Schnelles Fachwerk – Nachtrag 2

Gestern und vorgestern waren anstrengende Gehtage, an denen ich wenig bis nicht gezeichnet habe. Eine Rast allerdings in dem ansonsten gesichtslosen Ort Amriswil konnte ich nicht ungenutzt vergehen lassen. Direkt gegenüber des schönen schattigen Bäckerimbisses sah ich das puppenstubenhaft restaurierte Alte Pfarrhaus. Für eine ausführliche Zeichnung hatte ich weder Zeit noch Ruhe. Was also war zu tun? Ich nahm mir den Füller mit dem dicksten Strich und fing an, geradewegs draufloszuklecksen, danach das gleiche noch mal mit der Farbe. Es ist kein Meisterwerk geworden, aber es erfüllt den Zweck einer Reiseskizze: es bewahrt Eindruck und Erinnerung in ganz anderer Weise als eine Fotografie.


Herr Lenk teilt aus – Nachtrag 1

Dieses Bild ist noch in Konstanz entstanden, morgens vor dem Losgehen. Als Schwerinerin ist mir der Bildhauer Peter Lenk schon ein Begriff gewesen, haben wir doch auf dem Marktplatz ein satirisches Denkmal für Heinrich den Löwen – in Lenkscher Manier nicht ohne Unterleibskomik. Und wie anderswo, wurde dieses Denkmal erst skandalisiert und nun von allen Stadtführern gern gezeigt.
Den „Laube-Brunnen“ in Konstanz kannte ich noch nicht. Er ist voller satirischer Anspielungen an Zeitgeschehen und Geschichte; ich habe mich beim Zeichnen auf zwei schrecklich-schöne Zeitgenossen beschränkt, die damit beschäftigt sind, ihre Füße ins Brunnenbecken zu halten (sie haben im Original etwa anderthalbfache Lebensgröße).

Figuren des Lenk-Brunnens in Konstanz. Buntstift und weiße Aquarellfarbe auf PaintOn naturell

Herr Lenk übrigens, der so vortrefflich auszuteilen vermag, erwies sich als im Einstecken weniger versiert: als seine „Imperia“ vergangenes Jahr einen Mundschutz bekam, soll er ausgesprochen verschnupft reagiert haben …


Horizont

Als ich das Projekt begann, einmal längs durch Deutschland zu gehen, war der Bodensee so etwas wie mein Horizont, und die Insel Reichenau mit ihren Klöstern der Leuchtturm darauf. Hier hatte es angefangen nach den dunklen Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit, hier gründeten (vermutlich irische) Mönche erste Klöster, in deren Schreibstuben und Gärten bald darauf Kunst und Wissenschaft erblühten.

Gestern habe ich die Insel Reichenau besucht. Sie ist seit (mindestens) römischer Zeit durchgehend besiedelt. Heute ist sie für ihren Gemüseanbau bekannt, vermutlich geht auch der schon auf die Römer zurück. (Nicht umsonst schrieben die Mönche hier gartenkundliche Abhandlungen.) Buchstäblich jeder Quadratzentimeter der Insel ist bepflanzt, und zwar in einer für die heutige Zeit geradezu aberwitzig kleinzelligen Parzellierung, die auf Besitzverhältnisse der Klosterzeit zurückgeht.

Und zwischen all den Gewächshäusern, Beeten, Feldern und kleinen Weinhügeln stehen drei der ältesten Kirchen Mitteleuropas.

Die erste, auf die man trifft, wenn man die Insel betritt, ist St.Georg, und von außen sieht sie erst einmal nicht besonders spektakulär aus. Innen enthält sie jedoch einmalige, ebenfalls auf die Gründungszeit um 800 datierte Wandmalereien.

Die Kirche St.Georg in Oberzell.

Ich war früh aufgebrochen und hatte diesen schönen Blick lange an einem kühlen Morgen für mich allein; später wurde es schwül und drückend und vielleicht lag es daran, dass mir vom viel gewaltigeren Münster kein ordentliches Bild gelang. Vielleicht hatte ich auch einfach das Gefühl, dass ich gern noch einen Tag und noch einen und noch einen gehabt hätte, um dieser gesegneten Insel ein bisschen gerecht zu werden.


Die Konstanzer Goldscheiben

Die sogenannten Konstanzer Goldscheiben sind vier teilweise vergoldete, kreisrunde Kupferplatten. Der Durchmesser der größten und ältesten beträgt fast zwei Meter. Vermutlich ist sie etwa tausend Jahre alt und wurde ursprünglich als Schlussstein einer symbolischen Nachbildung des Heiligen Grabes verwendet. Später brachte man sie außen am Münster an, ergänzt um die anderen drei.

