Am Glasermoor

Einige Kilometer östlich des Schweriner Sees erstreckt sich eine verzauberte Endmoränenlandschaft voller Moore mit Biberburgen, uralten Baumriesen, Hecken, Findlingen und Hügelgräbern. Obschon mit einem Rundwanderweg erschlossen, ist die Gegend einsam; meist trifft man an einem Nachmittag nur ein, zwei Wanderer. (Der Name Glasermoor verweist auf die früher hier ansässigen Glashütten – und erinnert mich an meine Vorfahren, die nördlich von Oranienburg als „Glaser“ gearbeitet haben und auch diesen Namen trugen.)

Einer der Baumriesen hat unter seinen Wurzeln eine Höhle.
Sumpfiris

Über Berg und Tal II

Weiter geht es mit meinem Reisebericht, der mittlerweile ein Rückblick geworden ist. In Rottenburg (von dem ich nicht eine einzige Zeichnung mitgebracht habe) verlassen wir das Neckartal und biegen nach Süden ab. Von jetzt ab gibt es, im Vorland der Schwäbischen Alb, wieder ausgedehnte Waldgebiete – wenn sich auch die Zersiedelung in den kleineren Tälern weiter ins Land frisst. Am nächsten Wandertag bekommen wir davon jedoch wenig mit.

Pflanzenstudien am Wegrand.

An den Wegrändern begleiten uns einige Pflanzen, die wir von unserem Zuhause im Nordosten Deutschlands nicht kennen; schließlich lege ich mir sogar eine Bestimmungs-App zu, die zuverlässig auch offline funktioniert.

Auf halbem Weg eine Rast am Bach.
Vor der letzten Etappe ziehen Regenwolken auf …
… und verhelfen der Burg Hohenzollern zu einer grandiosen Kulisse.

Die Burg Hohenzollern bestimmt von nun an die Landschaft. Doch bis wir dort ankommen, haben wir noch eine Tagesetappe zurückzulegen. Sie führt an Schloss Lindich vorbei, einem wenig harmonischen Konglomerat aus Schloss (privat, mit hohem Zaun), einer Reitanlage und verfallenden Nazi-Baracken (mit Stacheldrahtzaun und in Zwangsversteigerung, wie ich lese.) Dazwischen ein edles Restaurant, in dessen Garten wir rasten, während es aus einem zugezogenen Himmel immer mal tröpfelt.

Die Skizze der skurill beschnittenen Linden verleitet mich zu Hause zu Farb- und Stempelexperimenten.

Über Berg und Tal

Weiter geht es mit den Erinnerungen an die Frühlingswanderung.

In Tübingen bekam ich, zum fast ersten Mal auf dem Pilgerweg, Gesellschaft: Meine Tochter würde mich vier Tage lang begleiten.

Da es der 1.Mai war und nachgerade sommerliches Wetter (das sollte sich noch radikal ändern), war der Weg zur Wurmlinger Kapelle fast so voll wie auf einer Maidemonstration. Der allgegenwärtige Hölderlin ist ihn natürlich auch gewandert – besungen wurde der Ort aber dann vom Romantiker Uhland.

Trotz der vielen Menschen und der prallen Sonne schaffte ich zwei schnelle Skizzen, die ich zu Hause mit Farbe und Collage ergänzte.

Die Wurmlinger Kapelle von Süden.
Während ich zeichne, liest meine Tochter unter einem Apfelbaum.

Urban Sketching

Zeichnen ist seiner Natur gemäß eine etwas einsame Angelegenheit: die Hände sind mit Stift und Papier beschäftigt und der Geist wendet sich möglichst ungeteilt dem Motiv zu. Um so lustiger wird es, wenn sich eine Handvoll Leute treffen, um genau das gemeinsam zu tun: Urban Sketching.

Heute gab es einen Zeichentag in Schwerin, und vom Schweriner Stadtrand bis nach Hamburg, Lübeck, Eutin und Kiel waren Gäste gekommen.

Der Schweriner Dom vom Café Rothe in der Puschkinstraße aus.
Zeichenpause.
Nach der wuseligen Innenstadt tat es gut, unter den Linden an der Schelfkirche zu sitzen.

Tübingen

Natürlich gehe ich zuerst zu Hölderlin. Das Turmzimmer am Neckar, daneben die Trauerweide, und wenige Schritte davon das evangelische Stift, in dem immer noch Theologiestudenten wohnen, wenn auch nicht mehr zu zehnt wie einst Hölderlin und Hegel in der „Geniestube“. *

Als ich zu Hölderlin gehe, ist es schon dunkel, ein feiner Niesel fällt und an Zeichnen ist nicht zu denken; erst am nächsten Mittag – Tübingen beschert mir einen Ruhetag – ist es so weit. Er liegt auch am Weg, der Turm, der fast so etwas wie Tübingens Wahrzeichen geworden ist – und das schon vor hundert Jahren war, als das originale Haus abbrannte und man es mit Turm wieder aufbaute. Auch ich helfe der Wahrheit, der sogenannten, noch ein bisschen auf die Sprünge, indem ich den grauen Tag mit Farben anreichere.

