Ein Tag am Meer

Es mutet schon seltsam an, wenn man auf Madeira davon spricht, man sei am Meer gewesen. Und doch: auch wenn man es in dem steilen Gelände von fast überall sieht, ist es doch ferner als anderswo, meist irgendwo tief unten oder ein Stück weg; Felsen statt Sand.

Westlich der Inselhauptstadt Funchal ist daher eigens ein Weg angelegt worden, auf dem man über immerhin sechs Kilometer das Gefühl auskosten kann, am Meer spazieren zu gehen. Selbstverständlich mussten dafür alle Register madeirischer Straßenbaukunst gezogen werden, sogar einen gar nicht so kurzen Fußgängertunnel gibt es, von dem aus man durch ein Felsenfenster die beeindruckend in eine Grotte hineinkochende Brandung sehen kann.

An weniger spektakulären Stellen hat man Stege über den grobkieseligen Strand gebaut, hier kann man auch baden oder einfach in der Strandbar einen Kaffee trinken und den Joggerinnen nachsehen, wie ich es getan habe. Das Mittagessen gab es dann am Ziel der Wanderung, in Camâra de Lobos, bei mittlerweile grau zugezogenem Himmel war ich froh um den mitgenommenen Pullover. Ich habe hier abwechselnd auf das Cap Girão geblickt – mit über 500m Höhe eine der höchsten Klippen der Welt – , und auf meinen Teller, auf dem – nicht lange – ein leuchtend roter Papageifisch lag.

fullsizeoutput_4aa

Strandpromenade von Funchal nach Câmara de Lobos, Blick auf Cap Girão und auf dem Teller ein Papageifisch.

 


Madeira im Februar – Teil 1

Nun bin ich schon wieder eine Woche zu Hause. Höchste Zeit, das Reisetagebuch zu scannen und mich dem deutschen (Vor)Frühling zuzuwenden. Hier ist nun Teil 1 der Nachlese.


Moderne auf Madeira III – der Engel der Arbeiterklasse

Im Hotelviertel von Funchal steht auf einer tristen Verkehrsinsel die Skulptur eines Engels. Wobei: „steht“ nicht der richtige Ausdruck ist. Er ist in einem Eisengestell aufgehängt, mit deutlichen Anleihen an die Ikonografie des Schmerzensmanns. Meist fährt man mit dem Bus daran vorbei; bevor man noch richtig einordnen kann, was man da gesehen hat, ist man schon einen Kilometer weiter.
Gestern ergab es sich, dass ich in der Nähe wandern war, und so konnte ich mir die Figur endlich in Ruhe anschauen. Erst einmal: sie ist riesig. Mindestens zwei Stockwerke hoch, vielleicht drei. Und: was ikonografisch an Sakrales anknüpft, ist ein Arbeiterdenkmal. Ein Denkmal für „alle, die im Bereich des öffentlichen Bauens mitgearbeitet haben“, so ließe sich die Widmung aus dem Jahr 2004 frei übersetzen.
Auch unter den Voraussetzungen von iberischem Pathos ist das ein erstaunliches Denkmal. Erklärlicher wird es aus der Topografie der Insel: hier bedeutet „öffentlicher Bau“ Straßen- und Wasserleitungsbau unter unglaublichen Bedingungen, an Steilhängen und durch Tunnel, immer wieder zurückgeworfen durch Erdbeben, Flut und Feuer.

img_1121

„Denkmal für den Arbeiter“ – „Monumento ao Trabalhador“ von Ricardo Velosa auf der Praça Assicom in Funchal/Madeira


Das Wiedersehen

Vergangenen Sonntag hatte ich es endlich einmal geschafft, in die ständige Sammlung des Staatlichen Museums Schwerin zu gehen. Leider erst am Nachmittag, Schließzeit ist 17:00, so dass es nur für einen ersten Überblick und eine Zeichnung reichte. Beim Überblick gingen mir schier die Augen über von den Schätzen, die ich in den letzten Jahren ignoriert hatte, der riesigen Holländersammlung, dem lebensgroßen (!) Nashorn von Oudry und den Elfenbeinschnitzereien. (Und, ja, es gibt auch noch den neuerdings angefügten Anbau voller Dada, Videoinstallationen und Ueckerscher Nagelbilder … )

Ein Platz zum Zeichnen fand sich in der Barlach-Sammlung. „Das Wiedersehen“ ist eine Bronzeskulptur, nicht sehr groß, einen knappen halben Meter hoch, die kleinere Version einer doppelt so großen Holzplastik. Ich hatte noch Zeit, ein bisschen Perspektive zu treiben, ein paar Hilfslinien anzudeuten und die beiden Figuren mit grauer Tinte auszuführen. (Zu Hause mit der Farbe tat ich mich schwerer.)

