Fast jeder Tag im Mai, dritter und letzter Teil

Geschafft! 25 Tage lang habe ich täglich eine Skizze abgeschlossen, mal mehr, mal weniger aufwändig, meist am Abend. Hatte ich vorher schon Hochachtung vor den Täglichzeichnern, ist sie in dieser Zeit noch einmal gestiegen.

Gelernt habe ich eine Menge in diesem Monat, zeichentechnisch, klar, doch darüber hinaus etwas über meine Art, die Welt zu sehen und abzubilden. Mehr noch als früher weiß ich nun, wie sehr ich die kleine Form liebe, das Detail, für das ich gern auch etwas länger brauche. Weshalb sich in dieser Serie auch keine Bilder von Menschen finden, für deren Abbildung Tempo nötig ist und etwas Nonchalance. (Zumal wenn sie, wie es so ihre Art ist, sich auch noch bewegen.)


Fast jeder Tag im Mai, zweiter Teil

Ja, ich habe es geschafft – jedenfalls fast, wie die Überschrift verheißt. Einen Tag habe ich ausgelassen, nun reichen die Seiten genau bis zum Monatsende. (Zur Erinnerung – hier geht es zu Teil 1.)


Ein Fest zum Leben

In den ersten Maitagen, die von fast unwirklichem Sommerwetter gesegnet waren, hatte ich dieses Jahr schon zum zweiten Mal die Freude, auf einen runden Geburtstag eingeladen zu sein. Das Geschenk, ein Kartoffelporträt, war gerade noch rechtzeitig fertig geworden, so dass ich ganz entspannt die vielen Gespräche, Wiedersehen mit alten Freunden und nicht zuletzt die ungezählten künstlerischen Darbietungen (sämtlichst auf hohem Niveau) genießen konnte. Sogar zum Zeichnen bin ich noch gekommen. Zwei Bilder – die Steinmühle in Carpin und Martin Herrmanns Kormoran – habe ich schon im ersten Teil des Maitagebuchs gezeigt, heute möchte ich noch ein paar Momentaufnahmen von Gästen und Gastgebern folgen lassen.

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Eine herrlich komische Aufführung nach Karl Valentins „Ritter Unkenstein“. Leider fehlt die Hauptperson des Spektakels auf meiner Abbildung.


Fast jeder Tag im Mai

Nulla dies sine linea – kein Tag ohne (Zeichen)-Strich – ist ein alter Wahlspruch von Malern und Zeichnern. Fortwährende Übung erst lässt  hervortreten, was andere dann vielleicht Talent nennen. Übung in einer Disziplin, die unsere ganze Aufmerksamkeit in die Gegenwart holt, wird mit der Zeit mehr als Übung im Sinne von Vorbereitung, sie bekommt ein Eigenleben, das uns bereichert und beschenkt.

Jeder, der einmal versucht hat, sich eine neue Gewohnheit anzutrainieren, weiß um die Schwierigkeiten und Ausreden, um die vielen kleinen Alltagshürden, die sich immer wieder vor das schieben, was wir „eigentlich“ machen wollen. So sind Hilfen willkommen, wie die Aktion „Every Day in May“, bei der jeden Tag ein Zeichenthema vorgegeben wird und die Ergebnisse in einer gemeinsamen Netzgruppe veröffentlicht. Es gibt sie auf Flickr  und auf Facebook .

Ich hatte schon ein paar Anläufe gemacht, bis ich feststellte, dass mich eine vorgegebene Liste von Zeichenobjekten eher einengte als beflügelte, und ich beschloss, für dieses Jahr meine eigenen Maiaktion zu beginnen. Ich nahm mir ein Skizzenbuch mit allerbestem Papier – Stillman&Birn Beta – , in handlichem quadratischem Format und fing am 4.Mai endlich an.

Seitdem habe ich nur einen Tag ausgelassen und noch mehr Hochachtung vor Leuten, die wirklich jeden Tag eine Zeichnung abschließen, wie Jens Hübner oder Shari Blaukopf. Neben der reinen Zeichenübung habe ich daran schon einiges gelernt, z.B. – wieder einmal – wie sehr gutes Material mich beflügelt und wie wohltuend ein begrenztes Format ist.


Tulpen am Nachtfenster

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Tulpenstrauß in gestreifter Vase. Super5- und Pentel-Tinte mit Wasserfarbe in S&B Alpha.

Gestern Abend konnte ich nach ein paar vergrippten Tagen zum ersten Mal wieder ein bisschen aus den Augen gucken, da leuchteten mich diese Tulpen an. Die Vase, mit ihrer Form für Tulpen gerade richtig, sieht aus wie Bollhagen, ist aber einfach nur schwarz-gelb gestreift und auf eine unnachahmliche Weise der Mitte des 20.Jahrhunderts zugehörig.


Zeitsprung

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Abendstimmung am Schweriner Marienplatz. Mischtechnik in Stillman&Birn Alpha.

Der Marienplatz ist im provinziellen (doch, doch) Schwerin in etwa die großstädtischste Gegend. Hier kreuzt einiges an öffentlichem Nahverkehr und Einkaufsmeilen, die auch sonnabends lange auf haben. Gestern war bei Schneematsch und Nieselregen der Betrieb eher gedämpft, und als ich Richtung Innenstadt abbog, hielt ich für einen Moment die Luft an, so verblüffend war der Anblick. Eine Baulücke gab den Blick frei auf eine schneedämmrige Hoflandschaft mit Bäumen und unsanierten Nebengebäuden. Der Abriss eines vermutlich Jahrzehnte alten Behelfsbaus hatte dazu ein paar alte Werbeschriften wieder zum Vorschein gebracht – für eine kurze Minute war mir, als hätte jemand den Film der Gegenwart angehalten, um mich in die, sagen wir mal, 60er Jahre blicken zu lassen.

