Zeitsprung

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Abendstimmung am Schweriner Marienplatz. Mischtechnik in Stillman&Birn Alpha.

Der Marienplatz ist im provinziellen (doch, doch) Schwerin in etwa die großstädtischste Gegend. Hier kreuzt einiges an öffentlichem Nahverkehr und Einkaufsmeilen, die auch sonnabends lange auf haben. Gestern war bei Schneematsch und Nieselregen der Betrieb eher gedämpft, und als ich Richtung Innenstadt abbog, hielt ich für einen Moment die Luft an, so verblüffend war der Anblick. Eine Baulücke gab den Blick frei auf eine schneedämmrige Hoflandschaft mit Bäumen und unsanierten Nebengebäuden. Der Abriss eines vermutlich Jahrzehnte alten Behelfsbaus hatte dazu ein paar alte Werbeschriften wieder zum Vorschein gebracht – für eine kurze Minute war mir, als hätte jemand den Film der Gegenwart angehalten, um mich in die, sagen wir mal, 60er Jahre blicken zu lassen.

Ich habe das Bild mit relativ weichem Bleistift angelegt und zu Hause mit Aquarellfarbe ergänzt – die gelben Briefkästen mit Aquarellstiften von Faber Castell – ein kleiner Gruß an Jens Hübner.

 

 

 


Die Welt in der Nussschale

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Ein paar Stücke Weihnachtsbaumschmuck. Super5-Tinte mit Wasserfarbe in Stillman&Birn Alpha.

Weihnachtsbäume sind, mehr noch als andere Dinge, Hologramme, Familien- und Weltgeschichte in der Nussschale:

Eine silberfarbene Kugel, deren Metallschicht sich in Krakelüren vom Glas löst, die kostbar perlmuttig schimmert, kein shabby chic, sondern vermutlich an die 80 Jahre alt, ein ganzer Kasten solcher Kugeln schlief einen langen Weihnachtskugelschlaf, aus dem sie der Umstand erweckte, dass dieses Jahr keine roten Kugeln an den Baum sollten.

Ein rotes Wachsherz mit Christkind, katholischer Kitsch, von philippinischen Nonnen in einem Benediktinerinnenkloster in Oberfranken gefertigt, einem stillen und unsagbar friedlichen Ort …

Elektrische Kerzen. Schon mein Großvater, Freigeist und dem Fortschritt zugetan, erwarb Ende der 20er Jahre welche von Osram, die gingen irgendwann in den 80ern kaputt, seitdem sind es diese, Made in Western Germany vor der Globalisierung; vermutlich waren sie in der DDR knapp.

Genau so knapp wie die doch in Thüringen hergestellten Weihnachtskugeln, weshalb meine Mutter in den 80ern welche aus Polen mitbrachte, bonbonfarben mit weißem Dekor, doch die goldgelbe passt noch heute ins Bild und zu dem kürzlich erst angeschafften Vogel; Vögel auf dem Baum mochte ich immer gern, nur hatten die alten alle ihre Glasfaserschwänze verloren.

Eine schöne Eröffnung für ein neues Skizzenbuch, Stillman&Birn Alpha, das alte hat noch ein paar Seiten, die werden wohl leer bleiben, und gleich musste auch noch der neue superfeine japanische Pilot Prera Füller ausprobiert werden. Die Welt in der Nussschale …

 


Bergstadt

Bamberg hat so viel schönes Altes zu bieten, dass ein Aufenthalt von nur zwei Tagen einem Menschen mit Skizzenbuch immer wieder eine Auswahl aufnötigt. So hatte ich mich Ende Oktober für die Bergstadt entschieden, die sich oberhalb des Doms weit in die umgebenden Hügel erstreckt. Ausgedehnte ehemalige Klosteranlagen mit Kirchen, Gärten und Mauern geben dem Gelände eine altertümliche Struktur, auch wenn seit dem 19.Jahrhundert vieles davon säkular genutzt wird – als Museen, Kliniken und Parks.

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Blick vom Bamberger Jakobsberg zum Kloster Michelsberg.

Das Kloster Michelsberg – es hat als eine der ältesten Gründungen des Bistums gerade sein 1000jähriges Jubiläum gefeiert – ist vor allem bekannt durch den so genannten „Himmelsgarten“ – die Ausmalung des Gewölbes mit zahlreichen botanisch exakten Pflanzen. Ich hatte ihn vor einigen Jahren besichtigen können. Zur Zeit ist die Klosterkirche leider wegen schwerer Bauschäden bis auf weiteres gesperrt.

Ich hatte diese Malerei immer für einmalig gehalten und staunte nicht schlecht, auch das hochkomplexe spätgotische Zellengewölbe der Oeslauer Johanniskirche (nahe Coburg) mit solcher Bemalung geschmückt zu finden. (Auf meiner Zeichnung hatte ich mich allerdings auf das Gewölbe beschränkt.)

