Fast jeder Tag im Mai

Nulla dies sine linea – kein Tag ohne (Zeichen)-Strich – ist ein alter Wahlspruch von Malern und Zeichnern. Fortwährende Übung erst lässt  hervortreten, was andere dann vielleicht Talent nennen. Übung in einer Disziplin, die unsere ganze Aufmerksamkeit in die Gegenwart holt, wird mit der Zeit mehr als Übung im Sinne von Vorbereitung, sie bekommt ein Eigenleben, das uns bereichert und beschenkt.

Jeder, der einmal versucht hat, sich eine neue Gewohnheit anzutrainieren, weiß um die Schwierigkeiten und Ausreden, um die vielen kleinen Alltagshürden, die sich immer wieder vor das schieben, was wir „eigentlich“ machen wollen. So sind Hilfen willkommen, wie die Aktion „Every Day in May“, bei der jeden Tag ein Zeichenthema vorgegeben wird und die Ergebnisse in einer gemeinsamen Netzgruppe veröffentlicht. Es gibt sie auf Flickr  und auf Facebook .

Ich hatte schon ein paar Anläufe gemacht, bis ich feststellte, dass mich eine vorgegebene Liste von Zeichenobjekten eher einengte als beflügelte, und ich beschloss, für dieses Jahr meine eigenen Maiaktion zu beginnen. Ich nahm mir ein Skizzenbuch mit allerbestem Papier – Stillman&Birn Beta – , in handlichem quadratischem Format und fing am 4.Mai endlich an.

Seitdem habe ich nur einen Tag ausgelassen und noch mehr Hochachtung vor Leuten, die wirklich jeden Tag eine Zeichnung abschließen, wie Jens Hübner oder Shari Blaukopf. Neben der reinen Zeichenübung habe ich daran schon einiges gelernt, z.B. – wieder einmal – wie sehr gutes Material mich beflügelt und wie wohltuend ein begrenztes Format ist.


Die Welt in der Nussschale

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Ein paar Stücke Weihnachtsbaumschmuck. Super5-Tinte mit Wasserfarbe in Stillman&Birn Alpha.

Weihnachtsbäume sind, mehr noch als andere Dinge, Hologramme, Familien- und Weltgeschichte in der Nussschale:

Eine silberfarbene Kugel, deren Metallschicht sich in Krakelüren vom Glas löst, die kostbar perlmuttig schimmert, kein shabby chic, sondern vermutlich an die 80 Jahre alt, ein ganzer Kasten solcher Kugeln schlief einen langen Weihnachtskugelschlaf, aus dem sie der Umstand erweckte, dass dieses Jahr keine roten Kugeln an den Baum sollten.

Ein rotes Wachsherz mit Christkind, katholischer Kitsch, von philippinischen Nonnen in einem Benediktinerinnenkloster in Oberfranken gefertigt, einem stillen und unsagbar friedlichen Ort …

Elektrische Kerzen. Schon mein Großvater, Freigeist und dem Fortschritt zugetan, erwarb Ende der 20er Jahre welche von Osram, die gingen irgendwann in den 80ern kaputt, seitdem sind es diese, Made in Western Germany vor der Globalisierung; vermutlich waren sie in der DDR knapp.

Genau so knapp wie die doch in Thüringen hergestellten Weihnachtskugeln, weshalb meine Mutter in den 80ern welche aus Polen mitbrachte, bonbonfarben mit weißem Dekor, doch die goldgelbe passt noch heute ins Bild und zu dem kürzlich erst angeschafften Vogel; Vögel auf dem Baum mochte ich immer gern, nur hatten die alten alle ihre Glasfaserschwänze verloren.

Eine schöne Eröffnung für ein neues Skizzenbuch, Stillman&Birn Alpha, das alte hat noch ein paar Seiten, die werden wohl leer bleiben, und gleich musste auch noch der neue superfeine japanische Pilot Prera Füller ausprobiert werden. Die Welt in der Nussschale …

 


Füller mit Vergangenheit

Vor einigen Tagen bekam ich eine Anregung, meine Zeichenmaterialien abzubilden. Und da ich mich in den letzten Wochen immer mal wieder mit Füllfederhaltern beschäftigt hatte, erhielten die auch den ersten Auftritt. Dabei zeichne ich – nach einigem Probieren – nur mit einem von den vier abgebildeten, auf dem Bild hat er die Nummer 4. Es ist ein Lamy Joy, ein Kalligraphie-Füller, den es mit mehreren Federbreiten gibt. Gefüllt ist er mit SUPER5-Tinte in grau.

Die anderen sind Erinnerungsstücke, Nummer 1 und 2 echte Montblancs aus den 50er Jahren. Sie erzählen Familiengeschichte, haben, wie man früher vielleicht von einer Dame gesagt hätte, „eine Vergangenheit“. Sie sind Jahre, ja Jahrzehnte benutzt worden, und als ich sie bei meinen Füllhalterrecherchen wiederfand, habe ich sie auch ausprobiert, zum Glück waren sie nicht eingetrocknet. Großer Name hin und her – mir lagen sie nicht gut in der Hand, zu zierlich, zu leicht … Als ich sie gezeichnet habe, konnte ich noch einmal ihre zeitlose Eleganz bewundern.

Nummer 3 ist in gewisser Weise das Gegenteil der beiden kapriziösen Schönheiten, ein großes schweres Teil aus massivem Messing mit Wurzelholzdekor – vermutlich ein protziges Werbegeschenk aus den 90ern. Es ist auch ein Markenfüller, ein Waterman, mit sattem, gleichmäßigen Tintenfluss, doch für unterwegs viel zu schwer.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.

Vier Füllfederhalter, die beiden ältesten über sechzig Jahre alt, gezeichnet mit dem jüngsten und koloriert mit Wasserfarbe.


Der Trost der Dinge

Gestern in Berlin ergab sich auf der Rückreise aus Thüringen die erfreuliche Möglichkeit, mit einigen der Berliner Urban Sketcher in der Marheineke-Markthalle gemeinsam zu zeichnen. Nach zehn Tagen Stille und Wanderung fiel es mir nicht ganz leicht, mich auf das Stadtgewusel einzulassen, am Ende half es mir, einen schönen, nützlichen und, wie ich finde, etwas geheimnisvollen Gegenstand zu zeichnen – der Trost der Dinge.

Espressomaschine in einer Berliner Kaffeebar

Espressomaschine in einer Berliner Kaffeebar