Gleich um die Ecke

Gestern hatte ich noch große Pläne gemacht, wo ich überall hinwill auf Madeira dieses Jahr. Als ich dann heute morgen, am zweiten Reisetag, ganz still noch im Dunkeln aufs Meer sah, ging meine Uhr schon langsamer und ich bin erst einmal mit Sonnenaufgang eine Runde durchs Viertel gelaufen – natürlich auch auf der Suche nach Zeichenmotiven, versteht sich. Und wie das so ist, mal fehlt der Wein, mal der Becher, an der einen Stelle sind zu viele Autos, an der nächsten blendet die Sonne – und wo soll ich mich bloß hinsetzen, stehen mag ich heute morgen noch nicht …

Fast vor der Haustür – es war bereits warm geworden – passte es dann doch noch: ein Imbiss mit ein paar Tischen, Schatten und ein interessanter Blick … Nur das Format musste ich etwas überlisten, ich mag sonst lieber Hochformate, hatte aber das Hahnemühle Watercolour Book noch vom Eutiner Treffen her liegen. (Ist das gleiche Papier wie das Büchlein mit den Dezemberbildern, nur doppelt so groß und Breitformat.)

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Rua Doutor Juvenal – in der Nähe meiner Ferienwohnung.

 

 


Kehrwieder, o Sulamith

In meinem letzten Greifswalder Studienjahr, im Winter 1983/84, hörte ich von einem altertümlichen Spulentonband zum ersten Mal einen Sänger mit neuen, ungewohnten Liedern: distanziert, etwas altklug und treffsicher bis mitten ins Herz. Letztes Wochenende, 35 Jahre später, hatte ich das Glück, diesen Sänger, dessen Musik mich seitdem begleitet, live in Greifswald hören zu können: Heinz Rudolf Kunze im lange vorher ausverkauften Dom.

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Wäre ich ein Embryo dann wählte ich trotz allem jetzt und auch in Zukunft die Geburt. Heinz Rudolf Kunze im Greifswalder Dom.

Am nächsten Morgen bin ich dann noch einmal in den Dom gegangen. Es war morgenhell und trotz der werkelnden Bandcrew auf eine gewisse Weise still; ich schaute mir die noch weitgehend unrestaurierten barocken Kapellen im Chorumgang an. In einer lud eine schön verzierte Tür zum Zeichnen ein, und erst als ich schon damit angefangen hatte, las ich, was in verschnörkelter Fraktur darauf stand: Kehrwieder, o Sulamith.

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Detail einer barocken Kapellentür im Greifswalder Dom mit der Inschrift „Kehrwieder, o Sulamith“ (Eine altertümliche Übersetzung aus dem Hohen Lied, Kap. 7, 1.)


Januar

Mein schönes Dezemberbüchlein ist, ungedenk aller guten Vorsätze, doch nicht ganz voll geworden und hat noch für mehr als den halben Januar gereicht. Kaum hat sich der Vorsatz des Täglichzeichnens verdünnt, steigt auch der Aufwand für das einzelne Blatt: alle drei hier gezeigten sind zu Hause oder im Zug koloriert, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang.

Zuerst ein Porträt eines Schweriner Pastors i.R., schnell mit brauner Feder gezeichnet bei einem anregenden Sonntagsnachmittagsgespräch und später nach Foto noch ausgiebig koloriert.

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Porträt P.V., Pfarrer im (Un)Ruhestand.

Im Theater zu zeichnen hat immer mehrere Tücken: meist ist es dunkel im Saal, und wenn man zu sehr raschelt und kratzt, fühlt sich die Nachbarschaft belästigt. Also auch hier nur ein paar Striche mit Bleistift, quasi Blindzeichnen. Umso schöner, wenn die Betrachtung bei Licht authentischer geworden ist als erwartet und die nachträglich aufgetragene Farbe die Stimmung bewahrt. Hier der aktuelle Schweriner Otello: Desdemona im magentafarbenen Kleid und Otello als überangepasster Mohr in deutscher Offiziersuniform.

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Verdis Oper Otello in der aktuellen Schweriner Aufführung.

 

Den unbestreitbaren Farbenhöhepunkt bildete die aktuelle Ausstellung des Schweriner Staatlichen Museums, das große Teile der Sammlung Frank Brabant zeigt, mit dem Schwerpunkt auf Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Nicht nur, dass die Bilder selbst z.T. sehr farbkräftig waren, man hat sie, angelehnt an die Hängung in der Brabantschen Wohnung, auch vor kräftig farbige Wände gehängt. Im Vergleich zu meiner sonstigen Neigung zu eher verhaltenen Tönen ist mein Skizzenblatt geradezu eine Primärfarbenorgie geworden.

