Churchill’s Place

Einige Kilometer westlich der madeirischen Inselhauptstadt Funchal öffnet sich von einer felsigen Klippe ein unerwarteter Blick in die nächste Bucht und den engen Fischerhafen darin. Diese Klippe trägt den Namen „Churchill’s Place“ – der britische Premier erholte sich hier beim Malen der damals noch ruhigen Szenerie. Heute ist der Ort etwa so authentisch wie St-Tropez, und ich hatte nach meiner Küstenwanderung Mühe, einen halbwegs ruhigen Platz in einem der Restaurants an dem engen Kai zu ergattern.

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„Churchill’s Place“ im Madeirischen Fischerort Câmara de Lobos.

 


Wer fürchtet sich vorm schwarzen Fisch?

Die Markthalle in Funchal ist in jedem Reiseführer zu finden, und sie fehlt vermutlich bei keiner Stadtbesichtigung. Kein Wunder, dass da die Authentizität mit den Jahren etwas leidet. Das ändert sich morgens vor neun, und besonders am Wochenende, wenn zu den stationären Ständen noch ein Bauernmarkt kommt. Auch auf dem Fischmarkt nebenan ist dann mehr los.

Mit der Zeit – und zeichnend bringt man ja immer eine Menge davon zu – schärft sich auch der Blick für die Welt hinter den Obst- und Blumenkulissen, die auch und vor allem eine reine Männerwelt ist. (Die eine zeichnende und nicht mehr ganz junge Touristin zum Glück komplett ignoriert.) Da sind die Fischhändler, die mit riesigen Messern hantieren, die Zulieferer, die Kistenträger und Eckensteher; in der Gasse draußen hängen in den Schaufenstern der Fleischerläden halbe Schweine, und wenn man weiß wo, kann man zum Mittagessen Kuttelsuppe und Ziegeneintopf bekommen.

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Fischhändler mit ihren furchterregenden Arbeitsgeräten zu zeichnen, habe ich mich dann an weniger bewegliche Fischköpfe gehalten. Der schwarze Degenfisch ist der Brotfisch Madeiras, so wie es bei uns mal der Hering gewesen ist, man bekommt ihn gebraten und gegrillt in jedem Restaurant und auch am Imbiss im Sandwich. Es ist ein milder, grätenarmer Filetfisch, das richtige zum Angewöhnen für Fischskeptiker, man darf ihn nur nicht sehen. Degenfische sind Tiefseefische, mindestens einen Meter lang, mit gewaltigen Mäulern und Augen sehen sie so recht zum Fürchten aus.

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Köpfe vom Schwarzen Degenfisch in der Fischmarkthalle in Funchal.

 


Herzreim mit Fußball

Im Restaurant „Rima Coração“ in Funchal.

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Im Restaurant „Rima Coração“ in Funchal. Super5 Tinte in Grau, mit einem Lamy Joy Kalligraphie-Füller.

Am fünften Tag kam der lange angekündigte Regen nach Funchal, was mir einen ruhigen Tag bescherte. Abends bin ich dann zum Einkaufen und Essen in die Stadt gelaufen (200 Höhenmeter runter, das will wohl überlegt sein). Zwischen Markthalle und Busbahnhof gibt es einige Restaurants und Cafés, die vorwiegend von Portugiesen besucht werden, und ins „Rima Coração“ lockte mich eine handgeschriebene Tafel mit Tagesgerichten wie Ziegeneintopf und geschmortem Tintenfisch – also nichts wie rein! Ich wurde nicht enttäuscht, das Essen war so köstlich wie preiswert.

Da im Fernseher – natürlich gibt es in dort einen – Fußball lief, konnte ich wunderbar Gäste beobachten und zeichnen. Der Kellner allerdings hing mit der Nase praktisch in seinem Handy, während er seine Suppe schlang.

„Rima Coração“muss auf deutsch so etwas wie „Herzreim“ bedeuten, auch wenn ich mir darauf keinen Reim machen kann. Ein orangefarbenes Herz findet sich jedenfalls im Logo. (Seltsamer Weise gibt es eins, wie auch eine Art corporate design in Orange und eine schöne bunte Touristenspeisekarte.)

