Raben Steinfeld

Am Samstag, Tag 12 von 21, trafen sich die Schweriner Urban Sketchers in Raben Steinfeld am östlichen Seeufer. Die abwechslungsreiche Endmoränenlandschaft hatte mit ihren steinigen Äckern einst für den Ortsnamen gesorgt, die Adelsfamilie Raben für die Abgrenzung zu den anderen Steinfelds in der Umgebung.

Um ein herzogliches Jagdschloss waren in den fetten Gründerzeitjahren ein Gestüt und ein Park gewachsen und entsprechend der Mode der Zeit baute man die Gestütswärtersiedlung im englischen Stil.

Das Wetter war windig und kalt, später zogen Regenwolken von Westen über den See heran. Da war ich gerade mit der linearen Zeichnung fertig geworden. Zu Hause bekamen Himmel und Dachlinie die Hauptrolle, die ihnen gebührt.

Nach Regen und Mittagspause wagten wir einen zweiten Anlauf im Park mit seinen berühmten alten Eichen. Hier schaffte ich neben den Linien immerhin noch die ersten Schatten.

Zu Hause kamen – mittlerweile an Tag 13 – neben den Aquarellfarben zahlreiche Marker zum Einsatz – immerhin hatte ich für die Domestika-Aktion gerade erst meinen Bestand aufgestockt. Auch für den gelben Fleck am Stamm konnte ich sie gut brauchen – es handelt sich um ein Prachtexemplar von Schwefelporling, der so hoch oben wuchs, dass er der Bratpfanne entging.


Auf getöntem Grund

Während ich mich am heimischen Zeichentisch in Gouache versuchte, war auf kleineren Reisen das vertraute Hahnemühle-Büchlein mit hellbraun dem hellbraun getönten Papier dabei, ein idealer Weggefährte in handlichen 14×14 cm. Die Bilder darin wirken oft wie mit Deckfarben gemalt; meist ist es Aquarell mit etwas wasserlöslicher weißer Kreide.

Vor Wochen schon entstand in Bellin am Rand einer Veranstaltung diese Apfelskizze.
Blick von der neuen Uferpromenade Richtung Bornhövedstraße.

Deutlich aufwändiger war diese Skizze, auch wenn man es ihr nicht ansieht. Die Schweriner Urban Sketchers hatten an einem der weniger spektakulären Seeufer versammelt, einer Stadtrandregion zwischen Lost Place und Sanierungsgebiet.

Ganz frisch, von heute, ist dieses Bild eines Zapfens. Der zugehörige Baum steht in dem etwas vergessen wirkenden Park einer Rostocker Klinik, ein Exot zwischen Buchen, Birken und Eiben. Es ist keine heimische Kiefer, auch keine Pinie, die da viel zu nah an dem halb sanierten und mit Graffiti besprühten Krankenhausgebäude steht; vielleicht eine Aleppo-Kiefer.


Fragmente

Mühsam war der Winter gewesen, und noch zu Frühlingsbeginn hatte mich ein Virus gegriffen, das dritte der Saison. Zum Zeichnen fehlte mir … ja, was eigentlich? Ein paar kleine Aquarellgeschenke brachte ich zustande, von Fotos kopiert – nichts zum Zeigen. Nach der erhebenden Begegnung mit Malikis Comics versuchte ich den nächsten Domestika-Kurs, doch dieses Mal sprang kein Funke. Dies zu akzeptieren brauchte ich Abend um Abend, an dem mir über dem Skizzenblatt die Augen zufielen. Das Papier war entweder zu rau oder zu dünn, und natürlich trocknete der Füller ein.

Darüber ist es Mai geworden und Urlaub. Gleich am ersten Tag trafen sich die Schweriner Urban Sketchers in unerwartet großer Zahl. In der Nähe unseres Treffpunkts fand ich einen Zeichenplatz vor einer hinreißenden Rokokko-Tür, die schon lange auf meiner Zeichenliste stand; sie ist leider immer zugeparkt. Es ging trotzdem.

Einer solchen Tür kommt man nur im Fragment zu Leibe, es sei denn, man plant einen ganzen Tag ein. Vor Ort gab es Linien und Schatten, zu Hause noch ein paar Spuren Farbe.

Bevor ich mit der Tür begann, war noch der bunte Fleck zu zeichnen, der genau in Augenhöhe auf dem braunen Holz saß: ein kopulierendes Lindenschwärmer-Paar.

