Stralsund im Regen, Teil 1, Mittwoch
Veröffentlicht: 30. August 2020 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Engel, Menschen, Stralsund, Vorpommern Hinterlasse einen KommentarAm Anfang der Idee stand die Pflicht. Eine Weiterbildung in Stralsund, die ich ungern verpassen wollte. 200 km Autobahn hin und zurück, da lag es nahe, die Aktion etwas zu strecken – am Ende wurden zwei Tage daraus. Doch erst einmal hieß es: schön mit Abstand sitzen und sich die neuesten Aktualisierungen aus der Verwaltung anhören. Immerhin ist das „Eventcenter“ des Störtebeker-Brauquartiers ein gelungener Ort; ein angenehmer Saal mit viel Holz und einer perfekten Akustik.

Abends gab es Orgelkonzert. In der Stralsunder Marienkirche, direkt gegenüber meines Quartiers, wurde Orgelmusik aus Renaissance und Barock gegeben. Ich schaute mich derweil ein bisschen um. Der schwebende Engel – er gehört zu der auch sonst reich verzierten Orgel – hing leider direkt hinter mir, so dass ich vor Ort nur den Umriss zeichnete, alles andere kam zu Hause.

Stadtwanderung
Veröffentlicht: 23. August 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Urban Sketching | Tags: 20er Jahre, Architektur, Backstein, Freimaurer, Friedhof, Mecklenburg, Schwerin 2 KommentareEine Stadtwanderung hatte ich mir schon lange vorgenommen. Heute war es endlich so weit. Gegen zehn ging ich los, zuerst Richtung Innenstadt. Die erste Rast legte ich auf der Mecklenburgstraße ein, der Schweriner Fußgängerzone. Das „Puppenhaus“ mit seinen leuchtend blauen Terrakottafiguren lag im schönsten Vormittagslicht. Es ist ein Bau des Backsteinexpressionismus (wie das berühmte Hamburger Chilehaus).

Der Weg führte weiter zum Alten Friedhof. Versteckt an einem Seitenweg blickt dort das Grab des Schweriner Stadtbaumeisters Demmler von einem Hügel ins Land. Dieses Grabgebäude ist so bemerkenswert wie bizarr, ist es doch über und über mit Freimaurersymbolen bedeckt. Demmler hatte in Schwerin etwa die Position wie Schinkel in Preußen. Er muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein; sein Charisma ist auch aus zeitgenössischen Abbildungen noch zu ahnen. Er war ein Liberaler, später Gründungsmitglied der jungen Sozialdemokratie und eben Freimaurer. (Trotz seiner linken Ambitionen hatte er einen guten Draht zum Herzog, was den Hofschranzen überhaupt nicht passte.)
Die meisten der Symbole habe ich mit einem bisschen Googeln entziffern können; am bekanntesten sind, auf der oberen Stufe nur angeschnitten sichtbar, Zirkel und rechter Winkel, die so etwas wie „Liebe und Gerchtigkeit“ bedeuten.

Ich wanderte weiter über den Friedhof, fand einen schicken neuen Radweg mit Rastplätzen und Schautafeln, entschloss ich aber nach einem Blick in den Himmel zur Rückkehr Richtung Innenstadt, ohne Zeichnung; der Regen erwischte mich trotzdem.
Nachdem der abgezogen war, fand ich mich nicht ganz zufällig vor dem Logenhaus der Schweriner Freimaurer wieder. Wennschon, dennschon. Es steht in etwas versteckt einer Seitenstraße neben dem Dom.

Ein schöner Nachmittag
Veröffentlicht: 20. August 2020 Abgelegt unter: Allgemein, visuelles Tagebuch | Tags: Café, Gotik, Heiliger, Schwerin Hinterlasse einen KommentarErst ins Café, dann ins Museum – ein schöner Stadtnachmittag am letzten Samstag.

Im Staatlichen Museum Schwerin war ich lange nicht, obwohl es schon seit Monaten wieder geöffnet ist. In der schönen Sonderausstellung dänischer Malerei aus der Sammlung Christoph Müller kann man sich in kontemplativen Landschaften und Interieurs verlieren. Ich versenkte mich, passend zur aktuellen Wetterlage, in eine Gewitterlandschaft. Vor Ort machte ich eine Tonwertstudie mit wasserlöslichen Markern, zu Hause habe ich – ebenfalls mit Markern – noch sparsam Farbe eingefügt. Nur das Blau kommt aus dem Aquarellkasten.

