Ein Fest zum Leben

In den ersten Maitagen, die von fast unwirklichem Sommerwetter gesegnet waren, hatte ich dieses Jahr schon zum zweiten Mal die Freude, auf einen runden Geburtstag eingeladen zu sein. Das Geschenk, ein Kartoffelporträt, war gerade noch rechtzeitig fertig geworden, so dass ich ganz entspannt die vielen Gespräche, Wiedersehen mit alten Freunden und nicht zuletzt die ungezählten künstlerischen Darbietungen (sämtlichst auf hohem Niveau) genießen konnte. Sogar zum Zeichnen bin ich noch gekommen. Zwei Bilder – die Steinmühle in Carpin und Martin Herrmanns Kormoran – habe ich schon im ersten Teil des Maitagebuchs gezeigt, heute möchte ich noch ein paar Momentaufnahmen von Gästen und Gastgebern folgen lassen.

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Eine herrlich komische Aufführung nach Karl Valentins „Ritter Unkenstein“. Leider fehlt die Hauptperson des Spektakels auf meiner Abbildung.


Fast jeder Tag im Mai

Nulla dies sine linea – kein Tag ohne (Zeichen)-Strich – ist ein alter Wahlspruch von Malern und Zeichnern. Fortwährende Übung erst lässt  hervortreten, was andere dann vielleicht Talent nennen. Übung in einer Disziplin, die unsere ganze Aufmerksamkeit in die Gegenwart holt, wird mit der Zeit mehr als Übung im Sinne von Vorbereitung, sie bekommt ein Eigenleben, das uns bereichert und beschenkt.

Jeder, der einmal versucht hat, sich eine neue Gewohnheit anzutrainieren, weiß um die Schwierigkeiten und Ausreden, um die vielen kleinen Alltagshürden, die sich immer wieder vor das schieben, was wir „eigentlich“ machen wollen. So sind Hilfen willkommen, wie die Aktion „Every Day in May“, bei der jeden Tag ein Zeichenthema vorgegeben wird und die Ergebnisse in einer gemeinsamen Netzgruppe veröffentlicht. Es gibt sie auf Flickr  und auf Facebook .

Ich hatte schon ein paar Anläufe gemacht, bis ich feststellte, dass mich eine vorgegebene Liste von Zeichenobjekten eher einengte als beflügelte, und ich beschloss, für dieses Jahr meine eigenen Maiaktion zu beginnen. Ich nahm mir ein Skizzenbuch mit allerbestem Papier – Stillman&Birn Beta – , in handlichem quadratischem Format und fing am 4.Mai endlich an.

Seitdem habe ich nur einen Tag ausgelassen und noch mehr Hochachtung vor Leuten, die wirklich jeden Tag eine Zeichnung abschließen, wie Jens Hübner oder Shari Blaukopf. Neben der reinen Zeichenübung habe ich daran schon einiges gelernt, z.B. – wieder einmal – wie sehr gutes Material mich beflügelt und wie wohltuend ein begrenztes Format ist.


Nur eine Säule …

… zeugt von des Palastes Pracht, so oder so ähnlich klingt eine Zeile zu mir herüber, ich weiß nur nicht, woher und von wem. Genau genommen stehen im Benediktushof auch noch ein paar mehr romanische Säulen als nur eine, und ein Palast dürfte das Kloster auch in seinen besten Zeiten nicht gewesen sein. Wie dem auch sei, bei meinem letzten Aufenthalt habe ich endlich die Gelegenheit ergriffen und eine der Säulen des ehemaligen Kreuzgangs gezeichnet. Es sind etwa anderthalb Meter hohe, reich verzierte Mittelsäulen romanischer Doppelbögen, mit Kapitellen, die z.T. im wahrsten Sinne etwas zusammengewürfelt aussehen, aus unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt, aber dazu vielleicht später noch einmal mehr. Bei dieser Säule habe ich das Kapitell nur angedeutet und mich ganz auf das kunstvolle steinerene Flechtwerkmuster konzentriert. (Die Säulen sind nicht nur zusammgesetzt, sie sind vorwiegend Repliken – wie viele romanische und gotische Sandsteinbildhauereien waren die Originale vom Zahn der Zeit  schon sehr angenagt.)

Säule mit steinernem Flechtmuster. Wasserfarbe und verschiedene Marker in Stillman&Birn Beta.

Säule mit steinernem Flechtmuster. Wasserfarbe und verschiedene Marker in Stillman&Birn Beta.


Miss Marple im Café

In Rothes Café, Schwerin. Bleistift und Aquarell.

