Südraum Nürnberg

In Altdorf erst war ich auf den eigentlichen Pilgerweg getroffen, dem ich von nun an Richtung Westen folgte. Schon an diesem Tag wandelte sich die Landschaft: von nun an sollten Kiefernwälder, zum Teil sehr ausgedehnte, meinen Weg begleiten. Eingebettet in diesen Kiefernwald liegt die Rummelsberger Diakonie, meine nächste Station. Gezeichnet habe ich dort am Morgen die Kirche, einen Bau aus den 20er Jahren mit Anleihen romanische Formen.

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Turmseite der Philippus-Kirche in Rummelsberg.

Bei der Planung der Tour hatte ich meine Zweifel gehabt, ob es überhaupt möglich sein würde, den zersiedelten Nürnberger Südraum vergnüglich zu durchwandern: ja, es war. Einen besonderen Anteil daran hat der Ludwig-Donau-Main-Kanal, kurz Ludwigskanal. Der nicht mehr schiffbare alte Kanal zieht sich oft über Kilometer schnurgerade durch morastige Kiefern-Eichen-Wälder, unterbrochen nur von gelegentlichen Schleusen, und es ist ein ganz besonderes Erlebnis, daran entlang zu wandern.

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Am Ludwigskanal.

Das sandig-sumpfige Gelände dürfte in früheren Jahrhunderten vermutlich nur an wenigen Stellen besiedelt gewesen sein (auch wenn der Ortsname Feucht von Fichte kommt und nicht von Feuchtigkeit) und bot so in der Neuzeit reichlich Platz für endlose Eigenheimsiedlungen. Die zu überwinden war manchmal etwas mühsam, um so schöner, wenn dann doch einmal ein älteres Gebäude am Weg lag.

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Altes Gutsgebäude irgendwo zwischen Autobahn, Eigenheimsiedlung und Sumpf.


Am Wegrand

Tag für Tag bewegt sich Mittelfranken unter meinen Füßen fort, ich genieße es, früh aufzustehen und der Hitze davonzulaufen, überall gibt es etwas zu sehen und zu zeichnen – die Tage sind lang, doch immer noch nicht lang genug, um hier ausführliche Artikel zu schreiben. Abgesehen davon, dass viele Zeichnungen im Skizzenbuch im vertrauten dreiviertelfertigen Zustand verharren, weil schon das nächste Motiv des Weges gekommen ist.

Neben dem Skizzenbuch habe ich noch ein paar Aquarellpostkarten mitgenommen; darauf zeichnet es sich locker. Hier einige dieser Wegrandnotizen.


Engelthal

Von Hersbruck kommend, ging ich am Nachmittag noch bis Engelthal. Der kleine Ort lag, seinem Namen alle Ehre machend, wie verzaubert im Abendlicht. Im Hochmittelalter hatte hier einmal ein weithin berühmtes Nonnenkloster gegeben, in dem eine mystische, weiblich geprägte Spiritualität gepflegt wurde.

Seitdem sind 700 Jahre vergangen, das Kloster wurde bereits in der Reformation säkularisiert und bald darauf in einem regionalen Kleinkrieg geplündert; und doch ist erstaunlich viel erhalten: neben der Grundstruktur des Ortes Reste der Klostermauer und einiges, was im Laufe der Jahrhunderte überbaut wurde.

Zu mehr als einem kleinen Rundgang war ich nach der langen Reise leider nicht mehr in der Lage. Am nächsten Tag wollte ich zeitig aufbrechen, so dass ich mich vor dem Frühstück auf eine zügige Skizze eines der Torhäuser beschränkte. Bloß nicht friemeln! (Ich hatte mir in Hersbruck gerade noch einen Lamy mit breiter Spitze besorgt, das half.)

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Eines der charakteristischen Torhäuser vo Engelthal im Nürnberger Land. 