1973 hat man sie im Außenbereich durch Kopien ersetzt und die Originale in der Krypta des Münsters aufgehängt. Hinter einem schlichten Altartisch machen sie dort einen ausgesprochen archaischen Eindruck. Auf der größten Platte ist ein hochmittelalterlich streng thronender Christus abgebildet, flankiert von zwei Engeln. Überraschend tröstlich fällt die Bibelstelle aus, die in seinem mit der linken Hand hochgehaltenen Buch zu lesen ist. Es ist der sogenannte Heilandsruf Matth. 11,28: Kommt her alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Die große Konstanzer Goldscheibe, gezeichnet mit wasserlöslichen Aquarellstiften.

Am Bodensee

Zweihundert Höhenmeter und ein paar Welten trennen die landwirtschaftlich geprägten Ausläufer der Schwäbischen Alb von der mediterran anmutenden Uferregion. Noch bevor ich nach Überlingen hinein kam, durchquerte ich einen Golfplatz – wie passend für eine Region, die als eine der teuersten Deutschlands gilt. Leider hielten die Golfer ihre charakteristischen Posen nur kurz, so dass ich mich auf eine Postkartenskizze des Ortes beschränkte.

Für Überlingen hatte ich nur eine Übernachtung eingeplant, was ich bedauerte, weil ich insbesondere im Münster mit seinen zahlreichen Kunstschätzen gern noch länger geblieben wäre. Immerhin schaffte ich es als Frühaufsteherin noch ein bisschen Morgenstimmung am See einzufangen.

Morgenstimmung am Bodensee

Ich überquerte den See mit dem Schiff, und als das am anderen Ufer angekommen war, stand die Sonne schon wieder viel zu hoch am Himmel. Da kam eine Bank an einem luftigen Platz gerade recht; ich ließ mir beim Zeichnen Zeit.

Bodenseepanorama vom Rupertsberg aus.

Die zerrissene Perlenkette

Das Land zwischen Donau und Bodensee ist landwirtschaftlich geprägt; die Dörfer liegen weit auseinander. Auch echte Wanderwege gibt es nur kaum. Manchmal geht es ein Stück parallel zur Straße durch einen schattigen Waldabschnitt, dann sind die Füße froh.

Neben einem solchen Weg, kurz bevor er wieder in die Straße mündete, sah ich zwischen Gesträuch und jüngeren Bäumen eine Edelstahlkugel liegen. Sie schimmerte perfekt und sah ganz unwirklich aus an dem Platz, bis ich bemerkte, dass sie Teil eines Denkmals ist. Es erinnert an die Flugzeugkollision vom Sommer 2002, bei der 78 Menschen ums Leben kamen, u.a. viele Kinder. Das Denkmal heißt „Die zerrissene Perlenkette“ und besteht aus mehreren Teilen an den verschiedenen Absturzstellen. Dieser erinnert an die beiden Piloten der Frachtmaschine, die in dieses Waldstück gestürzt war.

Es gibt noch einen ganz konventionellen Stein für die beiden Piloten, eine Metalltafel, die das Ganze erklärt und auf dem auch der Satz mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ steht.

Die kleine Gedenkstätte hat mich sehr berührt.


Heiliger Antonius, bitte für mich

Ich liebe meinen Pilgerhut, und ich brauche ihn. Zu blöd, wenn ich ihn schon am Abend des erste Gehtages verliere! (Nicht zum ersten Mal, es war der dritte in sieben Jahren.) Heute morgen bastelte ich mir ein Provisorium aus einem Halstuch und lief in den sonnig strahlenden Tag hinein. Einen neuen oder wenigstens eine Mütze würde ich spätestens in zwei Tagen besorgen können, auf zwanzig Kilometer im Umkreis gibt es weder Bäcker noch Fleischer, geschweige denn einen Supermarkt.

Die erste Rast legte ich in Großschönach ein, in der dortigen Antoniuskirche. Ein gesichtsloser Bau aus den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts. Und weil es nichts zu zeichnen gibt, schaue ich mal nach, wofür der Heilige Antonius eigentlich so zuständig ist. Ich traue meinen Augen kaum: für verlorene Gegenstände! Da kann eine klitzekleine Bitte in seine Richtung bestimmt nicht schaden.

