Auf dem Klosterweg

Dieses Jahr gab es für mich keinen Pilgerweg. Ich hätte es noch „schaffen“ können, aber ich entschied mich für eine Woche Wanderurlaub im Harz. Bei der Planung stieß ich auf den „Harzer Klosterwanderweg“ – einen Pilgerweg im Kleinen. In seiner ganzen Länge führt er von Goslar nach Quedlinburg und ist auf eine Gehwoche ausgelegt – ich bin davon drei Etappen gegangen.

Am nördlichen Harzrand ist jeder Stein von Geschichte getränkt; in allen Orten findet man Burgen, Klöster, Kirchen – und manchmal nur deren Ruinen. Besonders die Klöster waren vor fünfhundert Jahren schwer von Reformation und Bauernkrieg betroffen, wurden geplündert und niedergebrannt und kamen danach in unterschiedlichste weltliche Nutzung.

So begann mein Unterfangen auch mit einer Ruine, der des Klosters Himmelpforte, einige Kilometer von Wernigerode im Wald gelegen. Nur eine Mauer erinnert noch daran, dass hier einmal ein Augustiner-Kloster stand, in dem auch Luther zu Gast war.

An dieser alten Klostermauer gibt es den hübschesten Stempel.

Der Weg führte weiter über Drübeck (das ich rechts liegen ließ, weil ich es vor zwei Jahren schon einmal ausführlich besucht hatte) nach Ilsenburg. Während Drübeck als adliges Damenstift über die Jahrhunderte gekommen war, überstand das Ilsenburger Kloster die Reformation als Klosterschule, später wurde es Witwensitz, Verwaltungsgebäude, Schloss und Erholungsheim, um nur einige Nutzungen zu nennen. Heute gehört es einer Stiftung und wird aufwändig saniert, u.a. mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalsschutz, die in ihrem Magazin ausführlich darüber berichtet.

Als ich im Kloster ankam, neigte sich der Tag bereits, denn ich war spät aufgebrochen. Die Öffnungszeit reichte gerade dafür, mir einen Überblick über die schöne Anlage und die wunderbaren Räume mit ihren romanischen Säulen zu verschaffen. Immerhin schaffte ich noch ein Aquarell von außen.

Auch hier ist natürlich vielfach umgebaut worden, z.B. hatte die Kirche einmal zwei Türme.

Ein paar Tage später wanderte ich von Wernigerode zum Kloster Michaelstein bei Blankenburg. Hier befindet sich – nach ähnlich wechselvoller Geschichte wie in Ilsenburg – seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Musikakademie, es gibt eine Instrumentensammlung, Konzerte etc. Am Ende eines langen Wandertages über die Trockenhänge der Teufelsmauer hatte ich dafür leider nur wenig Sinn; ich rastete ein wenig im Klostergarten und setzte mich zum Zeichnen vor das Tor des weitläufigen Komplexes.

Kloster Michaelstein: Tor mit Turm

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus nach Blankenburg, um von dort zum Kloster Wendhusen zu wandern. Nach einem attraktiven Wegabschnitt über ein weiteres Stück Teufelsmauer ging es auf Asphalt und durch Industrievororte von Thale weniger hübsch weiter. Endlich angekommen, sah ich mich erst einmal enttäuscht um: das Museum hatte geschlossen, und von dem auf der Webseite angekündigten Café war weit und breit keine Spur. Das Ganze machte den Eindruck eines leicht heruntergekommenen landwirtschaftlichen Gutes, was es auch seit langer Zeit gewesen war. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass das massive hohe Gebäude kein Getreidespeicher, sondern das ehemalige „Westwerk“ der Klosterkirche war.

Das Kloster Wendhusen lässt sich bis in die karolingische Zeit zurückverfolgen, es ist eines der ältesten Gebäude in der Region. Es war, wie viele ähnliche Anlagen, ein Frauenkloster. Diese Frauenklöster waren, was uns heutige vielleicht verwundert, Machtzentren; sie wurden von Herrscherwitwen oder -schwestern geführt und waren dem Adel vorbehalten.

