Die scharlachrote Tür
Veröffentlicht: 23. September 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Urban Sketching | Tags: Schwerin, Tür Hinterlasse einen KommentarAm Anfang der diesjährigen Freiluftsaison hatte ich mir vorgenommen, möglichst viele Schweriner Türen zu zeichnen. Anfangs war ich auch mit Begeisterung bei der Sache: An ein paar Wochenendmorgen, wenn die Straßen noch leer sind und das Licht schön schräg fällt, zog ich mit Hocker und Malzeug los.
Veröffentlicht habe am Ende nur eine, alle anderen waren irgendwie nur halb- oder viertelfertig geworden; dann kam der Urlaub mit dem Pilgerweg und danach ein mit Terminen gut gefüllter Sommer. Jetzt, wo es zu meiner geliebten Morgenzeit schon zu kühl und zu dunkel ist, sind mir die Türbilder wieder in die Hände gefallen. Was nun damit anstellen? Weglegen? Vollenden? Halbfertig veröffentlichen?
Nachdem ich mich in der letzten Zeit an einigem öffentlichen Nachdenken über Urban Sketching, über Spontaneität und Authentizität beteiligt habe, hier ein Bild mit Mut zur Lücke. An dieser Tür mit ihrem unglaublich überladenen Dekor, weiß vor rotem Klinker mit scharlachrot gestrichenem Türblatt, komme ich seit Jahren mehrmals in der Woche vorbei – satt gesehen habe ich mich noch nicht an ihr. Ich zeige das Bild fast genau so, wie es vor Ort entstanden ist, lediglich das Rot habe ich zu Hause noch einmal ein bisschen vertieft.

Die Tür in der Schweriner Landreiterstraße 23, gezeichnet mit Noodlers Lexington Grey Ink in einem Stillman&Birn Beta Ringbuch. Das Dekor ist ziemlich eklektisch: Ein Löwe, Narrenköpfe und Fruchtgirlanden.
Nachtrag mit drei Tinten
Veröffentlicht: 8. September 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Holstein, Klassizismus, Madonna 2 KommentareNatürlich habe ich aus Eutin auch Halbfertiges mitgebracht. (Dass es überhaupt halbfertige Skizzen geben kann … ) Da ich vor der Abreise endlich meine Füller wieder auf Vordermann gebracht hatte und es dann am Freitag Abend auch noch eine Bescherung gab, war die Auswahl groß. Interessanter Weise ergab es sich, dass alle drei „Nachgeborenen“ mit unterschiedlichen Tinten gezeichnet sind.
Die samstägliche Mittagspause verbrachte ich in der Michaeliskirche, wo mir der Madonnenleuchter mit seiner ungewöhnlichen Ikonographie auffiel: eine hochmittelalterliche Madonna in einen Leuchter gefasst, an dessen Unterseite sich (hier im Schatten) eine Lutherrose befindet – als hätte jemand die Madonna neutralisieren wollen. Und wirklich: die Leuchterfassung wurde erst im 18.Jahrhundert angefertigt. Konfessionelle Toleranz zeigt sie für mich dennoch, genauso wie Kunstverstand: Galt doch die Madonnenverehrung in der evangelischen Kirche vielfach als eine Art Götzendienst und mittelalterliches in der Zeit der Aufklärung als verstaubter Plunder. (Das Mittelalterrevival kam ein paar zehn Jahre später mit den Romantikern.)

Madonnenleuchter in der Eutiner Kirche, gezeichnet mit meinem neuen Super5-Füller und der zugehörigen Tinte „Australia“
Als ich am Samstagabend ziemlich müde vom Park in die Stadt ging und mich zum Schloss umwendete, konnte ich nicht anders, als doch noch eine schnelle Skizze von den im Abendlicht glühenden Mauern zu machen. Ich setzte nur schnell etwas Farbe aufs Blatt, und genau so zügig habe ich die dann zu Hause mit ein paar Tintenstrichen und einer zweiten Lasur ergänzt. Die braune Tinte steckt in einem Füller mit mittlerer Federbreite, was mir wichtig war, um nicht ins Kleinliche abzurutschen.

