Stralsund im Regen, Teil 2, Donnerstag
Veröffentlicht: 6. September 2020 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Backsteingotik, Stralsund, Vorpommern 2 KommentareZum Zeichnen war ich nach Stralsund gekommen, und nun regnete es schon den zweiten Tag! Das Stadtmuseum war geschlossen und die beiden Meeresmuseen überfüllt – aber es gelang mir, die Kellnerin eines strategisch günstig gelegenen Frühstückscafés zu überreden, mich auch draußen unter dem Schirm zu bedienen. So kam ich zu einer Zeichnung der berühmten Stralsunder Rathausfassade.

Das Rathaus grenzt direkt an die St.Nikolai, die Haupt-, Bürger, Kauf- und Seemannskirche der Hansezeit. Von der reichhaltigen Ausstattung ist noch viel erhalten und gibt eine Ahnung davon, dass eine solche Kirche neben der spirituellen auch eine praktische Bedeutung für die Bürger der spätmittelalterlichen Hansestadt hatte.
Ein ganz besonderes Zeugnis davon sind die hözernen Reliefs des „Gestühls der Rigafahrer“. In dieser Kaufmannsbruderschaft waren Kaufleute organsiert, die sich auf den Nordosthandel spezialisiert hatten – der von Stralsund vorwiegend über Riga abgewickelt wurde.
Die Reliefs waren ursprünglich Rückseiten des Gestühls der Rigafahrerkapelle – solche halbprivaten Kapellen gab es in Stadtkichen die Menge, in ihnen wurden Messen für die Auftraggeber gelesen, aber auch Versammlungen abgehalten und Verträge geschlosen.

Dennoch ist es bemerkenswert, dass diese geschnitzte Graphic Novel nicht einmal andeutungsweise versucht, eine biblische Geschichte zu erzählen. Auf den vier annähernd quadratischen, knapp einen Meter hohen Tafeln sind vielmehr Szenen aus der russischen Pelztierjagd und Waldimkerei dargestellt. Sie lassen sich hintereinander betrachten wie eine fortlaufende Bildergeschichte. An deren rechtem Rand, auf meinem Ausschnitt nicht dargestellt, nimmt ein Stralsunder Kaufmann vor der Kulisse der Stadt Riga die Handelsware in Empfang.
Die gejagten Tiere sind offensichtlich Eichhörnchen, deren Winterfell eine begehrte Handelsware bildete. Der Künstler stellt Haar- und Barttrachten sowie die Abläufe der Jagd mit bemerkenswerter Sachkenntnis dar – so weiß er zum Beispiel, dass die Tiere, und die wertvollen Bälge zu schützen, mit stumpfen Pfeilen von den Bäumen geschossen wurden. Nur in einem irrt er – Pelztierjagd findet natürlich im Winter statt.
Die zweite begehrte Ware war Wachs – der ganz rechte Händler trägt einen Klumpen in der Hand. Erstaunt habe ich erfahren, dass der Honig in jener Zeit eher ein Nebenprodukt war. Die Waldbienenhaltung, die sogenannte Zeidlerei, ist in Deutschland in all den Gebieten verbreitet gewesen, die ursprünglich slawisch besiedelt waren.
Stralsund im Regen, Teil 1, Mittwoch
Veröffentlicht: 30. August 2020 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Engel, Menschen, Stralsund, Vorpommern Hinterlasse einen KommentarAm Anfang der Idee stand die Pflicht. Eine Weiterbildung in Stralsund, die ich ungern verpassen wollte. 200 km Autobahn hin und zurück, da lag es nahe, die Aktion etwas zu strecken – am Ende wurden zwei Tage daraus. Doch erst einmal hieß es: schön mit Abstand sitzen und sich die neuesten Aktualisierungen aus der Verwaltung anhören. Immerhin ist das „Eventcenter“ des Störtebeker-Brauquartiers ein gelungener Ort; ein angenehmer Saal mit viel Holz und einer perfekten Akustik.

