Jedermann

Vor zwei Wochen hatte ich das große Vergnügen, in Wismar die „Jedermann“-Aufführung in der Georgenkirche sehen zu dürfen. Die Kirche als solche ist schon einen Besuch wert. Meine Freude wurde noch gesteigert, weil das Tageslicht und die robuste Akustik es mir ermöglichten zu zeichnen. Auf dem Bühnenbild sieht man im Hintergrund ein gewaltiges Rad, vielleicht in Anlehnung an die Tretmühlen, die man einst zum Kirchenbau verwendete. Sein Äquivalent steht im Vordergrund: ein mannshoher Tresor mit Drehrad zum Öffnen.

Bühnenbild der "Jedermann"-Aufführung in Wismar.

Bühnenbild der „Jedermann“-Aufführung in Wismar. Im Hintergrund das Rad der Fortuna, vorn ein mannshoher Tresor. 


Beim Heiligen Geist

Vor zwei Wochen war ich in Wismar und hatte zwei Nachmittagsstunden Zeit zum Zeichnen. Kurz hinter der Heilig-Geist-Kirche fiel mir ein hübsches neugotisches Portal ins Auge, und als ich hindurch auf den Hof ging, war ich ganz verzaubert. Ich stand auf der Rückseite der Kirche, zwischen den alten Mauern blühten Malven, ein Brunnen spendete Wasser und dichte alte Bäume Schatten. Ein Teil der umgebenden Häuser wirkte wie ein kleines Altersheim oder eher eine betreute Wohnanlage.

Es war ein wunderbar stiller und aus der Zeit gefallener Ort, und ich erinnerte mich, dass ich vor über dreißig Jahren in Greifswald in „St.Spiritus“ ein ganzes Frühjahr lang an einem ähnlichen Platz für meine Prüfungen gelernt hatte. Die pittoresken winzigen Häuschen waren auch in den 80ern schon Museum, aber durch eine Tür in der Nebenstraße gelangte man in den Hinterhof des Hospitalhofes, mit Blumenbeeten und einem Gartentisch, an dem außer mir nie jemand saß.

Ich erinnerte mich auch an ähnliche Hospitäler in anderen Hansestädten, das prächtige Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck und das Johanniskloster in Stralsund, wo ich 1980 noch die puppenstubenhafte Wohnung der letzten Bewohnerin des so genannten Räucherbodens besuchen durfte. Auch dieser Ort verströmte damals die Atmosphäre von Zuflucht und zeitloser Stille wie der Heilig-Geist-Hof in Wismar heute noch.

Hof des Heiligen-Geist-Hospitals in Wismar. Zeichnung mit Super5-Tinte in S&B Beta, koloriert mit Wasserfarbe.

Hof des Heiligen-Geist-Hospitals in Wismar. Zeichnung mit Super5-Tinte in S&B Beta, koloriert mit Wasserfarbe.


Rote Bete

Rote Bete. Zeichnung mit Super5-Tinte, grau, in S&B Zeta-Buch, koloriert mit etwas Wasserfarbe.

Rote Bete. Zeichnung mit Super5-Tinte, grau, in S&B Zeta-Buch, koloriert mit etwas Wasserfarbe.

Ein Bund Rote Bete vom Biohof Medewege. Die roten Knollen haben vermutlich auch bei denen, die sie gern essen (die Meinungen sind da bekanntlich geteilt) eine herbstlich-winterliche Anmutung. Diese hier kamen, mit frischen Blättern, als Sommergemüse daher. Ich habe die Blätter in der Pfanne gedünstet (die Verwandtschaft zu Spinat und Mangold legt das nahe) und den Knollen mit Knoblauch und Joghurt ein griechisches Gewand gegeben. Ich koche sie nicht, sondern backe sie im Ofen (das dauert!) und ziehe dann wie bei Pellkartoffeln die Haut ab. Sie verströmen beim Backen einen gesättigt-aromatischen, warmen Duft, der vielleicht den einen oder anderen Rote-Bete-Skeptiker bekehren mag.


Füller mit Vergangenheit

Vor einigen Tagen bekam ich eine Anregung, meine Zeichenmaterialien abzubilden. Und da ich mich in den letzten Wochen immer mal wieder mit Füllfederhaltern beschäftigt hatte, erhielten die auch den ersten Auftritt. Dabei zeichne ich – nach einigem Probieren – nur mit einem von den vier abgebildeten, auf dem Bild hat er die Nummer 4. Es ist ein Lamy Joy, ein Kalligraphie-Füller, den es mit mehreren Federbreiten gibt. Gefüllt ist er mit SUPER5-Tinte in grau.

