Nichtengeschichten – Teil 3 und Schluss

Nach dem Schuhkauf ging es ins Hüpfburgenland – das die beiden schon am Vortag beim Vorbeifahren mit großen Augen angestaunt hatten: primärfarbenbunte Scheußlichkeiten aus Plastik, weithin über den Schweriner Burgsee leuchtend. Mein Onkel, der Opa der beiden, pflegte die Definition von Kitsch daran festzumachen, ob etwas Kindern gefiele … Nun, die beiden waren begeistert.

Der nächste war der letzten Nichtentag, und wir verbrachten ihn zusammen mit Freunden entspannt im Schweriner Volkskundemuseum. Zwischen alten Bauernhäusern – die für meinen Geschmack leider etwas unvermittelt im Gelände stehen – ist ein idealer Platz für Familien mit Kindern: Spielmöglichkeiten, Picknickplätze, Seeufer (und wenig Publikum, schön für uns und schade für das Museum.)

 


Abschied von Rothenburg

Fast hätte ich das Bild vergessen, so lange scheint es nun schon zurückzuliegen. Ende Juni war ich nach meinem Pilgerweg in Rothenburg angekommen und hatte dort zeichnend noch zwei Tage verbracht. Es war – wir mögen es kaum noch glauben – sehr heiß und trocken gewesen, der Wind blies scharfkantigen Karststaub über die Felder, so dass der erste Regen nach Wochen sehnsüchtig erwartet wurde.

Als er dann kam, am späten Nachmittag meines letzten Tages in Rothenburg, waren alle Japaner schnell in ihre Hotels geflüchtet, die Schulklassen in die Jugendherberge, und ich hatte den Panoramaweg für mich allein. Es war ein magischer Moment; irgendwo in dem Steilhang versteckte sich ein verlassenes Kneippbecken, und ich platschte selig im Regen darin herum.

Nächstes Jahr wird es genau hier weitergehen; der Pilgerweg durchquert das Taubertal und verlässt dann Franken Richtung Württemberg.

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Blick auf Rothenburg o.d.T. im ersten Regen nach langer Trockenheit Ende Juni. Ich habe die Zeichnung vor Ort begonnen, auch schon koloriert; die Farbe dann zu Hause vertieft und ergänzt. Dabei kam zum ersten Mal das neue Perylengrün von Schminke zum Einsatz.


Rothenburg

Einmal, vor vielen Jahren, haben wir hier, mit noch kleinen Kindern, für ein paar Nachmittagsstunden Rast auf einer langen Reise gemacht; Mauern und Türmchen sind mir von damals in Erinnerung und dass ich die Stadt schön fand, einfach schön, Kitsch und Japaner hin und her.

Jetzt, wo ich mehr Zeit habe, Ruhe auch und einen fast zwanzig Jahre älteren Blick, sehe ich: Es ist, neben dem Äußerlichen, noch auf eine besondere Weise schön. Eine Art Freilichtmuseum zwar, doch ein bewohntes, und es tut dem Ort gut, dass kein H&M und kein McD da ist, die meisten Geschäfte und Restaurants sehen nach Familienbesitz aus. Eine Zeitreise, eher in die 50er als ins Mittelalter. (Geheimtipp für Zeichner: Papierhaus Zimmermann in der Galgengasse. Für einen so kleinen Ort gibt es hinter dem unscheinbaren Fenster eine überwältigende Auswahl an allem, was das Herz begehrt, neben gut sortierten Standards Schätze an Papieren, Aufklebern, Stickern, Füllfederhaltern …)

Abends auf dem Markt erwische ich einen Logenplatz mit Fachwerkblick und gebe ihn erst wieder her, als es endgültig dunkelt. So gelingt mir dieses Bild fast vollständig vor Ort, nur die letzte Lasur lege ich erst darüber, als am nächsten Morgen alles ganz sicher trocken ist.

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Fachwerkgiebel am Markt von Rothenburg o.d.T. Lexington Grey Ink mit Wasserfarbe in S&B Beta.


Weggefährten

Um Mittsommer zu gehen heißt auch, immer blühende Pflanzen zu Weggefährten zu haben. Sie vor Ort zu zeichnen, tue ich mich meist schwer. Oft genug braucht es eine sehr tiefe Verbeugung, um einer Wiesenpflanze auf Augenhöhe zu begegnen; und selbst dann hält sie nicht so still, wie man es von einer Pflanze erwarten würde – ein Windhauch, und alles ist anders. (Ich bewundere Zeichner wie Guido Hättenschwiler, die in ihre Reiseskizzen öfter mal botanische Studien einfließen lassen.)