Abends gab es Orgelkonzert. In der Stralsunder Marienkirche, direkt gegenüber meines Quartiers, wurde Orgelmusik aus Renaissance und Barock gegeben. Ich schaute mich derweil ein bisschen um. Der schwebende Engel – er gehört zu der auch sonst reich verzierten Orgel – hing leider direkt hinter mir, so dass ich vor Ort nur den Umriss zeichnete, alles andere kam zu Hause.

Günsel und Gottesmutter
Veröffentlicht: 7. Juni 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Pflanzen, Reiseskizzen | Tags: Backstein, Kloster, Maria, Mecklenburg, Pflanzen, Sternberger Seenland 2 KommentareZwischen Wismar, Rostock und Nirgendwo, am nördlichen Rand des Sternberger Seenlandes, liegt Neukloster, das nach Doberan zweitälteste Kloster Mecklenburgs. (Der Name Neu-Kloster stammt noch aus dem Mittelalter und verweist darauf, dass das Kloster kurz nach der Gründung einmal umgezogen ist.) Die Kirche ist mehrfach umgebaut und nach der Reformation leider teilweise abgerissen worden, doch in ihren erhaltenen Bauformen romanisch. Ihr berühmtester Schmuck sind einige sehr alte Glasmalereien.
Die Klosteranlage hat im Hinterland zwischen Wismar und Rostock ein stilleres Leben geführt als Doberan, vieles war verfallen und beschädigt und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut: ich fand bei meinem Besuch die Kirche eingerüstet und zum Zeichnen wenig einladend. So ging ich, zumal das Wetter sich wieder gebessert hatte, erst einmal am Ufer des Neuklostersees spazieren.
An einem Waldrand leuchtete mir ein blauer Pflanzenteppich entgegen. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und fing an zu zeichnen, etwas verwirrt darüber, was ich da gefunden hatte – ich war mir ziemlich sicher, die Pflanze, obschon in vielen Formen vertraut, noch nie bewusst gesehen zu haben. Erst zu Hause, wo ich neben der Bestimmungs-App auch die Bücher zur Verfügung hatte, fand ich es heraus: Es ist der Heide-Günsel, ein naher und ungleich seltenerer Verwandter des Kriechenden Günsels, der in vielen Gärten ein geduldetes Leben zwischen Bodendecker und Unkraut führt.

Dann wandte ich mich wieder dem Kloster zu. In der Kirche findet sich gleich beim Eingang, eingezwängt zwischen Wand und Gestühl, ein schöner spätgotischer Marienaltar – anscheinend gerade noch so geduldet von den protestantischen Hausherren früherer Zeiten. Auch die Krone war der Maria im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen, so dass die über ihrem Kopf flatternden Engel ins Leere greifen. Das allerdings sah ich erst zu Hause, als ich meine im Dämmerlicht entstandene Skizze mit den Fotos verglich.