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In der Villa Remeis auf dem Bamberger Jakobsberg. Die Zeichnung ist vor Ort begonnen und fertig gestellt, weshalb ich auch den Herrn mittleren Alters, der ganz selig sein sehr kleines Enkeltöchterchen betrachtet, nur angedeutet habe.

Am nächsten Tag bin ich noch einmal auf den Jakobsberg gestiegen und habe in der Villa Remeis gerastet. Karl Remeis war ein Bamberger Astronom und Mäzen, in dessen ehemaligem Wohnhaus (von bescheidenen Ausmaßen, doch atemberaubender Lage) jetzt ein Café mit Weitblick zu finden ist.

 

 


Königliche Anmut

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Spätmittelalterliche Marienstatue aus dem Diözesanmuseum Bamberg.

Das englische Wort grace bedeutet sowohl Gnade als auch Anmut (die im Deutschen ja auch Grazie heißt), seine lateinische Wurzel gratia fügt dem noch den Dank hinzu. „Gegrüßt seist du, Maria, voll der Anmut“: Da ist die Muttergottes uns nördlichen Protestanten gleich nicht mehr ganz so unvertraut.

Diese Marienstatue begegnete mir im Diözesanmuseum in Bamberg, einem ruhigen Ort, an den ich mich aus dem Samstagsnachmittagstrubel des Doms zurückgezogen hatte. Bei aller Anmut hat sie auch etwas strenges, hoheitsvolles, königliches. Aus der Beschriftung erfahre ich, dass die Figur wohl die spätgotische Überformung eines älteren, vermutlich romanischen Kerns ist – aus einer Zeit, als die Madonna noch als strenge Himmelskönigin in herrscherlicher Pose dargestellt wurde. Auch das Jesuskind mag einmal „ernsthafter“ ausgehen haben als dieser Knabe, der seine Füßchen im ordentlichen Schleier der Mutter verheddert.


Durch die Mainauen nach Bamberg

Von Kirchschletten aus bin ich  bei schönem Herbstwetter Richtung Bamberg gelaufen. Anfangs war es richtig sonnig, später stellte sich eine verhangene, sanfte Stimmung ein, die gut zu den stillen und unerwartet schönen Dörfern in der Mainaue passte. Es sind sehr alte Siedlungsplätze, meist auf kleinen warftartigen Anhöhen gelegen.

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Blick auf Ebing am Obermain. Super5-Tinte und Wasserfarbe.

Am nächsten Tag war ich dann in Bamberg unterwegs. Am Bauernmarkt mit seinen vielen alten Apfel- und Birnensorten, mit Honig und Nüssen konnte ich mich gar nicht satt sehen.

Im Diözesanmuseum des Bamberger Doms (der Dom selbst war am Samstag Nachmittag rappelvoll, so dass ich mich dorthin zurückgezogen hatte), konnte ich mich ganz in Ruhe und auf Augenhöhe noch einmal mit Maßwerk beschäftigen. So habe ich dann auch verstanden, warum es so maßlos schwer zu zeichnen ist:  die aus Kreissegmenten zusammengesetzten Formen scheinen einfach, doch entsteht ihre Komplexität aus der Räumlichkeit mit den vielen Schrägen.

Beide Zeichnungen sind vor Ort entstanden und auch abgeschlossen, lediglich die Schrift unter dem Maßwerk habe ich später ergänzt.

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Skizze vom Bamberger Bauernmarkt in Tinte und Wasserfarbe. Das Maßwerk im Diözesanmuseum ist mit Bleistift gezeichnet.


Maria Frieden

Folgt man dem Pilgerweg von Lichtenfels nach Bamberg, bietet sich die Abtei Maria Frieden als Herberge an. Das Benediktinerinnen-Kloster liegt abseits größerer Straßen in dem kleinen Ort Kirchschletten. Es wurde erst in den 50er Jahren gegründet und wird von philippinischen, japanischen und deutschen Nonnen bewohnt und bewirtschaftet. Wie so viele Klöster hat auch dieses ein Nachwuchsproblem und viele der Ordensfrauen sind mittlerweile hochbetagt.

Als ich auf meinem Weg Ende Oktober dort ankam, hatte sich das Wetter gerade wieder eingetrübt, es regnete stetig und ich stapfte tropfend durch den Wald auf der letzten Hügelkette, die mich noch von Kirchschletten trennte. Um so schöner erschien mir das Dorf, wie es da vor mir am Hang lag, mit einer Ausstrahlung von Ruhe und Frieden, der dem Namen des Klosters alle Ehre machte.

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Kirchschletten in Oberfranken. Die Schrift ist einer geschmiedeten Kalligraphie am Klostertor nachempfunden.

 


Noch ein heiliger Hügel

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Die Hankirche oberhalb von Prächting

Das Land am Obermain ist reich an mit Kirchen und Kapellen bebauten Hügeln. Neben den drei weithin bekannten – Vierzehnheiligen, Staffelberg und – auf der anderen Mainseite – Kloster Banz, gibt es noch weitere, weniger prominente. Auf meinem Weg vom Staffelberg Richtung Bamberg sah ich schon von weithin die Hankirche, die oberhalb des Dorfes Prächting neben einem einzelnen Gehöft liegt. Als Pfarrkirche des kleinen Ortes wirkt sie überdimensioniert und ein bisschen verlassen (und war, als ich dort rastete, verschlossen wie überraschend viele Kirchen in dieser Gegend.)

