Paulinzella

Von Niedervillingen kommend, bin ich mit der Regionalbahn nach Paulinzella gefahren. Der Zug folgt einer alten Streckenführung und fährt mehrmals über altertümliche gemauerte Viadukte. Als ich in Paulinzella ankam, war es kurz vor Mittag, und es war sonnig und still, klosterstill, als würden die frommen Benediktinerinnen immer noch das Tal bewohnen.

Dabei ist das Kloster Paulinzella längst Ruine, wurde nach der Reformation geplündert und diente als Steinbruch. Bereits 1475, also noch zu Klosterzeiten, errichtete man den schönen Fachwerkbau nebenan, ein Verwaltungsgebäude bis heute, Sitz des Forstamts (wenn auch momentan gerade in Generalüberholung.)

Ich saß dort eine Stunde in Sonne und Stille, lauschte dem plätschernden Rottenbach und freute mich, dass die anfangs geschlossene Gaststätte schließlich doch noch öffnete. Bevor ich den idyllischen Wanderweg das Tal hinauf nach Königsee antrat, zeichnete ich noch den Dialog zwischen dem wuchtig hochromanischen Kirchturm und dem kleinteiligen, spätgotisch-eleganten Amtsgebäude – die Farben habe ich später ergänzt.

Ruine des Kirchturms von Kloster Paulinzella mit spätgotischem Amtsgebäude, Wasserfarbe und PITT-Marker in S&B Beta.

Ruine des Kirchturms von Kloster Paulinzella mit spätgotischem Amtsgebäude, Wasserfarbe und PITT-Marker in S&B Beta.


Fachwerk

Fachwerkhaus in Niedervillingen bei Arnstadt. PITT pens und Wasserfarbe in Stillman&Birn Beta.

Fachwerkhaus in Niedervillingen bei Arnstadt. PITT pens und Wasserfarbe in Stillman&Birn Beta.

Wer, wie ich gerade einmal wieder, durch Städte und Dörfer Mitteldeutschlands wandert, kommt am Fachwerk nicht vorbei. Ob man es schön findet oder eher spießig oder gar deutschtümelnd, ist Ansichtssache und eine Frage des Zeitgeists. Nicht umsonst sind so viele Dörfer verkratzputzt. Es gab auch Zeiten, da war Fachwerk was für Ställe und Fabrikgebäude, wohnen wollte man lieber hinter sandsteinimitierendem Stuck.

Ich liebe alte Fachwerkhäuser. Ihre gegliederten Fassaden empfinde ich als eine perfekte Einheit von Form und Funktion, von Objekt und Ornament. Dieses hier steht in Niedervillingen, einem schönen Dorf in der Nähe von Arnstadt in Thüringen.


Hässlich

Ugli-Frucht. Aquarell in Stillman&Birn Zeta.

Ugli-Frucht. Aquarell in Stillman&Birn Zeta.

Diese Früchte sind in einem deutschen Supermarkt ein seltsamer Anblick mit ihren grünen und braunen Flecken, geradezu ein Hingucker zwischen den ganzen makellosen Oberflächen. „Ugli“ trifft es daher ziemlich gut, von englisch ugly – hässlich. Eine Zufallskreuzung zwischen Mandarine und Grapefruit, auf Jamaika entstanden und wohl auch nur dort angebaut. Der Geschmack ist unspektakulärer als der Anblick – eher ein bisschen nicht nach ihm und nicht nach ihr. Dafür erwies sich die Abbildung als für meine Fähigkeiten um so kniffliger, Schatten auf Gelb haben es immer in sich, und dann die zahlreichen Texturen …

Sie lag eine Woche auf meinem Zeichentisch, nicht ohne sich subtil von grün nach orange zu verfärben – und der Meditation über die Schönheit des Hässlichen noch ein paar Gedanken über Wandel und Beständigkeit zuzufügen. Genützt hat es ihr wenig: gegessen wird sie spätestens morgen früh.


Oh du schöne Tulipan

Oh du schöne Tulipan/

wie bist du doch angethan/

und so fein und hübsch geschmükket/

mit so mancher Farben Zir/

damit deine Blume mir/

mein Gesicht hat oft erquikket.

Papageientulpe. Aquarell in Stillman & Birn Zeta Skizzenbuch

Papageientulpe. Aquarell in Stillman & Birn Zeta Skizzenbuch. Die Malweise ist angelehnt an das Buch von Anna Mason. 