In Rothes Café, Schwerin. Bleistift und Aquarell.

Einer meiner Lieblingsplätze in Schwerin ist Rothes Café im Schlossparkcenter. Nicht, dass es besonders originell oder kuschlig wäre, sondern wegen des unüberbietbaren Blicks auf das Panoptikum des Lebens. Jeder Tisch eine eigene kleine Bühne, bespielt mit immer neuen Einaktern.

Diese Dame mit Hut, Perlenkette und Kreuzworträtsel schien mir direkt aus einem Miss-Marple-Film gekommen zu sein … (Am Nebentisch saßen drei schmallippige Parzen, die mit jedem energischen Biss in ihre Torte einen Lebensfaden durchzubeißen schienen, doch reichten meine zeichnerischen Fähigkeiten nicht aus, um diesen Eindruck mit einem Mindestmaß an Diskretion festzuhalten.)


Bärenschwester

Vor einigen Jahren schrieb der englische Anthropologe Daniel Miller ein Buch mit dem Titel „Der Trost der Dinge“. Miller hat die Bewohner einer Londoner Straße über die Dinge in ihren Wohnungen befragt – herausgekommen ist ein wahrhaft tröstliches Buch über Menschen, Gegenstände und beiderlei Seele.

Manchmal habe ich das Bedürfnis, mehr oder weniger alltägliche Dinge abzubilden – eine Teetasse, eine Espressomaschine oder meinen alten Teddy, in die Stille eines solchen Stilllebens zu lauschen und den schweigenden Begleitern mit einer Zeichnung meinen Dank auszudrücken.

Meine alte Bärenschwester. Der Teddy hat ein Wollkleid an, das ich ca. 1962 getragen habe.

Meine alte Bärenschwester Jahrgang 64 in einem Wollkleid, das ich etwa um die Zeit getragen habe.


Zeitkapsel

Ich habe gerade vier Tage Fortbildung hinter mir, die in der Mensa der Bonner Uniklinik auf dem Venusberg stattfand. Dieses Gebäude ist eine Zeitkapsel, direkt aus den Wirtschaftswunderjahren der jungen Bundesrepublik in die Gegenwart gekommen. Es ist völlig unsaniert – einschließlich der Originalfenster mit Einfachverglasung, Schwingtüren mit Drahtglas und eloxierten Metallgriffen und einem Lastenfahrstuhl, der die Jahreszahl 1958 trägt.

In den beiden Speisesälen gibt es modernes Mobiliar, auch die Beleuchtung ist nicht mehr original, an einigen wenigen Stellen liegt hässlicher PVC-Bodenbelag, ansonsten dürfte architektonisch im wesentlichen alles auf dem Stand vom Ende der 50er Jahre sein.

Mensa auf dem Bonner Venusberg von der Hangseite.

Mensa auf dem Bonner Venusberg von der Hangseite.


Ilse Bilse …

… keiner willse, böse Hülse. Verständlich, meint „Hülse“ in diesem Vers doch weder ein sitzengebliebenes Mädchen noch eine Umhüllung, sondern ein stachliges Forstunkraut, Ilex aquifolium, die Stechpalme. Der Name „Hülse“ in vielen Ortsnamen weist auf die einst weite Verbreitung der Pflanze, besonders im Westen Deutschlands. Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff trug eine solche Ortsbezeichnung in ihrem Namen.

Die Pflanze mag das atlantische Klima, mit Trockenheit und stärkeren Frösten kommt sie nicht zurecht. Als ich Anfang der 90er in den Westen Mecklenburgs zog, begegnete ich der Pflanze dort zum ersten Mal in den Wäldern und Dörfern. Das Dorf Loosen bei Ludwigslust ist bekannt für seine mindestens hundert Jahre alten Ilex-Hecken. Erstaunt nahm ich das zur Kenntnis, hatte ich die „Holly“ doch bis dahin für eine lästige amerikanische Weihnachtsimportware gehalten.

Auf dem Bonner Venusberg: Stechpalmen und uralte Buchen.

Auf dem Bonner Venusberg: Stechpalmen und uralte Buchen (oder sind es Hainbuchen?)

Bei einem Spaziergang auf dem Bonner Venusberg begegnete ich der Pflanze wieder. Hier gab es gleich noch ein anderes Relikt alter Forstwirtschaft zu bestaunen: Uralte Baumriesen, die ihre knorzige Form der Brennholzgewinnung aus Niederwaldwirtschaft verdanken. Dabei wurden, ähnlich wie bei Kopfweiden, die Bäume immer wieder in einer niedrigen Höhe abgeschnitten.