Und beim Zeichnen hatte ich wieder einmal Gelegenheit, darüber zu sinnieren, dass es großer Kunst überhaupt nicht schadet, wenn man sieht, wie sie „gemacht“ ist. Zu sehen, in welcher wunderbar spannungsvollen Nähe die beiden Figuren zu einander stehen, fast ornamental, wie gerade der Jesus, wie gekrümmt der Thomas (denn dieses Wiedersehen ist es, was Barlach abbildet, der Auferstandene und der „Ungläubige“); und wie der Thomas sich an Jesus aufrichtet, von ihm gehalten und getragen wird.

fullsizeoutput_433

„Das Wiedersehen“, Bronze von Ernst Barlach, ausgestellt im Staatlichen Museum Schwerin. Noodler’s Lexington Grey Ink in Stillmann&Birn Beta, mit Wasserfarben koloriert.

 


Mal was anderes

Diese beiden Porträtskizzen sind am Rande unseres Zeichentreffens in der Classic Remise entstanden, beide auf Aquarellpostkarten im A6-Format.


Mein erstes Auto

Der Berliner Nordwesten ist nicht hip. Im Niemandsland zwischen Großmarkt und Autobahn, zwischen S-Bahn, Kleingartenverein und Kanal sind die langen geraden Straßen leer, grau und – in den Grenzen des Möglichen – sogar still. In so einer stillen Straße beherbergt ein ehemaliges Straßenbahndepot einen ganz besonderen Schatz: Die Classic Remise Berlin, eine riesige Oldtimer-Garage.

Als Berliner Zeichenfreunde den Ort für ein Nachmittagstreffen vorschlugen, war ich innerlich ein bisschen zweifelnd. Autos zeichnen? Ich? Ist das nicht eher so ein Ort für eckige Typen mit Goldkettchen? Angekommen lief ich erst einmal zwanzig Minuten durch die Reihen der dort geparkten (und zum Verkauf angebotenen) Autos: vom 100 Jahre alten Vorkriegsauto über Rennwagen aus allen Zeiten und Ländern bis zu alten Kleinwagen ist alles dabei. An einer Wand der Halle entlang ziehen sich Werkstätten, in denen unter den Augen kundiger Besucher geschraubt, poliert und auch mal mit dem Motor geröhrt wird.

Ich ließ mich mit Blick auf eine Werkstatt nieder und zeichnete zum ersten Mal im Leben ein Auto: einen Volvo 444 von 1953, „Buckelvolvo“ genannt, das schwedische Pendant zum „Käfer“ und der Anfang der Volvo-Erfolgsgeschichte. Kaum hatte ich begonnen, bot mir der Inhaber der Werkstatt einen Kaffee an – überhaupt war die Stimmung in der ganzen Halle angenehm und freundlich. Was – so begann ich zeichnend zu ahnen – auch gar nicht anders sein kann, bei der fast zärtlichen Sorgfalt, mit er dort alle mit ihren „Schützlingen“ umgehen.

fullsizeoutput_406

1953er Volvo, gezeichnet und aquarelliert in der Classic Remise Berlin. (Zu Hause habe ich die Farbe noch einmal etwas vertieft.)


Steampunk

„Steampunk“ steht für eine Stilrichtung, die an die Ästhetik von Jules-Vernes-Verfilmungen anknüpft, an unsere Bilder von Ballonfahrten, Taucherglocken, allerersten Automobilen. An all das und ein bisschen auch an die Weltraumreisen des Piloten Pirx durfte ich mich glücklich erinnern, als ich am Freitag Nachmittag in der Schweriner „Rösterei Fuchs“ die Kaffeeröstmaschine zeichnete.

fullsizeoutput_401

Röstmaschine in der Schweriner Kaffeerösterei „Fuchs“. Füllfeder, verschiedene Marker und Aquarellstifte.


Wie bei Albert Ebert

Immer mal wieder hat der Hallenser Maler Albert Ebert Witwen in Schwarz gemalt, Friedhofsbesucher am Totensonntag oder gleich ganze Beerdigungen mit Blaskapelle. Diese Bilder verströmen, wie fast alles von Albert Ebert, eine heitere Melancholie.

