Über die Wasserscheide
Veröffentlicht: 26. Juli 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Mittelfranken Hinterlasse einen KommentarVon Häslabronn ist es nicht mehr weit bis nach Colmberg, dem nächsten Etappenziel. Nur noch eine Anhöhe, und ich überschreite eine so unscheinbare wie wichtige Grenze: die Große Europäische Wasserscheide zwischen Nordwesten und Südosten, Rhein und Donau, Atlantik und Schwarzem Meer. (Donau! sagt mein Herz.)
Ihr deutscher Anteil mäandert entlang diverser süddeutscher Hügelzüge, seit ein paar Jahren erlaufbar gemacht durch einen eigenen Wanderweg. (Der einige Kapitel zuvor erwähnte Ludwigskanal war ein früher Versuch, sie zu überwinden.)
In Colmberg saß ich dann – unter Umgehung des hochherrschaftlichen Burgrestaurants – bald sehr angenehm bei gutem fränkischen Essen vor dem „Schwarzen Adler“, genoss den frischen Wind – am nächsten Tag sollte er sich, immer noch ohne Regen, fast zu einem Sturm auswachsen und mir den Staub von zwei trockenen Monaten ins Gesicht blasen – und schaute dem Ortsleben zu.

Eine sehr ländliche Tankstelle in Colmberg. Postkartenskizze am Mittag.

Abends ist die Durchfahrtsstraße dann ruhig. Erst will ich nur Fachwerk zeichnen, dann wird es eine Übung in Perspektive und „nichts auslassen“ – Autos, Verkehrsschilder, Straßenlampen …
Fuchsgarten
Veröffentlicht: 19. Juli 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Ink&Wash, Pflanzen, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Himmelsgarten, Mittelfranken, Park Hinterlasse einen KommentarFür zwei Tage bin ich vom Pilgerweg abgewichen, um mir Ansbach anzusehen. Ich hatte bei der Rückreise von der letzten Etappe die Stadt liegen sehen im Tal, mit ihren pittoresken gotischen Türmen wie aus einem Disneyfilm. Der Eindruck, aus der Nähe, täuscht: Ansbach ist eine Residenz gewesen (erinnert mich, von Größe und Anmutung, an Coburg, das ich zwei Jahre zuvor durchwandert hatte), eine von den vielen, die es in Deutschland gab, mit viel Barock und Park, mit geraden Straßen und viel zu großen Plätzen. Auch die von außen so spitzgotisch aussehenden Kirchen sind innerlich ganz und gar barockisiert.
In den Park, der hier Hofgarten heißt, ging ich am Abend, als die allgegenwärtige Hitze endlich etwas nachließ, und fand dort ein unerwartetes Kleinod: den „Fuchsgarten“, einen erst vor einigen Jahren sehr sorgfältig angelegten Kräutergarten zu Ehren des großen Botanikers Leonhart Fuchs.
Fuchs war, was man einen Renaissancemenschen nennt, ein Wissenschaftler, ein Forscher, ein streitbarer Verfechter von Reformation und hippokratischer Medizin; als Hochschullehrer ging er mit seinen Studenten auf botanische Exkursionen, und die Botanik war es auch, die ihn berühmt gemacht hat. In seinem „New Kreütterbůch“ beschrieb er an die 400 einheimische und zahlreiche importierte Pflanzen, manche, wie Paprika und Mais, zum ersten Mal in Deutschland. Das Buch ist nicht das Einzige seiner Art, doch mit seinen opulenten und ausgesprochen modern anmutenden Illustrationen vermutlich das Schönste. Dank eines (fast sittenwidrig preiswerten) Reprints aus dem Taschen-Verlag kann heute jeder diese Zeichnungen bewundern.
Dieses Buch zu betrachten, hilft auch gegen das verbreitete Narrativ von den in einem finsteren Mittelalter quacksalbernden Ärzten, in dem einzig ein paar von der Kirche verfolgte Kräuterfrauen den Menschen helfen konnten: Das hier gesammelte Wissen ist immens, und sind auch die Angaben zu „krafft und würckung“ der Pflanzen meist sehr breit gefasst, so können wir doch davon ausgehen, dass kundige und gebildete Ärzte sehr wohl für und gegen vieles ein Kraut kannten. Erst die Finsternis des Dreißigjährigen Krieges löschte große Teile dieses Wissens aus.
Fuchs’ Nachruhm überdauerte Jahrhunderte, Kirchen wurden nach dem Vorbild der Abbildungen seines Buches ausgemalt; und um 1700 benannte man die damals neu entdeckte Fuchsie nach ihm.