Ich hatte das Blatt für die Zeichnung schon mit kräftigem Magenta präpariert und fand meinen Spaß daran, den eigentlich eher farblosen Ort darauf abzubilden. Überhaupt besserte sich meine Stimmung bald wieder: es wurde abendstill, nur ein paar Kinder spielten auf dem geräumigen Hof und die Pappeln an der nahen Bode raschelten, niemand wollte abschließen oder nötigte mich zur Eile …


Wernigerode

Die erste Woche meines Herbsturlaubs habe ich dieses Jahr im Harz verbracht. Von Wernigerode aus bin ich in verschiedene Richtungen gewandert und auch mal ein Stück mit Zug und Bus gefahren. Dabei sind reichlich Bilder entstanden. Wie oft nach solchen ausgefüllten Tagen ist abends wenig Gelegenheit (und noch viel weniger vernünftige Beleuchtung), um halbfertiges zu Ende zu bringen und zu fotografieren, geschweige denn, einen Text dazu zu schreiben.
Heute, schon eine Station weiter, in Dresden, bietet sich ein ein ruhiger und etwas grauer Vormittag für Fotos und Text an.

Ich beginne mit Wernigerode. Die Fachwerkstadt, malerisch am Harzrand gelegen und von einem Bilderbuchschloss überragt, bietet eine Unzahl von Motiven.

Das Schloss im Mittagslicht, vom Agnesberg aus gesehen.
Malerisch schiefe Häuser im alten Stadtzentrum.
Die Johanniskirche in der mittelalterlichen „Neustadt“ ist der älteste Bau der Stadt; mit dem wuchtigen romanischen Turm sieht sie aus wie eine Wehrkirche.

Grabow. Ein Nachtrag.

Es ist nun schon wieder drei Wochen her, dass ich mit den Schweriner Urban Sketchern in Grabow bei Ludwigslust war. Grabow ist ein Fachwerkstädtchen in Südwestwecklenburg; kurz hinter der Stadtgrenze wird es brandenburgisch, was man auch heute noch an Baustil und Sprachfärbung deutlich erkennen kann. Grabow war eine, nein, nicht Industrie-, eher Manufaktur-Stadt, es gab eine große Mühle, spezialisierte Handwerksbetriebe, eine Lederfabrik, einiges an Kaufleuten und Handel. (Die Vorfahren der Kaufmannsfamilie Mann, die einmal nur wenig verfremdet als Buddenbrooks Weltkarriere machen sollten, stammten aus Grabow.)

Heute kann man die alten Strukturen noch wahrnehmen, gelebt werden sie nicht mehr. Wohnungsleerstand habe ich wenig gesehen; die Region profitiert von der relativen Nähe zu Hamburg. Ob die alten Gewerbebauten dauerhaft überleben, darf bezweifelt werden.

Grabow, Mühlenstraße.

Es war ein sehr schöner Zeichenausflug, traumhaftes Wetter – leider bin ich, wie immer, mit meinen Bildern nicht fertig geworden. Und wie immer legte sich der Alltag über den Vorsatz, sie fertigzustellen. Mit wachsendem zeitlichen Abstand wird es schwieriger und schwieriger; manchmal, wie auch dieses Mal, kompensiere ich die aufkommende Unverbindlichkeit mit kräftigen Farben.

Die Alte Lederfabrik in Grabow, erfreulicherweise bewohnt und teilsaniert.

Stralsund im Regen, Teil 3 und Schluss

Am Morgen regnete es nicht. Im Gegenteil: es schien sogar etwas Sonne. Ich hatte mir ein Frühstückscafé am Hafen ausgesucht; es erwies sich als beste Wahl mit gutem Essen und einem Logenblick auf die Warteschlange vor dem Ozeaneum.

Während ich noch mein Wunschziel ansteuerte, zog sich der Himmel bereits wieder zu. Bis es wieder zu tröpfeln begann, schaffte ich immerhin eine vernünftige lineare Zeichnung, die Farbe kam zu Hause. Ich habe nur wenig übertrieben: die pittoresken Häuschen der Hofanlage sind in kräftigen Farben gestrichen.

Die Klosterkirche ist seit dem letzten Krieg Ruine, die gotischen Bauten beherbergten das Stadtarchiv und befinden sich seit Jahren in einem Renovierungsdornröschenschlaf. Der Zauber der Anlage geht von den kleinen Häusern aus, die sich, von der Stadt durch Mauer und Tore getrennt, um zwei Höfe gruppieren. Solche Wohnanlagen – angelegt für Alte, Bedürftige und Kranke – gab es in vielen Städten, in Greifswald, Wismar und Lübeck sind sie erhalten. Mitten in der Stadt ist es dort still und die ummauerten Höfe geben ein Gefühl von Zuflucht und Sicherheit.