Doch gab es immer noch genug, für uns Heutige durchaus Erstaunliches, zu sehen. Maria steht, mit dem Kind auf dem Arm, in einer Strahlengloriole auf einer Mondsichel – ein weit verbreitetes spätmittelaterliches Motiv. Umgeben ist sie von einem Kranz aus Rosen, dem „Rosenkranz“ eben. Das Wort „Rosenkranz“ bezeichnet auch heute noch sowohl die spezielle Perlenkette, die als Zählhilfe dient, wie auch die dabei gesprochene Folge von Gebeten, in denen sich Anrufungen der Maria mit Betrachtungen über das Leben und Sterben Jesu abwechseln.
So erklären sich jene befremdlichen Hände und Füße, die in den Kranz aus Rosen eingebettet sind: sie symbolisieren die Wundmale des Gekreuzigten, derer man im „schmerzensreichen Rosenkranz“ gedenkt. Dass die Gottesmutter eine goldene Perle in der Hand trägt, verweist vermutlich auch auf die Gebetsschnur. Es wäre diesem schönen Altar zu wünschen, dass er nach der momentan laufenden „Notsicherung“ eine sachkundige Restaurierung und einen würdigen Platz bekäme.
Doberan
Veröffentlicht: 3. Juni 2020 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Backsteingotik, Kloster, Mecklenburg Hinterlasse einen KommentarNachdem ich die beiden lebendig-toten Herzöge gezeichnet hatte, versuchte ich es mit der Klosterkirche von außen. Ich wählte einen Platz mit schönen Licht-Schatten-Kontrasten, mummelte mich in Wolljacke und Anorak und brachte die Thermoskanne in Positur. Von außen strahlte der Bau jene gesammelte Klarheit aus, die das überladene Innere hatte vermissen lassen. Leider sprang der Funke nur zögerlich vom Gebäude auf die Zeichnung über: ich maß und verwarf und maß wieder, verlor mich in Strebepfeilern und Fensterbögen hörte irgendwann durchgefroren auf.
Erst vorgestern, drei Wochen später, nahm ich die Zeichnung wieder zur Hand und beschloss, ihr mit Schraffur und starken Kontrasten noch eine Chance zu geben.

Kaum war ich im warmen Auto angekommen, stieg mein Schaffensmut wieder und ich zeichnete den vorderen Teil der Kirche, den Chor, wie ich ihn durch die Windschutzscheibe sah mit seinen schräg angebauten Kapellen, dem komplizierten Über- und Nebeneinander von Verstrebungen und polygonalen Dächern. Auch dies wurde vor Ort nur eine lineare Zeichnung.
Der Himmel hatte sich mittlerweile ganz zugezogen und es herrschte ein diffuses Licht und eine seltsame Farbstimmung zwischen Frühlingsgrün und Backsteinrot. Die habe ich heute versucht, herauszuholen und dabei auf mehrere Lasurschichten noch verschiedene Marker und Buntstifte gelegt.

Biddet Gott vor Hartich Baltzer
Veröffentlicht: 30. Mai 2020 Abgelegt unter: Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Backsteingotik, Gotik, Mecklenburg Hinterlasse einen KommentarAm Tag nach Wismar besuchte ich Doberan. (Das Wetter hatte dem Wind noch Wolken hinzugefügt und ich fühlte mich an den Wintereinbruch mit Schnee erinnert, der uns Anfang Mai vergangenen Jahres am Rand der Schwäbischen Alb ereilt hatte.) Das Kloster Doberan war einst groß und mächtig gewesen und man merkt ihm auch heute noch an, dass es eher ein politischer als ein spiritueller Ort ist.
Das Münster ist innen reich mit Altären, Grablegen und gotischem Mobiliar ausgestattet – die eigentlich gebotene zisterziensische Schlichtheit trat hier mit den Jahren immer weiter zurück. Wie oft, wenn die Auswahl groß ist, meint man lange nichts rechtes zum Zeichnen zu finden, das eine hängt zu hoch, das andere ist abgesperrt und das dritte in schlechtes Licht gesetzt … Doch dann sah ich die beiden Ritterfiguren und hatte mein Motiv gefunden! Sie wirkten unkonventionell ihrer lebendigen, einander zugewandten Haltung und ausgesprochen weltlich im Habitus. Doch wer waren sie?