Das Eutiner Schloss glüht im Abendlicht. Die Linien habe ich später hinzugefügt – mit brauner Dokumententinte von deAtramentis in einem Lamy Safari M.
Das dritte Bild habe ich am Sonntag Nachmittag angefangen. Nach den schwebend-flüchtigen Barockskizzen und den vielen Gesprächen im Schlosshof hatte ich Lust auf ein bisschen schweigende Architektur. An eben der Stelle, an der am Vortag der Workshop mit Nicola gewesen war, zog mich eine schöne klassizistische Fassade mit Streiflicht in ihren Bann. Schön ordentlich, wie ich es bei Nicola gelernt hatte, machte ich erst ein paar Kompositionsskizzen, dank derer ich mich entschloss, dem Haus bei aller Strenge ein paar Schrägen und ein ordentliches Stück Himmel zu gönnen. Die Farbe kam dann zu Hause.

Lübecker Straße 5. Vor Ort gezeichnet mit Lexington Grey Ink in einem Pilot Prera aus Japan – mein Lieblingskombination für Feines und Genaues.
Von Hersbruck nach Rothenburg
Veröffentlicht: 27. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Artist Journal, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Mittelfranken, Nürnberg, Pilgerweg, Protestantismus, Rothenburg o.d.T Ein KommentarIm Juni diesen Jahres bin ich auf dem Ostbayerischen und Mittelfränkischen Pilgerweg von Hersbruck nach Rothenburg ob der Tauber gelaufen, ca. 175 km in zwölf Tagen, vom Rand der Fränkischen Schweiz, durch den Nürnberger Südraum und die ehemalige Markgrafschaft Ansbach. Es war eine sehr intensive Zeit, die in mir immer noch nachwirkt.
Nun, zum Abschluss, noch einmal die Bilder der Reise auf einen Blick.
Die vollständigen Beiträge lassen sich – in umgekehrter Reihenfolge – hier abrufen.
- Im ICE von Hamburg nach Nürnberg
- Der „Hersbrucker Palmesel“, eine spätmittelalterliche Skulptur in der Kirche von Hersbruck bei Nürnberg.
- Eines der charakteristischen Torhäuser vo Engelthal bei Hersbruck.
- Tür zum Treppenturm im Gebäude der ehemaligen Universität Altdorf.
- Turmseite der Philippus-Kirche in Rummelsber
- Am Ludwigskanal.
- Leuchterengel in der Kirche von Wendelstein
- Zweistöckige Empore in der Laurentius-Kirche Roßtal.
- Torhaus und Kirche von Roßtal
- Blick in das Mittelschiff der Heilbronner Klosterkirche. Perspektive und erste Schraffuren vor Ort, weiter ausgeführt und koloriert zu Hause. Die Schrift ist ein Versuch, im Stil einer karolingischen Minuskel zu schreiben.
- Am nächsten Morgen zeichne ich noch, fragmentarisch, das Hauptportal der Kirche.
- Frühmittelalterlicher Taufstein in Großhaslach
- Fränkischer Brauhaus-Biergarten
- Am Abend eines heißen Tages: das Gärtnerhaus im Leonhart-Fuchs-Garten in Ansbach
- Der Schulbus ist vermutlich er einzige Bus, der das 50-Seelen-Dorf Häslabronn anfährt. Auf der linken Seite ein Ausschnitt aus einer Postkarte, die im Kirchlein auslag.
- Eine sehr ländliche Tankstelle in Colmberg.