Neckarfront mit Hölderlinturm in Tübingen.

Später am Markt kann ich präziser arbeiten, wenn auch nicht zu präzise, sonst werde ich nicht fertig. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich in dem kühlgrauen Wetter einen Fensterplatz im Café ergattere.

Als ich, wie sich das so gehört für eine Pilgerin – auch wenn sie gar nicht nach Santiago geht -, die Jakobuskirche besuche, beginnt sich verhalten die Sonne zu zeigen. Ich setze mich in das blasshelle Licht, das durch die kitschigen Rosenfenster ins Innere fällt, und lasse den Ort auf mich wirken: eine Ausstrahlung von Schlichtheit, von Alltag, von selbstverständlichem Gemeindeleben, etwas von einer anderen, fremden, lange vergangenen Zeit …

Erst im Gehen bemerke ich die Reliefs, das kleine, das wohl einen Pilger zeigt mit Tasche und Stab, und das große – es ist etwa mannshoch – mit seiner geheimnisvollen Sonnenfigur. Als ich sie fertig gezeichnet habe, frage ich eine Frau aus der Gemeinde nach dem Pilgerstempel: den gäbe es beim Schuster gegenüber. Beim Schuster? Und wirklich, da ist ein Schusterladen, kein mister minit, sondern ein richtiger Schusterladen mit einem kleinen Mann mit Schürze und riesigem Schnauzbart, und als ich mich mit meinem frisch gestempelten Buch noch mal umdrehe, sehe ich den Aufsteller vor der Kirchentür: „Heute Handauflegen“ …

*Zu Hause nehme ich, immer noch auf Hölderlins Spur, Thomas Knubbens „Hölderlin. Eine Winterreise“ zur Hand – und erinnere mich, dass dieses Buch, in dem der Autor Hölderlind Fußreise nach Bordeaux nachwandert, eines der Samenkörner war, aus dem diese meine eigene große Wanderung gewachsen ist.


Bebenhausen oder: 34.000 Eier für einen Turm

Kloster Bebenhausen hat etwas von einem Sagenort. Umgeben vom „Schönbuch“, einem alten Reichswald, schmiegt es sich in eine Talsenke. Es wurde im Ring einer vorbestehenden Burg erbaut und ist noch heute umgeben von Wassergraben, Mauerkranz und Türmen, auch die Wirtschaftsgebäude aus Fachwerk sind noch da; in einem hatte ich mein Nachtquartier.

Zum Glück hatte ich am nächsten Tag ausreichend Zeit. (Naja, für Zeichner reicht die Zeit natürlich nie.) Erst einmal versuchte ich mit einem Bilderbogen die Fülle an Motiven zu erkunden: den Kreuzgang mit seinen filigranen Maßwerkfenstern (keins gleicht dem anderen!), die zahlreichen romanischen und gotischen Säle, die Kirche von außen und innen …

Ein Bilderbogen aus dem Bebenhausener Kloster. Die Figur mit dem „Salat“ in den Händen ist auf einem Wappen an der Kanzeltreppe zu finden.

Der filigrane Dachreiter (geradezu eine Essenz von Gotik) ist so etwas wie das Markenzeichen des Ortes. Er wurde der zisterziensischen Schlichtheit erst im Spätmittelalter zugefügt, als die strengen Ordensregeln schon etwas gemildert waren. Der Dachreiter ist auch alltagsgeschichtlich interessant, hat sich doch die komplette Baukostenabrechnung erhalten. So wissen wir, dass die Bauarbeiter – einschließlich der Arbeiter im Steinbruch – in den gut zwei Jahren Bauzeit neben vielem anderen 30 Zentner Wildschwein und 34.145 Eier aßen und solche Mengen an Wein tranken, dass dieser den größten Posten auf der Rechnung ausmachte.

Ein Grüner Mann an der Kanzel.

Den Grünen Mann finden wir auf einem Treppenpfosten der Kanzel. (Ich liebe Grüne Männer.) Innerhalb des zisterziensischen Graus (Farben und Schmuck durften nur sehr zurückhaltend verwendet werden) hat diese Kanzel aus der Reformationszeit eine irritierende Wirkung. Sie quillt über von Dekor und Farbe, Säulen und Säulchen würden einem Hundertwasser-Haus gut zu Gesicht stehen; und inmitten von üppigem Renaissancedekor tummeln sich pralle und ziemlich nackte Putten und Engel beiderlei Geschlechts – kurz nach der Reformation war der Protestantismus anscheinend nicht überall puritanisch.