Die anderen sind Erinnerungsstücke, Nummer 1 und 2 echte Montblancs aus den 50er Jahren. Sie erzählen Familiengeschichte, haben, wie man früher vielleicht von einer Dame gesagt hätte, „eine Vergangenheit“. Sie sind Jahre, ja Jahrzehnte benutzt worden, und als ich sie bei meinen Füllhalterrecherchen wiederfand, habe ich sie auch ausprobiert, zum Glück waren sie nicht eingetrocknet. Großer Name hin und her – mir lagen sie nicht gut in der Hand, zu zierlich, zu leicht … Als ich sie gezeichnet habe, konnte ich noch einmal ihre zeitlose Eleganz bewundern.

Nummer 3 ist in gewisser Weise das Gegenteil der beiden kapriziösen Schönheiten, ein großes schweres Teil aus massivem Messing mit Wurzelholzdekor – vermutlich ein protziges Werbegeschenk aus den 90ern. Es ist auch ein Markenfüller, ein Waterman, mit sattem, gleichmäßigen Tintenfluss, doch für unterwegs viel zu schwer.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.


Noch ein Fisch

Dieses Wochenende gab es bei mir geräucherte Maräne. Maränen gedeihen nur in tiefen sauberen Seen, hier in der Region stammen sie meist aus dem Schaalsee, der seinen besonderen Charakter auch durch die Lage an der innerdeutschen Grenze bewahren konnte. Die Maränen sind so typisch für den See, dass die einzig an ihm gelegene Stadt – Zarrentin – , gleich zwei davon in ihrem Wappen führt.

In Süddeutschland kennt man die Fische als Felchen oder Renken, wobei, wie ich beim Nachlesen erfahren habe, zwischen den umgangssprachlichen Namen und der zoologischen Klassifikation oft nur lockere Bande bestehen.

Dieser hier heißt mit vollem Namen Coregonus albula. Sein nächster Verwandter wohnt im sagenumwobenen Stechlinsee und trägt – wie könnte es anders sein – den Namen Coregonus fontanae .

Schaalseemaräne auf einem Bollhagen-Teller, gezeichnet mit Super5-Tinte in einem Lamy-Joy-Füller und koloriert mit Aquarellfarbe

Schaalseemaräne auf einem Bollhagen-Teller


Schweriner Seebarsch

Schwerin liegt am fischreichen Schweriner See, und wenn ich es einrichten kann, fahre ich immer mal beim Fischer vorbei und hole mir ein paar Fische. Dieses Wochenende waren es Barsche, die ich gebraten und sauer eingelegt habe. Das schmeckt nicht nur gut, sondern lässt auch die Gräten etwas weniger piekig werden.

Eigentlich wollte ich ja, wie bei einer theydrawandcook.com, das ganze Rezept zeichnen, doch dann wäre die Zeit fürs Fischebraten knapp geworden. Die restlichen Zutaten muss man sich also denken:

Fünf mittelgroße Barsche – geschuppt, ausgenommen und die Stachelflossen gestutzt – salzen, in Mehl wälzen und in reichlich Öl braten. (Meine Barsche habe ich mir mit meinem Kater geteilt, deshalb waren die Köpfe noch dran.) Einen Sud aus 1/4 l 10% Essig, 1 l Wasser, 1 Teelöffel Salz, 2 Esslöffel (oder weniger) Zucker und 10 Pfefferkörnern aufkochen. Abkühlen lassen. Die gebratenen Fische mit reichlich in Scheiben geschnittener Zwiebel, Estragon und Dill in einer Schüssel schichten und mit dem Sud übergießen. Schmeckt schon nach einigen Stunden, ist nach drei Tagen richtig durchgezogen. (Estragon ist nicht jedermanns Sache, ich habe ihn reichlich im Garten, man kann auch ein Lorbeerblatt nehmen oder nur Dill.)

Küchenfertig vorbereiteter Barsch, noch mit Kopf und Gräten. Aquarell und Super5 in S&B Beta.

Küchenfertig vorbereiteter Barsch, noch mit Kopf und Flossen. Aquarell und Super5 in S&B Beta.


Schweriner Töpfermarkt

Dieses Wochenende war in Schwerin Töpfermarkt, und wie jedes Jahr war es sehr heiß. Ausgestattet mit einem neuen Strohhut – die ältere Dame in dem kleinen Hutgeschäft um die Ecke machte vermutlich das Geschäft des Jahres – drehte ich zwei Runden, bis ich neben der sehr schönen Raku-Keramik von Jordi Mendez Canalis einen guten Platz zum Zeichnen fand. Raku-Ware fasziniert mich immer mit ihren Haarrissen und ihren differenzierten Oberflächen – und bei dieser Reihe von Gefäßen sprach mich der delikate Übergang von kupfrigem Grün zu intensiv leuchtendem Ziegelrot noch einmal besonders an. Jedes einzelne Stück wäre eine gründliche Studie wert gewesen.