Als ich durchgefroren wieder zu Hause ankam (ich hatte dann doch noch draußen gezeichnet) brachte ich den Rest des Nachmittags und Abends damit zu, das herauszufinden. (Weshalb Schrift und Farbe auch erst heute dazu kamen.) Das war gar nicht so einfach, tauchten sie doch weder auf Postkarten noch in den Kurzbeschreibungen auf. Erst der „Schlie“, eine mehrbändige Beschreibung aller Kunstschätze Mecklenburgs um 1900, kannte ihre Namen. Später fand ich sogar eine Monografie über die beiden: Es handelt sich um zwei mecklenburgische Herzöge, die Statuen sind so etwas wie Grabmäler. Nicht nur, dass diese Art der Darstellung für ihre Zeit und an diesem Ort ausgesprochen ungewöhnlich ist – es gibt auch noch ein besonders seltsames Detail. Die beiden so lebendig aussehenden Männer tragen merkwürdige Tücher um ihre Köpfe – es sind „Totenbinden“, eine Art angedeutetes Leichentuch, das darauf verweisen soll, dass die Stauen dem Totengedenken dienen: „Bittet Gott für Herzog Balthasar und für Herzog Erich“ lautet die Schrift, die an den Konsolen zu ihren Füßen angebracht ist.
Über Land II
Veröffentlicht: 15. Mai 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Mecklenburg, Ostsee 4 KommentareLetzten Freitag folgte die nächste Landpartie: von Schwerin Richtung Nordwesten bis zur Lübecker Bucht. Meine erste Station war die Kirche von Mühlen Eichsen, die von einem steilen Hügel herab auf eine viel befahrene Kreuzung blickt. Seit vielen Jahren war ich immer mal wieder daran vorbei gefahren.
Der Hügel ist so steil, dass man beim Zeichnen entweder mit dem Hocker hintenüber fällt oder eine extreme Untersicht wählen muss – ich entschied mich für Letzteres. Gerade als ich mit der ersten Schicht Farbe fertig war – die zweite folgte zu Hause – kam ein alter Herr mit dem Kirchenschlüssel und einem Schild „Offene Kirche“, das aussah, als wäre es so alt wie er selbst. Bevor er aufschloss, erzählte er mir noch ausführlich die Geschichte seines kaputten Staubsaugers, wegen dessen Reparatur er jetzt in die Stadt fahren müsse und daher keine Zeit hätte …

Über Grevesmühlen und am noch geschlossenen Kloster Rehna vorbei fuhr ich weiter Richtung Klütz. Das Landstädtchen hat als „Jerichow“ in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ Weltruhm erlangt. Da das Literaturhaus leider auch noch im Quarantäneschlaf lag, bot sich wiederum die Kirche an – leider ohne „Offen“-Schild, dafür mit diversen Lärmquellen in der Umgebung. Etwas gereizt tobte ich mich in wilden Tintenschraffuren aus, zu denen die beiden Kaffeflecken vom nächsten Tag hervorragend passten. Bei der Kolorierung bin ich in dem Farbspektrum geblieben.

Bei Gut Brook, schon kurz vor Travemünde, erreichte ich die Ostsee. Das naturbelassene Steilufer im ehemaligen Grenzgebiet ist mein Lieblingsstrand in dieser Gegend. Hier saß ich eine ganze Weile einfach so da, bis ich vor der Heimfahrt doch noch zu Stift und Farbe griff.

Das allerletzte Blatt
Veröffentlicht: 29. Februar 2020 Abgelegt unter: Bewohntes Gelände, Bewohntes Gelände 9, Reiseskizzen | Tags: Baden, Dom, Freiburg/Br., Gotik, Pilgerweg 2 KommentareNach meiner Rückkehr aus Amsterdam hatte ich schon einmal über die allerletzten Blätter nachgedacht, die nur noch koloriert werden müssen, über die eine nicht ausgepackte Kiste vom vorigen Umzug und das halbvolle Irgendwas, das seit Monaten in der Küchenecke steht … Ein solches allerletztes Blatt kam mir heute unter die Finger, und obwohl oder vielleicht gerade weil ich zur Zeit an deutlich gewichtigeren Projekten stemme, musste es heute fertig werden.
Es war mein Abschiedsbild des letzten Pilgerweges, eine Stück hochkomplexer Dachlinie des Freiburger Münsters. Ich hatte die Zeichnung vor Ort begonnen und im Zug nach Foto noch ein bisschen daran rumgefriemelt. Später zu Hause arbeitet ich das Reisebuch chronologisch nach, Farbe, Beschriftung, Scan, Blog … bis, eben, auf das allerletzte Bild. Warum? Ich weiß es nicht mehr, nur, dass ich das Buch immer mal wieder aus der Kiste mit den leeren und und unabgeschlossenen Büchern gezogen habe und wieder reingestellt: mach ich später.