- Blick auf die Colmberger Hauptstraße am Abend.
- Wegrandpflanzen: Flockenblume, gelbes Labkraut, Schafgarbe, Kartäusernelke, Johanniskraut, Ackerwinde, Wilde Karde, Mauerpfeffer.
- St. Nikolaus in Wendelstein, Postkarte A6, gezeichnet am frühen Morgen.
- Glaswand der Werktagskirche der katholischen Kirche von Nürnberg-Reichelsdorf. Postkarte.
- Fachwerkgiebel am Markt von Rothenburg o.d.T. Lexington Grey Ink mit Wasserfarbe in S&B Beta.
- Blick auf Rothenburg o.d.T. im ersten Regen nach langer Trockenheit Ende Juni.
- Kirchentür im Streiflicht
- Sakramentstür in der Jakobskirche von Rothenburg o.d.Tauber.
Nichtengeschichten – Teil 3 und Schluss
Veröffentlicht: 27. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Ink&Wash, Pflanzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Schwerin Hinterlasse einen KommentarNach dem Schuhkauf ging es ins Hüpfburgenland – das die beiden schon am Vortag beim Vorbeifahren mit großen Augen angestaunt hatten: primärfarbenbunte Scheußlichkeiten aus Plastik, weithin über den Schweriner Burgsee leuchtend. Mein Onkel, der Opa der beiden, pflegte die Definition von Kitsch daran festzumachen, ob etwas Kindern gefiele … Nun, die beiden waren begeistert.
- Im Hüpfburgenland. Primärbuntes Plastik, die Mädchen mögen es.
- Immerhin – das Wetter bessert sich im Lauf des Nachmittags, und ich lasse mich vom Himmel über Schwerin faszinieren.
Der nächste war der letzten Nichtentag, und wir verbrachten ihn zusammen mit Freunden entspannt im Schweriner Volkskundemuseum. Zwischen alten Bauernhäusern – die für meinen Geschmack leider etwas unvermittelt im Gelände stehen – ist ein idealer Platz für Familien mit Kindern: Spielmöglichkeiten, Picknickplätze, Seeufer (und wenig Publikum, schön für uns und schade für das Museum.)
- Freund Kai hält Ausschau nach dem Wetter.
- Es herbstet schon.
Streiflicht
Veröffentlicht: 23. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Bellin, Mecklenburg, Sternberger Seenland Ein KommentarAm Wochenende war ich wieder einmal in dem mecklenburgischen Dörfchen Bellin. Ich hatte mir vorgenommen, mich mal damit zu befassen, wie sich ein Motiv vereinfachen lässt. Ich versuchte mich an Umrissen und zusammenhängenden Farbflächen und musste feststellen, dass Perspektive etwas ist, das man ganz schlecht wieder aus dem Kopf bekommt.
Da ich auch wasservermalbare Graphitstifte dabei hatte, probierte ich eine Untermalung damit. Die Stifte sind sehr weich und erinnern eher an Kohle oder Kreide als an einen herkömmlichen Bleistift. Sie lassen sich sehr gut vermalen, was leider den Effekt hat, dass man die Zeichnung nicht mit Aquarell fixieren kann – schnell hat man das Graphit überall im Bild. Möglicherweise wäre später, wenn alles durchgetrocknet ist, noch eine Lasur möglich, das habe ich dann aber nicht mehr probiert, sondern das Bild so etwas rau gelassen.

