Volkskunde
Veröffentlicht: 15. Oktober 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 5, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: 60er Jahre, Brauerei, Fränkische Schweiz, Oberfranken, Pilgerweg, Wirtschaftswunder Hinterlasse einen KommentarDie fünfte Etappe meiner Pilgerwanderung hat begonnen. Einmal längs und vielleicht auch ein bisschen schräg von Deutschlands Mitte bis zum Bodensee, so ist es geplant, angekommen bin ich mittlerweile in Oberfranken. Bamberg war der Schlusspunkt der vierten Etappe, Nürnberg das nächste Ziel. Dazwischen: Die Fränkische Schweiz, ein kleines bisschen östlich der als solche ausgeschriebenen Pilgerwege. Eine ländliche und, ja, ein bisschen abgelegene Gegend, das hatte ich schon bei den Vorbereitungen gemerkt.
Die erste Übernachtung im Kloster Kirchschletten, wo ich vergangenes Jahr aufgehört hatte, und dann weiter hügelauf hügelab Richtung Südosten, Unterkunft in Würgau in einem Brauereigasthof, wie es hier noch viele gibt, kleine Familienbetriebe, wo die Leute aus den umliegenden Dörfern ihr Bier kastenweise holen und auf eine Brotzeit oder einen Braten mit Klößen einkehren.

Die „Brauerei Hartmann“ in Würgau. Der Gasthof ist fachwerkhübsch, doch die Braukessel tragen Wirtschaftswundermode – Kacheldekor und eloxierte Fensterrahmen.
Am nächsten Tag 150 Höhenmeter hoch auf den Fränkischen Jura, ein Karstplateau, das immer mal wieder von tiefen Schluchten durchzogen wird. Oben flaches Land, fast parkartig, Schlehen- und Weißdornhecke filtern den hier vermutlich immer wehenden Wind, Kreuze und Kapellen an jeder Wegkreuzung. Im Dorfgasthaus sitzt, als wäre er für die Zeichnerin bestellt, der Herr Pfarrer mit am Stammtisch.

Stammtischpublikum in den „Drei Kronen“ in Königsfeld/Oberfranken.
Propheten und Piraten
Veröffentlicht: 5. Juli 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Gotik, Lübeck, Luther, Reformation Hinterlasse einen KommentarEin Mann sitzt, bequem zurückgelehnt, mit rosigen Schlafwangen auf einer Bank. Der lange Bart kennzeichnet ihn als alt, der buddhahaft runde Bauch als wohlhabend. Am Brustkorb ist die Jacke (oder, passend zur Zeit, das Wams) mit einem sauberen Schnitt geöffnet, und heraus wächst ein Baum. Illustriert wird hier eine Stelle aus dem alten Testament, beim Propheten Jesaja: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Isai – Jesse in der mittelalterlichen Diktion – ist der Vater des zukünftigen König David, noch nicht selbst König, doch ein geachteter wohlhabender Mann.
Den Autoren der christlichen Evangelien war daran gelegen, Jesus mit den messianischen Prophetien des Alten Testaments zu verbinden, und zwar sowohl genealogisch als auch inhaltlich. Daraus entwickelte sich das Motiv des Jessebaums, einer bildlichen Darstellung des Stammbaums Jesu.
Ich war von diesem Bild des in sich ruhenden, vom Gedanken an erfüllte Nachkommenschaft ganz durchdrungenen alten Mannes sehr berührt. Vielleicht hört er im Geist auch die Worte des Propheten Jesaja über das Reich Gottes, das in den Zweigen dieses Baums erblühen soll: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. “