Später las ich, dass der seltsame Name sich von Hain herleitet (und man das „a“ demnach wohl lang ausspricht), und zwar durchaus im Sinne von „heiliger Hain“. In Mittelalter und Barockzeit hatte sie noch Bedeutung als regionale Wallfahrtskirche.


Anderswelt und Gottesgarten

Der oberfränkische Staffelberg ist ein Tafelberg, der mit seiner obersten Platte an die hundert Meter über die umgebenden Hügel hinausragt. Steil wie die Zinnen einer Burg steigen die Felsen aus dem sonst sanften Hügelland, und so wundert es nicht, dass sich hier zahlreiche uralte Besiedlungsspuren finden, u.a. die einer keltischen Adelsburg. Im Mittelalter erbaute man ein Wallfahrtskirchlein auf der hochgelegenen Fläche, und bis ins frühe 20.Jahrhundert lebte hier noch ein Einsiedler. (Vielleicht fand ja E.T.A.Hoffmann in seinen Bamberger Jahren in ihm das Vorbild für seine Erzählung über den Einsiedler Serapion, eine frühe Studie über Konstruktivismus und Wahn.)

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Nebel an der Adelgundis-Kapelle auf dem Staffelberg.

Als ich den Berg von Vierzehnheiligen her erwanderte, lag das Land in dichten Nebel gehüllt, der sich auch nicht lichtete, als ich oben ankam. Im Gegenteil. Waren mir auf dem Weg noch deutlich mehr Wanderer als auf anderen Wegen begegnet, war ich oben ganz allein, auch die Kapelle und die kleine Gastwirtschaft waren verschlossen. In dieser Stimmung wirkte der Ort sehr keltisch und ich musste an Druiden und die Anderswelt denken.

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Blick vom Morgenbühl auf den Staffelberg.

Beim Abstieg zeigte der Berg sich dann von einer anderen Seite, der Weg schlängelte sich durch eine liebliche, geradezu paradiesische Landschaft voller Nussbäume und Streuobstwiesen, die dem Beinamen „Gottesgarten“ für die Obermainregion alle Ehre machte.

Zeichnen konnte ich ihn dann erst am nächsten Morgen, als der Nebel sich ein wenig gehoben hatte.


Rokokko, kopflos

Statue des heiligen Dionysius in der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Statue des heiligen Dionysius in der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Einige Kilometer von Lichtenfels entfernt befindet sich auf einem Hügel die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen. Als ich Ende Oktober zu Fuß dort ankam, hatte ich erst einmal einige Kilometer Autobahnzubringer zu erlaufen, bevor der Weg ins freie Land abbog – nicht ohne den Lärm aus dem Tal noch lange mitzunehmen. Die Kirche war weithin zu sehen, wenn auch ihre Türme eingerüstet waren und die Spitzen im Nebel verschwanden.

Im Zentrum der Kirche steht der Gnadenaltar – wirklich in der Mitte, ein freistehendes Gebilde aus Stuck und Gold, über und über ornamentiert und von vierzehn ebenfalls goldstuckigen, lebensgroßen Heiligenfiguren bevölkert. Gestern war ich noch im protestantisch-neogotischen Coburg gewesen, und nun dieses animistische Rokoko ….

Gezeichnet habe ich am Ende die Statue des heiligen Dionysius, des legendären ersten Bischofs von Paris. Er soll um 250 auf dem Montmartre, dem „Berg der Märtyrer“, geköpft worden sein und dann mit dem Kopf in der Hand noch ein Stück gelaufen sein.  Hier steht er im kostbaren Bischofsgewand und hält seinen abgeschlagenen Kopf in den Händen wie einen Prozessionsgegenstand – sozusagen ein edler Vorfahre des Claus Störtebeker. In Frankreich kennt man ihn unter dem Namen St.Denis, und in der ihm geweihten Kirche sind fast sämtliche französischen Könige begraben.


Wie im Märchen

Sieht sie nicht aus wie aus einem Märchenbuch, die Lichtenfelser Kirche? Gleich schaut der Turmwächter aus dem etwas schiefen Türmchen in der Mitte, um auf seiner Trompete den Tross des Königs anzukündigen …

Gezeichnet habe ich das Bild (die Farbe kam später), als mich der wieder aufgekommene Regen unter das Dach einer restaurierten mittelalterlichen Stadtmauer gescheucht hatte. Leider war es danach mit der Romantik ganz und gar vorbei und ich stapfte zwei oder drei Kilometer im Regen einen Autobahnzubringer entlang …

Kirche von Lichtenfeld in Oberfranken. Super5-Tinte und Wasserfarbe.

Kirche von Lichtenfeld in Oberfranken. Super5-Tinte und Wasserfarbe.