Einhundertzwölf Tage …
Veröffentlicht: 15. Juni 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, Allgemein, Alltag, Mixed Media | Tags: 100-Tage-Projekt, 60er Jahre, Alltag, Stillleben, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen Kommentar… ist es nun her, seit ich mich in Begleitung einer sechzig Jahre alten Packung Würfelzucker in das Abenteuer „100-Tage-Projekt“ gestürzt hatte. Was ist daraus geworden?
Am 23.Februar, dem Starttag, schrieb ich:
Es ist ein Social-Media-Projekt (eine „Challenge“, dazu schreibe ich später mehr), länger als die meisten Projekte dieser Art; dafür mit großzügigen Regeln. Eigentlich mit nur einer Regel: mach hundert Tage lang etwas, das Du schon immer machen wolltest, und damit Du dranbleibst: Halte das Ganze so einfach wie möglich. Und zeige die Ergebnisse öffentlich, in einem Medium Deiner Wahl.
Ja, ich habe es einfach gehalten, wozu auch zählt, dass ich noch nichts über mein Verhältnis zu „Challenges“ geschrieben habe. Um es kurz zu machen: Ich mag den Begriff nicht, weder als „Challenge“ noch als „Herausforderung“. Die „Herausforderung“ ist ist ein Geschwister von „Komfortzone verlassen“, wozu ich vor einiger Zeit schon einmal etwas geschrieben hatte, ein Euphemismus aus der Welt des amerikanischen Business-Sprechs. Der Begriff „Herausforderung“ stammt aus der mittelalterlichen Männerwelt, was man erkennt, wenn man ihn wörtlich nimmt: da wird jemand (zu einem Zweikampf) aus seinem geschützten Raum „heraus“ „gefordert“. Die „Challenge“ bedeutet genau das gleiche und wurzelt in einem lateinischen Wort für „Beschimpfung“.
Also: Projekt. Und was ist daraus geworden? Viel. Wenn auch nicht alles, was ich mir vorgenommen hatte. Größere Pläne – und das Ganze war ein zumindest mittlerer Plan – haben das so an sich. Die ursprüngliche Idee war gewesen, mich dem Inhalt von drei Schubladen, genannt „Mein kleines Museum“, zu widmen. Ich sollte sehr schnell merken, dass meine Wohnung weit über diese Schubladen hinaus ein Museum ist, ein Ort voll beseelter Dinge, voll stiller Lebendigkeiten. So stand ich bald vor einer riesigen Auswahl an Motiven, von denen nur einige wenige den Weg auf das Papier fanden.











Das letzte Bild war am 55. von 100 Tagen entstanden, und dem Museumsplan kam etwas sehr Schönes in die Quere: es wurde Frühling. Ich saß am Ostersonntag vor der „Ewigkeitspforte“ der Schelfkirche, ich verbrachte stille Tage in Bellin und zeichnete, nicht zum ersten Mal, das Schweriner Schloss… Immer wieder, auch das sei hier erwähnt, kam es zu „ungezeichneten“ Tagen, aus Gründen …
Im letzten Viertel des Projektes kehrte ich an den Zeichentisch zurück, friemelte zwei Wochen lang an eine Buntstiftzeichnung, traf mich zwischendurch mit den Urban Sketchern, kam dann am 95.Tag doch aus dem Tritt, aus Gründen, wiederum …
Doch es gab noch ein kleines Nachspiel. Bei der Suche nach den Fossilien hatte ich in einigen Kisten und Dosen gekramt, von denen ich kaum noch wusste, dass es sie gab. In einer fand ich dieses freundliche Püppchen.