Kurz vor Rothenburg, die Stadt schon von einem Hang aus im Blick, habe ich den freundlichen stillen Begleitern dann doch noch ein Blatt gewidmet. An dem karstigen Westhang war eine besonders illustre Gesellschaft versammelt. Gezeichnet habe ich sie vor Ort nur ziemlich locker und am Abend im Hotel nach Foto ergänzt; später dann zu Hause die Farben noch vertieft.

Von links nach rechts: Flockenblume, gelbes Labkraut, Schafgarbe; dann untereinander Kartäusernelke, Johanniskraut und Ackerwinde, schließlich die wilde Karde und der Mauerpfeffer.

Wiesensalbei (dem ich vor drei Jahren, bei der ersten Etappe, schon einmal eine Wegrandskizze gewidmet hatte) und Mohn passten nicht mehr drauf, und die Rosengewächse Odermennig und Walderdbeere fehlten an dieser Stelle.

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Wegrandpflanzen: Flockenblume, gelbes Labkraut, Schafgarbe, Kartäusernelke, Johanniskraut, Ackerwinde, Wilde Karde, Mauerpfeffer.


Fuchsgarten

Für zwei Tage bin ich vom Pilgerweg abgewichen, um mir Ansbach anzusehen. Ich hatte bei der Rückreise von der letzten Etappe die Stadt liegen sehen im Tal, mit ihren pittoresken gotischen Türmen wie aus einem Disneyfilm. Der Eindruck, aus der Nähe, täuscht: Ansbach ist eine Residenz gewesen (erinnert mich, von Größe und Anmutung, an Coburg, das ich zwei Jahre zuvor durchwandert hatte), eine von den vielen, die es in Deutschland gab, mit viel Barock und Park, mit geraden Straßen und viel zu großen Plätzen. Auch die von außen so spitzgotisch aussehenden Kirchen sind innerlich ganz und gar barockisiert.

In den Park, der hier Hofgarten heißt, ging ich am Abend, als die allgegenwärtige Hitze endlich etwas nachließ, und fand dort ein unerwartetes Kleinod: den „Fuchsgarten“, einen erst vor einigen Jahren sehr sorgfältig angelegten Kräutergarten zu Ehren des großen Botanikers Leonhart Fuchs.

Fuchs war, was man einen Renaissancemenschen nennt, ein Wissenschaftler, ein Forscher, ein streitbarer Verfechter von Reformation und hippokratischer Medizin; als Hochschullehrer ging er mit seinen Studenten auf botanische Exkursionen, und die Botanik war es auch, die ihn berühmt gemacht hat. In seinem „New Kreütterbůch“ beschrieb er an die 400 einheimische und zahlreiche importierte Pflanzen, manche, wie Paprika und Mais, zum ersten Mal in Deutschland. Das Buch ist nicht das Einzige seiner Art, doch mit seinen opulenten und ausgesprochen modern anmutenden Illustrationen vermutlich das Schönste. Dank eines (fast sittenwidrig preiswerten) Reprints aus dem Taschen-Verlag kann heute jeder diese Zeichnungen bewundern.

Dieses Buch zu betrachten, hilft auch gegen das verbreitete Narrativ von den in einem finsteren Mittelalter quacksalbernden Ärzten, in dem einzig ein paar von der Kirche verfolgte Kräuterfrauen den Menschen helfen konnten: Das hier gesammelte Wissen ist immens, und sind auch die Angaben zu „krafft und würckung“ der Pflanzen meist sehr breit gefasst, so können wir doch davon ausgehen, dass kundige und gebildete Ärzte sehr wohl für und gegen vieles ein Kraut kannten. Erst die Finsternis des Dreißigjährigen Krieges löschte große Teile dieses Wissens aus.

Fuchs’ Nachruhm überdauerte Jahrhunderte, Kirchen wurden nach dem Vorbild der Abbildungen seines Buches ausgemalt; und um 1700 benannte man die damals neu entdeckte Fuchsie nach ihm.