Am Abend eines heißen Tages: das Gärtnerhaus im Leonhart-Fuchs-Garten in Ansbach
Roßtal
Veröffentlicht: 1. Juli 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Luther, Mittelfranken, Pilgerweg, Protestantismus Hinterlasse einen KommentarNachdem ich den Nürnberger Südraum Richtung Westen verlassen hatte, änderte sich die Landschaft: die Mischung aus weitläufigen Kiefernwäldern und Reihenhaussiedlungen wich einer leicht hügligen, landwirtschaftlich geprägten Gegend; mal großfeldrige Agrarsteppe, mal kleinteilige Kulturlandschaft mit Hecken und Bachläufen.
Der Marktflecken Roßtal war mein erstes Ziel auf diesem Wegabschnitt. Anders als der Name vermuten lässt, liegt der alte Ortskern auf einem steilen Hügel; ein uralter Siedlungsplatz und heute noch in seiner Struktur als Wehrkirchenanlage mit Mauer und Toren gut erkennbar. Innerhalb der Mauer befindet sich neben dem Pfarrhaus und einigen anderen Gebäuden der örtliche Friedhof, der somit in einer für uns heutige überraschenden Weise das Zentrum des Ortes bildet.
Auf diesem Friedhof pflegten – es war Sonntag Nachmittag – einige Anwohner die Gräber, eine Gruppe Radurlauber kehrte im Gasthof ein; ansonsten war es im sinkenden Nachmittagslicht vor allem eins: still. Nachdem ich mich ein bisschen umgesehen hatte, setzte ich mich auf eine Bank vor dem Rathaus, einem der Tore gegenüber, und begann zu zeichnen. Hier war, so schien es mir, die Zeit auf eine doppelte Weise stehen geblieben: Im dem 19.Jahrhundert zugehörig scheinenden Ambiente dieses Platzes und in einer Stunde (oder zweien oder dreien?) ununterbrochener Gegenwart.

Blick auf die Roßtaler Kirche.
Bevor ich mit der Zeichnung begonnen hatte, machte ich im Kircheninnern noch eine Skizze der Emporen. Diese tribünenartigen Einbauten finden sich praktisch in allen Ortskirchen dieser evangelischen Region Frankens. Sie sind ein programmatisches Merkmal des protestantischen Kirchenbaus, kann doch die Gemeinde von dort aus das von der Kanzel verkündete Wort deutlich vernehmen: sola scriptura, „allein die Schrift“, hatte Luther gefordert – nur noch das Wort der Bibel sollte für den Glauben zählen.

Zweistöckige Empore in der Laurentius-Kirche Roßtal.
Südraum Nürnberg
Veröffentlicht: 24. Juni 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Mai 2016, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Mittelfranken, Nürnberg, Pilgerweg Hinterlasse einen KommentarIn Altdorf erst war ich auf den eigentlichen Pilgerweg getroffen, dem ich von nun an Richtung Westen folgte. Schon an diesem Tag wandelte sich die Landschaft: von nun an sollten Kiefernwälder, zum Teil sehr ausgedehnte, meinen Weg begleiten. Eingebettet in diesen Kiefernwald liegt die Rummelsberger Diakonie, meine nächste Station. Gezeichnet habe ich dort am Morgen die Kirche, einen Bau aus den 20er Jahren mit Anleihen romanische Formen.

Turmseite der Philippus-Kirche in Rummelsberg.
Bei der Planung der Tour hatte ich meine Zweifel gehabt, ob es überhaupt möglich sein würde, den zersiedelten Nürnberger Südraum vergnüglich zu durchwandern: ja, es war. Einen besonderen Anteil daran hat der Ludwig-Donau-Main-Kanal, kurz Ludwigskanal. Der nicht mehr schiffbare alte Kanal zieht sich oft über Kilometer schnurgerade durch morastige Kiefern-Eichen-Wälder, unterbrochen nur von gelegentlichen Schleusen, und es ist ein ganz besonderes Erlebnis, daran entlang zu wandern.

Am Ludwigskanal.
Das sandig-sumpfige Gelände dürfte in früheren Jahrhunderten vermutlich nur an wenigen Stellen besiedelt gewesen sein (auch wenn der Ortsname Feucht von Fichte kommt und nicht von Feuchtigkeit) und bot so in der Neuzeit reichlich Platz für endlose Eigenheimsiedlungen. Die zu überwinden war manchmal etwas mühsam, um so schöner, wenn dann doch einmal ein älteres Gebäude am Weg lag.