Ein Bord mit Raku-Ware auf dem Schweriner Töpfermarkt.  Aquarell mit Weiß und Super5-Tinte auf Fabriano Maschinenbütten.

Ein Bord mit Raku-Ware auf dem Schweriner Töpfermarkt.
Aquarell mit Weiß und Super5-Tinte auf Fabriano Maschinenbütten.


Orient und Okzident

Die ägäische Insel Kos liegt am äußersten Rand dessen, was wir geografisch als Europa bezeichnen. Vor dreitausend Jahren war das anders, da befand sich die Insel im Zentrum der philosophischen und wissenschaftlichen Diskurse, Stein geworden in einem Tempel, der sowohl archaische Kultstätte wie auch eines der ersten Krankenhäuser im heutigen Sinn war.

Später rückte sie sozusagen nach Osten, wurde römisch, byzantinisch, gehörte zwei Jahrhunderte den Kreuzrittern, bevor für lange Zeit die muslimischen Osmanen die Herrschaft übernahmen. Nach einem kurzen italienischen Intermezzo kehrte die Insel 1945 endlich nach Griechenland zurück.

Alle Besitzer haben Spuren hinterlassen, von denen viele durch die häufigen Erdbeben der Region wieder verwischt wurden. Dabei ist die Ikonographie nicht eindeutig: Die Johanniterfestung mit den Dattelpalmen im Hintergrund lässt eher an Wüste und Kamele als an christliche Ritter denken, während die Moschee ein spätbarocker, bis auf das Minarett ziemlich europäisch anmutender Bau ist.

Johanniterfestung in Kos-Stadt.

Johanniterfestung in Kos-Stadt.

Haji-Hassan Moschee in Kos-Stadt. Besonders angetan hatte es mir der zierliche Rokokko-Vorbau.

Haji-Hassan Moschee in Kos-Stadt am Morgen. Besonders angetan hatte es mir der zierliche Rokoko-Vorbau, der leider auf dem Bild nur eine Nebenrolle bekommen hat.


Erhabenheit

Wenn es einen Begriff gibt, der den Eindruck beschreibt, den das Asklepeion auf Kos bei mir hinterlassen hat, so ist es „Erhabenheit“. „Klarheit“ kommt dazu und jene dem Meer zugewandte Weitsicht, die den Blick in die letzten drei Jahrtausende einschließt. Mit diesem Blick betrachtet, sind die Schiffe unseres Lebens klein und leicht, und wir können sie getrost ziehen lassen.

Natürlich lässt sich das alles nicht in einem Bild wiedergeben. Die Anlage, die tausend Jahre lang, von 500 vor bis 500 nach Christi Geburt, als Tempel und Krankenhaus diente, ist Anfang des 20.Jahrhunderts freigelegt worden. Sie zeigt in ihrer äußeren Form eine Mischung aus Nachbauten und antiken Resten, verteilt über drei Terrassen und eingebettet in eine archaische Hügellandschaft voller Oliven, Pinien und Zypressen.

Auf meinem Bild sieht man den Tempelrest auf der obersten Ebene, von der aus der Blick weit über das Meer zu den Nachbarinseln und dem heute türkischen Festland reicht. Zwischen den Steinen wächst eine leuchtend blaue Klee-Art, deren Marienfarbe mich daran erinnert, dass der Ort in frühchristlicher Zeit der Muttergottes geweiht war.

Säulenrest des Asklepios-Tempels auf der obersten Ebene des Asklepeions in Kos.

Säulenrest des Asklepios-Tempels auf der obersten Ebene des Asklepeions in Kos.


Rosenfinger

„Als aber die Frühgeborene erschien, die rosenfingrige Eos … “ So besang Homer in der Odyssee die Morgenröte, und an den Satz habe ich jeden Morgen beim Sonnenaufgangsbad gedacht. Rosenfinger! Eben ist alles noch etwas blass in apricot und bleu, und schon erstrahlt der östliche Himmel in rosigstem Karmin, um bald darauf scharlachrot zu lodern – da kommt kein Pinsel hinterher. Dennoch habe ich es, wie schon so viele vor mir, immer wieder versucht. Sonnenuntergänge sind da geradezu gemächlich, langsam verdämmert der Abend, und es bleibt noch Zeit, das alte Gemäuer ringsherum zu zeichnen.

Sonnenaufgang auf Kos - ein Versuch

Sonnenaufgang auf Kos – ein Versuch

image

Sonnenuntergang von der Burgruine Paleo Pyli auf Kos aus.