Als ich vor einigen Tagen auf meiner Reise im Gasthof zur Post in Egloffstein eine Trauergesellschaft sah, musste ich an diese Bilder denken. Die Gaststube mit ihren Ölschinken und Geweihen, der dunklen Deckenverkleidung und den dem schmiedeeisernen Leuchter, alles überzogen mit der Patina eines Ortes, der einmal bessere Tage gesehen hat, gaben dem Anlass den passenden Rahmen.

img_1071

Trauergesellschaft im Gasthof zur Post in Egloffstein. PITT-Pens und etwas Wasserfarbe.


A Email hammer net

„A Email hammer net, schicken’s a Kartn“. Das hatte ich getan und mich auf diese Weise im Gasthof von Wohlmannsgesees auf dem Fränkischen Jura angemeldet. Als ich bei sanfter Nachmittagssonne dort ankam, hing ein Zettel an der Tür: „Bin in einer Stunde wieder da. Anna!“ Ich setzte mich auf die Bank vor dem Haus und wartete, doch die Stunde verging, die Sonne verschwand, es wurde kühl und wer nicht kam, war Anna. Bis sie schließlich auf einem Balkon auftauchte, Wäsche aufhängend und mir versichernd, sie wäre hinten im Haus gewesen und hätte immer gehorcht, ob ein Auto kommt …

Zu meiner Überraschung ist Anna Heid, obschon Witwe, keine alte Frau, sie mag jünger sein als ich und bewirtschaftet Gasthof samt Obst- und Gemüsegarten mit gelegentlicher Unterstützung ihrer Brüder allein. Sie kochte mir erst einmal eine große Kanne Kräutertee aus dem Garten, natürlich war auch das Essen hervorragend. Das meiste im Haus ist Original 70er Jahre, Fototapete, Badfliesen, Lampen und eben auch das Geschirr; doch im Gegensatz zu anderen Unterkünften ist alles picobello, wie neu und blitzsauber.

Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt und kann jedem, der die Fränkische Schweiz besucht, empfehlen, Anna Heid eine Karte zu schreiben und wenigstens eine Nacht in ihrem Gasthaus zu verbringen.

Am nächsten Tag bin ich weiter gewandert, durch Wälder voller Schopftintlinge und anderer interessanter Pilze, über hügelige Weiden mit Felsblöcken wie in einem japanischen Garten und selbstverständlich auch an der obligatorischen Burg vorbei.

img_1055

Die 70er Jahre und das Mittelalter sind in der Fränkischen Schweiz sehr präsent. PITT-Pens, Super5-Tinte in grau und etwas Wasserfarbe.


Volkskunde

Die fünfte Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen. Einmal längs und vielleicht auch ein bisschen schräg von Deutschlands Mitte bis zum Bodensee, so ist es geplant, angekommen bin ich mittlerweile in Oberfranken. Bamberg war der Schlusspunkt der vierten Etappe, Nürnberg das nächste Ziel. Dazwischen: Die Fränkische Schweiz, ein kleines bisschen östlich der als solche ausgeschriebenen Pilgerwege. Eine ländliche und, ja, ein bisschen abgelegene Gegend, das hatte ich schon bei den Vorbereitungen gemerkt.

Die erste Übernachtung im Kloster Kirchschletten, wo ich vergangenes Jahr aufgehört hatte, und dann weiter hügelauf hügelab Richtung Südosten, Unterkunft in Würgau in einem Brauereigasthof, wie es hier noch viele gibt, kleine Familienbetriebe, wo die Leute aus den umliegenden Dörfern ihr Bier kastenweise holen und auf eine Brotzeit oder einen Braten mit Klößen einkehren.

img_0992

Die „Brauerei Hartmann“ in Würgau. Der Gasthof ist fachwerkhübsch, doch die Braukessel tragen Wirtschaftswundermode – Kacheldekor und eloxierte Fensterrahmen.

Am nächsten Tag 150 Höhenmeter hoch auf den Fränkischen Jura, ein Karstplateau, das immer mal wieder von tiefen Schluchten durchzogen wird. Oben flaches Land, fast parkartig, Schlehen- und Weißdornhecke filtern den hier vermutlich immer wehenden Wind, Kreuze und Kapellen an jeder Wegkreuzung. Im Dorfgasthaus sitzt, als wäre er für die Zeichnerin bestellt, der Herr Pfarrer mit am Stammtisch.

img_0991

Stammtischpublikum in den „Drei Kronen“ in Königsfeld/Oberfranken.

Merken