Der Hersbrucker Palmesel

Die 6.Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen! Die letzte, im vergangenen Oktober, endete in Lauf an der Pegnitz, östlich von Nürnberg; gestartet bin ich dieses Mal einige Kilometer weiter, in Hersbruck. Wie immer am ersten Reisetag stieg ich etwas zerknittert aus dem Zug. Der hübsche Ort lag in fast unwirklich klarem Nachmittagslicht, alles strahlte und warf scharfe Schatten.

Milder war das Licht in der Kirche von Hersbruck (evangelisch, wie das ganze Nürnberger Land). Überraschend gab es dennoch einen großen und schönen Marienaltar, doch angezogen wurde ich sofort von einer annähernd lebensgroßen Jesusfigur auf einem Esel: dem Hersbrucker Palmesel. Die Plastik (aus dem 16.Jh.) ist nicht restauriert. Mit den Jahrhunderten ist die Farbe abgeblättert, haben sich die einzelne Teile voneinander gelöst und manches ist ganz verloren gegangen – wie einige Finger und die kompletten Füße.

Die Geschichte, die sie erzählt, markiert den Anfang der Passionserzählung: Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein; die Menschen jubeln ihm zu und streuen als Zeichen der Ehrerbietung Palmblätter auf seinen Weg. Ob die Geschichte so stattgefunden hat, wie sie in den Evangelien aufgeschrieben wurde, werden wir niemals erfahren. Wir können aber annehmen, dass hier Bezug genommen wird auf einen viel älteren Text, einer Vision des Propheten Sacharja:

Juble laut, Tochter Zion,
jauchze, Tochter Jerusalem,
sieh, dein König kommt zu dir,
gerecht und siegreich ist er,
demütig und auf einem Esel reitend,
auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

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Der „Hersbrucker Palmesel“, eine spätmittelalterliche Skulptur in der Kirche von Hersbruck bei Nürnberg.

 


Basilika mit Lukas

In der Mitte meiner Tour durch die Fränkische Schweiz habe ich einen Tag in Gößweinstein Station gemacht. Neben Fachwerk und Burg hat der Marktflecken auch eine Wallfahrtskirche zu bieten, die sich sogar mit dem päpstlichen Dienstgrad „basilica minor“ schmücken darf. Der Ort hat eine lange Wallfahrtstradition. Die heutige Kirche ist in jenem typischen süddeutschen Barockstil erbaut, der mir mit meiner norddeutsch-protestantischen Sozialisation in seiner verspielten Leichtigkeit manchmal etwas unverständlich ist. Im vergangenen Jahr bekam ich in der recht ähnlichen Kirche in Vierzehnheiligen dazu jedenfalls nur wenig Zugang.

In Gößweinstein kam ich damit besser zurecht und hatte meine Freude an den wirklich sehr kunstvoll gestalteten Plastiken in ihrer Lebendigkeit. Der auf dem Kanzelrand die Beine baumelnde Evangelist Lukas hatte es mir besonders angetan; abends in der Messe erfuhr ich dann, dass ich ihn auch noch an seinem Namenstag gezeichnet hatte!

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Evangelist Lukas auf der Kanzel der Wallfahrtskirche in Gößweinstein. Die Aquarellskizze habe ich komplett vor Ort gezeichnet, die Bleistiftstudie, die zwei Tage später entstanden ist, zu Hause noch vertieft, ebenso den Engel.


Nachtrag, Rückblick

Jede Reise, so liest es sich bisweilen, begänne mit dem ersten Schritt. Das ist wahr, in gewisser Weise, denn ohne diesen Schritt bliebe sie eine Reise im Konjunktiv. Wenn der Schritt dann aber gegangen wurde, so stellen wir fest, dass sie lange vorher begann, mit den ersten Träumen davon, der Verdinglichung der Pläne in Notizen, Mindmaps, Land- und Fahrkarten, in Stapeln von Dingen auf dem Zimmertisch, im endlich gepackten Rucksack. Für zeichnende Menschen kommt noch die Auswahl der Werkzeuge dazu, der Besuch beim Künstlerbedarf …