Am Nachmittag blieb ich dem Fragmentarischen treu, genoss im Getümmel den Blick über die Schlossbucht und erweckte am Abend das halbe Bild mit Farbe zum Leben.

Das soll für den Anfang genügen.


Heiterer Ernst

Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.

Friedrich Schiller

Das Schweriner Staatliche Museum, eine hochkarätige Kunstsammlung, ist schon seit Jahren wegen eines umfangreichen Umbaus geschlossen. Vor lauter Grummelei darüber hatte ich übersehen, dass einige der hochkarätigsten Sammlungsstücke schon seit zwei Jahren im Schloss gezeigt werden. Nun habe ich es endlich geschafft, die Schweriner Urban Sketchers waren auf der Suche nach einem Winterzeichenort auf das Schloss gekommen.

Das Angebot an Zeichenmotiven ist überwältigend; selbst wenn man keinen Eintritt löst, kann man sich stundenlang mit dem spektakulären Treppenhaus und den Ausblicken in den Schlosshof beschäftigen. Ich hatte nach einem ersten Rundgang schnell mein Motiv gefunden.

Diese etwas über 30cm hohe Christusfigur ist ein Hingucker und, nach dem ersten Eindruck unfreiwilliger Komik, ein Rätsel. Aus dem Kontrast von kindlicher Körperform und hoheitsvoller Segensgeste erwächst uns heutigen eine schwer aufzulösende Irritation, zumal das Lächeln etwas karikatur- und buddhahaftes hat. (Auf meiner Zeichnung ist das etwas abgemildert umgesetzt.)

Tante Google hilft mit ihrer Bildersuche; später finde ich die Figur auch in einem dicken und lange nicht angesehenen Buch wieder. Im Hochmittelalter (und in katholischen Regionen bis in das 18.Jahrhundert) war das Einkleiden von Christusfiguren zur Weihnachtszeit in Nonnenklöstern weit verbreitet, die Figuren wurden – wie Anziehpuppen – nackt gefertigt und bekamen erst an ihrem Bestimmungsort Krone und Ornat. Diese Art von Gewändern hat die Zeitläufte kaum überstanden, daher ist das mit Hermelin verbrämte Mäntelchen des ehemals Rostocker Christkindes eine Rarität.

Diese Christusfigur ist ein Widerschein einer uns fremden, kaum noch einfühlbaren spätmittelalterlichen Frömmigkeit. In den antiklerikalen Erzählungen der letzten zweihundert Jahre erscheinen Nonnenklöster vor allem als Orte der Unterdrückung; dass sie auch Orte einer sehr spezifischen weiblichen Spiritualität waren, ist darüber fast in Vergessenheit geraten.

Allegorie des Sommers, Sandsteinfigur, etwa 100cm hoch.

Die Irritation über diese Figur stellte sich erst während des Zeichnens ein. Es sind insgesamt drei Kinder, die als Allegorien Frühling, Sommer und Herbst darstellen (der Winter sei gestohlen worden, als sie noch draußen standen.) Der „Sommer“ ist, ermüdet vom Schafehüten, im Stehen eingedöst, man vermeint das leise, etwas blubbernde Schnarchen eines pummeligen Kindes zu hören … Solche „niedlichen“ Kinder, die erwachsenen Beschäftigungen nachgehen, waren in der Alltagkultur (gemeinhin als Kitsch bezeichnet) noch bis ins späte 20.Jahrhundert weit verbreitet; als Nischenprodukte gibt es sie noch immer (z.B. als „Hummel“-Figuren).

Die Dissonanz zwischen der „erwachsenen“ bäuerlichen Tätigkeit und deren idyllisierender und verniedlichter Darstellung ist auf den ersten Blick nicht so stark wie die beim Anblick eines segnenden Säuglings im Hermelinmantel – doch erschien sie mir als ein Widerschein der kognitiven Dissonanzen, die frühmoderne und moderne Gesellschaften mit sich bringen (und die manchmal, um bei der Landwirtschaft zu bleiben, in Traktoren vor dem Brandenburger Tor ihren Ausdruck finden.)