Im Frühwinter 1979 habe ich als noch junge Studentin das Stralsunder Johanniskloster zum ersten Mal besucht. In der zeitigen Dämmerung streiften wir durch die Stadt, wir sahen das Tor und drückten auf eine Klinke, sie ging auf und wir stiegen zum Räucherboden hoch, einem großen, schwarzgerußten Speicher, in den puppenstubenkleine Wohnungen hineingebaut waren. Eine alte Frau bat uns hinein und wir sahen uns die Wohnung an, ich erinnere mich an die Winzigkeit, an die Fenster, die auf den düsteren Dachboden hinausgingen, an Nippes und Spitzendeckchen; ich erinnere mich an die zeitlose Unwirklichkeit dieses Ortes mit seinen gotischen Spitzbögen, an den Geruch nach dem Rauch von Jahrhunderten, an das diffuse, langsam dunkelnde Licht über den staubgrauen Dielen …


Stralsund im Regen, Teil 2, Donnerstag

Zum Zeichnen war ich nach Stralsund gekommen, und nun regnete es schon den zweiten Tag! Das Stadtmuseum war geschlossen und die beiden Meeresmuseen überfüllt – aber es gelang mir, die Kellnerin eines strategisch günstig gelegenen Frühstückscafés zu überreden, mich auch draußen unter dem Schirm zu bedienen. So kam ich zu einer Zeichnung der berühmten Stralsunder Rathausfassade.

Die Schaufassade des Stralsunder Rathauses. Den Regen habe ich mit viel Farbe weggehübscht.

Das Rathaus grenzt direkt an die St.Nikolai, die Haupt-, Bürger, Kauf- und Seemannskirche der Hansezeit. Von der reichhaltigen Ausstattung ist noch viel erhalten und gibt eine Ahnung davon, dass eine solche Kirche neben der spirituellen auch eine praktische Bedeutung für die Bürger der spätmittelalterlichen Hansestadt hatte.

Ein ganz besonderes Zeugnis davon sind die hözernen Reliefs des „Gestühls der Rigafahrer“. In dieser Kaufmannsbruderschaft waren Kaufleute organsiert, die sich auf den Nordosthandel spezialisiert hatten – der von Stralsund vorwiegend über Riga abgewickelt wurde.

Die Reliefs waren ursprünglich Rückseiten des Gestühls der Rigafahrerkapelle – solche halbprivaten Kapellen gab es in Stadtkichen die Menge, in ihnen wurden Messen für die Auftraggeber gelesen, aber auch Versammlungen abgehalten und Verträge geschlosen.

Dennoch ist es bemerkenswert, dass diese geschnitzte Graphic Novel nicht einmal andeutungsweise versucht, eine biblische Geschichte zu erzählen. Auf den vier annähernd quadratischen, knapp einen Meter hohen Tafeln sind vielmehr Szenen aus der russischen Pelztierjagd und Waldimkerei dargestellt. Sie lassen sich hintereinander betrachten wie eine fortlaufende Bildergeschichte. An deren rechtem Rand, auf meinem Ausschnitt nicht dargestellt, nimmt ein Stralsunder Kaufmann vor der Kulisse der Stadt Riga die Handelsware in Empfang.

Die gejagten Tiere sind offensichtlich Eichhörnchen, deren Winterfell eine begehrte Handelsware bildete. Der Künstler stellt Haar- und Barttrachten sowie die Abläufe der Jagd mit bemerkenswerter Sachkenntnis dar – so weiß er zum Beispiel, dass die Tiere, und die wertvollen Bälge zu schützen, mit stumpfen Pfeilen von den Bäumen geschossen wurden. Nur in einem irrt er – Pelztierjagd findet natürlich im Winter statt.

Die zweite begehrte Ware war Wachs – der ganz rechte Händler trägt einen Klumpen in der Hand. Erstaunt habe ich erfahren, dass der Honig in jener Zeit eher ein Nebenprodukt war. Die Waldbienenhaltung, die sogenannte Zeidlerei, ist in Deutschland in all den Gebieten verbreitet gewesen, die ursprünglich slawisch besiedelt waren.