Das Museum hat auch eine Barlach-Sammlung, die derzeit mit einigen mittelalterlichen Plastiken bereichert ist. Hier zeichnete ich einen wunderbar archaischen spätmittelalterlichen Heiligen Jakob.

Crown Princess Margareta
Veröffentlicht: 2. August 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Botanische Malerei, Farbstifte, Ink&Wash, Mixed Media, Pflanzen | Tags: Botanical Art, Garten, Pflanzen, Rose Hinterlasse einen KommentarNeben „Summer Song“ steht „Crown Princess Margareta“ im Hochbeet, auch eine David-Austin-Rose; ich habe sie am gleichen Tag gekauft. Ihre Zweige biegen sich zu eleganten Bögen, an denen Büschel von intensiv gelborangen Blüten hängen. Sie sind dicht mit dreieckig-spitzen, komplex ineinander gefalteteten Blütenbättern gefüllt, die im Beet bewundert werden wollen: in der Vase halten sie leider kaum einen Tag.
Daher begann ich die erste Zeichnung draußen. Mein Wunsch war, das fluoreszierende Leuchten vor dem dunklen Gartenhintergrund abzubilden. Ich wählte ein dunkelgraues Papier – PaintOn von Clairefontaine – und zeichnete vor Ort die Umrisse mit einem weißen Gelstift. Leider deckten die Buntstifte nicht so, wie ich es mir erhofft hatte, so dass ich den Hintergrund noch weiter abdunkelte.

Heute war es draußen feucht und ungemütlich und ich holte mir einen Rosenzweig ins Zimmer. Mich interessierte besonders die schuppige Struktur der Blütenblätter in der Seitenansicht. Ich zeichnete in mein „botanisches“ Buch, Stillman&Birn Zeta A4, erst mit wasserfester Tinte und danach, eher locker, mit Aquarellfarbe.

Natürlich war ich auch neugierig und habe nachgesehen, wer dieser Rose den Namen gegeben hat. Margareta, eigentlich Margaret, war eine englische Prinzessin, Enkelin von Queen Victoria, und mit dem schwedischen Thronfolger Gustav VI. Adolf verheiratet. Aus England brachte sie die Liebe zur Landschaftsgärtnerei nach Schweden.
Bellin auf grauem Grund
Veröffentlicht: 27. Juli 2020 Abgelegt unter: Pflanzen | Tags: Backstein, Bellin, Botanical Art, Pflanzen, Sternberger Seenland Hinterlasse einen KommentarZwei Wochen später war ich wieder in Bellin. Dieses Mal konnte das Zeichnen nur am Rand stattfinden, und ich hatte ich mich auf meine Grundausstattung beschränkt; die Farbe kam zu Hause. Mein derzeitiges Alltagsbüchlein ist das „Toned Watercolour Book“ von Hahnemühle, mit hellgrauem Papier und im hinreißend handschmeichlerischen 14x14cm Quadratformat.



Lange her
Veröffentlicht: 25. Juli 2020 Abgelegt unter: Pflanzen | Tags: Bellin, Botanical Art, Mecklenburg, Pflanzen, Sommer, Sternberger Seenland Hinterlasse einen KommentarSo viel Zeit habe ich noch nie zwischen zwei Beiträgen verstreichen lassen! Dabei habe ich gar nicht viel weniger gezeichnet als sonst im Alltag – doch in der bemessenen Zeit lieber gezeichnet als hier geschrieben. Nun wird es Zeit, wieder in den Takt zu kommen.
Hier zuerst ein paar Bilder, die Anfang Juli im mecklenburgischen Bellin entstanden. Ich hatte Lust darauf, Pflanzen zu zeichnen, und es mir zuerst unter einer riesigen alten Linde gemütlich gemacht. Das Bild ist im Original für meine Verhältnisse relativ groß, eine Doppelseite aus 2x A4 (Stillman&Birn Zeta, mein „botanisches Buch“.

Am Nachmittag zeichnete ich die Linde dann als Ganzes, gelb vor Blüten in der tiefer stehenden Sonne. Der Untergrund ist gelb getöntes Aquarellpapier aus Uraltbeständen in einem selbst gebundenen Buch.

Am nächsten Morgen war ich früh etwas in der Natur unterwegs und mir hüpfte das Herz von all den schönen Pflanzen. Ich pflückte mir einen Strauß und begann dann mit Porträts; leider wurde nur die Flockenblume richtig fertig. Aus dem Vollen schöpfend war ich noch einmal mit einem anderen Buch zuwege, einem Kunst&Papier-Aquarellbuch, das als Reisendes Buch von allen zeichnenden Belliner Gästen gefüllt wird.

