Ruhe und Maß

In der Schweriner Schelfstadt, in der ich wohne, wechseln sich spätbarocke Fachwerkhäuser mit moderneren Gebäuden ab, die nach und nach in die Lücken gebaut wurden und so den Übergang von der Ackerbürgerstadt zur Residenz nachzeichneten. Die Fachwerkhäuser sind ungleich schlichter als ihre Verwandten in Mittel- und Süddeutschland, und ihr einziger Schmuck ist meist die Tür. Ich habe schon eine lange Liste dieser schönen klassizistischen Türen angelegt, die ich irgendwann einmal abbilden will – in die Tat umgesetzt habe ich den Vorsatz nun am ehemaligen Pfarrhaus des Dörfchens Bellin nahe Güstrow.

Beim Zeichnen wurde mir erst wirklich klar, wieviel Ruhe und Maß in diesen letzten vorindustriellen Holzarbeiten steckt. Einfache geometrische Dekore gliedern die Fläche, kein Schnörkel zu viel, kein am Fließband gefertigter Schnickschnack … Statt dessen wohl abgewogene, harmonische Formen und Strukturen. Diese Tür zu zeichnen hat mein Herz geklärt und den Geist beruhigt.

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Tür des „Hauses der Stille“ in Bellin/Mecklenburg


Anker-Steinbaukasten

Heute konnte ich bei schönstem Herbstwetter nicht widerstehen, eines der Häuser am Schweriner Pfaffenteich zu zeichnen. Frisch saniert, prangten sie mit ihren Ziegelfarben in der Nachmittagssonne. Dieser Schweriner 1900er Baustil lässt mich immer an Anker-Steinbaukästen denken mit seinen klar abgegrenzten Klinkern, seinen Erkern und Türmchen. Als Kind habe ich mir viele Stunden mit einigen Vorkriegs-Tangrams aus dem Hause Anker vertrieben. Deren Packungen lagen glücklicherweise keine Lösungen bei, aber dafür Werbung für eben jene legendären Steinbaukästen, die ich wieder und wieder durchblätterte. Ich habe später, als sie wieder hergestellt wurden, darauf verzichtet, meine Kinder mit meinem Kindheitstraum zu belästigen, sondern beschränke mich darauf, die Kästen im Geschäft zu bewundern. Oder eben gelegentlich ein Steinbaukastenhaus zu zeichnen.

Schwerin27.10.

Haus am Schweriner Pfaffenteich