Im Zoo

Letztes Wochenende waren die Schweriner Urban Sketchers im Zoo. Oder sagen wir mal: die, die nicht mit Fieber im Bett lagen. Ich war gerade wieder auferstanden, ein bisschen wacklig noch fragte ich mich, wie das wohl bei dem Wetter werden würde. Es wurde. Schön.

Zuerst einmal: es war still. Außer uns waren kaum mehr als fünf Familien auf dem Gelände. (Wir waren auch nur zu viert.) Und es gab Löwen. Vor einigen Jahren ist in Schwerin eine neue, hochmoderne Löwenanlage gebaut worden, in der ein kleines Rudel Asiatischer Löwen lebt. In freier Wildbahn gibt es nur noch 350 von dieser Unterart; sie leben in einem indischen Nationalpark. Um so größer ist die Freude über den Löwennachwuchs; die zwei älteren, jetzt fünf Monate alten Löwenjungen konnten wir durch die großen Panoramascheiben ausgiebig beobachten. (Die jüngeren sind gerade erst geboren und von der Öffentlichkeit noch abgeschirmt.)

Die Löwenjungen wuselten durch das Gehege, sprangen auch mal durch die extragroße Katzenklappe nach draußen in den Schnee – da habe ich mich zum Zeichnen an den Löwenkater Shapur gehalten, der seinen Nachwuchs mit königlicher Gelassenheit im Auge behielt.

Auf dem Heimweg machte ich noch eine kleine Bleistiftskizze am Warmhaus der Flamingos. Zu Hause kam noch ein bisschen Farbe dazu, eher atmosphärisch als genau.


Berlin, Berlin (Teil 2)

Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern

John F. und die Gropiuslerchen, 1987

Für den Sonnabend stand die Mauergedenkstätte Bernauer Straße auf meinem Programm. Vor einiger Zeit war ich mal mit der Straßenbahn dort entlang gefahren, hatte das Areal kurz wahrgenommen, war aber nicht ausgestiegen. Jetzt erfuhr ich, dass es nur noch wenige Stellen im Berliner Stadtgebiet gibt, in denen Reste der Grenzanlagen (die „Mauer“ war nur ein Teil davon) erhalten sind.

Ich saß im Schatten eines der noch jungen Bäume, links von mir die Bernauer Straße, unspektakulär, Straßenbahn in der Mitte, auf der anderen Seite ein typischer Westberliner Bau aus den 70ern oder 80ern. Rechts von mir eine lange Reihe von übermannshohen Eisenstäben, den Verlauf der Mauer nachzeichnend, ein Stück weiter ein Stück originaler Beton. Hinter den Stäben – die so locker gesetzt sind, dass man durch sie hindurchgehen kann – und der Mauer eine Parkanlage auf dem Gelände, das einmal der „Todesstreifen“ war.

Die meisten Besucher und Besucherinnen waren jung, so jung, dass sie in Zeiten des geteilten Berlins noch nicht geboren waren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, die Stadt Berlin (und ganz Deutschland) nur als Ganzes kennengelernt zu haben. Ich selbst war anderthalb Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde; viele der Erinnerungen aus meiner frühen Oranienburger Kindheit haben mit der Erschütterung und dem Schmerz der Erwachsenen zu tun, denen ein ganzer familiärer Hintergrund abgetrennt worden war.

Als ich mit der Zeichnung fertig war, folgte ich weiter der Straße. Es gibt ein Dokumentationszentrum, das ich nur streifte, um mich der „Kapelle der Versöhnung“ zuzuwenden.

Dort, wo jetzt dieses Kapelle steht, im ehemaligen Todesstreifen, befand sich eine Kirche. Dass sie nach 1961 nicht mehr genutzt werden durfte, versteht sich von selbst; 1985 wurde sie gesprengt. Bald nach der Wende begann man mit dem Wiederaufbau als „Kapelle der Versöhnung – glücklicherweise nicht im preußischen Pseudokulissenstil. Hier hätte lange genug viel zu viel Beton gestanden, als dass man diesen Baustoff noch gern gesehen hätte – man entschied sich für einen ovalen Baukörper aus Stampflehm, verkleidet mit einem lichten Holzgitter.

Hinter der Kirche gibt es einen Gemeinschaftsgarten, und in den setzte ich mich, etwas stadt- und pflastermüde, und versuchte diesen so seltsamen wie nährenden Ort aufs Papier zu bringen.