Ein Eierwärmer, Typ „Trachtenpuppe“, hergestellt in den 1960er Jahren im Erzgebirge. Wo die kleine Dame ihre letzten 25 Lebensjahre verbracht hat, lässt sich nicht rekonstruieren; davor stand sie in dem etwas unordentlichen und zur Hälfte von Büchern eingenommenen Glasschrank meiner Kindheit. Vermutlich wurde sie gelegentlich zu Sonntagsfrühstücken herausgeholt, zusammen mit ihrer Schwester, die eine rot-weiß gestreifte Schürze und ein weißes Häubchen trug und deren Verbleib ich nicht erinnere.
Frisch gewaschen wartete sie auf dem Zeichentisch, obschon der einhundertste Tag bereits überschritten war, auf ihren Moment. Gestern nahm ich sie zu einem sommerlichen Balkonfrühstück mit nach draußen, da stand sie zwischen einem Frühstücksei und den Rosen und Kräutertöpfen, denen die nächsten Zeichenmonate gehören werden. Und, nein, sie kam nicht zurück in die Kiste, sie steht nun wieder im Schrank (wenn auch ohne Glasscheibe) zwischen Tassen, Tellern und Eierbechern: eine kleine Museumswärterin.
Das letzte Viertel
Veröffentlicht: 7. Juni 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, Allgemein, Dinge, Farbstifte | Tags: 100-Tage-Projekt, Mein kleines Museum, Stillleben 5 KommentareMitte April zeichnete ich mein Osterfenster und die zugehörigen Eier – damit endete am 55.Tag fürs Erste das „Museumsprojekt“. Die Urban Sketchers trafen sich wieder unter freiem Himmel und ich reiste für ein paar Tage nach Bellin. Dort war es windig und kühl und ich holte mir die Pflanzen zum Zeichnen nach drinnen.
Als ich zurückkam, war es mittlerweile Tag 75 geworden und das letzte Viertel der einhundert Tage angebrochen. Eher zufällig ergab es sich, dass noch einmal das Museum in den Mittelpunkt rückte. Zum Geburtstag eines Fossiliensammlers plante ich ein Strandstillleben – die Zutaten fand ich, man kann es sich denken, in Dosen, Schachteln und Kästchen; tief unten in Regalen und Schränken. An diese Steinsammlung hatte ich lange nicht gedacht und was mit den Steinen alles zu Tage kam, brachte noch einmal neue Dimensionen in das Museumsthema. (Und würde für die Zeichnungen vieler langer Winterabende ausreichen.)
Ich entschied mich für eine Buntstiftzeichnung. Wasservermalbare Stifte können effektvoll sein – deckend, leuchtend – haben aber auch ihre heikle Seite, wenn sich beim Anlösen die Farbtöne verändern; so wählte ich die trockenen Verwandten.

Eine solche Buntstiftzeichnung ist weitgehend gelingsicher; in einem englischsprachigen Buch zum Thema bezeichnete die Autorin das Medium als forgivable, das trifft es recht gut. Die Zeichnung wird in Schichten aufgebaut; man geht behutsam vor und der weiße Untergrund verschwindet, anders als bei der Gouache, nicht ganz.
So ergab sich ganz von selbst eine allabendliche Meditation auf Papier. Wenn das Motiv einmal festgelegt ist, wird Schicht um Schicht, Stunde um Stunde sorgfältig und exakt die Farbe aufgetragen. Das flüchtige Karussell der Gedanken steht still, die Horde wilder Affen im Kopf legt sich schlafen, der Geist klärt sich …
Stille Tage in Bellin
Veröffentlicht: 18. Mai 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, Allgemein, Pflanzen | Tags: 100-Tage-Projekt, Bellin, Kochen, Mecklenburg, Pflanzen, Sternberger Seenland Hinterlasse einen KommentarUm den 1.Mai herum verbrachte ich einige Tage im „Haus der Stille“ im mecklenburgischen Bellin, zehn Kilometer südlich der Barlachstadt Güstrow. Ich habe geschwiegen, gezeichnet, zweimal am Tag eine Viertelstunde in der wunderbaren alten Kirche eine kleine Andacht gehalten; habe Pflanzen gesammelt, Spaziergänge gemacht und dabei den zahlreichen Vögeln gelauscht …
Ich kenne Kirche, Haus und Grundstück seit zehn Jahren, doch war ich anscheinend noch nie um diese Jahreszeit dort gewesen, denn in dem verwilderten Garten hinter dem Haus blühte ein riesiger alter Zierkirschenbaum, den ich noch nie bemerkt hatte.