 

 

 


Mensch, Kaktus und Ritterstern

Am vierten Tag meiner Reise ging der Weg in den Botanischen Garten von Madeira. Das ist wörtlich zu nehmen, denn mein Hotel befindet sich in relativer Nähe dazu – es liegen nur zweihundert Höhenmeter dazwischen. Das ist in Funchal nicht viel. Also auf die Füße und los. Ich hatte den Ort in sehr schöner Erinnerung, leider wurde der Eindruck dieses Mal von Menschenscharen getrübt, die ein Bus nach dem anderen ausspieh. (Merke: Touristen sind immer die anderen.) Außerdem – der Park liegt schon 400 m über dem Meer – ging ein ordentlich kühler Wind.

Die weißen Lilien haben mich dann in ihren Bann gezogen. Ich erinnerte mich noch daran, im August weiße Amaryllen im Wald oberhalb von Funchal gesehen zu haben – sie hatten mich so fasziniert, dass sie mir später sogar im Traum erschienen sind!

Später habe ich mich dann zwischen den Mauern der Sukkulentenabteilung vor dem Wind verkrochen. Und da ich einen Größenvergleich für den Kaktus brauchte, kam mir der nächste mützentragende Rentner gerade recht. So hat sich dann alles noch gut gefügt (und fand seine krönende Fortsetzung in einem Orchideengewächshaus, doch das ist die nächste Geschichte.)


Madeira

Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal ausprobiert, wie es sich anfühlt, im dem deutschen Winter in den Süden zu entfliehen. Auf Madeira war ich vor anderthalb Jahren schon mal im Sommer gewesen, und in seiner Mischung aus Urbanität und grandioser Natur, aus Ursprünglichkeit und europäisch geprägter Weltläufigkeit sucht es vermutlich seinesgleichen.

Ich hatte die Vorstellung gehabt, einfach nur im Café zu sitzen und zu zeichnen, das habe ich auch getan, und dann hat das frische und freundliche Wetter natürlich auch zum Wandern animiert. (Da hier alles recht klein ist und die Berge steil, kommt man mit einer dreiviertelstündigen Bus- oder Taxifahrt schon von null auf tausend Meter Höhe.)

Hier ein paar Eindrücke von den ersten Tagen.

 


Lübeck 2016

Nach meinem Ausstellungsbesuch in Lübeck hatte ich einige Zeit später noch einmal in der Stadt zu tun. Ich freute mich schon darauf, wieder ins St.Annen-Museum zu gehen und mir die Exponate, die dort zum stationären Bestand gehören, noch einmal anzusehen. Doch leider – montags hat Lübeck geschlossen. Kirchen, Museen, Cafés – alle brauchen anscheinend eine Pause vom anstrengenden Wochenende.

Schließlich fand ich aber doch noch zwei schönen Plätze zum Zeichnen. Das Arkadencafé des Hauses Niederegger besticht nicht nur durch wunderbare (und gehaltvolle) Marzipantorten, sondern auch durch ein besonders schönes Ambiente in den verglasten gotischen Rathausarkaden. Und auf dem Weg zum Bahnhof fand ich dann noch das Bistro in der Stadtinformation, wo man aus den großen Fenstern direkt auf das Holstentor blickt. (Wenn ab Dienstag wieder Vollbetrieb in der Stadt ist, sind beide Orte vermutlich überfüllt, an diesem Montagnachmittag war es sehr angenehm.)


Tulpen am Nachtfenster

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Tulpenstrauß in gestreifter Vase. Super5- und Pentel-Tinte mit Wasserfarbe in S&B Alpha.

Gestern Abend konnte ich nach ein paar vergrippten Tagen zum ersten Mal wieder ein bisschen aus den Augen gucken, da leuchteten mich diese Tulpen an. Die Vase, mit ihrer Form für Tulpen gerade richtig, sieht aus wie Bollhagen, ist aber einfach nur schwarz-gelb gestreift und auf eine unnachahmliche Weise der Mitte des 20.Jahrhunderts zugehörig.


Die Welt in der Nussschale

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Ein paar Stücke Weihnachtsbaumschmuck. Super5-Tinte mit Wasserfarbe in Stillman&Birn Alpha.

Weihnachtsbäume sind, mehr noch als andere Dinge, Hologramme, Familien- und Weltgeschichte in der Nussschale:

Eine silberfarbene Kugel, deren Metallschicht sich in Krakelüren vom Glas löst, die kostbar perlmuttig schimmert, kein shabby chic, sondern vermutlich an die 80 Jahre alt, ein ganzer Kasten solcher Kugeln schlief einen langen Weihnachtskugelschlaf, aus dem sie der Umstand erweckte, dass dieses Jahr keine roten Kugeln an den Baum sollten.