Und ebenso endet die Reise nicht mit dem Schlüssel in der heimatlichen Wohnungstür. Ein paar Tage liegt alles kreuz und quer, die Waschmaschine rödelt, langsam schrumpfen die Stapel. Wie jedes Mal überlege ich, was mit den unfertigen Skizzen im Reisetagebuch geschehen soll. (Kann eine Skizze unfertig sein? Eine der vielen Fragen nach dem Selbstverständnis der Art von Zeichnerei, wie ich sie treibe. Und dabei eine, die weit ins Philosophische führt.) Für dieses Jahr habe ich beschlossen, sie, so lange der innere Zugang noch da ist, zu einer Art Abschluss zu führen, Schrift zu ergänzen, Farbe, Schatten, alles was mir nötig scheint, um zu der vollständigen Unvollständigkeit zu kommen, die in Reisebüchern mein Ideal ist. Und dabei die Reise noch ein bisschen zu verlängern …

Ich fange an mit zwei Bildern vom ersten Tag, die bei ähnlichen Motiven sehr unterschiedlich geworden sind. Noch bin ich nah genug dran, um zu ahnen, was ich vor meinem inneren Auge sah, als ich ein paar Bleistiftstriche zog, vielleicht ein paar Tintenakzente setzte. Im ersten, bunten Fall die Pilgerherberge des Klosters Kirchschletten – dass der Pilgerstempel nicht wasserfest ist, hatte mir auch keiner gesagt – weich im herbstlichen Morgenlicht, Rosen an der Pforte … Im zweiten ein anfangs minimalistischer Versuch, ein paar Charakteristika der Gegend eher grafisch aufs Blatt zu bringen: Fachwerk, Nussbaum, frommer Spruch. (Letzterer im Original aus gesägten Holzbuchstaben, ein Fach füllend.)


Goldengel und graue Schlange

Königsfeld auf dem Fränkischen Jura hat nicht nur ein Gasthaus mit Stammtisch zu bieten, es hat auch Geschichte. Der Name Königsfeld erinnert an eine karolingische Pfalz, die Kirche ist noch heute mit Mauern und Toren als Wehrkirche befestigt, und alles atmet den Geist eines sehr alten Siedlungsplatzes.

Im Innern geht es hübsch barock zu, besonders die Kanzelengel hatten es mir angetan. Leider habe ich den pfiffig-verschmitzten Ausdruck nur bedingt einfangen können.

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Barocker Engel an der Kanzel der Königsfelder Kirche.

In einer Nebenkapelle stieß ich dann auf ein Glasfenster mit einer Mondsichelmadonna, der Machart nach vermutlich um 1900 entstanden. Ich stand auf Augenhöhe mit dem zarten Madonnenfuß, der die Schlange der Sünde zertritt, und war sowohl von der feinen Grisaille-Arbeit als auch von der naturalistischen Darstellung des Schlangenkopfes beeindruckt.

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Detail einer Glasmalerei in der Marienkapelle in Königsfeld. Besonders hat mir die an eine Schwarzweißfotografie erinnernde Darstellung von Schlange und Apfel gefallen. PITT-Pens und etwas Wasserfarbe in S&B Zeta.

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Volkskunde

Die fünfte Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen. Einmal längs und vielleicht auch ein bisschen schräg von Deutschlands Mitte bis zum Bodensee, so ist es geplant, angekommen bin ich mittlerweile in Oberfranken. Bamberg war der Schlusspunkt der vierten Etappe, Nürnberg das nächste Ziel. Dazwischen: Die Fränkische Schweiz, ein kleines bisschen östlich der als solche ausgeschriebenen Pilgerwege. Eine ländliche und, ja, ein bisschen abgelegene Gegend, das hatte ich schon bei den Vorbereitungen gemerkt.