Berlin, Berlin (Teil 1)

Zeichnen macht glücklich, das wissen alle, die es gelegentlich praktizieren. Wie glücklich es macht, mit tausend anderen gemeinsam zu zeichnen, durfte ich am letzten Wochenende beim Deutschlandtreffen der Urban Sketchers in Berlin erleben. Die Bewegung der Urban Sketchers entstand 2007 in Seattle als Antwort auf die zunehmende Digitalisierung künstlerischen Arbeitens. Das wichtigste Grundprinzip ist das Zeichnen vor Ort als Gegenentwurf zum Arbeiten nach Fotografie – Authentizität. Die ersten Urban Sketchers waren Profikünstler, Gerichts- und Pressezeichner; bald entwickelte sich daraus eine weltweite Bewegung, an der auch viele künstlerische Laien teilhaben.

Zu den „Ritualen“ des Urban Sketchings zählt das gemeinsame Zeichnen – in kleinen Gruppen am Heimatort und auf großen, z.T. internationalen Festivals. Menschen ziehen gemeinsam los, zeichnen jedeR für sich das gleiche Motiv und sitzen danach gern noch zusammen, um ihre Bilder anzusehen, bevor sie in sozialen Medien ausgestellt werden.

Wie immer bei solchen erfolgreichen Bewegungen ist damit eine gewisse Kommerzialisierung verbunden. Die großen Farb- und Papierhersteller haben neue Materialien entwickelt und die Stadtzeichner als Multiplikatoren entdeckt; Profikünstler bieten Ihre Kurse an … Die Berliner Gruppe ging dieses Jahr einen anderen Weg, „zurück zu den Wurzeln“: kostenfreie Teilnahme, (fast) keine Sponsoren, keine Workshops, dafür ein beispielloses ehrenamtliches Engagement. Am Ende hatten sich an die tausend Leute angemeldet, die in Gruppen von 20 – 30 Personen zu interessanten Orten in der Stadt geführt wurden.

Die Zeichenspaziergänge wurden ausgelost. Am ersten Tag, am Freitag, fand ich mich auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs wieder. Es ist ein disparater Ort, eine offene Wunde in der schönen Oberfläche der Großstadt. Der ehemals größte Bahnhof Berlins war in Bombenkrieg und Häuserkämpfen schwer beschädigt worden; in der zunehmenden Abriegelung der Stadt ab der Blockade von 1948 erschien sein Weiterbetrieb nicht mehr wirtschaftlich, Ende der 50er Jahre wurde er gegen den Widerstand der Berliner Bevölkerung gesprengt. Lediglich der Portikus der Eingangshalle blieb erhalten, eingebettet in eine rudimentäre Parkanlage mit einem Schotterplatz und etwas Grün, frequentiert von Obdachlosen.

Die Zeichnung wurde dann auch etwas ruppig mit ihrem Blick auf die Reste des Gebäudes am rechten Bildrand und die Paläste des neuen Potsdamer Platzes im Hintergrund.

Der Weg führte weiter durch einen kleinen innerstädtischen Urwald, der die ehemaligen Gleisanlagen überwuchert, vorbei am Technikmuseum (die meisten Leute zeichneten das Flugzeug auf dem Dach) und unter der Hochbahnstrecke des Bahnhofs Gleisdreieck hindurch. Hier fand ich mein zweites Motiv. Inzwischen ein bisschen „eingezeichnet“, widmete ich mich akribisch der Hochbahnkonstruktion aus dem 19.Jahrhundert und ihrem Kontrast zu dem Backsteinbau mit dem Flügelrad am runden Giebel.

Eine gute Stunde saß ich dort, die genügte, um die Struktur des Motivs zu erfassen, Schatten und Schraffur ergänzte ich heute zu Hause, Stoff für eine beliebte Diskussion unter Urban Sketchers: mit wieviel Nacharbeit ist ein Bild noch authentisch?


Schwerin

Seit ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, gehe ich weniger spazieren. Und sehe weniger von der Stadt. Da braucht es erst Besucher aus Berlin, Hamburg und München, um mir die Augen zu öffnen.

Letzten Mittwoch war das, ich hatte mir den Nachmittag frei genommen und saß mit den Gästen zuerst am Schelfmarkt. Unter den vielen möglichen Blicken wählte ich einen mit angenehmer Sitzgelegenheit im Schatten; das blaue Auto kam mir gerade recht.