Nagori – wörtlich „der Abdruck der Wellen“ – bedeutet auf Japanisch so etwas wie „die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit“. Nagori ist das Gegenteil von Tulpen im Dezember und Erdbeeren im Februar, es blickt zurück auf eine bewusst gelebte Saison, die nun in die nächste übergeht. Im immer wieder mal auffrischenden Wind überschüttete der Baum den Garten mit einem rosa Flimmern, das das Ende seiner Pracht ankündigte.
Ich bin in diesen Tagen auch dazu gekommen, eine Neunkräutersuppe zu kochen. Was ich dafür brauchte, fand ich in Hülle und Fülle, mehr als neun Kräuter sogar; gezeichnet habe ich nur die Knoblauchsrauke. Am prächtigsten wuchs sie im Schatten einer alten Feldsteinmauer, gemeinsam mit Gundermann, Löwenzahn und Giersch. Ich ließ mir Zeit mit der Zeichnung, unterbrach sie wohl auch mal für etwas anderes – um mit jedem neuen Ansatz das seltsame Gefühl zu haben, dass die Blätter am Stängel die Plätze getauscht hätten.

Am nächsten Tag begann ich noch einmal von vorn; es funktionierte besser, doch ein Rest von Verwirrtheit blieb. Gepflückt hatte ich sie am 1.Mai, der nicht nur der Tag der Arbeit ist, sondern seit alters her auch etwas mit Naturgeistern zu tun hat – vielleicht hatte sich die Knoblauchsrauke in der Walpurgisnacht unter der Hand in eine Koboldsrauke verwandelt … (Doch war es, wenn, dann ein freundlicher Kobold, denn die Suppe tat gut und schmeckte hervorragend.)
Für alle, die es interessiert, hier noch das Rezept für die Suppe:
Man nimmt, was man hat, Hauptsache ungiftig und nicht extrem bitter. Bei mir waren es: Gundermann, Löwenzahn, Knoblauchsrauke, Petersilie, Bärlauch, Schafgarbe, Spitzwegerich, Thymian, Minze. Gegeben hätte es noch Giersch, Brennnessel und Wiesenkerbel.
2 Zwiebeln in reichlich Butter andünsten, mit Wasser auffüllen, zwei fein gewürfelte Kartoffeln dazu, 1/4 Stunde köcheln lassen. Mit Salz, Gemüsebrühe und Muskat würzen. In der Zwischenzeit die Kräuter waschen, ggfs von den Stielen streifen und grob hacken. Wenn die Kartoffeln weich sind, kommen die Kräuter in den Topf, kochen kurz auf und dann wird das Ganze mit dem Pürierstab zerkleinert. Vom Herd nehmen. Zum Schluss pro Person ein Eigelb mit etwas (Pflanzen)Milch oder Sahne verquirlen und schnell in die heiße, aber nicht mehr kochende Suppe rühren.
Ostereier
Veröffentlicht: 18. April 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, Allgemein, Alltag, Mixed Media | Tags: 100-Tage-Projekt, 80er Jahre, Blech, Mein kleines Museum, Ostern 2 KommentareAuf dem letzten Bild spielten sie, obschon in den Vordergrund platziert, nur eine Nebenrolle – drei Ostereier in einer viereckigen Bollhagen-Schale. Das soll sich heute ändern. Diese Eier gehören in das große Kapitel „Osteuropa-Kontakte meiner Mutter“, sie sind Mitbringsel von einem längeren Aufenthalt im schlesischen Opole. Es gab etliche von ihnen; mittlerweile sind es nur noch sechs.

Das Skurrile an diesen Eiern ist: Sie werden so lange gekocht, bis sich in ihrem Innern nichts mehr rührt und das Ganze – theoretisch – vierzig Jahre oder länger hält. Das totgekochte Ei trocknet mit den Jahren ein – bewegt man es, klingt es wie ein Klapperstein. Die Schalen werden mit der Zeit immer fragiler, und so kann es passieren, dass man ein Ei sorgfältig in die Packung legt – und zu Beginn der nächsten Saison ein zerbrochenes findet.