Nach Bilderbogen und Grünem Mann habe ich mir im Kapitelsaal noch eine richtig gründliche perspektivische Studie gegönnt. Der Kapitelsaal ist einer der ältesten Räume im Kloster, architektonisch an der Schwelle von der Romanik zur Gotik; er diente als täglicher Versammlungsort.

Studie aus dem Kapitelsaal des Klosters. Die Farbe kam erst zu Hause.

Neckartailfingen

Fast wäre ich an der Kirche vorbei gegangen. Nachdem ich am früheren Morgen bei kühlem, aber freundlichen Wetter am Ulrichstein in Hölderlins Gesellschaft gefrühstückt hatte, dann im auffrischenden Wind über ein Stück Hochebene mit Spargelfeldern und einer Alpakafarm (es sollte nicht die letzte auf der Tour bleiben!) gewandert war, zog es sich zu und begann wieder zu regnen: Zeit für eine Rast im Bäckerimbiss (wohl dem Ort, der einen hat!).

Und dann, im endlichen Weitergehen, war die Kirche da, wo sie hingehört in einem Flußtal: am halben Hang zwischen Wind und Überschwemmung, im ältesten Siedlungskern. Also noch mal bergan, einen schnellen Blick werfen und vergeblich auf die Klinke drücken … doch die Tür ging auf und drinnen verschlug es mir den Atem: Der Raumeindruck ist so ungewöhnlich wie überwältigend: ein hohes, sehr schmales Schiff mit zwei ebenso schmalen Seitenschiffen, Rundbögen, reine Romanik trotz der hoch aufragenden Maße, und eine reiche ornamentale und figürliche Ausmalung in Apsis und Chor.

Die romanische Kirche von Neckartailfingen.

Natürlich ist es mit diesem romanischen Kleinod wie mit vielen anderen seiner Art: was uns so wunderbar archaisch erscheint, ist Ergebnis wiederkehrender Um- und Anbauten, Freilegungen und Übertünchungen, sich wandelnder Moden in Glaube und Anschauung … Die herrlich proportionierten Säulen waren über Jahrhunderte von Emporen verdeckt, die Malereien überstrichen – erst seit etwa hundert Jahren hat die Kirche ihre heutige Gestalt.


Bärlauchintermezzo

Just an dem Tag, an dem ich aus dem Urlaub kam, steckte etwas besonders Schönes in meinem Briefkasten: ein Hahnemühle Grey Book, das von einer Hamburger Zeichnerin aus per Post seine Runde macht. Das Grey Book, ist wie der Name schon sagt, ein Buch mit grauen Seiten, ein neues Produkt aus dem Hause Hahnemühle, und vordergründiges Ziel der Reise ist das Ausprobieren verschiedener Materialien.

Da das Buch schon eine Weile unterwegs ist, wusste ich, dass sein relativ dünnes und saugfähiges Papier mit Wasser nicht besonders gut zurecht kommt. Materialien zum weitgehend trockenen Arbeiten auf getöntem Untergrund hatte ich mir kürzlich besorgt und machte mich damit ans Werk: wasserlösliche Wachskreiden und die bekannten Albrecht-Dürer-Stifte von Faber Castell, dazu noch etwas weißer PITT-Pen.

Und Urlaubserinnerungen konnte ich am Ende auch noch pflegen, hatte ich mir doch als Zeichenobjekt etwas Bärlauch aus meinem Garten gewählt – ein schwacher Abglanz der endlosen Bärlauchwälder, durch die ich vor zwei Wochen rund um Tübingen gewandert war. (Dieser Bärlauch, in Mecklenburg eher nicht heimisch, ist das Geschenk eines Freundes aus Süddeutschland; im Odenwald ausgegraben und kundig verpackt kamen die Knöllchen eines schönen Frühlingstages vor einigen Jahren per Post bei mir an und haben sich unter den Rosen prächtig vermehrt.)


Esslingen II

Inzwischen bin ich wieder zu Hause, mit einer Menge an Eindrücken, Gedanken, Erinnerungen … und natürlich Zeichnungen, ganz- , halb- und viertelfertigen, und wie jedes Mal stellt sich die Frage, wie nun mit denen verfahren. Im Ist-Zustand dokumentieren? Weiter ausführen? Schon unterwegs war mir klar, dass ich mich für Letzteres entscheiden, die Nachfreude von der Reise möglichst lange auskosten würde.

In Winnenden fing die Wanderung an und führte um Stuttgart herum nach Esslingen, der viel zu wenig bekannten Fachwerkstadt, in der ich einen ganzen Tag blieb. Die vor Ort fertig gewordenen Bilder hatte ich schon gezeigt. Die Stadtkirche St.Dionys mit ihrer zugleich wuchtigen und aufragenden Kraft hat mich sehr beschäftigt, und meine ersten beiden Esslinger Zeichnungen galten ihr.

