Stralsund im Regen, Teil 3 und Schluss

Am Morgen regnete es nicht. Im Gegenteil: es schien sogar etwas Sonne. Ich hatte mir ein Frühstückscafé am Hafen ausgesucht; es erwies sich als beste Wahl mit gutem Essen und einem Logenblick auf die Warteschlange vor dem Ozeaneum.

Während ich noch mein Wunschziel ansteuerte, zog sich der Himmel bereits wieder zu. Bis es wieder zu tröpfeln begann, schaffte ich immerhin eine vernünftige lineare Zeichnung, die Farbe kam zu Hause. Ich habe nur wenig übertrieben: die pittoresken Häuschen der Hofanlage sind in kräftigen Farben gestrichen.

Die Klosterkirche ist seit dem letzten Krieg Ruine, die gotischen Bauten beherbergten das Stadtarchiv und befinden sich seit Jahren in einem Renovierungsdornröschenschlaf. Der Zauber der Anlage geht von den kleinen Häusern aus, die sich, von der Stadt durch Mauer und Tore getrennt, um zwei Höfe gruppieren. Solche Wohnanlagen – angelegt für Alte, Bedürftige und Kranke – gab es in vielen Städten, in Greifswald, Wismar und Lübeck sind sie erhalten. Mitten in der Stadt ist es dort still und die ummauerten Höfe geben ein Gefühl von Zuflucht und Sicherheit.

Im Frühwinter 1979 habe ich als noch junge Studentin das Stralsunder Johanniskloster zum ersten Mal besucht. In der zeitigen Dämmerung streiften wir durch die Stadt, wir sahen das Tor und drückten auf eine Klinke, sie ging auf und wir stiegen zum Räucherboden hoch, einem großen, schwarzgerußten Speicher, in den puppenstubenkleine Wohnungen hineingebaut waren. Eine alte Frau bat uns hinein und wir sahen uns die Wohnung an, ich erinnere mich an die Winzigkeit, an die Fenster, die auf den düsteren Dachboden hinausgingen, an Nippes und Spitzendeckchen; ich erinnere mich an die zeitlose Unwirklichkeit dieses Ortes mit seinen gotischen Spitzbögen, an den Geruch nach dem Rauch von Jahrhunderten, an das diffuse, langsam dunkelnde Licht über den staubgrauen Dielen …


2 Kommentare on “Stralsund im Regen, Teil 3 und Schluss”

  1. lilisar sagt:

    Hallo, Annette, nun folge ich Deinem Blog schon seit längerer Zeit sehr interessiert und erfreue mich an den so schön locker gehaltenen Zeichnungen. Ich selbst bin meistens noch etwas zu verkrampft, arbeite dran. Dabei hatte ich immer den Eindruck, „Bewohntes Gelände“ sei der Blog einer deutlich jüngeren Dame ( ich bin 58). Doch nun erfahre ich, dass Du 1979 „eine jüngere Studentin“ warst!😃 So kann man sich täuschen, aber das zeigt doch auch, wie die Kunst/Kreativität jung halten! Also, vielen Dank für Deine inspirierenden Beiträge, weiter so und liebe Grüsse aus Augsburg!
    Susanne(lilisar) von „creatologyblog“

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    • Danke für die Blumen! Ich bin gerade 60 geworden und habe von 79 – 84 in Greifswald studiert. Habe immer schon ein bisschen Kunst betrieben, seit 2013 zeichne ich regelmäßig. Liebe Grüße aus Schwerin von Annette

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