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Am Abend eines heißen Tages: das Gärtnerhaus im Leonhart-Fuchs-Garten in Ansbach


Der Hersbrucker Palmesel

Die 6.Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen! Die letzte, im vergangenen Oktober, endete in Lauf an der Pegnitz, östlich von Nürnberg; gestartet bin ich dieses Mal einige Kilometer weiter, in Hersbruck. Wie immer am ersten Reisetag stieg ich etwas zerknittert aus dem Zug. Der hübsche Ort lag in fast unwirklich klarem Nachmittagslicht, alles strahlte und warf scharfe Schatten.

Milder war das Licht in der Kirche von Hersbruck (evangelisch, wie das ganze Nürnberger Land). Überraschend gab es dennoch einen großen und schönen Marienaltar, doch angezogen wurde ich sofort von einer annähernd lebensgroßen Jesusfigur auf einem Esel: dem Hersbrucker Palmesel. Die Plastik (aus dem 16.Jh.) ist nicht restauriert. Mit den Jahrhunderten ist die Farbe abgeblättert, haben sich die einzelne Teile voneinander gelöst und manches ist ganz verloren gegangen – wie einige Finger und die kompletten Füße.

Die Geschichte, die sie erzählt, markiert den Anfang der Passionserzählung: Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein; die Menschen jubeln ihm zu und streuen als Zeichen der Ehrerbietung Palmblätter auf seinen Weg. Ob die Geschichte so stattgefunden hat, wie sie in den Evangelien aufgeschrieben wurde, werden wir niemals erfahren. Wir können aber annehmen, dass hier Bezug genommen wird auf einen viel älteren Text, einer Vision des Propheten Sacharja:

Juble laut, Tochter Zion,
jauchze, Tochter Jerusalem,
sieh, dein König kommt zu dir,
gerecht und siegreich ist er,
demütig und auf einem Esel reitend,
auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

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Der „Hersbrucker Palmesel“, eine spätmittelalterliche Skulptur in der Kirche von Hersbruck bei Nürnberg.

 


Schöne Türen in Schwerin

Die Schweriner Innenstadt ist überreich an schönen Haustüren. Für diesen Sommer habe ich mir vorgenommen, einige von ihnen abzubilden. Es ist ein schönes Projekt: so eine Tür hat immer etwas von einem Mandala mit ihren Symmetrien und Harmonien.

Am besten geht das am frühen Morgen, wenn noch niemand auf den engen Straßen unterwegs ist; leider versperren dann auch die meisten geparkten Autos den Blick. So wird die Auswahl wohl vor allem davon bestimmt sein, wo mal eine Lücke ist.

Angefangen habe ich mit einer Tür, die nicht zu den ganz alten zählt; sie mag vielleicht 90 Jahre alt sein, aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Holzkorpus der Tür ist unspektakulär, die Verglasung von einem schönen schmiedeeisernen Gitter geschmückt; das Besondere sind die kunstvollen, z.T. farbig glasierten Formziegel, mit denen nicht nur die Tür, sondern – hier nicht sichtbar – die gesamte Fassade gestaltet ist.

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Tür Puschkinstraße 8 in Schwerin.


Requiem für ein hässliches Haus

Als ich 1964, gerade vier Jahre alt, nach Potsdam kam, sah ich – mit der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder sehen, nicht wissend, dass es auch anders sein könnte – noch knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende eine von Bomben und Häuserkampf gezeichnete Stadt. Erste Neubauviertel entstanden an den Rändern, in einem wohnten wir und fuhren täglich mit einer klapprigen Vorkriegsstraßenbahn an den Brachflächen vorbei, die einmal eine Stadtmitte gewesen waren; zum anderen Ende der Stadt, wo der berühmte Park seine Schönheit ausbreitete, mit Rabatten, Schlössern und Pavillons, als wäre nichts gewesen …

Später ging ich in der Innenstadt zur Schule, kurz sah ich noch die Garnisonkirche, bevor sie fiel, den stinkenden Kanal und die von Einschusslöchern vernarbten Fassaden leerstehender Häuser, deren letzte Scheiben wir auf dem Weg von der Straßenbahn einwarfen. Über all dem erhob sich die schon wieder hergerichtete Kuppel der Nikolaikirche auf würfelförmigem Rumpf, umgeben von Nirgendwo; bis in meine Träume reichte eine Vorstellung von riesiger Düsternis im Innern. (Wieder eröffnet wurde sie 1981 und war dann licht und eher klein.)