Bevor ich anfing, hatte ich noch die Idee, mir zwei dunkelgraue Farbstifte – einen wasserfesten und einen wasserlöslichen – zu kaufen, um für schnelle Zeichnungen eine Alternative zu Füller und Bleistift zu haben, wollte ich doch unbedingt die von der Zeichnerin Antje Gilland empfohlene „Sketchwalk“-Methode ausprobieren – mehrere Miniskizzen zum Finden eines interessanten Themas.

Einige markante Details in der Esslinger Stadtkirche, vor Ort mit einem Polychromos-Stift gezeichnet und zu Hause um Farbe und etwas Schatten ergänzt.

Am nächsten Tag habe ich mich an das Fachwerk gewagt – das bekannteste Gebäude, das Alte Rathaus, lag im schönsten Mittagslicht, ich fand einen Restauranttisch im Schatten – nichts wie los! Leider drehte die Sonne schneller als erhofft und Farbe und Schatten wurden gestern Abend zu Hause noch kräftig vertieft.

Das Alte Rathaus in Esslingen

Danach setzte ich mich noch einmal in die Kirche, um den Lettner zu zeichnen, der mir bei meiner Motivsuche besonders entgegen gekommen war. Das Wort „Lettner“ kommt von lat. lettere – lesen – es bezeichnet eine durchbrochene Abtrennung, von der aus, ähnlich wie später von der Kanzel, gepredigt und dem großenteils analphabetischen Volk aus Bibel und Heiligenlegenden vorgelesen wurde.


Bilderbogen II

Wie jedes Jahr auf dem Pilgerweg komme ich zwar zum Gehen und Zeichnen, bin dann abends aber zum Schreiben meist zu müde. Heute ist Ruhetag in Tübingen und ich kann nun einige der in den letzten Tagen entstandenen Bilder zeigen. Einige sind wieder im „Bilderbogen-Stil“ gehalten.

In den letzten drei Jahren bin ich immer mit zweigleisigem Zeichenmaterial gereist: auf der einen Seite das gebundene Buch, auf der anderen ein Block Postkarten. Da habe ich mir auf die Dauer selbst auf die Füße getreten, welches Motiv wohin; auf den Postkarten war ich natürlich viel lockerer und wenn im Buch die Seiten knapp werden, fällt die Motivauswahl doppelt schwer. Also habe ich dieses Jahr noch ein zweites Buch im Gepäck, wenn das erste voll ist, geht es mit dem zweiten weiter und immer schön chronologisch und nicht nach vermeintlichem Wert sortiert …

Hinter Esslingen kam der Regen und es wurde kalt. Trotzdem habe ich mich in Denkendorf für die kalte Klosterkirche und nicht für die warme Gasthausstube entschieden. Kloster Denkendorf ist, wie viele Klöster in Württemberg, nach der Reformation in eine evangelische Internatsschule umgewandelt worden und dadurch in seiner Grundstruktur erhalten geblieben.

Maßwerkfenster in der Denkendorfer Klosterkirche – es regnete und ich hatte Zeit.

Am nächsten Tag war es freundlicher, wenn auch noch deutlich kühl. Das mittelalterliche Sühnekreuz – man sieht sie hier öfter – leuchtete im gelben Morgensonneschein, der die Berge der Schwäbischen Alb dahinter um so blauer erscheinen ließ. Der andere Stein ist mit einer Sage verbunden – der Württembergische Herzog Ulrich hat sich hier während eines Bürgerkriegs versteckt gehalten, was später lokalgeschichtlich überhöht wurde. Diese Überhöhung wiederum hat Hölderlin zu dem späten und ziemlich verrätselten Gedicht „Der Winkel von Hardt“ angeregt. (Überhaupt ist hier alles Hölderlin, so wie anderswo alles Goethe ist.)

Weiter ging es am folgenden Tag – vorgestern – eine lange Strecke durch frühlingshaft freundliches, frisch gewaschenes Land, über Streuobstwiesen und durch den „Schönbuch“, Tübingens Hauswald, nach Bebenhausen zu. Gleich früh sah ich auf einer Weide eine kleine Herde Rinder: zwei Mutterkühe, zwei Färsen und eine Milchkalb. Es waren wunderschöne Tiere, deren Abstammung und Verwandschaft mir der Bauer, der bald darauf kam, ausführlich erläuterte. Eine wirklich herzerwärmende Begegnung.

Die Zeichnung dieser schönen Tiere habe ich vor Ort mit einem wasserfesten Farbstift begonnen und bei den nächsten Regenrasten im Gasthof noch mit etwas Stift und Aquarellfarbe überarbeitet.