besonders hervorzuheben sei die Verwendung regionaler Materialien.
„Estado novo“ – „neuer Staat“ – so nannte Salazar seine Diktatur, unter der das Land immerhin bis 1974 unter einer bleiernen Decke aus Rückständigkeit und Angst lag, in der Bildung für das Volk ausdrücklich nicht erwünscht war und ein ausgesprochen konservativer Katholizismus gepflegt wurde.
Je genauer ich hinsah (und nachlas) desto unschärfer wurden mir die Zuordnungen. „Stalin“- und „Nazi“-Architektur, diese Etiketten sind schnell draufgepappt, doch was hat hier was bedingt? Was war zuerst da? Der Architekt des Funchaler Gerichtsgebäudes, Januário Godinho, gilt als Wegbereiter der Moderne in Portugal. Die italienischen Futuristen schwärmten für Mussolini … Sieht man einer Plastik von Arno Breker (um mal ein deutsches Beispiel zu wählen) an, dass er auch Hitler porträtiert hat?
Am Ende hatte ich ein paar Fragen mehr als vorher, auf denen ich nun noch eine Weile rumkauen kann, aber immerhin die Zeichnung fertig. (Und dabei z.B. gesehen, dass Moses‘ Gesetzestafeln an Justitias Füßen lehnen.)

Eingangsbereich des Gerichtsgebäudes in Funchal/Madeira. Lexington Grey Ink und PITT Pens in S&B Epsilon.
Oscar Niemeyer oder das Glück der Moderne
Veröffentlicht: 20. Februar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: 60er Jahre, Funchal, Madeira, Moderne Ein KommentarIch weiß nicht mehr, wie alt ich war, als der erste Band des „Lexikon der Kunst“ aus dem DDR-Seemann-Verlag bei uns auftauchte, irgendwann zwischen Kindheit und Noch-Nicht-Erwachsensein, Anfang der 70er. Es war eine bilderarme Zeit in einem bilderarmen Land, Papier knapp und der sozialistische Realismus noch offizielle Doktrin. So sah ich manches, was anderswo Allgemeingut war, in diesem Lexikon zum ersten Mal, und ich schaute es mir so oft an, bis es Teil meines innersten Bildarchivs geworden war.
Vermutlich habe ich auch das erste Bild von Niemeyers Brasília in einem der dicken grauen Bände gesehen. Dass ich für den Kunstunterricht ein elegantes Stelzenhaus mit schrägem Dach entwarf, war dadurch inspiriert (und durch die lichten Stahlbetonparabeln von Ulrich Müther, die ich von eigenem Ansehen kannte.) Ich mochte diese hellen, freundlichen Gebäude, so wie vermutlich die meisten Menschen in meiner Umgebung sie mochten: mit ihnen war der Krieg endgültig vorbei. Der WBS-70-Mehltau sollte sich erst zehn Jahre später über das Land legen, und bis zu den postmodernen Erkerchen war es auch noch eine Weile hin.
Das alles fiel mir heute beim Anblick des Niemeyerschen Hotelbaus in Funchal wieder ein – stückweise, denn ich hatte Jahrzehnte nicht mehr daran gedacht. Ich war zuerst wegen des spektakulären Casinos hergekommen, das leider durch hässliche Werbung so verhunzt ist, dass mir die Lust auf eine Zeichnung verging. Das Hotel sieht auf den ersten Blick wie eine ganz normale, nur etwas geschwungene Bettenburg aus. Wie harmonisch das Ganze ist, wie rhythmisch gegliedert, wie durchsichtig, ohne indiskret zu sein: das sah ich, als ich die Lobby betrat und dann auch ganz mutig bis zur Poolbar durchging. Von dort aus habe ich den Blick auf das meerseitig gelegene Restaurant skizziert.