Altes Gutsgebäude irgendwo zwischen Autobahn, Eigenheimsiedlung und Sumpf.
Altehrwürdig
Veröffentlicht: 22. Juni 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Frühe Neuzeit, Mittelfranken Hinterlasse einen KommentarSoll ich chronologisch weitermachen oder mit den Skizzen von gestern? (Heute habe ich wirklich mal keine gemacht, bei schwülen 34℃ und Güllegestank ist mir nicht danach gewesen.) Ich entscheide mich für die Chronologie und blicke, wo die Wanderung schon beginnt das Etappenziel zu sehen, auf den Anfang zurück.
Von Engelthal aus bin ich durch herrliche, anfangs noch morgenfrische Wälder Richtung Altdorf gelaufen. Man sieht die kleine Stadt von weither liegen, ganz altmodisch rund mit Kirchturm in der Mitte, Weichbild, dieses fast vergessene Wort für Stadtsilouette, fiel mir ein.
Kurioser Weise hatte der Ort einmal eine Universität, und gar keine so unbedeutende. Reiche Bürger der mächtigen Freien Reichsstadt Nürnberg haben sie gegründet und unterhalten, sie war ein Hort von Reformation und früher Aufklärung. Der junge Leibniz hat hier promoviert.
Als ich am Abend dort zeichnete, atmete der Ort, obwohl schon seit über 200 Jahren anderweitig genutzt, noch immer den Geist der Altehrwürdigkeit – als würde gleich ein Herr im Talar die Tür zum Treppenturm öffnen.

Tür zum Treppenturm im Gebäude der ehemaligen Universität Altdorf.
Engelthal
Veröffentlicht: 16. Juni 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Kloster, Mittelfranken, Pilgerweg Ein KommentarVon Hersbruck kommend, ging ich am Nachmittag noch bis Engelthal. Der kleine Ort lag, seinem Namen alle Ehre machend, wie verzaubert im Abendlicht. Im Hochmittelalter hatte hier einmal ein weithin berühmtes Nonnenkloster gegeben, in dem eine mystische, weiblich geprägte Spiritualität gepflegt wurde.
Seitdem sind 700 Jahre vergangen, das Kloster wurde bereits in der Reformation säkularisiert und bald darauf in einem regionalen Kleinkrieg geplündert; und doch ist erstaunlich viel erhalten: neben der Grundstruktur des Ortes Reste der Klostermauer und einiges, was im Laufe der Jahrhunderte überbaut wurde.
Zu mehr als einem kleinen Rundgang war ich nach der langen Reise leider nicht mehr in der Lage. Am nächsten Tag wollte ich zeitig aufbrechen, so dass ich mich vor dem Frühstück auf eine zügige Skizze eines der Torhäuser beschränkte. Bloß nicht friemeln! (Ich hatte mir in Hersbruck gerade noch einen Lamy mit breiter Spitze besorgt, das half.)

Eines der charakteristischen Torhäuser vo Engelthal im Nürnberger Land.
Der Hersbrucker Palmesel
Veröffentlicht: 14. Juni 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Mittelfranken, Nürnberg, Pilgerweg Hinterlasse einen KommentarDie 6.Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen! Die letzte, im vergangenen Oktober, endete in Lauf an der Pegnitz, östlich von Nürnberg; gestartet bin ich dieses Mal einige Kilometer weiter, in Hersbruck. Wie immer am ersten Reisetag stieg ich etwas zerknittert aus dem Zug. Der hübsche Ort lag in fast unwirklich klarem Nachmittagslicht, alles strahlte und warf scharfe Schatten.
Milder war das Licht in der Kirche von Hersbruck (evangelisch, wie das ganze Nürnberger Land). Überraschend gab es dennoch einen großen und schönen Marienaltar, doch angezogen wurde ich sofort von einer annähernd lebensgroßen Jesusfigur auf einem Esel: dem Hersbrucker Palmesel. Die Plastik (aus dem 16.Jh.) ist nicht restauriert. Mit den Jahrhunderten ist die Farbe abgeblättert, haben sich die einzelne Teile voneinander gelöst und manches ist ganz verloren gegangen – wie einige Finger und die kompletten Füße.
Die Geschichte, die sie erzählt, markiert den Anfang der Passionserzählung: Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein; die Menschen jubeln ihm zu und streuen als Zeichen der Ehrerbietung Palmblätter auf seinen Weg. Ob die Geschichte so stattgefunden hat, wie sie in den Evangelien aufgeschrieben wurde, werden wir niemals erfahren. Wir können aber annehmen, dass hier Bezug genommen wird auf einen viel älteren Text, einer Vision des Propheten Sacharja:
Juble laut, Tochter Zion,
jauchze, Tochter Jerusalem,
sieh, dein König kommt zu dir,
gerecht und siegreich ist er,
demütig und auf einem Esel reitend,
auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