Auf der linken Seite habe ich das Bild „Der Pope“ von Josef Scharl abgebildet, einem jener Künstler, deren künstlerische Laufbahn durch Krieg und Emigration gebrochen war. Das Bild hat mich durch die starke Präsenz des Abgebildeten tief beeindruckt. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie sehr viel mehr ich mich einem Kunstwerk nähere, wenn ich es zeichne als wenn ich es nur betrachte. Rechts hinter den beiden Besucherinnen angedeutet ist ein in Rot, Orange und verschiedenen Blautönen geradezu explodierendes Porträt des Sammlers Brabant zu angedeutet.

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Eindrücke aus der Ausstellung der Sammlung Brabant in Schwerin. Mehr Gouache als Aquarell.

 


Dezemberbilder 4

Nach ein paar Tagen Pause war heute wieder Gelegenheit zum Zeichnen. Zuerst meine Tochter im Zug nach Hamburg. Ich begann die Zeichnung mit dem auffälligen Schmuckstück, einer keltischen Triskele, und eigentlich sollte es nur eine flüchtige Skizze werden, aber ich konnte dann zu Hause der Versuchung nicht widerstehen, das nur mäßig ähnlich Porträt noch ein bisschen auszuarbeiten.

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Uta mit Triskele.

Unser Ziel war die Ausstellung „Tiere“ des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Der Bogen reichte von steinzeitlicher Schnitzarbeit bis zur Videoinstallation; passend zum ostasiatischen Schwerpunkt des Museums waren auch einige wunderbare japanische Exponate zu sehen. Zum Zeichnen bot sich ein Kabuto, ein Samurai-Helm, mit einer Hirschgeweihverzierung an. Ich habe zu Hause noch ein bisschen nachgelesen und erstaunt festgestellt, dass diese Helme wirklich beim Kampf getragen wurden.

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Ein sogenannter Kabuto, ein Samurai-Helm mit Gesichtsmaske und reicher Verzierung. Besonders geschmunzelt haben wir über den bürstenförmigen Schnurrbart. 

 


Dezemberbilder 3

Vorweihnachtszeit- und Weihnachtstage, gefüllt mit Familie. Für eine kleine Skizze findet sich fast immer der Raum, und ein bisschen Collage stellt den Bezug zum Erlebten auf einer weiteren Ebene her.

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Nach dem Einkaufen für meine Mutter raten wir noch ein bisschen Kreuzworträtsel.

Am Heiligen Abend bin ich bei meiner Mutter, deren Welt sehr klein geworden ist.  Der Duft der Räucherkerze ist ein wunderbarer Anker in die Kinderweihnachtszeit. Zum Zeichnen hatte ich einige Seiten mit verschiedenen Papieren vorbereitet, entschieden habe ich mich für eine mit einem Stück handgefertigtem Einwickelpapier.

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Ein Räuchermann aus Freiberg/Sa., wo ich geboren bin.

Den zweiten Weihnachtstag verbringe ich mit meinen erwachsenen Kindern zu Hause. Sohn und Kater liegen einträchtig auf dem neuen grünen Sofa.

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Dezemberbilder 2

Hier kommen die nächsten beiden Bilder aus dem kleinen Hahnemühle-Buch.

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Gestern war ein Freund mit seinem kleinen Sohn zu Besuch. Während wir uns unterhielten, lag der Knabe ganz versunken auf dem Fußboden und spielte mit der Brio-Bahn (die ich von meinen Kindern aufbewahrt habe.)

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Ein Bild aus der Serie „Auf dem Tisch unter der Lampe“. Dieses Mal eine letzte Gartenrose in einer seltsam messingfarben glasierten Vase aus den 60ern.


Dezemberbilder

Manchmal gelingt es mir trotz aller guten Vorsätze nicht, mich zum Zeichnen aufzuraffen, und – wer kennt das nicht! – das aufkommende schlechte Gewissen macht den Neuanfang von Tag zu Tag schwerer. Für solche Zeiten habe ich ein Skizzenbuch, aus dem nichts veröffentlicht wird. Es liegt auf dem Esstisch, Stifte und Pinsel daneben. Meistens klappt es, und nach ein paar Tagen ist die Blockade überwunden.

So auch dieses Mal. Und, nein, ich zeige jetzt auch nichts aus diesem Buch, sondern das, wozu es mich angeregt hat. Bei meinem Gerstäcker-Besuch in Dresden hatte ich mir ein kleines Hahnemühle-Aquarellbuch mitgebracht, 30 Seiten, gerade passend für einen Monat. Hier ein paar Seiten daraus.


Hamburg

Gestern war ich bei einem Workshop mit Till Lenecke in Hamburg zeichnen. Auf dem Programm standen Fischmarkt und Holzhafen – also richtige Hamburger Bilderbuchansichten. Der Wind pfiff um die Ecken und es hat immer mal geschauert, dafür wurden wir mit spektakulären Abendhimmeln entschädigt.