Die Jahre vergingen, die Brachflächen füllten sich mit Gebäuden: ein paar Wohnhäuser, Bibliothek, Fachhochschule, Rechenzentrum, Hotelhochhaus; füllten sich mit der Bühne meiner Wachstumsjahre, mit Etwas, wo vorher Nichts gewesen war. Manchmal hörten wir ein Raunen über dieses Nichts: dass es ein Schloss gegeben hätte, mehr Kirchen noch, unter Ulbricht gesprengt … Die Themen der Jugend sind andere.

Jetzt, über vierzig Jahre später, ist da wieder ein Schloss, genauer: ein Landtagsgebäude mit einer Schlosskulisse, umgeben von anderen Kulissen. Erstaunlich viele Potsdamer haben das gewollt. (Oder nur: erstaunlich reiche Potsdamer?) Fassungslos, noch immer, obwohl ich es schon seit Jahren aus der Ferne beobachte, fassungslos blicke ich darauf und frage mich: hätte es nichts besseres gegeben, nichts schöneres, der wechselvollen, von Verlust und Auferstehung geprägten Geschichte dieses Ortes angemesseneres?

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Fachhochschule Potsdam. Lexington Grey Ink und Wasserfarbe in S&B Beta.

Die Fachhochschule ist noch in Betrieb, der Bau von außen vernachlässigt, verdreckt, die Scheiben der Ladengeschäfte im Erdgeschoss trüb und besprüht, die kleine Parkanlage daneben verkommen. Der Abriss ist längst beschlossene Sache, an der vermutlich auch eine Bürgerinitiative nichts ändern wird – auch wenn sich mittlerweile selbst die bildungsbürgerliche FAZ auf deren Seite stellt. „Racheabriss“, ich lese das Wort in einem Architekturforum und werde es nicht mehr los. Rache ist verfehlte Trauerarbeit, und getrauert werden durfte hier seit der Zeit der Soldatenkönige nur im Stillen. Wie viele Schichten von Schmerz müssen unter dem Pflaster des Alten Marktes abgetragen werden, bevor man auf den Strand stößt?

Ich finde, während ich an einem windigen Samstagvormittag mit meinem Zeichenblock dort sitze, (die Zugluft zwischen den Blöcken eint Barock und Moderne) erst einmal meinen eigenen, meine eigene Wut dazu, Nachwendeschmerz, Nachwendewut; Kolonialismus, wie lange habe ich dieses Wort nicht mehr gedacht. Als hinge die Gültigkeit meiner Biographie von der Existenz eines bisschen bröckelnden Betons ab.

Länger habe ich nie an einem Blogartikel geschrieben, oder sollte ich sagen: länger habe ich nie an einem Blogartikel gekürzt. Umfangreicher als andere ist er geworden und bleibt für Nicht-Potsdamer in vielem vermutlich dennoch unverständlich. Zum Weiterlesen daher hier noch ein paar Links:

Die Seite der oben erwähnten Bürgerinitiative: https://www.potsdamermitteneudenken.de/

Die offizielle Seite der Potsdamer „Neuen Mitte“: http://www.potsdamermitte.de

Das Museum Barberini – Hasso Plattners spektakuläre Sammlung moderner Kunst von Impressionismus bis DDR, verpackt in Pseudobarock: https://www.museum-barberini.com

Ein Gebäude von Mies van der Rohe, dessen Architektursprache das Fachhochschulgebäude zitiert: https://www.cardcow.com/436726/home-federal-savings-loan-association-building-des-moines-iowa/

Über viele Jahre sich hinziehender Diskussionsfaden in einem Architekturforum, voller interessanter Informationen und Bilder: http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=12597

Die FAZ zum Thema: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/stadtplanung-make-potsdam-schoen-again-14953237.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2


Stilbruch

Die Idee hatte ich schon eine ganze Weile: mal ganz anders zu zeichnen. Und zwar nicht irgendwie anders, sondern im Stil von Künstlern, die ich schätze. Eine Zeichnung als Hommage an jemanden, von dem oder der ich viel gelernt habe (oder noch lernen will) und dessen oder deren Bilder ich mag. Keine Kopie, sondern eine eigene Zeichnung, nur eben in Ausführung, Ausdruck und Sujet angelehnt an das Werk von jemand anderem.