Restaurant des Hotel Pestana Casino Park in Funchal. Aquarell und etwas Tinte in S&B Beta.
Chinoiserie
Veröffentlicht: 29. Januar 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Mixed Media, Pen&Ink, Urban Sketching | Tags: China, Hamburg 5 KommentareViele Male war ich als Kind im Park von Sanssouci, und häufig lag das Chinesische Teehaus am Weg, ein von Blattgold strotzendes Rokoko-Tempelchen, von dessen Dachtraufe putzige vergoldete Troddeln hingen, unter denen galante Paare mit Tatarenbärten und Sonnenschirmchen turtelten – wie man sich das ferne und nur wenigen von Angesicht bekannte China derzeit eben vorstellte. Chinoiserie war eine Mode der Zeit.
Gestern hatte ich die glückliche Gelegenheit, in Hamburg eine ganz andere Chinoiserie zu zeichnen. Im Stadtteil Rotherbaum findet sich zwischen Gründerzeit- und Art-Deco-Fassaden unvermittelt ein chinesischer Bau, wie er chinesischer nicht sein könnte: Das „Yu-Garden“-Teehaus, ein Geschenk der Stadt Shanghai an die Partnerstadt Hamburg. Hier ist das Hamburger Konfuzius-Institus zu Hause – das chinesische Pendant zum Goethe-Institut -, ansonsten dient das aufwändig in traditioneller chinesischer Bauweise errichtete Gebäude als Veranstaltungs- und Tagungsgebäude.
Anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes waren die Hamburger Urban Sketchers eingeladen, in dem Gebäude zu zeichnen, und ich hatte mich ihnen angeschlossen. Mein morgendlicher Aufbruch in Schwerin war etwas holprig gewesen und als ich mit dem Zeichnen beginnen wollte, hatte ich nur ein Skizzenbuch mit viel zu glattem Papier und gar keinen Bleistift dabei. Ich probierte verschiedenes aus, diese Skizze des über dem kleinen Teich fast schwebenden Teepavillons habe ich vor Ort mit einem hellgrauen „Graphik“-Liner von Derwent angelegt. Zu Hause gefiel mir der zarte Grau, und ich vertiefte mit es mit Lexington Grey Ink von Noodlers und nicht zu viel Farbe. Ostasien war bei dieser Übung gleich zweimal mit im Spiel: die schöne graue Tinte steckt in einem feinen japanischen Füller (Pilot Prera) und die Aquarellfarben sind von er koreanischen Firma Mijello – leuchtende, kräftige, dabei wenig opake Töne, die ein bisschen an Acrylfarben erinnern.

Teepavillon im Hamburger Yu-Garden.
Mal was anderes
Veröffentlicht: 30. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Aquarell, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Porträt 3 KommentareDiese beiden Porträtskizzen sind am Rande unseres Zeichentreffens in der Classic Remise entstanden, beide auf Aquarellpostkarten im A6-Format.
- Porträt Th.L., Lexington Grey Ink und Wasserfarbe, A6.
- Porträt K.M., verschiedene Marker und Wasserfarbe, A6.
Wand-Lettering
Veröffentlicht: 29. November 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 5, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: 60er Jahre, Brauerei, Fränkische Schweiz, Kalligraphie, Oberfranken Hinterlasse einen KommentarDas Städtchen Gräfenberg in Oberfranken hat – mit allen eingemeindeten Dörfern – viertausend Einwohner, drei Brauereien und einen Bahnanschluss Richtung Nürnberg. Über den kommen am Wochenende die Bierwanderer und absolvieren den 5-Seidla-Steig. Auf meiner Herbsttour konnte ich sie in ihren primärfarbenbunten Wetterjacken schon von weither sehen.
Im Gasthof einer der Brauereien habe ich übernachtet, und an der zweiten kam ich vorbei. Besonders hatte es mir der schöne 60er-Jahre-Schriftzug über der Rampe angetan. Heute nennt man so etwas „Hand-Lettering“: geschwungene Buchstaben mit der Anmutung von Handschrift. Dieser hier brauchte keine gemalten 3-D-Effekte, der Schattenwurf ist echt und der Oktobermorgensonne gedankt.

Rampe der Brauerei Friedmann in Gräfenberg, vor Ort mit Bleistift skizziert und zu Hause koloriert.