Die erste Übernachtung im Kloster Kirchschletten, wo ich vergangenes Jahr aufgehört hatte, und dann weiter hügelauf hügelab Richtung Südosten, Unterkunft in Würgau in einem Brauereigasthof, wie es hier noch viele gibt, kleine Familienbetriebe, wo die Leute aus den umliegenden Dörfern ihr Bier kastenweise holen und auf eine Brotzeit oder einen Braten mit Klößen einkehren.

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Die „Brauerei Hartmann“ in Würgau. Der Gasthof ist fachwerkhübsch, doch die Braukessel tragen Wirtschaftswundermode – Kacheldekor und eloxierte Fensterrahmen.

Am nächsten Tag 150 Höhenmeter hoch auf den Fränkischen Jura, ein Karstplateau, das immer mal wieder von tiefen Schluchten durchzogen wird. Oben flaches Land, fast parkartig, Schlehen- und Weißdornhecke filtern den hier vermutlich immer wehenden Wind, Kreuze und Kapellen an jeder Wegkreuzung. Im Dorfgasthaus sitzt, als wäre er für die Zeichnerin bestellt, der Herr Pfarrer mit am Stammtisch.

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Stammtischpublikum in den „Drei Kronen“ in Königsfeld/Oberfranken.

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Rückblick 2

Heute habe ich wieder ältere Skizzenbücher rin die Hand genommen, z.B. das von der 2.Etappe meiner Pilgerwanderung, einiges noch einmal neu gescannt und die alten Beiträge wieder gelesen – schon wieder zwei Jahre her …

Diese Etappe führte von Naumburg durch Saale- und Ilmtal über Weimar nach Erfurt.

Die Beschreibungen zu den Bildern finden sich in den einzelnen Blogbeiträgen.

 

 


Ausblick, Rückblick

Zuerst der Ausblick: Vom 4.September 2016 an werde ich einige meiner Bilder in einer Ausstellung zeigen, und zwar in der Auferstehungskirche in Berlin Friedrichshain, Friedensstraße 83, 10249 Berlin. Eröffnung ist am 4.September, Sonntag, ab 11:00.

Es werden Reise- und Alltagsskizzen aus den letzten drei Jahren sowie einige botanische Arbeiten zu sehen (und auch zu erwerben) sein. Die Ausstellung wird bis in den Herbst hinein dauern. Zu besichtigen ist sie immer sonntags von 10 – 14 Uhr sowie Dienstag 16 – 18 und Donnerstag 14 – 17 Uhr.

Der Rückblick ergibt sich daraus: ich habe alle Skizzenbücher und -blätter der letzten Jahre noch mal in die Hand genommen, einiges neu gescannt, geordnet … So kann ich jetzt hier bereits einiges ältere „neu“ zeigen. Ich beginne mit der ersten Etappe meiner Pilgerwanderung.

Im April 2014 begann ich mir den lange gehegten Traum zu erfüllen, auf einen Pilgerweg zu gehen. Über viele Jahre hatte ich den Gedanken in meinem Herzen bewegt, hatte äußere Zwänge bedacht und innere Wünsche betrachtet, bis am Ende „mein Weg“ daraus wurde, der auch diesem Blog seinen Namen gab: ein Etappenweg über „Bewohntes Gelände, entlang der Spuren unserer Vorfahren, der Schnittstellen von Kultur und Natur, Geschichte und Gegenwart, menschlichem und göttlichem. Manchmal führte er auf klassischen Pilgerrouten, manchmal mäanderte er zwischen ihnen herum.

Gestartet bin ich in der Mitte Deutschlands, am nördlichen Harzrand, in der Gernröder Stiftskirche, in die ich mich schon bei früheren Besuchen „verguckt“ hatte und die mir ein guter Ort zu Beginnen schien. Neben dem Portal sind dort einige Sätze Wilhelm von Kügelgens anlässlich des Wiederaufbaus der Kirche im 19.Jahrhundert zu lesen:

Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.