Wurzel Jesse, von einem Schnitzaltar im Lübecker St.Annen-Museum.
Der Lübecker Dombezirk liegt ein wenig abseits, es ist stiller dort als in den Kaufmannskirchen der Innenstadt. Zum Zeichnen hatte ich unter der reichen Ausstattung nach einem überschaubaren Motiv gesucht, und meine Wahl fiel auf die Kanzelabtrennung – eine Art Zaun um den Fuß der Kanzel, der den Propheten Mose darstellt. Den sieht man allerdings kaum, so prächtig sind die „Zaunpfähle“ gestaltet, kunstvollstes Schmiedeeisen wechselt ab mit seltsamen Hermen, in eine Säule übergehenden Brustfiguren.
Die männlichen von ihnen tragen Kopftücher und üppige, melancholische Bärte um schwellende rote Lippen herum. Erst zu Hause konnte ich das Rätsel lösen: Dieses Kanzelgitter ist die Spende einer Schifferinnung, die kopftuchtragenden Herren sollen vermutlich irgendwie exotisch gedachte Piraten darstellen, mit denen auf die Risiken des seefahrenden Berufs angespielt wird.
Über Ihnen ist eine Inschrift angebracht: EINEN PROPHETEN ALSE MI WERT DI DE HER DIN GODT ERWECKEN VT DI UN DINE BRODERN DE SCHOLE GI HORE. DEUT 18 (Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.) Auch eine prophetische Aussage, dieses Mal aus dem 5.Buch Mose, Kap.18.
Aber was für ein seltsames Deutsch, ein frühes Niederdeutsch, dem englischen und holländischen verwandter als unser heutiges, in einer noch von keinem Duden kanonisierten Rechtschreibung. Der Text stammt aus der Übersetzung Johannes Bugenhagens, eines Reformators der ersten Stunde, Freund Luthers. Noch 150 Jahre lang wurde seine – an die Lutherische eng angelehnte – Bibelübertragung immer wieder aufgelegt, bis das Hochdeutsche im gottesdienstlichen Rahmen mehr und mehr an Raum gewann.

Ein „Zaunpfahl“ des Kanzelgitters im Lübecker Dom.
Rückblick 2
Veröffentlicht: 3. Juli 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Gotik, Pilgerweg, Thüringen 4 KommentareHeute habe ich wieder ältere Skizzenbücher rin die Hand genommen, z.B. das von der 2.Etappe meiner Pilgerwanderung, einiges noch einmal neu gescannt und die alten Beiträge wieder gelesen – schon wieder zwei Jahre her …
Diese Etappe führte von Naumburg durch Saale- und Ilmtal über Weimar nach Erfurt.
Die Beschreibungen zu den Bildern finden sich in den einzelnen Blogbeiträgen.
- Marientor in Naumburg
- Westfassade der Zisterzienser-Kirche in Schulpforta.
- St. Mauritius in Bad Sulza
- Johannes der Täufer auf dem Altar der Eierstädter Kirche.
- Die Predigerkirche in Erfurt.
Ausblick, Rückblick
Veröffentlicht: 26. Juni 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 1, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Gotik, Harz, Pilgerweg, Romanik Ein KommentarZuerst der Ausblick: Vom 4.September 2016 an werde ich einige meiner Bilder in einer Ausstellung zeigen, und zwar in der Auferstehungskirche in Berlin Friedrichshain, Friedensstraße 83, 10249 Berlin. Eröffnung ist am 4.September, Sonntag, ab 11:00.