Dorfkirche Bellin kurz vor Sonnenuntergang. Wasserfarbe über Graphitstift. Etwa A5.
Nichtengeschichten Teil 2
Veröffentlicht: 22. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Artist Journal, Dinge, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag 2 KommentareSelbstverständlich ging es mit den beiden jungen Damen auch in den Zoo. In der Ferienzeit ist das immer eine etwas lärmige und unruhige Angelegenheit, ein lebendes Wimmelbild, und so blieb zum Zeichnen nur wenig Gelegenheit. Bei den Pinguinen konnte ich ein paar sehr zügige Skizzen machen, die ich dann zu Hause ergänzt habe.

Eine schnelle Pinguinskizze mit Derwent Finelinern, zu Hause mit Tinte und Farbe ergänzt.
Ganz anders die Schuhe. Nach dem Schuhkauf am nächsten Vormittag brachten die beiden genug Geduld auf, dass ich von den Früchten der Aktion eine recht genaue lineare Zeichnung anfertigen konnte. Bei der weiteren Ausgestaltung habe ich mich durch einen Blogbeitrag von Jutta Richter anregen lassen: zuerst werden mehrere Graustufen mit verdünnter wasserfester Tinte aufgebracht – ich habe die von Super5 verwendet. Danach kann mit lasierender Wasserfarbe koloriert werden. Der Prozess erinnerte mich an botanisches Arbeiten – wenn auch dort die Grautöne mit Wasserfarbe angelegt werden. Das Ergebnis ist etwas statisch – so ziemlich das Gegenteil der lockeren Pinguine.

Kinderschuhe. Die lineare Zeichnung habe ich später zuerst mit einer Untermalung aus wasserfester Tusche versehen und dann koloriert.
Abschied von Rothenburg
Veröffentlicht: 20. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Mittelfranken, Pilgerweg, Rothenburg o.d.T, Schmincke-Horadam Hinterlasse einen KommentarFast hätte ich das Bild vergessen, so lange scheint es nun schon zurückzuliegen. Ende Juni war ich nach meinem Pilgerweg in Rothenburg angekommen und hatte dort zeichnend noch zwei Tage verbracht. Es war – wir mögen es kaum noch glauben – sehr heiß und trocken gewesen, der Wind blies scharfkantigen Karststaub über die Felder, so dass der erste Regen nach Wochen sehnsüchtig erwartet wurde.
Als er dann kam, am späten Nachmittag meines letzten Tages in Rothenburg, waren alle Japaner schnell in ihre Hotels geflüchtet, die Schulklassen in die Jugendherberge, und ich hatte den Panoramaweg für mich allein. Es war ein magischer Moment; irgendwo in dem Steilhang versteckte sich ein verlassenes Kneippbecken, und ich platschte selig im Regen darin herum.
Nächstes Jahr wird es genau hier weitergehen; der Pilgerweg durchquert das Taubertal und verlässt dann Franken Richtung Württemberg.

Blick auf Rothenburg o.d.T. im ersten Regen nach langer Trockenheit Ende Juni. Ich habe die Zeichnung vor Ort begonnen, auch schon koloriert; die Farbe dann zu Hause vertieft und ergänzt. Dabei kam zum ersten Mal das neue Perylengrün von Schminke zum Einsatz.
Rothenburg
Veröffentlicht: 9. August 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Bewohntes Gelände 6, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Fachwerk, Pilgerweg, Rothenburg o.d.T 2 KommentareEinmal, vor vielen Jahren, haben wir hier, mit noch kleinen Kindern, für ein paar Nachmittagsstunden Rast auf einer langen Reise gemacht; Mauern und Türmchen sind mir von damals in Erinnerung und dass ich die Stadt schön fand, einfach schön, Kitsch und Japaner hin und her.
Jetzt, wo ich mehr Zeit habe, Ruhe auch und einen fast zwanzig Jahre älteren Blick, sehe ich: Es ist, neben dem Äußerlichen, noch auf eine besondere Weise schön. Eine Art Freilichtmuseum zwar, doch ein bewohntes, und es tut dem Ort gut, dass kein H&M und kein McD da ist, die meisten Geschäfte und Restaurants sehen nach Familienbesitz aus. Eine Zeitreise, eher in die 50er als ins Mittelalter. (Geheimtipp für Zeichner: Papierhaus Zimmermann in der Galgengasse. Für einen so kleinen Ort gibt es hinter dem unscheinbaren Fenster eine überwältigende Auswahl an allem, was das Herz begehrt, neben gut sortierten Standards Schätze an Papieren, Aufklebern, Stickern, Füllfederhaltern …)
Abends auf dem Markt erwische ich einen Logenplatz mit Fachwerkblick und gebe ihn erst wieder her, als es endgültig dunkelt. So gelingt mir dieses Bild fast vollständig vor Ort, nur die letzte Lasur lege ich erst darüber, als am nächsten Morgen alles ganz sicher trocken ist.

Fachwerkgiebel am Markt von Rothenburg o.d.T. Lexington Grey Ink mit Wasserfarbe in S&B Beta.

