Ich habe das Bild mit relativ weichem Bleistift angelegt und zu Hause mit Aquarellfarbe ergänzt – die gelben Briefkästen mit Aquarellstiften von Faber Castell – ein kleiner Gruß an Jens Hübner.

 

 

 


Die Welt in der Nussschale

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Ein paar Stücke Weihnachtsbaumschmuck. Super5-Tinte mit Wasserfarbe in Stillman&Birn Alpha.

Weihnachtsbäume sind, mehr noch als andere Dinge, Hologramme, Familien- und Weltgeschichte in der Nussschale:

Eine silberfarbene Kugel, deren Metallschicht sich in Krakelüren vom Glas löst, die kostbar perlmuttig schimmert, kein shabby chic, sondern vermutlich an die 80 Jahre alt, ein ganzer Kasten solcher Kugeln schlief einen langen Weihnachtskugelschlaf, aus dem sie der Umstand erweckte, dass dieses Jahr keine roten Kugeln an den Baum sollten.

Ein rotes Wachsherz mit Christkind, katholischer Kitsch, von philippinischen Nonnen in einem Benediktinerinnenkloster in Oberfranken gefertigt, einem stillen und unsagbar friedlichen Ort …

Elektrische Kerzen. Schon mein Großvater, Freigeist und dem Fortschritt zugetan, erwarb Ende der 20er Jahre welche von Osram, die gingen irgendwann in den 80ern kaputt, seitdem sind es diese, Made in Western Germany vor der Globalisierung; vermutlich waren sie in der DDR knapp.

Genau so knapp wie die doch in Thüringen hergestellten Weihnachtskugeln, weshalb meine Mutter in den 80ern welche aus Polen mitbrachte, bonbonfarben mit weißem Dekor, doch die goldgelbe passt noch heute ins Bild und zu dem kürzlich erst angeschafften Vogel; Vögel auf dem Baum mochte ich immer gern, nur hatten die alten alle ihre Glasfaserschwänze verloren.

Eine schöne Eröffnung für ein neues Skizzenbuch, Stillman&Birn Alpha, das alte hat noch ein paar Seiten, die werden wohl leer bleiben, und gleich musste auch noch der neue superfeine japanische Pilot Prera Füller ausprobiert werden. Die Welt in der Nussschale …

 


Bohnen-Mikado

Ach und die Bohnen / sind rau unter dem Messer. / Und dann dieser Duft / zwischen Gurke und Herbst.

Das Fast-Haiku (ich glaube, es hat eine Zeile zuviel) habe ich schon vor einigen Jahren geschrieben. Heute fiel es mir wieder ein, als ich die Bohnen wie ein Mikado-Spiel auf dem Teller liegen sah. Wie passend, dass mein japanisches Lieblingsküchenmesser mit dabei war!

Grüne Bohnen auf einem Bloßlagen-Teller. Feder/Tusche mit Wasserfarbe koloriert.

Grüne Bohnen auf einem Bollhagen-Teller. Feder/Tusche mit Wasserfarbe koloriert.


Füller mit Vergangenheit

Vor einigen Tagen bekam ich eine Anregung, meine Zeichenmaterialien abzubilden. Und da ich mich in den letzten Wochen immer mal wieder mit Füllfederhaltern beschäftigt hatte, erhielten die auch den ersten Auftritt. Dabei zeichne ich – nach einigem Probieren – nur mit einem von den vier abgebildeten, auf dem Bild hat er die Nummer 4. Es ist ein Lamy Joy, ein Kalligraphie-Füller, den es mit mehreren Federbreiten gibt. Gefüllt ist er mit SUPER5-Tinte in grau.

Die anderen sind Erinnerungsstücke, Nummer 1 und 2 echte Montblancs aus den 50er Jahren. Sie erzählen Familiengeschichte, haben, wie man früher vielleicht von einer Dame gesagt hätte, „eine Vergangenheit“. Sie sind Jahre, ja Jahrzehnte benutzt worden, und als ich sie bei meinen Füllhalterrecherchen wiederfand, habe ich sie auch ausprobiert, zum Glück waren sie nicht eingetrocknet. Großer Name hin und her – mir lagen sie nicht gut in der Hand, zu zierlich, zu leicht … Als ich sie gezeichnet habe, konnte ich noch einmal ihre zeitlose Eleganz bewundern.

Nummer 3 ist in gewisser Weise das Gegenteil der beiden kapriziösen Schönheiten, ein großes schweres Teil aus massivem Messing mit Wurzelholzdekor – vermutlich ein protziges Werbegeschenk aus den 90ern. Es ist auch ein Markenfüller, ein Waterman, mit sattem, gleichmäßigen Tintenfluss, doch für unterwegs viel zu schwer.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.


Schweriner Schweinerei

Bronzeschweine am Schweriner Schweinemarkt

Bronzeschweine am Schweriner Schweinemarkt

Am Rand der Schweriner Schelfstadt gibt es einen kleinen dreieckigen Platz, der Schweinemarkt heißt und vermutlich zu ackerbürgerlichen Zeiten auch einer gewesen ist. Heute ist hier eine begehrte Wohngegend, die schlichten barocken Fachwerkhäuser sind frisch saniert, nichts grunzt und stinkt weit und breit. Auf dem Kopfsteinpflaster stehen neben den unvermeidlichen Autos ein paar Bänke und eine bronzene Schweinefamilie.

Heute habe ich mich auf dem Heimweg auf eine der Bänke gesetzt und die Schweine gezeichnet, erfreut darüber, dass sie wirklich ganz und gar still standen – im Gegensatz zu den Kindern, die auf ihnen herumturnten. (Und die ich deshalb lieber ganz weggelassen habe.)