Letzte Woche habe ich, fast ein bisschen aufgeregt, angefangen. Ich hatte mir vorgenommen, eine Teetasse à la Liz Steel zu zeichnen. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von Liz‘ Teetassen war, als ich mit dem regelmäßigen Zeichnen begann, und ihr Blog war einer der ersten, den ich abonniert hatte. Außerdem versprach dieser Anfang gute Bedingungen: Tee wird bei mir immer getrunken (und es gibt auch schon ein paar Tassen und Kannen in meinen älteren Büchern) und Liz hat hunderte Tassen gezeichnet und mehrere Tutorials dazu veröffentlicht.

Nun, diese Tasse ging erst einmal daneben. Sie war schon gelungen, doch kein bisschen Liz, obwohl ich exakt nach ihrer Anleitung gezeichnet hatte. Allerdings nicht während des Teetrinkens, sondern über anderthalb Zugfahrten verteilt – die Woche hatte es in sich und nur die allererste Vorzeichnung war am heimischen Frühstückstisch entstanden. „Exakt“ war hier jedoch das, was hier exakt nicht gefragt war: Liz‘ Bilder leben vom Tempo, von der Frische. Und da ich keine Lust auf die gleiche Tasse noch mal hatte, war beim nächsten Mal meine neue kleine Teekanne dran. Flott, mit einer bisschen unrunden Ellipse: bloß nicht zu perfekt. Das erstaunliche war: es fiel mir gar nicht schwer. (Ich kann beim Zeichnen von Stillleben sonst ganz schön haftend und perfektionistisch sein.) Eine Erfahrung, bei der mir, im übertragenen Sinne, fast ein bisschen schwindlig wurde – Identität ist eine „Sache“, von der wir uns anscheinend ungern trennen.

Und da war noch etwas: Jeder, der Liz‘ Blog kennt, weiß, dass sie häufig Bibeltexte neben ihre Zeichnungen schreibt. Ich hatte mich gerade mit dem 63.Psalm beschäftigt und fand es daher schön, ein paar Zeilen davon hinzuschreiben. (In der Fassung der „Bibel in gerechter Sprache“, zu der ich eine ambivalente Zuneigung hege.) Was aber, wenn mir das Biblische eher fremd gewesen wäre? Dann hätte ich wohl die Finger davon gelassen, um aus der Hommage keine Parodie zu machen. Denn auch das will bei einem solchen Unterfangen gut bedacht sein.

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Diese kleine Teekanne habe ich mir in Funchal gekauft, weil es und er Ferienwohnung keine gab. Sie ist in Hongkong hergestellt, von einem Hamburger Teegroßhandel vertrieben und nun mit mir nach Schwerin gereist. Gezeichnet habe ich sie als Hommage an die großartige Zeichnerin Liz Steel.


Ein Tag am Meer

Es mutet schon seltsam an, wenn man auf Madeira davon spricht, man sei am Meer gewesen. Und doch: auch wenn man es in dem steilen Gelände von fast überall sieht, ist es doch ferner als anderswo, meist irgendwo tief unten oder ein Stück weg; Felsen statt Sand.

Westlich der Inselhauptstadt Funchal ist daher eigens ein Weg angelegt worden, auf dem man über immerhin sechs Kilometer das Gefühl auskosten kann, am Meer spazieren zu gehen. Selbstverständlich mussten dafür alle Register madeirischer Straßenbaukunst gezogen werden, sogar einen gar nicht so kurzen Fußgängertunnel gibt es, von dem aus man durch ein Felsenfenster die beeindruckend in eine Grotte hineinkochende Brandung sehen kann.

An weniger spektakulären Stellen hat man Stege über den grobkieseligen Strand gebaut, hier kann man auch baden oder einfach in der Strandbar einen Kaffee trinken und den Joggerinnen nachsehen, wie ich es getan habe. Das Mittagessen gab es dann am Ziel der Wanderung, in Camâra de Lobos, bei mittlerweile grau zugezogenem Himmel war ich froh um den mitgenommenen Pullover. Ich habe hier abwechselnd auf das Cap Girão geblickt – mit über 500m Höhe eine der höchsten Klippen der Welt – , und auf meinen Teller, auf dem – nicht lange – ein leuchtend roter Papageifisch lag.

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Strandpromenade von Funchal nach Câmara de Lobos, Blick auf Cap Girão und auf dem Teller ein Papageifisch.