Und als ich die Kirche verlasse, steht doch vollen Ernstes fünfzig Meter weiter so ein Selbstbedienungsbüdchen, in denen es sonst Marmelade und Äpfel gibt – nur das es hier selbst gemachter Kitschkrimskrams ist, Traumfänger, Kirschkernkissen – und Mützen! Ganz unten im Regal liegen ein paar Schirmmützen mit neckischen Sprüchen drauf wie „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Die einzige ohne Spruch ist aus schwarzgrauem Military-Flecktarn, die nehme ich glücklich an mich.

So oder so ähnlich laufe ich zur Zeit durch den sonnigen Spätsommer.


Wieder unterwegs

Seit gestern bin ich wieder unterwegs. Ich fange da an, wo ich vor zwei Jahren geendet habe: in Beuron und Pfullendorf, zwei Tage zum Runterkommen und Akklimatisieren nach einigen eher schwierigen Wochen. Ich ging früh um fünf zur Morgenhore der Mönche – hier verbietet es sich leider zu zeichnen. Diese Wechselgesänge sind älter als unsere meisten Kirchengebäude, sie sind Tradition seit tausendfünhundert Jahren, ebenso wie die Ordensregel des Heiligen Benedikt.

Gezeichnet habe ich dann eine malerisch im Donautal gelegene Kapelle, die in einem seltsamen Architekturstil ausgeführt ist, der als „Beuroner Schule“ bekannt wurde und Elemente altägyptischer, christlich-orthodoxer und klassisch griechischer Kunst miteinander verbindet. Das Ergebnis erinnert an Art déco, ist aber schon im 19.Jahrhundert entstanden.

Heute hatte ich mir einen Zeichentag vorgenommen. Das Hoehnzollernschloss Sigmaringen steht spektakulär auf einem Felsen über der Donau; leider lag dieser Blick im grellen Gegenlicht, so ich mich für etwas verzwickte Dachlinie von der Rückseite her entschloss.

Pfullendorf schließlich, der Endpunkt meines Weges von vor zwei Jahre, ist gar kein Dorf, sondern eine ehemalige Freie Reichsstadt mit einer großen Zahl an sehr repräsentativen Fachwerkhäusern.


Gelb

Gelb ist die Farbe des Spätsommers, und so ist es auch die Farbe meiner letzten Fingerübungen geworden.

Am vorigen Wochenende war ich wieder einmal in Bellin, auf den Tag genau sechs Jahre nach meinem ersten Besuch dort und wieder und immer noch verzaubert vom Geist des Ortes. Hüfthoch steht die Wiese an einigen Stellen, und natürlich ist der Rainfarn mit seinem tiefaromatischen Duft immer dabei.

Eine kleine Rainfarnstudie.

Zu Hause angekommen, begann ich mit den Vorbereitungen für den nächsten Pilgerweg. Zu den schönsten Leiden im Vorfeld einer solchen Tour gehört der Entscheidungsschmerz, welches Malzeug mitgenommen werden soll. (Der Rücken und – wichtiger noch – die Füße – müssen es tragen, tagein, tagaus.) Beim Aufräumen fiel mir der kleine A5-Block des naturfarbenen PaintOn-Papiers in die Hände, den ich beim Sketchertreffen 2017 in Eutin bekommen hatte. (Ein erfolgreiches Werbegeschenk, ich bin seitdem ein Fan dieser Papiersorte.) Eine rucksacktaugliche Größe und eine Einladung zu kleinen weißgehöhten Studien.

Der Probelauf mit einer Sonnenblumenblüte war vielversprechend; also wird er mit auf die Reise gehen.

Skizze einer Sonnenblume. Schwarze deAtramentis-Tinte im Fude-Pen, Aquarellfarbe, weißer Gel-Pen auf naturfarbenem PaintOn-Papier von Clairefontaine.

Apfelübung

Nach der Tomaten- die Apfelübung. Die wunderbar kantigen Klaräpfel verlangten nach allem, was zur Erfassung von Dreidimensionalität hilfreich sein kann, nach monochromen Werkzeugen wie Bleistiften und Füllern …, sie sehnten sich nach einem Tag am Zeichentisch (und sonst gar nichts.)

Natürlich kam es anders, was unter anderm daran lag, dass die Äpfel noch in einen Kuchen verbacken werden wollten – von der netten Kaffeerunde ganz zu schweigen.

Also fasste ich mich kurz. Ich hatte das Blatt am Abend vorher schon grundiert – die Äpfel waren sozusagen schon da und mussten nur noch mit ein paar Tintenstrichen und einem bisschen Blau und Gelb zum Leben erweckt werden.

Langsam folgt auch die Hand dem Auge wieder.