Stralsund im Regen, Teil 1, Mittwoch

Am Anfang der Idee stand die Pflicht. Eine Weiterbildung in Stralsund, die ich ungern verpassen wollte. 200 km Autobahn hin und zurück, da lag es nahe, die Aktion etwas zu strecken – am Ende wurden zwei Tage daraus. Doch erst einmal hieß es: schön mit Abstand sitzen und sich die neuesten Aktualisierungen aus der Verwaltung anhören. Immerhin ist das „Eventcenter“ des Störtebeker-Brauquartiers ein gelungener Ort; ein angenehmer Saal mit viel Holz und einer perfekten Akustik.

Endlich mal wieder Menschen zeichnen! Wenn sie so schön stillhalten wie diese hier, klappt es um so besser.

Abends gab es Orgelkonzert. In der Stralsunder Marienkirche, direkt gegenüber meines Quartiers, wurde Orgelmusik aus Renaissance und Barock gegeben. Ich schaute mich derweil ein bisschen um. Der schwebende Engel – er gehört zu der auch sonst reich verzierten Orgel – hing leider direkt hinter mir, so dass ich vor Ort nur den Umriss zeichnete, alles andere kam zu Hause.


Stadtwanderung

Eine Stadtwanderung hatte ich mir schon lange vorgenommen. Heute war es endlich so weit. Gegen zehn ging ich los, zuerst Richtung Innenstadt. Die erste Rast legte ich auf der Mecklenburgstraße ein, der Schweriner Fußgängerzone. Das „Puppenhaus“ mit seinen leuchtend blauen Terrakottafiguren lag im schönsten Vormittagslicht. Es ist ein Bau des Backsteinexpressionismus (wie das berühmte Hamburger Chilehaus).

Blaue Terrakotta auf ziegelrotem Grund – das „Puppenhaus“ an der Schweriner Mecklenburgstraße.

Der Weg führte weiter zum Alten Friedhof. Versteckt an einem Seitenweg blickt dort das Grab des Schweriner Stadtbaumeisters Demmler von einem Hügel ins Land. Dieses Grabgebäude ist so bemerkenswert wie bizarr, ist es doch über und über mit Freimaurersymbolen bedeckt. Demmler hatte in Schwerin etwa die Position wie Schinkel in Preußen. Er muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein; sein Charisma ist auch aus zeitgenössischen Abbildungen noch zu ahnen. Er war ein Liberaler, später Gründungsmitglied der jungen Sozialdemokratie und eben Freimaurer. (Trotz seiner linken Ambitionen hatte er einen guten Draht zum Herzog, was den Hofschranzen überhaupt nicht passte.)

Die meisten der Symbole habe ich mit einem bisschen Googeln entziffern können; am bekanntesten sind, auf der oberen Stufe nur angeschnitten sichtbar, Zirkel und rechter Winkel, die so etwas wie „Liebe und Gerchtigkeit“ bedeuten.

Am Grabmal des Schweriner Stadtbaumeisters Demmler finden sich zahlreiche Freimaurersymbole.

Ich wanderte weiter über den Friedhof, fand einen schicken neuen Radweg mit Rastplätzen und Schautafeln, entschloss ich aber nach einem Blick in den Himmel zur Rückkehr Richtung Innenstadt, ohne Zeichnung; der Regen erwischte mich trotzdem.

Nachdem der abgezogen war, fand ich mich nicht ganz zufällig vor dem Logenhaus der Schweriner Freimaurer wieder. Wennschon, dennschon. Es steht in etwas versteckt einer Seitenstraße neben dem Dom.

Das Logenhaus der Schweriner Freimaurer in der Schlachterstraße 17a.

Paulskirche

Die Schweriner Paulskirche ist die dritte und jüngste der Schweriner Innenstadtkirchen, ein typisch neugotischer Bau, der vor allem durch seine Lage auf einem Hügel beeindruckt. Seine spitzen Märchentürme überragen die Wohn- und Geschäftsbauten der im 19.Jahrhundert entstandenen westlichen Stadterweiterung, die bahnhofsnahen Speicher und sogar die Bausünden der 1970er bis 90er Jahre.