Das bunte Ei – so erfahre ich erst jetzt – hat mit Ostern gar nichts zu tun. Es ist sozusagen mein Überraschungsei: eine Blechschachtel in Form eines Eis, etwa fünf Zentimeter lang und mit einem Märchenmotiv bedruckt. Es enthielt Schokolade oder andere Süßigkeiten und wurde von einem Automaten in Form eines gackernden Blechhuhns „gelegt“ – nachdem man zehn Pfennige eingeworfen hatte. Wie einer der – mittlerweile auch fast ausgestorbenen – Kaugummiautomaten aus den Neunzigern, nur lustiger. Und wie viele solcher alten Blechsachen sind diese Eier heutzutage Sammelobjekte – für ein gut erhaltenes Exemplar können über hundert Euro bezahlt werden. (Ist mein Ei gut erhalten? Egal – es bleibt in meiner Schublade.)
Und dann sind da noch die blauen Eier in klassischer Wachsreservetechnik. Was ihnen für die Museumsreife an Alter fehlt, machen sie durch Schönheit wett; ich bekam sie 2018 geschenkt, nachdem ich die Schöpferin gezeichnet hatte.
Tokonoma
Veröffentlicht: 12. April 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, Allgemein, Alltag | Tags: 100-Tage-Projekt, Bollhagen, Dinge, Mein kleines Museum, Ostern Hinterlasse einen KommentarEin Tokonoma ist eine Wandnische in einem traditionellen japanischen Raum, der mit Aufmerksamkeit für Details jahreszeitlich dekoriert wird. Auch in meinem Wohnzimmer gibt es eine Tokonoma: das breite Fensterbrett des einzigen Fensters. Nachdem die letzten spätwinterlichen Hyazinthen in ihren Gläsern abgeblüht hatten, wurde es dort Zeit für die Osterdekoration.
Was wäre besser dafür geeignet als blau-weiß gemustertes Bollhagen-Geschirr? Die Keramik mit den abwechselnd hell- und dunkelblauen Streifen ist ein Klassiker aus einer Keramikmanufaktur, die vor allem im Osten Deutschlands legendär ist.
Auf dieses Geschirr trifft in meinem Haushalt noch mehr als auf andere Gegenstände der Satz von Rolf-Ulrich Kunze zu:
.. dass alle uns umgebenden Dinge narrativ aufgeladen waren: ihre Geschichte seit ihrem Eintritt in unsere Familie war bekannt, gehörte zu ihnen und wurde immer wieder erzählt.
Kernstück des Arrangements ist eine Teekanne, deren Muster im Gegensatz zu den Blockstreifen ein zartes Gitternetz bildet. Diese Kanne gehört zu einem Teeservice, das ich am Ende meines Studiums in einer Greifswalder Kunstgalerie erwarb – eine fast unglaubliche Beute vor dem Hintergrund der DDR-Versorgungslage. (Und für eine Studentin mit 200 DDR-Mark eigentlich unbezahlbar, doch ich hatte gerade genau diese Summe zum Studienabschluss geschenkt bekommen.)
Die klassisch gestreiften Teile habe ich später im Laufe der Jahre gebraucht erworben; die Eier im Vordergrund stammen ebenfalls aus den 1980er Jahren und haben ihre eigene Geschichte, die auch noch erzählt werden wird.

Gezeichnet habe ich das Blatt mit farbigen Kugelschreibern. Vor Jahren hatte ich in einer Bahnhofsbuchhandlung einen 10er Satz erworben, der zu einem treuen Begleiter für Sitzungskritzeleien geworden war. Übrig geblieben sind nur die wenigen Farben, mit denen ich hier gezeichnet habe. Die feinen und etwas nervös wirkenden Linien sind eine Art Gegenentwurf zur Erdschwere der Gouache des letzten Bildes geworden; abendliches Gestrichel einer ganzen, mich etwas ermüdet habenden Woche.
Heute ist Tag 49, morgen Halbzeit des 100-Tage-Projekts. Ich staune, wie schnell die Zeit vergangen ist. Es gab zwischendurch vier oder fünf Tage, an denen ich gar nicht gezeichnet habe, sonst waren es wenigstens einige Striche. Da ich mir keinen zeitlichen Rahmen pro Bild gesetzt habe, ist es gut zu schaffen. Natürlich werden auf diese Weise am Ende der Aktion noch diverse Museumsobjekte ungezeichnet geblieben sein. (Fast habe ich das Gefühl, sie in ihren Schubladen und Schrankfächern mit den kleinen Füßen scharren zu hören – jedes Ding will das nächste sein, das drankommt.)
Intermezzo …
Veröffentlicht: 20. März 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, Allgemein, visuelles Tagebuch | Tags: 100-Tage-Projekt, 70er Jahre, Ostsee Hinterlasse einen Kommentar… in Travemünde, aus nicht-touristischen Gründen. Zwei Abende war ich nicht zum Zeichnen gekommen, dann, gestern Morgen, lächelte mich ein gestreifter Hotelsessel an. Es hätte auch Meerblick gegeben, Schiffe, einen Leuchtturm – der Sessel war gerade schlicht genug. Ich setzte ein paar Farbflächen auf das Papier, doch noch bevor das richtig trocken war, musste ich aufbrechen.
So brauchte ich selbst für ein so kleines Motiv noch einen zweiten Anlauf.