Die Rosen der anderen
Veröffentlicht: 23. Juni 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Pflanzen | Tags: 60er Jahre, DDR, Moderne, Pflanzen, Rosen Hinterlasse einen KommentarDer Schrebergarten von Freunden hat vor zwei Jahren die Besitzer gewechselt. An Wellplaste und Betonformsteinen lässt sich die Laube auf die 1960er bis 70er Jahre datieren; die Pflanzen dürften ab dieser Zeit eingezogen sein.
Es finden sich dort, anders als in meinem Hofbeet, kaum pastellfarbene Romantikrosen mit schwer hängenden Blütenköpfen, sondern eine sauber ausgerichtete Reihe von kräftig gefärbeten Edelrosen mit langen gerade Stielen und aufrechten Köpfen. Am schönsten sind natürlich die zweifarbigen. Sie erinnern mich an Kalenderfotos und Postkarten meiner Kindheit, auf denen solche Rosen – meist unter dem Namen „Teerose“ – eine wichtige Rolle spielten.

Als ich anfing, eine davon zu zeichnen, stellte ich fest, dass sie mit ihrer rosenarchetypischen Form ganz und gar der Ästhetik der 50er und frühen 60er entsprach, einer Ästhetik voller Winkel, Trapeze und Asymmetrien. Natürlich galt es auch, ihren Namen herauszufinden; bei der auffälligen Färbung in knalligstem Pink mit silbrigweißer Rückseite kamen nicht so viele in Frage. Wahrscheinlich ist es „Acapella“, eine preisgekrönte Züchtung aus dem Jahr 1994, also gar nicht so alt, wie ich gedacht hatte. Ich stellte mir vor, wie die gartenliebenden Vorbesitzer nach der Wende die Kataloge gewälzt und sich für diese Schönheit im Stil einer Zeit entschieden hatten, die mehr ihre gewesen war als es die kommende jemals sein würde. Und jener Zeit, die als „Moderne“ 1994 bereits eine Weile unmodern war, habe ich auch dann auch im Stil meines Rosenporträts ein bisschen die Referenz erwiesen.
(Graphit, Derwent Procolour Pink und diverse Aquarellfarben in meinem botanischen Skizzenbuch Stillman&Birn Zeta A4)
Paulskirche
Veröffentlicht: 14. Juni 2020 Abgelegt unter: Architektur, Urban Sketching | Tags: Backstein, mixed media, Neugotik, Schwerin Hinterlasse einen KommentarDie Schweriner Paulskirche ist die dritte und jüngste der Schweriner Innenstadtkirchen, ein typisch neugotischer Bau, der vor allem durch seine Lage auf einem Hügel beeindruckt. Seine spitzen Märchentürme überragen die Wohn- und Geschäftsbauten der im 19.Jahrhundert entstandenen westlichen Stadterweiterung, die bahnhofsnahen Speicher und sogar die Bausünden der 1970er bis 90er Jahre.
Mit dieser Umgebung ist das Areal natürlich ein ideales Zeichengebiet. Im Kreis der Schweriner Urban Sketchers haben wir gestern dort gesessen, zum Glück kaum beeinträchtigt vom Regen. Ich habe mich für einen klassischen Blick und die „Langvariante“ entschieden: hügelauf gesehen von den Pfaffenteichtreppen, mit einer ausgiebigen und genauen linearen Zeichnung. Den großen Auftritt hat hier natürlich wieder einmal die Dachlinie. Koloriert habe ich heute vormittag zu Hause, in sonntäglicher Ruhe.