Mit dieser Umgebung ist das Areal natürlich ein ideales Zeichengebiet. Im Kreis der Schweriner Urban Sketchers haben wir gestern dort gesessen, zum Glück kaum beeinträchtigt vom Regen. Ich habe mich für einen klassischen Blick und die „Langvariante“ entschieden: hügelauf gesehen von den Pfaffenteichtreppen, mit einer ausgiebigen und genauen linearen Zeichnung. Den großen Auftritt hat hier natürlich wieder einmal die Dachlinie. Koloriert habe ich heute vormittag zu Hause, in sonntäglicher Ruhe.

Die Schweriner Paulskirche von Osten. Tinte, Marker und Buntstifte in Stillman&Birn Nova Trio.

Doberan

Nachdem ich die beiden lebendig-toten Herzöge gezeichnet hatte, versuchte ich es mit der Klosterkirche von außen. Ich wählte einen Platz mit schönen Licht-Schatten-Kontrasten, mummelte mich in Wolljacke und Anorak und brachte die Thermoskanne in Positur. Von außen strahlte der Bau jene gesammelte Klarheit aus, die das überladene Innere hatte vermissen lassen. Leider sprang der Funke nur zögerlich vom Gebäude auf die Zeichnung über: ich maß und verwarf und maß wieder, verlor mich in Strebepfeilern und Fensterbögen hörte irgendwann durchgefroren auf.

Erst vorgestern, drei Wochen später, nahm ich die Zeichnung wieder zur Hand und beschloss, ihr mit Schraffur und starken Kontrasten noch eine Chance zu geben.

Die Klosterkirche Doberan an einem windigen kalten Tag im Mai.

Kaum war ich im warmen Auto angekommen, stieg mein Schaffensmut wieder und ich zeichnete den vorderen Teil der Kirche, den Chor, wie ich ihn durch die Windschutzscheibe sah mit seinen schräg angebauten Kapellen, dem komplizierten Über- und Nebeneinander von Verstrebungen und polygonalen Dächern. Auch dies wurde vor Ort nur eine lineare Zeichnung.

Der Himmel hatte sich mittlerweile ganz zugezogen und es herrschte ein diffuses Licht und eine seltsame Farbstimmung zwischen Frühlingsgrün und Backsteinrot. Die habe ich heute versucht, herauszuholen und dabei auf mehrere Lasurschichten noch verschiedene Marker und Buntstifte gelegt.

Der Chor des Doberaner Münsters, vor Ort mit Füller gezeichnet und zu Hause koloriert.

Kleines Glück im Eis

Als ich am 11.Mai nach Wismar fuhr, hatten über Nacht die Eisheiligen begonnen. Ein eisiger Wind fegte den Himmel blau und bog die Bäume, an Zeichnen im Freien war kaum zu denken. Ich hatte mir dieses Mal St.Nikolai mit ihren zahlreichen Seitenkapellen, Altären und anderen Ausstattungsstücken vorgenommen. Am Ende entschied ich mich für ein Detail des riesigen Triumphkreuzes, das nach seiner Sicherung aus der einsturzgefährdeten Wismarer Georgenkirche hierher gekommen war.

Das Medaillon, etwa einen halben Meter hoch, bildet den unteren Abschluss des Kreuzes und symbolisiert den Evanglisten Matthäus. Beim Nachlesen habe ich erfahren, dass dies kein Engel, sondern ein „geflügelter Mensch“ ist – in Analogie zu den geflügelten Tieren der anderen drei Evangelisten (der bekannteste dürfte der geflügelte Markuslöwe sein, der später zum Wahrzeichen von Venedig wurde.)

Nachdem ich noch zwei Runden im Wind um die Kirche gedreht hatte, verabschiedete ich mich endgültig von der Idee, draußen zu zeichnen. Schon auf dem Hinweg hatte ich das „Café Glücklich“ ins Auge gefasst, und glücklich fand ich dort einen Platz am Fenster, einen heißen Kaffee und ein Stück luftig-leichter Torte.

Die erste Torte auswärts nach sechs Wochen Pause.

Der Blick aus dem Fenster fiel auf das „Schabbellhaus“, das Wismarer Stadtmuseum, und ich versuchte mein bestes, mich bei der üppigen Renaissance-Fassade nicht mit Details aufzuhalten.

Schabellhaus, Stadtmuseum Wismar, vom „Café Glücklich“ aus gesehen.

Am Abend war ich dann so gut „eingezeichnet“, dass ich am Rande einer Plauderei bei Freunden noch den Fleiderstrauß auf dem Tisch einfangen konnte.