Heute war es soweit. Ein paar Pinsel voll Krappbraun, Umbra und Ultramarin holen mehr Farbe aus dem Motiv als seinerzeit, an einem grauen Oktobermittag, drin waren. Nun werde ich noch einen Aufkleber auf das Buch kleben und kann es endlich zu den „fertigen“ stellen. Es ist auch ein Abschied von einem vielversprechenden Format: Stillman&Birn Beta Square, also quadratisch. Obwohl ich quadratische Bücher liebe, passte es dann am Ende doch nicht: zu unhandlich unterwegs (17x17cm verlangen schon nach einer Unterlage), zu sperrig im Rucksack und aufgeklappt zu groß für den Scanner. Was ich sehr lieb gewonnen habe, ist die robuste Softcover-Ausgabe.
Porzellan
Veröffentlicht: 7. Dezember 2019 Abgelegt unter: Allgemein, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Meißen, Porzellan, Sachsen Hinterlasse einen KommentarVor einiger Zeit sah ich ein wunderbares Aquarell einer Meissner Porzellantasse, und da ich schon wusste, dass ich nach Dresden fahren würde, nahm ich mir vor, einen Abstecher in die Meissner Manufaktur zu machen. Als Achtjährige war ich dort schon einmal gewesen, auch damals konnte man den Porzellanmalerinnen schon auf die Finger sehen und ich erinnere mich daran, wie erstaunt ich darüber war, dass das ungebrannte Kobaltblau fast schwarz ist.
Mittlerweile ist alles neu und schick, es gibt vorher einen Film und einen recht zügigen Rundgang mit Audioguide. Beim Zeichnen musste ich wirklich fix sein und mehr als ein paar Umrisslinien waren nicht drin. Die Farbe habe ich zu Hause ergänzt, wobei ich mit diversen Markern anfing, um dann mit Pinsel und Farbe weiterzumachen.

Noch immer wird in Meißen jedes Stück von Hand gedreht. Die Bossierer setzen dann die Einzelteile zusammen.

Das klassiche blaue Zwiebelmuster wird unter der Glasur auf den porösen Scherben aufgebracht, alles andere auf die Glasur.
Albertinum
Veröffentlicht: 4. Dezember 2019 Abgelegt unter: Allgemein, Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: 20er Jahre, Dresden, Erotik, Jugendstil, Museum Hinterlasse einen KommentarAls ich vor einem Jahr in der großen DDR-Schau des Dresdner Albertinums war, hatte ich mir vorgenommen, mich bei meinem nächsten Besuch den Skulpturen der ständigen Ausstellung zu widmen. Viele sind es, sehr viele, durch alle Zeiten und Größen, von Antike bis Postmoderne, von handlich bis monumental.
Meine erste Wahl fiel auf den 1911 entstandenen „Siegerknaben“ von Sascha Schneider. Die Jugendstilästhetik mit ihrem Materialmix hatte es mir angetan.

„Siegerknabe“ von Sascha Schneider, ausgestellt im Klingersaal des Dresdner Albertinums
Von ganz anderer Art ist Christian Volls „Frau, sich den BH öffnend“. Die 60 cm kleine Statue aus rotem Ton trennen nur elf Jahre von dem ätherischen Knaben – und mit ihnen ein ganzes Zeitalter. Der in Karslruhe wirkende Christian Voll schuf ein Kunstwerk von ganz anderer Erotik: erdverbunden, wahrhaftig und sehr menschlich. Ganz glücklich saß ich vor der Figur, die sich ihren Platz im Schaudepot mit vielen anderen teilen musste – und wegen dieses Ortes auch einen Inventarzettel trägt.