Am Fischmarkt habe ich die Aussicht noch ignoriert und statt dessen unseren Treffpunkt, den Minervabrunnen, gezeichnet (einschließlich der frierenden Zeichner unter ihm). Das ganze Ensemble atmet mit seinem kupfergrün gestrichenen Stahlrohrtürmchen und seinen abgerundeten Backsteinformen den heute ein bisschen gestrig anmutenden Charme der 80er Jahre. Auch der Brunnenfigur konnte ich das Jahrzehnt ihrer Entstehung auf eine nicht näher zu definierende Weise ansehen. Beim Nachlesen stellte ich dann fest, dass sie just von dem gleichen Künstler – Hans Kock – stammt wie die Lampen im Greifswalder Dom, die mich vor einigen Wochen so penetrant an die Lampen aus dem Palast der Republik erinnert hatten! (Der Brunnen selbst ist allerdings alt, er stammt aus dem 18.Jahrhundert.)

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Minervabrunnen am Hamburger Fischmarkt.

Danach ging es ein paar Straßen weiter zum Holzhafen. Während schon die Dämmerung einfiel, konnte ich aus dem Windschatten eines Hauses heraus den Blick auf die Elbe zeichnen. Auf der Heimfahrt im Zug habe ich noch ein bisschen daran herumgefriemelt – besonders die Geometrie der Hochhausfassade konnte noch ein bisschen Gestrichel vertragen. Die Farbe kam dann heute dazu.

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Blick vom Hamburger Holzhafen auf die Elbe. Hinter den alten Kränen der „Kristall-Tower“, ein Luxuswohnhaus.

 

 


Dresden

Letzte Woche war ich für ein paar Tage in Dresden. Gelegenheit für ausgedehnte Studien boten weder Wetter noch Umstände: wie gut, dass ich das kleine „Report-&-Art“-Buch von Hahnemühle in der Tasche hatte. Das Büchlein war Teil des Gabenbeutels beim Eutiner Treffen; ich wusste erst so recht nichts damit anzufangen – extremes Landschaftsformat ist eher nicht mein Ding, und A6 finde ich eigentlich zu klein – , doch nach der Reise habe ich es richtig lieb gewonnen mit seinen stoßfesten runden Ecken, seiner Stiftschlaufe und der schönen planliegenden Heftung. (Und das Wetter ermöglicht dazu die passende Kleidung mit großen Jackentaschen.)

Meine Wege führten mich auf das Gelände der Technischen Universität, wo ich eine freie Stunde in der Bibliothek verbrachte. Diese Bibliothek ist ein ungewöhnlicher Bau, der sich vorwiegend unterirdisch erstreckt, „ein Ort für Leser, nicht für User“, wie der Architekt es beschreibt, mit einem altmodischen Lesesaal in der Tiefe, umgeben von Galerien; ein Ort voll zeitloser Stille, von fast magischer Intensität.

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In der Dresdener Universitätsbibliothek, gezeichnet mit brauner Tinte von deAtramentis in Hahnemühle „Report & Art“

Vor der Abfahrt hatte ich gerade noch genug Zeit für die Jacob-Böhme-Ausstellung im Residenzschloss. In der rekonstruierten Schlosskapelle ist der Versuch unternommen worden, das Gedankengebäude dieses fast vergessenen Mystikers zu visualisieren. Leider erforderten die zahlreichen ausgestellten Originalmanuskripte eine sehr gedämpfte Beleuchtung, die die Betrachtung mancher Exponate mühsam machte. Am Ende widmete ich mich beim Zeichnen der Architektur: das Deckengewölbe ist, wie fast alles am Dresdner Residenzschloss, eine Rekonstruktion, und zwar eine höchst kunstvolle: das Gegenteil von Kulissenbarock.

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In der rekonstruierten Dresdner Schlosskapelle.


Bunte Stube und bunte Mischung

Als Nachtrag meines Greifswald-Besuchs traf ich mich zwei Tage später noch einmal mit Freunden, die in Ahrenshoop Urlaub machten. Während die beiden in der „Bunten Stube“ nach Geschenken suchten, versuchte ich so schnell wie möglich das künstlerkoloniemäßige Äußere des Baus einzufangen (Bäderstil x Bauhaus). „So schnell wie möglich“ hieß in diesem Fall, dass die kleinen Kritzeleien noch kritzliger wurden und das größere Bild beim Aufbruch noch recht im Rohbau war; ausgebaut habe ich ihn dann zu Hause.

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Die „Bunte Stube“, ein traditioneller Andenken- und Buchladen in Ahrenshoop.

Zu Hause habe ich ein bisschen „Reportage“ geübt und dabei die kleinen Bilder etwas größer gemacht und mit Farbe versehen. Links der Schweriner Hauptbahnhof mit dem „Seenotbrunnen“ auf dem Bahnhofsvorplatz, dessen erotisch aufgeladene Szenerie zur Zeit der Aufstellung die Schweriner Gemüter erhitzte. Rechts zwei Blitzlichter meines heutigen Abendessens im Einkaufszentrum.

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Schweriner Stadtszenen, schnell und ohne Vorzeichnung mit Füller gezeichnet und zu Hause koloriert.