Danach erst, als die Tagestouristen schon allmählich aufbrachen, ging es Richtung Schloss. Zielsicher steuerte ich die Westbastion an, die Bank im Mauerschatten mit Blick auf den Turm. Irgendwann muss ich hier schon einmal gezeichnet haben; die Suchfunktion lässt mich im Stich und straft die Legende Lügen, ich könnte mich an alles erinnern, das den Weg in meine Skizzenbücher gefunden hat.


Vor Gericht

Der Schweriner Demmlerplatz liegt am nördlichen Rand der heutigen Innenstadt. In früheren Jahrhunderten befand sich auf diesem Hügel die „Königsbreite“, ein Richtplatz, weit außerhalb der Altstadt. Mecklenburg industrialisierte sich langsam, entsprechend gemächlich vergrößerte sich die Stadt. In den fetten Jahren zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg war der Stadtrand bis hier vorgerückt, mit hübschen bürgerlichen Häusern, und 1916 war das Gerichtsgebäude fertig geworden. Ein gewaltiger Kasten, stadtseitig zwischen Neoklassizismus und Art Déco – die Rückseite, die damals auf die Felder hinaus ging, gehörte zum Untersuchungsgefängnis und blieb entsprechend undekoriert.

Seit ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, streife ich diesen Stadtbezirk auf meinem Arbeitsweg und nehme mir immer wieder vor, hier zu zeichnen. Gestern war es endlich soweit, im Kreis der Schweriner Urban Sketchers.

Während einige von uns vor der einschüchternden Präsenz des Gebäudes zu den Stadtvillen flohen, nahm ich es mutig mit dem Eingangsbereich auf. Ein Mäuerchen an einer halb vertrockneten Grünanlage (der Platz liegt abseits aller Durchgangswege und wirkt trotz des angrenzenden Riesenbaus etwas vergessen) lud zum Sitzen ein, es gab sogar Schatten. Später holte ich mir doch noch einen Sonnenbrand und wurde dennoch nicht fertig.

So friemelte ich heute zu Hause an der Fassade weiter und kreiste mit meinen Gedanken um die düstere Geschichte des Ortes: das schöne Gebäude beherbergte nach 1945 ein sowjetisches Militärtribunal und seit Mitte der 50er Jahre die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit samt Untersuchungsgefängnis. (Misstraut den Grünanlagen.) Erst nach 1989 konnten Land- und Amtsgericht wieder an den Ort zurückkehren, das Dokumentationszentrum für die Opfer deutscher Diktaturen erinnert an die Geschichte.


Fachwerk mit Vogelschiss

Seit fast zwei Wochen bin ich wieder zu Hause, und während Wohnung und Wäsche sich wieder in die alte Ordnung gefunden haben, verlieren die Orte entlang des Flusses die ihre schon wieder – jedenfalls in meinem Kopf.

Nienburg, so erinnere ich mich, war die drittletzte Station. Aus meinem Hotel hatte ich einen malerischen Flussblick, unter dem Fenster rauschte ein alter Mühlbach; ich hätte dort sitzen bleiben mögen … Natürlich tat ich das nicht, sondern lief ein bisschen umher auf der Suche nach einem schönen Zeichenblick. Passende Bänke waren nicht zu haben, eine Bordsteinkante unter den Linden auf dem Kirchplatz bot sich als Kompromiss an: Das schiefe und sich gegenseitig stützende Fachwerk lockte.

Es war ein schönes Motiv, der Füller glitt wie von allein über das Papier, als – klatsch! – ein Vogelschiss am Rand meines Blattes landete. Verwerfen? Viel zu schade! Ich wischte das grünliche Malheur weg; der Rest verfärbte sich rasch in ein unauffälliges Braun und ich zeichnete fröhlich weiter. Von der Vogelkolorierung abgesehen, blieb das Bild an dem Abend schwarzweiß – bis zur Farbe mochte ich nicht auf der harten Bordsteinkante sitzen.

Heute war es soweit, dass ich das Zeichenbuch wieder zur Hand nahm, hin und her wendete und – same procedure as every year – überlegte, in welcher Weise ich es abschließen könnte. Manche Bilder bleiben „unfertige“ Erinnerungen nur für mich, andere werden – Vogelschiss hin oder her – noch ein bisschen hübsch gemacht, bevor sie gezeigt werden können.