Tonstatue von Christian Voll (1922) im Schaudepot des Albertinums.
Beide Bilder sind im grauen Stillman&Birn Nova Buch entstanden, und zwar vor Ort mit einem sepiabraunen Polychromos-Buntstift. Farbe kam dann später: für den Knaben habe ich verschiedene Marker kombiniert und die Frau ist mit Aquarell und Deckweiß koloriert.
Zum Wetzstein
Veröffentlicht: 24. November 2019 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände, Bewohntes Gelände 9, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Baden, Bücher, Freiburg/Br. Ein KommentarEs war um 2011 herum, als ich das erste Mal vom „Wetzstein“ hörte; ich weiß nicht mehr, wo und wie, doch stand ich (dienstlich in der Region unterwegs) nicht zufällig vor dem Buchgeschäft in der Freiburger Salzstraße. So hatte ich mir einen Buchladen immer vorgestellt, mit ganzen Sortimenten in den Regalen, mit Schränken voller Insel und Manesse, mit Lyrik- und Philosophieregalen, mit gerahmten Schriftstellerbriefen an den Wänden und Lederausgaben im Hinterzimmer.
Seitdem bin ich zwei drei Mal dort gewesen, immer, wenn der weite Weg von Schwerin mich dort vorbei geführt hatte. Nun, kurz vor meiner Abreise Richtung Schwäbische Alb, kam die Nachricht von der Schließung dieses so traditionsreichen wie einzigartigen Geschäfts – so beschloss ich einen letzten Abstecher dorthin.
Von Pfullendorf nach Freiburg sind es gute einhundert Kilometer Luftlinie – und als Nordlicht hatte ich mir die Karte noch nie genau genug angesehen, um zu wissen, wo mich die fünf Stunden Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln überall hinführen würden. Erstmal: Mit dem Bus bis zum Zug ab Sigmaringen, von dort im dramatischen Morgenlicht an Felsen und Burgen und Felsen und Burgen vorbei, um Kurven und durch Tunnel. Die Busfahrt von Donaueschingen nach Titisee bot Gelegenheit, die Mitreisenden zu zeichnen, bis die Reise mit der Höllentalbahn ein spektakuläres Finale fand. Auf nur 25 km überwindet sie 600 Höhenmeter, fährt über alte Viadukte, durch enge Schluchten und noch engere alte Tunnel …

Auf diesem Bilderbogen habe ich Skizzen und Fotos dieser besonderen Bahnreise verarbeitet.
In Freiburg ging ich gleich zum „Wetzstein“. Auf den ersten Blick sah die Buchhandlung aus wie ich sie in Erinnerung hatte; beim näheren Hinsehen waren da doch schon Lücken in den Regalen und viel mehr eingeschweißte Bücher als vordem. Ich stapelte ein Buch aufs andere und bekam einen Leseplatz im Allerheiligsten neben der Goethebüste und den Erstausgaben angewiesen, las, blätterte, sortierte und bat am Ende darum, mir die gekauften Exemplare zuzuschicken, so viele waren es geworden.
Das Geschäft wirkte dieses Mal ein bisschen einschüchternd auf mich; die Buchhändler(innen) schauten streng durch ihre dunkel gerandeten Brillen (wirklich, man sah einander sehr ähnlich!) unter grauem Haar – mehr als eine kleine, unbeholfene Skizze bekam ich drinnen nicht zu Stande. Die Zeichnung holte ich von draußen nach, in eine Decke gewickelt und mit einem heißen Tee.

Abschiedsblick auf die Buchhandlung „Zum Wetzstein“ in Freiburg/Br.