Es werden Reise- und Alltagsskizzen aus den letzten drei Jahren sowie einige botanische Arbeiten zu sehen (und auch zu erwerben) sein. Die Ausstellung wird bis in den Herbst hinein dauern. Zu besichtigen ist sie immer sonntags von 10 – 14 Uhr sowie Dienstag 16 – 18 und Donnerstag 14 – 17 Uhr.
Der Rückblick ergibt sich daraus: ich habe alle Skizzenbücher und -blätter der letzten Jahre noch mal in die Hand genommen, einiges neu gescannt, geordnet … So kann ich jetzt hier bereits einiges ältere „neu“ zeigen. Ich beginne mit der ersten Etappe meiner Pilgerwanderung.
Im April 2014 begann ich mir den lange gehegten Traum zu erfüllen, auf einen Pilgerweg zu gehen. Über viele Jahre hatte ich den Gedanken in meinem Herzen bewegt, hatte äußere Zwänge bedacht und innere Wünsche betrachtet, bis am Ende „mein Weg“ daraus wurde, der auch diesem Blog seinen Namen gab: ein Etappenweg über „Bewohntes Gelände, entlang der Spuren unserer Vorfahren, der Schnittstellen von Kultur und Natur, Geschichte und Gegenwart, menschlichem und göttlichem. Manchmal führte er auf klassischen Pilgerrouten, manchmal mäanderte er zwischen ihnen herum.
Gestartet bin ich in der Mitte Deutschlands, am nördlichen Harzrand, in der Gernröder Stiftskirche, in die ich mich schon bei früheren Besuchen „verguckt“ hatte und die mir ein guter Ort zu Beginnen schien. Neben dem Portal sind dort einige Sätze Wilhelm von Kügelgens anlässlich des Wiederaufbaus der Kirche im 19.Jahrhundert zu lesen:
Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.
- Romanischer Taufstein in der Gernröder Kirche.
- Kirche und Pfarrhof in Pansfelde, einem Dorf im Unterharz.
- Irgendwo im Unterharz.
- Der Bahnhof Eisleben – einer der vielen „Geisterbahnhöfe“ in der strukturschwachen Region.
- Die Burgkapelle der Querfurter Burg. Hier lerne ich etwas über den Heiligen Brun von Querfurt und bin verblüfft über die zarte Rokoko-Ausmalung des so romanischen Baus.
- St.Ulrici in Sangerhausen, ein beeindruckender Bau, wuchtig und hoch aufragend zugleich.
- Wegrand.
- Das Etappenziel: der weltberühmte Naumburger Dom.
Lavendel und Schokolade
Veröffentlicht: 2. März 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Funchal, Madeira, Tee Ein KommentarMadeira hat neben seiner portugiesischen auch eine britische Vergangenheit, und in der Inselhauptstadt Funchal findet man deren Spuren vielerorten. So gibt es neben den allgegenwärtigen „Pastelarias“ – Bäckerei, Café, Imbiss in einem – auch einige sehr schöne Tea Houses. Ein besonders hübsches heißt „Alfazema e chocolate“ – „Lavendel und Schokolade“. Es ist eigentlich ein Teehäuschen – eine winzige Gaststube mit drei Tischen und zwei Sitzplätzen auf den Miniaturbalkonen im ersten Stock eines Altstadthauses, die Wände in zartgrün, nicht lavendelfarben, und das Geschirr ein liebenswertes Sammelsurium in altrosa.
Dort eine Stunde oder zwei zu sitzen war ein extra Urlaub im Urlaub.