Das Hotel ist ein Hochhaus, so hoch, dass auf seinem Dach ein Leuchtfeuer blinkt. Gebaut ist in den 1970ern und steht mittlerweile unter Denkmalsschutz, auch wegen der Inneneinrichtung. Der Sessel sieht eher nach den 1990ern aus, anders als die Lobby mit ihrer etwas klaustrophobischen Pracht aus dunkel gebeiztem Holz, Kronleuchtern und Rauchglas (Rauchglas!).
So gingen die Tage 25 und 26 vorüber und hoffen darauf, dass es morgen wieder einen Blick in die Museumsschubladen geben wird.
Einhundert Tage
Veröffentlicht: 23. Februar 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Dinge | Tags: 100-Tage-Projekt, 60er Jahre, Dinge, Mein kleines Museum 2 KommentareIm Herbst letzten Jahres hatte ich es ausprobiert, das 21-Tage-Projekt, und da es nahtlos in den Inktober überging, hatte ich am Ende sechs oder sieben Wochen lang Tag für Tag (meist Abend für Abend) gezeichnet oder gemalt. Sieben Wochen, das waren fünfzig Tage, die Hälfte von Hundert. Warum nicht das ganze Hundert voll machen?
Heute geht es los. Es ist ein Social-Media-Projekt (eine „Challenge“, dazu schreibe ich später mehr), länger als die meisten Projekte dieser Art; dafür mit großzügigen Regeln. Eigentlich mit nur einer Regel: mach hundert Tage lang etwas, das Du schon immer machen wolltest, und damit Du dranbleibst: Halte das Ganze so einfach wie möglich. Und zeige die Ergebnisse öffentlich, in einem Medium Deiner Wahl. (Klar, wir sind hier im Internet.) Die Initiatorin, Lindsay Thomas, hat ihre „Gemeinde“ in den letzten Wochen mit klugen und liebevoll ermutigenden Newslettern versorgt, es gab einen langen Vorlauf für die Planung.
Zuerst wollte ich das 21-Tage-Projekt vom Herbst fortsetzen, in langsamerem Tempo als seinerzeit meine Domestike-Kurse durchsehen (immer noch sehr verlockend). Am Ende siegte eine andere Idee, sie trägt die Überschrift „Mein kleines Museum“. Der Kern dieses Museums befindet sich in drei Schubladen – Außenstellen hat es in meiner gesamten Wohnung.

Dazu, es „so einfach wie möglich“ zu machen, gehört auch, abends rechtzeitig aufzuhören – morgen ist auch noch ein Tag, in diesem speziellen Fall der zweite von einhundert. So ist dieses Bild erst halbfertig, und ich zeige es heute ausnahmsweise zur Eröffnung der Aktion. Zu sehen ist darauf eine etwa sechzig Jahre alte Packung Würfelzucker, vermutlich das Gründungsobjekt der Sammlung. Was es damit auf sich hat und was diese vergilbte und etwas zerknitterte Packung alles zu berichten hat, erzähle ich, wenn ich das fertige Bild zeige.
Winterbilder
Veröffentlicht: 22. Februar 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Alltag, Urban Sketching | Tags: Alltag, Mecklenburg, Pilze, Schwerin, Urban Sketching Ein KommentarNachdem die Schweriner Urban Sketchers im Januar im Innenraum der Schelfkirche gezeichnet hatten, trafen sie sich im Februar in der Dauerausstellung der Stiftung Mecklenburg, einem kleinen versteckten Museum im Schleswig-Holstein-Haus gleich um die Ecke. Dort versuchte ich mich in mehreren Anläufen an einer Porträtbüste der Luise von Mecklenburg-Strelitz, besser bekannt als Königin Luise von Preußen. Am Ende war ich so unzufrieden, dass ich keinen dieser Versuche hier zeigen mag, dafür eine mit lockerer Hand gezeichnete Tulpe auf dem Caféhaustisch bei der anschließenden Zusammenkunft.

Auch die Pilzsaison habe ich nach drinnen verlegen können. Dank fertig präparierter Zuchtboxen ernte ich seit Weihnachten immer mal wieder eine Pilzmahlzeit. Austernseitlinge sind neben Champignons und Shiitake die weltweit meistgezüchteten Pilze und fruktizierten auf meinem Fensterbrett zwar mit etwas Verspätung, doch um so hübscher.