Summer Song
Veröffentlicht: 13. Juni 2020 Abgelegt unter: Mixed Media, Pflanzen | Tags: Pflanzen, Rose Ein KommentarEs gibt so vieles zu zeichnen: Backsteinkirchen, Madonnen, Menschen, Teetassen, Fische … und natürlich noch den ganzen Rest. Der bleibt allerdings oft ungezeichnet, und mit ihm auch die Rosen in meinem Garten. Weil sie dummerweise gerade dann blühen, wenn auch alles andere blüht oder ich womöglich im Urlaub bin, um Backsteinkirchen und Madonnen zu zeichnen.
Weil dieses Jahr alles anders ist, könnte es vielleicht auch mit den Rosen klappen. Angefangen habe ich mit der, die sich am rarsten macht, einer Diva in seltenem Braunrot. Wenige schwere Blütenköpfe hängen an eher feinen Zweigen; dieses Jahr waren es vier oder fünf in der ersten Blüte. Als ich mir deren letzte zum Zeichnen schnitt, war sie schon ausgeblichen und sah fast so aus wie eine normale lachsfarbene Rose. (Apropos normal: Erst mit ein paar Jahren Abstand nach der Pflanzung sehe ich, wie sehr auch Rosen der Mode unterliegen. Die meisten in meinen Beeten sind das, was man als „Englische Rosen“ bezeichnet, moderne Erinnerungen an „Alte Rosen“, duftend, zartfarben und voll von Unmengen gefälteter Blütenblättchen, die Art von Rosen, die ich nach der Wende als erstes in den Gartenzeitschriften sah …)

Günsel und Gottesmutter
Veröffentlicht: 7. Juni 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Pflanzen, Reiseskizzen | Tags: Backstein, Kloster, Maria, Mecklenburg, Pflanzen, Sternberger Seenland 2 KommentareZwischen Wismar, Rostock und Nirgendwo, am nördlichen Rand des Sternberger Seenlandes, liegt Neukloster, das nach Doberan zweitälteste Kloster Mecklenburgs. (Der Name Neu-Kloster stammt noch aus dem Mittelalter und verweist darauf, dass das Kloster kurz nach der Gründung einmal umgezogen ist.) Die Kirche ist mehrfach umgebaut und nach der Reformation leider teilweise abgerissen worden, doch in ihren erhaltenen Bauformen romanisch. Ihr berühmtester Schmuck sind einige sehr alte Glasmalereien.
Die Klosteranlage hat im Hinterland zwischen Wismar und Rostock ein stilleres Leben geführt als Doberan, vieles war verfallen und beschädigt und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut: ich fand bei meinem Besuch die Kirche eingerüstet und zum Zeichnen wenig einladend. So ging ich, zumal das Wetter sich wieder gebessert hatte, erst einmal am Ufer des Neuklostersees spazieren.
An einem Waldrand leuchtete mir ein blauer Pflanzenteppich entgegen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und fing an zu zeichnen, etwas verwirrt darüber, was ich da gefunden hatte – ich war mir ziemlich sicher, die Pflanze, obschon in vielen Formen vertraut, noch nie bewusst gesehen zu haben. Erst zu Hause, wo ich neben der Bestimmungs-App auch die Bücher zur Verfügung hatte, fand ich es heraus: Es ist der Heide-Günsel, ein naher und ungleich seltenerer Verwandter des Kriechenden Günsels, der in vielen Gärten ein geduldetes Leben zwischen Bodendecker und Unkraut führt.

Dann wandte ich mich wieder dem Kloster zu. In der Kirche findet sich gleich beim Eingang, eingezwängt zwischen Wand und Gestühl, ein schöner spätgotischer Marienaltar – anscheinend gerade noch so geduldet von den protestantischen Hausherren früherer Zeiten. Auch die Krone war der Maria im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen, so dass die über ihrem Kopf flatternden Engel ins Leere greifen. Das allerdings sah ich erst zu Hause, als ich meine im Dämmerlicht entstandene Skizze mit den Fotos verglich.

Doch gab es immer noch genug, für uns Heutige durchaus Erstaunliches, zu sehen. Maria steht, mit dem Kind auf dem Arm, in einer Strahlengloriole auf einer Mondsichel – ein weit verbreitetes spätmittelaterliches Motiv. Umgeben ist sie von einem Kranz aus Rosen, dem „Rosenkranz“ eben. Das Wort „Rosenkranz“ bezeichnet auch heute noch sowohl die spezielle Perlenkette, die als Zählhilfe dient, wie auch die dabei gesprochene Folge von Gebeten, in denen sich Anrufungen der Maria mit Betrachtungen über das Leben und Sterben Jesu abwechseln.
So erklären sich jene befremdlichen Hände und Füße, die in den Kranz aus Rosen eingebettet sind: sie symbolisieren die Wundmale des Gekreuzigten, derer man im „schmerzensreichen Rosenkranz“ gedenkt. Dass die Gottesmutter eine goldene Perle in der Hand trägt, verweist vermutlich auch auf die Gebetsschnur. Es wäre diesem schönen Altar zu wünschen, dass er nach der momentan laufenden „Notsicherung“ eine sachkundige Restaurierung und einen würdigen Platz bekäme.