Der „Hersbrucker Palmesel“, eine spätmittelalterliche Skulptur in der Kirche von Hersbruck bei Nürnberg.
Schöne Türen in Schwerin
Veröffentlicht: 5. Juni 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Ink&Wash, Urban Sketching | Tags: Architektur, Art Déco, Schwerin, Tür 2 KommentareDie Schweriner Innenstadt ist überreich an schönen Haustüren. Für diesen Sommer habe ich mir vorgenommen, einige von ihnen abzubilden. Es ist ein schönes Projekt: so eine Tür hat immer etwas von einem Mandala mit ihren Symmetrien und Harmonien.
Am besten geht das am frühen Morgen, wenn noch niemand auf den engen Straßen unterwegs ist; leider versperren dann auch die meisten geparkten Autos den Blick. So wird die Auswahl wohl vor allem davon bestimmt sein, wo mal eine Lücke ist.
Angefangen habe ich mit einer Tür, die nicht zu den ganz alten zählt; sie mag vielleicht 90 Jahre alt sein, aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Holzkorpus der Tür ist unspektakulär, die Verglasung von einem schönen schmiedeeisernen Gitter geschmückt; das Besondere sind die kunstvollen, z.T. farbig glasierten Formziegel, mit denen nicht nur die Tür, sondern – hier nicht sichtbar – die gesamte Fassade gestaltet ist.

Tür Puschkinstraße 8 in Schwerin.
Requiem für ein hässliches Haus
Veröffentlicht: 28. Mai 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Architektur, Moderne, Potsdam Hinterlasse einen KommentarAls ich 1964, gerade vier Jahre alt, nach Potsdam kam, sah ich – mit der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder sehen, nicht wissend, dass es auch anders sein könnte – noch knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende eine von Bomben und Häuserkampf gezeichnete Stadt. Erste Neubauviertel entstanden an den Rändern, in einem wohnten wir und fuhren täglich mit einer klapprigen Vorkriegsstraßenbahn an den Brachflächen vorbei, die einmal eine Stadtmitte gewesen waren; zum anderen Ende der Stadt, wo der berühmte Park seine Schönheit ausbreitete, mit Rabatten, Schlössern und Pavillons, als wäre nichts gewesen …
Später ging ich in der Innenstadt zur Schule, kurz sah ich noch die Garnisonkirche, bevor sie fiel, den stinkenden Kanal und die von Einschusslöchern vernarbten Fassaden leerstehender Häuser, deren letzte Scheiben wir auf dem Weg von der Straßenbahn einwarfen. Über all dem erhob sich die schon wieder hergerichtete Kuppel der Nikolaikirche auf würfelförmigem Rumpf, umgeben von Nirgendwo; bis in meine Träume reichte eine Vorstellung von riesiger Düsternis im Innern. (Wieder eröffnet wurde sie 1981 und war dann licht und eher klein.)
Die Jahre vergingen, die Brachflächen füllten sich mit Gebäuden: ein paar Wohnhäuser, Bibliothek, Fachhochschule, Rechenzentrum, Hotelhochhaus; füllten sich mit der Bühne meiner Wachstumsjahre, mit Etwas, wo vorher Nichts gewesen war. Manchmal hörten wir ein Raunen über dieses Nichts: dass es ein Schloss gegeben hätte, mehr Kirchen noch, unter Ulbricht gesprengt … Die Themen der Jugend sind andere.
Jetzt, über vierzig Jahre später, ist da wieder ein Schloss, genauer: ein Landtagsgebäude mit einer Schlosskulisse, umgeben von anderen Kulissen. Erstaunlich viele Potsdamer haben das gewollt. (Oder nur: erstaunlich reiche Potsdamer?) Fassungslos, noch immer, obwohl ich es schon seit Jahren aus der Ferne beobachte, fassungslos blicke ich darauf und frage mich: hätte es nichts besseres gegeben, nichts schöneres, der wechselvollen, von Verlust und Auferstehung geprägten Geschichte dieses Ortes angemesseneres?