Tee und (glutenfreier!) Kuchen im Teehaus „Alfazema e chocolate“ in Funchal, Madeira.
Churchill’s Place
Veröffentlicht: 28. Februar 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Artist Journal, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Madeira Ein KommentarEinige Kilometer westlich der madeirischen Inselhauptstadt Funchal öffnet sich von einer felsigen Klippe ein unerwarteter Blick in die nächste Bucht und den engen Fischerhafen darin. Diese Klippe trägt den Namen „Churchill’s Place“ – der britische Premier erholte sich hier beim Malen der damals noch ruhigen Szenerie. Heute ist der Ort etwa so authentisch wie St-Tropez, und ich hatte nach meiner Küstenwanderung Mühe, einen halbwegs ruhigen Platz in einem der Restaurants an dem engen Kai zu ergattern.

„Churchill’s Place“ im Madeirischen Fischerort Câmara de Lobos.
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Fisch?
Veröffentlicht: 22. Februar 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Fisch, Funchal, Madeira Ein KommentarDie Markthalle in Funchal ist in jedem Reiseführer zu finden, und sie fehlt vermutlich bei keiner Stadtbesichtigung. Kein Wunder, dass da die Authentizität mit den Jahren etwas leidet. Das ändert sich morgens vor neun, und besonders am Wochenende, wenn zu den stationären Ständen noch ein Bauernmarkt kommt. Auch auf dem Fischmarkt nebenan ist dann mehr los.
Mit der Zeit – und zeichnend bringt man ja immer eine Menge davon zu – schärft sich auch der Blick für die Welt hinter den Obst- und Blumenkulissen, die auch und vor allem eine reine Männerwelt ist. (Die eine zeichnende und nicht mehr ganz junge Touristin zum Glück komplett ignoriert.) Da sind die Fischhändler, die mit riesigen Messern hantieren, die Zulieferer, die Kistenträger und Eckensteher; in der Gasse draußen hängen in den Schaufenstern der Fleischerläden halbe Schweine, und wenn man weiß wo, kann man zum Mittagessen Kuttelsuppe und Ziegeneintopf bekommen.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Fischhändler mit ihren furchterregenden Arbeitsgeräten zu zeichnen, habe ich mich dann an weniger bewegliche Fischköpfe gehalten. Der schwarze Degenfisch ist der Brotfisch Madeiras, so wie es bei uns mal der Hering gewesen ist, man bekommt ihn gebraten und gegrillt in jedem Restaurant und auch am Imbiss im Sandwich. Es ist ein milder, grätenarmer Filetfisch, das richtige zum Angewöhnen für Fischskeptiker, man darf ihn nur nicht sehen. Degenfische sind Tiefseefische, mindestens einen Meter lang, mit gewaltigen Mäulern und Augen sehen sie so recht zum Fürchten aus.

Köpfe vom Schwarzen Degenfisch in der Fischmarkthalle in Funchal.
Herzreim mit Fußball
Veröffentlicht: 21. Februar 2016 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Funchal, Madeira Hinterlasse einen KommentarIm Restaurant „Rima Coração“ in Funchal.

Im Restaurant „Rima Coração“ in Funchal. Super5 Tinte in Grau, mit einem Lamy Joy Kalligraphie-Füller.
Am fünften Tag kam der lange angekündigte Regen nach Funchal, was mir einen ruhigen Tag bescherte. Abends bin ich dann zum Einkaufen und Essen in die Stadt gelaufen (200 Höhenmeter runter, das will wohl überlegt sein). Zwischen Markthalle und Busbahnhof gibt es einige Restaurants und Cafés, die vorwiegend von Portugiesen besucht werden, und ins „Rima Coração“ lockte mich eine handgeschriebene Tafel mit Tagesgerichten wie Ziegeneintopf und geschmortem Tintenfisch – also nichts wie rein! Ich wurde nicht enttäuscht, das Essen war so köstlich wie preiswert.
Da im Fernseher – natürlich gibt es in dort einen – Fußball lief, konnte ich wunderbar Gäste beobachten und zeichnen. Der Kellner allerdings hing mit der Nase praktisch in seinem Handy, während er seine Suppe schlang.
„Rima Coração“muss auf deutsch so etwas wie „Herzreim“ bedeuten, auch wenn ich mir darauf keinen Reim machen kann. Ein orangefarbenes Herz findet sich jedenfalls im Logo. (Seltsamer Weise gibt es eins, wie auch eine Art corporate design in Orange und eine schöne bunte Touristenspeisekarte.)
Johannes der Täufer am Radweg
Veröffentlicht: 3. November 2014 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände, Bewohntes Gelände 2, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Pilgerweg, Radwegkirchen, Rokokko, Schnitzaltar, Thüringen 3 KommentareWer hätte gewusst, dass es Radwegkirchen gibt? Ich weiß es jedenfalls erst, seit ich im thüringischen Eberstedt in einer gerastet habe. Es war eine sehr angenehme Rast in einem hellen lichten Kirchenraum mit einer beeindruckenden Rokokko-Ausstattung und einer freundlichen und lebendigen Atmosphäre.
Die Stirnwand wird von einem großen Schnitzaltar eingenommen. Zum Zeichnen habe ich mir Johannes den Täufer gewählt. Er hält die Thora auf dem rechten Arm und weist damit gleichzeitig auf Jesus als den Kommenden, der das Gesetz transzendieren wird – ein ikonografisches Motiv, dem ich später in der Gegend in ganz ähnlicher Form noch einmal begegnete. Johannes trägt eine Art zotteligen Fellmantel, der ihn ein wenig in die Nähe eines „wilden Mannes“ rückt. Einen schönen Kontrast dazu bildet die Dekoration, die ich als Rosen, Ananas und Tabakblätter gedeutet habe.

