Es ist ein ganz und gar grafisches Motiv und lud zu einer Bleistiftzeichnung ein. Ich habe zu diesem Zeichenmaterial ein ambivalentes Verhältnis: Das Endprodukt erscheint mir oft etwas blass und ohne Kontrast oder farbliche Delikatesse – das Zeichnen selbst genieße ich sehr – ähnlich dem Zeichnen mit Buntstiften, das jedoch deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Es hat etwas Meditatives, Nicht-Herausforderndes, Niederschwelliges; genau das Richtige nach einem langen Arbeitstag.
Um Niederschwelligkeit und Herausforderungen (oder eben nicht) wird es auch in meinem nächsten Projekt gehen, das bereits morgen beginnt. Man darf gespannt sein …
Drachentöter
Veröffentlicht: 11. Februar 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Urban Sketching | Tags: Drache, Heiliger, Lübeck, Mittelalter Hinterlasse einen KommentarLetzten Freitag hatte ich in Lübeck zu tun; anschließend nutzte ich, nicht zum ersten Mal, die Gelegenheit, im St.-Annen-Museum zu zeichnen. Erweitert um moderne Anbauten befindet sich das Museum in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Klosteranlage. Der Gebäudekomplex war um 1500 gebaut worden und erfüllte nur kurze Zeit den ihm zugedachten Zweck, dann kam die Reformation und alles wurde anders; die Backsteinmauern mussten verschiedene säkulare Nutzungen ertragen, Brände, Bombenangriffe …
Im zentralen Teil der Anlage, in den Räumen um Kreuzgang und Klosterhof sind spätmittelalterliche Gemälde und Schnitzereien ausgestellt. Lübeck war ein Zentrum der Produktion dieser künstlerischen Massenware. Einiges von dem, was Reformation, Kriege und zivile Katastrophen überstanden hat, findet sich im Annenmuseum: Altäre voller vergoldeter Wimmelbilder, rührende Guckkastenszenen hinter hölzernen Maßwerkvorhängen und der eine und andere schwertschwingende Heilige oder Erzengel.


Ich habe hier schon mehrmals gezeichnet; es ist selten viel Betrieb, reichlich Platz und man kommt den Objekten viel näher als in einer Kirche. Dieses Mal entschied ich mich für einen heiligen Georg, der in Lübeck Jürgen heißt und fast lebensgroß auf seinem Pferd sitzt, das Schwert gegen einen lächerlich kleinen Drachen erhoben. Während der Reformation hatte man die kostbare Figurengruppe rechtzeitig in Sicherheit gebracht, der große Lindwurm aber, zu schwer zum Transport, war dem Bildersturm zum Opfer gefallen und endete als Brennholz in den Herdfeuern der Wutbürger. Als die Zeiten sich beruhigt hatten, zogen Held, Pferd und Prinzessin (sie betet außerhalb meines Bildes) in eine kleinere Kapelle um und man gab ihnen das handlichere Tier bei.
Die Skulpturengruppe wirkt modern, nicht mehr gotisch; sie entstand um 1505, ihr Schöpfer, Henning von der Heyden, ist namentlich bekannt, auch das ein Hinweis auf die heraufziehende neue Zeit. Die Geschichte, die erzählt wird, ist noch die alte, eine Heiligenlegende samt Mission und Martyrium, der erst im Hochmittelalter eine Drachentöterlegende angestrickt worden war. Ich habe in den letzten zehn Jahren mehrere heilige Ritter beim Drachentöten gezeichnet, meine liebste Drachentöter-Geschichte aber ist die des „berufsmäßigen Helden“ Lanzelot. Der kommt in die sprichwörtliche Kleine Stadt, die sich mit ihrem Drachen längst arrangiert hat. Auch die Jungfrau, die er sich dieses Jahr ausgesucht hat, begehrt nicht gegen ihr Schicksal auf, und bald muss der Drachentöter selbst um sein Leben fürchten: Die Märchenparabel „Der Drache“ von Jewgenij Schwarz wurde über fünfzehn Jahre lang am Ostberliner Deutschen Theater gespielt und hat dafür gesorgt, dass ich zeitlebens für schlechtes Theater verloren war.