Fachhochschule Potsdam. Lexington Grey Ink und Wasserfarbe in S&B Beta.
Die Fachhochschule ist noch in Betrieb, der Bau von außen vernachlässigt, verdreckt, die Scheiben der Ladengeschäfte im Erdgeschoss trüb und besprüht, die kleine Parkanlage daneben verkommen. Der Abriss ist längst beschlossene Sache, an der vermutlich auch eine Bürgerinitiative nichts ändern wird – auch wenn sich mittlerweile selbst die bildungsbürgerliche FAZ auf deren Seite stellt. „Racheabriss“, ich lese das Wort in einem Architekturforum und werde es nicht mehr los. Rache ist verfehlte Trauerarbeit, und getrauert werden durfte hier seit der Zeit der Soldatenkönige nur im Stillen. Wie viele Schichten von Schmerz müssen unter dem Pflaster des Alten Marktes abgetragen werden, bevor man auf den Strand stößt?
Ich finde, während ich an einem windigen Samstagvormittag mit meinem Zeichenblock dort sitze, (die Zugluft zwischen den Blöcken eint Barock und Moderne) erst einmal meinen eigenen, meine eigene Wut dazu, Nachwendeschmerz, Nachwendewut; Kolonialismus, wie lange habe ich dieses Wort nicht mehr gedacht. Als hinge die Gültigkeit meiner Biographie von der Existenz eines bisschen bröckelnden Betons ab.
Länger habe ich nie an einem Blogartikel geschrieben, oder sollte ich sagen: länger habe ich nie an einem Blogartikel gekürzt. Umfangreicher als andere ist er geworden und bleibt für Nicht-Potsdamer in vielem vermutlich dennoch unverständlich. Zum Weiterlesen daher hier noch ein paar Links:
Die Seite der oben erwähnten Bürgerinitiative: https://www.potsdamermitteneudenken.de/
Die offizielle Seite der Potsdamer „Neuen Mitte“: http://www.potsdamermitte.de
Das Museum Barberini – Hasso Plattners spektakuläre Sammlung moderner Kunst von Impressionismus bis DDR, verpackt in Pseudobarock: https://www.museum-barberini.com
Ein Gebäude von Mies van der Rohe, dessen Architektursprache das Fachhochschulgebäude zitiert: https://www.cardcow.com/436726/home-federal-savings-loan-association-building-des-moines-iowa/
Über viele Jahre sich hinziehender Diskussionsfaden in einem Architekturforum, voller interessanter Informationen und Bilder: http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=12597
Die FAZ zum Thema: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/stadtplanung-make-potsdam-schoen-again-14953237.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
Madeira im Februar – Teil 2 und Schluss
Veröffentlicht: 19. März 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Madeira 2017, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Funchal, Kuchen, Madeira, Tee Hinterlasse einen KommentarHier noch einige letzte Nachträge aus meinem Madeira-Tagebuch.
Zuerst eine Skizze von der Aussichtskanzel des Cap Girao. Einige Tage, bevor ich es aus der Ferne gezeichnet hatte, war ich entlang einer Levada hingewandert – eine schöne Tour, die allerdings leider ohne bildliche Ausbeute blieb. Erst am Ziel genoss ich das Vergnügen, menschliches Verhalten auf einer Glasplatte in 500m Höhe zu studieren. Die Selfie-KnipserInnen waren für meinen Stift allerdings zu schnell.

Weniger spektakulär, dafür fast kontemplativ ist die Aussicht aus dem ersten Stock des Tea House „Alfazema e Cholcolate“.

Etwas höher gelegen, schon am Rande der Altstadt, in einem Viertel von eher morbidem Charme, gibt es noch ein drittes Tea House, dessen Besuch sich lohnt. Es befindet sich im „Museum der Erinnerungen“ und hat einen schönen Garten mit einem Springbrunnen in der Mitte.

Immer wieder beeindruckt hat mich, wie sehr eine einfache, bodenständige Glaubenspraxis im Alltag verankert ist. Auch an Wochentagen sind die Kirchen abends zum Rosenkranzgebet voller Menschen. Eher zufällig hineingeraten, bleib ich hier in der Igreja do Carmo einfach sitzen und habe diskret weiter gezeichnet – die Farben dann allerdings zu Hause eingefügt. Die Kirche ist wirklich so bonbonbunt, was durch eine für unsere Augen unvorteilhafte Neonbeleuchtung noch verstärkt wird.

Am letzten Tag habe ich dann natürlich noch Obst für zu Hause eingekauft. In einem kleinen, schon von Verfall geprägten Haus zwischen Stadtautobahn und Neubauten hatte ein alter Mann eine Art Laden in einem winzigen fensterlosen Raum. Hier gab es das beste Angebot auch an Obst, das man nur selten zu kaufen bekommt, weil es sich schlecht lagern lässt, wie den saftig frischen Wollmispelfrüchten.

Und ganz zum Schluss – natürlich – habe ich mir noch ein eher seltsames Stück Cremetorte geleistet, dass zwar sehr schön aussah, aber doch recht amerikanisch-künstlich schmeckte.