Ein rotes Wachsherz mit Christkind, katholischer Kitsch, von philippinischen Nonnen in einem Benediktinerinnenkloster in Oberfranken gefertigt, einem stillen und unsagbar friedlichen Ort …

Elektrische Kerzen. Schon mein Großvater, Freigeist und dem Fortschritt zugetan, erwarb Ende der 20er Jahre welche von Osram, die gingen irgendwann in den 80ern kaputt, seitdem sind es diese, Made in Western Germany vor der Globalisierung; vermutlich waren sie in der DDR knapp.

Genau so knapp wie die doch in Thüringen hergestellten Weihnachtskugeln, weshalb meine Mutter in den 80ern welche aus Polen mitbrachte, bonbonfarben mit weißem Dekor, doch die goldgelbe passt noch heute ins Bild und zu dem kürzlich erst angeschafften Vogel; Vögel auf dem Baum mochte ich immer gern, nur hatten die alten alle ihre Glasfaserschwänze verloren.

Eine schöne Eröffnung für ein neues Skizzenbuch, Stillman&Birn Alpha, das alte hat noch ein paar Seiten, die werden wohl leer bleiben, und gleich musste auch noch der neue superfeine japanische Pilot Prera Füller ausprobiert werden. Die Welt in der Nussschale …

 


Füller mit Vergangenheit

Vor einigen Tagen bekam ich eine Anregung, meine Zeichenmaterialien abzubilden. Und da ich mich in den letzten Wochen immer mal wieder mit Füllfederhaltern beschäftigt hatte, erhielten die auch den ersten Auftritt. Dabei zeichne ich – nach einigem Probieren – nur mit einem von den vier abgebildeten, auf dem Bild hat er die Nummer 4. Es ist ein Lamy Joy, ein Kalligraphie-Füller, den es mit mehreren Federbreiten gibt. Gefüllt ist er mit SUPER5-Tinte in grau.

Die anderen sind Erinnerungsstücke, Nummer 1 und 2 echte Montblancs aus den 50er Jahren. Sie erzählen Familiengeschichte, haben, wie man früher vielleicht von einer Dame gesagt hätte, „eine Vergangenheit“. Sie sind Jahre, ja Jahrzehnte benutzt worden, und als ich sie bei meinen Füllhalterrecherchen wiederfand, habe ich sie auch ausprobiert, zum Glück waren sie nicht eingetrocknet. Großer Name hin und her – mir lagen sie nicht gut in der Hand, zu zierlich, zu leicht … Als ich sie gezeichnet habe, konnte ich noch einmal ihre zeitlose Eleganz bewundern.

Nummer 3 ist in gewisser Weise das Gegenteil der beiden kapriziösen Schönheiten, ein großes schweres Teil aus massivem Messing mit Wurzelholzdekor – vermutlich ein protziges Werbegeschenk aus den 90ern. Es ist auch ein Markenfüller, ein Waterman, mit sattem, gleichmäßigen Tintenfluss, doch für unterwegs viel zu schwer.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.


Zitronenlicht

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Drei Zitronen in einer Kupferschale. 22×22 cm

 Der Spätherbst beginnt, wenn Zitronen und Orangen im Lampenlicht leuchten, auf dem Markt oder zu Hause, wenn das fluoreszierende Gelb und Orange einen Kontrapunkt zum grauen Himmel und den dunklen Fenstern bildet.

Diese drei Zitronen habe ich einige Tage umkreist und gehütet und schon mal vorsorglich ein paar neue eingekauft, damit die Zitronen für den Tee trotz der Malerei nicht knapp werden. Die Kupferschale stammt aus Bulgarien und hat vermutlich in den 80ern den Weg in meinen Haushalt gefunden, zusammen mit einigem anderen handgeschmiedeten Kupfergeschirr.

Gelb mit starken Schatten ist ja die eine oder andere Übung wert, weil es leider schnell grau und matschig wird. Hier habe ich mich, passend zum Kupfer, für ein Grünspangrün entschieden. Eine andere Version mit einem auf Violetttönen basierenden Grau hat mich nicht so überzeugt.