Was könnte besser zu einer so barocken Tulpe passen als ein barockes Gedicht? Johann Henrich Hadewig war Kirchenlieddichter im Westfalen des 17.Jahrhunderts, er schrieb eine Art Anleitung zum Dichten auf deutsch – dass das überhaupt ernsthaft möglich sei, wurde damals durchaus noch bestritten. Darin finden sich auch diese schönen Zeilen über die Tulpe. Ganz im Stil der Zeit hat Hadewigs Gedicht die stattliche Länge von 32 Strophen, in denen sich Naturschilderung, Gartentechnisches und Erbauliches abwechseln, und so endet es auch wie Kirchenlied:

Also nehme ich wohlbedacht/

meine Tulipan in acht/

di mich so vil gutes lehret;

und bedenk‘ in meinem Sinn/

wann ich bei derselben bin/

dass es alles GOtt bescheret.


Die Schönste von allen

Dieses Blatt liegt schon seit zehn Tagen auf meinem Tisch, es waren arbeitsreiche Tage, die nur Zeit ließen für ein paar Skizzen zwischendurch, nicht vorzeigbar, wie mir schien, oder unfertig, oder, oder … Entstanden ist es in den letzten Tagen des vorigen Jahres, als Studie angelegt und auch so beendet.

Es zeigt die Schönste aus meiner diesjährigen Weihnachtsstern-Sammlung (die trocken-warm über der Heizung, mit wenig angewärmtem Wasser gegossen gut durch die Saison gekommen ist), eine Schönheit wie voller rosa Rokokko-Schleifen, schön wie die prächtigste Rose. Täglich erfreut sie mein Herz, wenn ich sie betrachte, wie sie noch immer in „Blüte“ steht.

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Wehnachtsstern (Poinsettia) in einer rosa panaschierten Variante, Farbstifte über Aquarell.


Elfenblume

Mit seinen immergrünen, nach Laubfärbung ausgewählten und in Form geschnittenen Gewächsen ist der „Garten der Stille“ am Benediktushof auch im Winter ein schöner Ort. Ich nahm einen Bodendeckerzweig mit in mein Zimmer und legte in den Seminarpausen immer mal eine Lasur auf das Bild. Bald merkte ich, dass ihm das fragmentarische gut stand, und arbeitete nur ein Blatt vollständig aus – eine Meditation über die Schönheit des Unvollkommenen ebenso wie über das Loslassen eines „Werkes“.

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Epimedium spec., vermutlich x versicolor „sulphureum“, Aquarell auf 300g Arches satiné.

Meine Freude am fragmentarischen hinderte mich allerdings nicht daran, zu Hause nach dem Namen der unbekannten Schönen zu suchen: Epidemium,  die „Elfenblume“ nach den hübschen, elfenartig tanzenden Blüten – ich erinnerte mich daran, sie im Frühjahr gesehen zu haben. Der englische Name „Barrenwort“ – „Unfruchtbarkeitskraut“ verweist allerdings auf eine weniger elfenhafte Anwendung: die Pflanze ist mit Sildenafil-(Viagra)-ähnlichen Inhaltsstoffen ein aus der Traditionellen Chinesischen Medizin bekanntes Aphrodisiakum.

Und, ja: Der „Bund Deutscher Staudengärtner“ hat der Pflanzengruppe den Titel „Staude des Jahres 2014“ verliehen – was es nicht alles gibt …


Bärenschwester

Vor einigen Jahren schrieb der englische Anthropologe Daniel Miller ein Buch mit dem Titel „Der Trost der Dinge“. Miller hat die Bewohner einer Londoner Straße über die Dinge in ihren Wohnungen befragt – herausgekommen ist ein wahrhaft tröstliches Buch über Menschen, Gegenstände und beiderlei Seele.

Manchmal habe ich das Bedürfnis, mehr oder weniger alltägliche Dinge abzubilden – eine Teetasse, eine Espressomaschine oder meinen alten Teddy, in die Stille eines solchen Stilllebens zu lauschen und den schweigenden Begleitern mit einer Zeichnung meinen Dank auszudrücken.

Meine alte Bärenschwester. Der Teddy hat ein Wollkleid an, das ich ca. 1962 getragen habe.

Meine alte Bärenschwester Jahrgang 64 in einem Wollkleid, das ich etwa um die Zeit getragen habe.


Negativer Weihnachtsstern

Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima), Farbstifte über Aquarell

Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima), Farbstifte über Aquarell

Ich mag Weihnachtssterne – wie eigentlich alle Pflanzen, die uns zuverlässig unsere nördlichen Winter erhellen. Für diese Adventszeit habe ich mir eine ganze Sammlung verschiedener Farben ins Fenster gestellt, in der neben knalligem Pink eigentlich nur das klassische Rot fehlt. Ich bin gespannt, ob es mir gelingt, von allen eine Zeichnung anzufertigen, bevor sie wie jedes Jahr am Zimmerklima verzagen.

Angefangen habe ich mit einem Exemplar mit Hochblättern in leuchtendem, fast fluoreszierendem Gelbgrün. Eigentlich wollte ich daran mal Brenda Swensons „Negativmalerei“ ausprobieren, aber ich hätte die Technik erst einmal an einem weniger komplexen Thema erproben sollen. Mit jeder Lasur wurden das Motiv undeutlicher und die Farben matschiger. So habe ich irgendwann zu meinen bewährten Polychromes-Stiften gegriffen und das Ganze noch einmal überarbeitet.


Zitronenlicht

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Drei Zitronen in einer Kupferschale. 22×22 cm

 Der Spätherbst beginnt, wenn Zitronen und Orangen im Lampenlicht leuchten, auf dem Markt oder zu Hause, wenn das fluoreszierende Gelb und Orange einen Kontrapunkt zum grauen Himmel und den dunklen Fenstern bildet.

Diese drei Zitronen habe ich einige Tage umkreist und gehütet und schon mal vorsorglich ein paar neue eingekauft, damit die Zitronen für den Tee trotz der Malerei nicht knapp werden. Die Kupferschale stammt aus Bulgarien und hat vermutlich in den 80ern den Weg in meinen Haushalt gefunden, zusammen mit einigem anderen handgeschmiedeten Kupfergeschirr.

Gelb mit starken Schatten ist ja die eine oder andere Übung wert, weil es leider schnell grau und matschig wird. Hier habe ich mich, passend zum Kupfer, für ein Grünspangrün entschieden. Eine andere Version mit einem auf Violetttönen basierenden Grau hat mich nicht so überzeugt.


Das goldene Licht der Erinnerung

Manche Bilder meiner Herbstwanderung habe ich unterwegs nur mit einigen Strichen angelegt, in der Hoffnung, zu Hause den Faden nicht zu verlieren und sie fertig stellen zu können.

Schloss Kromsdorf ist einer der zahlreichen Orte in der Region, die im Schatten des goethischen Weimar weniger Aufmerksamkeit erfahren, als sie verdient hätten. Das Renaissance-Schloss hat in den Jahrhunderte seines Bestehens viele Nutzungen über sich ergehen lassen müssen. Als ich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts dort ein paar Tage verbrachte, war es von Architekturstudenten bewohnt, die sich, soweit sie es vermochten, um die in den DDR-Jahren verrottete Bausubstanz kümmerten. Die Atmosphäre war voll Aufbruchsgeist, gepaart mit einer Art schwebender Vorläufigkeit – zumindest aus dreißig Jahren Abstand …

Das Gärtnerhaus im Komsdorfer Schlosspark. Hier habe ich vor dreißig Jahren einige Tage bei einer Freundin gewohnt, heute steht es leer.

Das Gärtnerhaus im Komsdorfer Schlosspark. Hier habe ich vor dreißig Jahren einige Tage bei einer Freundin gewohnt, heute steht es leer.

Als ich das Bild aus ein paar zaghaften Bleistiftstrichen rekonstruierte, war auch meine Wanderreise leider schon vorbei – Grund genug, für das goldene Licht der Erinnerung noch eine Lasur Indischgelb extra zu wählen …

Das Schloss selbst ist heute mit Fördermitteln aufwändig restauriert – es gibt sogar einen Fahrstuhl – , genutzt wird es in der Art solcher Orte: Man kann dort heiraten, in der Schlossgaststätte essen (wenn sie denn offen hat), ein Anwalt hat sein Büro und die Denkmalpflege eine Außenstelle …

Als ich dort war, träumte die ganze Anlage den Traum eines regnerischen Herbsttages, der Abend begann früh und so blieb auch für das Tor des Treppenturms nur Zeit für einige Andeutungen mit Bleistift, die ich erst heute ergänzt habe. Besonders hat es mir der Bär angetan (in der alten Ortschronik waren es noch zwei), der sehr bärig aussieht und aus einer Zeit stammt, als diesen Tieren nichts Niedliches anhaftete.

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Eingang zum Treppenturm des Kromsdorfer Schlosses.