Berlin, Berlin (Teil 2)
Veröffentlicht: 7. September 2023 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Berlin, Garten, Kirche Hinterlasse einen KommentarBerlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern
John F. und die Gropiuslerchen, 1987
Für den Sonnabend stand die Mauergedenkstätte Bernauer Straße auf meinem Programm. Vor einiger Zeit war ich mal mit der Straßenbahn dort entlang gefahren, hatte das Areal kurz wahrgenommen, war aber nicht ausgestiegen. Jetzt erfuhr ich, dass es nur noch wenige Stellen im Berliner Stadtgebiet gibt, in denen Reste der Grenzanlagen (die „Mauer“ war nur ein Teil davon) erhalten sind.

Ich saß im Schatten eines der noch jungen Bäume, links von mir die Bernauer Straße, unspektakulär, Straßenbahn in der Mitte, auf der anderen Seite ein typischer Westberliner Bau aus den 70ern oder 80ern. Rechts von mir eine lange Reihe von übermannshohen Eisenstäben, den Verlauf der Mauer nachzeichnend, ein Stück weiter ein Stück originaler Beton. Hinter den Stäben – die so locker gesetzt sind, dass man durch sie hindurchgehen kann – und der Mauer eine Parkanlage auf dem Gelände, das einmal der „Todesstreifen“ war.
Die meisten Besucher und Besucherinnen waren jung, so jung, dass sie in Zeiten des geteilten Berlins noch nicht geboren waren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, die Stadt Berlin (und ganz Deutschland) nur als Ganzes kennengelernt zu haben. Ich selbst war anderthalb Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde; viele der Erinnerungen aus meiner frühen Oranienburger Kindheit haben mit der Erschütterung und dem Schmerz der Erwachsenen zu tun, denen ein ganzer familiärer Hintergrund abgetrennt worden war.
Als ich mit der Zeichnung fertig war, folgte ich weiter der Straße. Es gibt ein Dokumentationszentrum, das ich nur streifte, um mich der „Kapelle der Versöhnung“ zuzuwenden.

Dort, wo jetzt dieses Kapelle steht, im ehemaligen Todesstreifen, befand sich eine Kirche. Dass sie nach 1961 nicht mehr genutzt werden durfte, versteht sich von selbst; 1985 wurde sie gesprengt. Bald nach der Wende begann man mit dem Wiederaufbau als „Kapelle der Versöhnung„ – glücklicherweise nicht im preußischen Pseudokulissenstil. Hier hätte lange genug viel zu viel Beton gestanden, als dass man diesen Baustoff noch gern gesehen hätte – man entschied sich für einen ovalen Baukörper aus Stampflehm, verkleidet mit einem lichten Holzgitter.
Hinter der Kirche gibt es einen Gemeinschaftsgarten, und in den setzte ich mich, etwas stadt- und pflastermüde, und versuchte diesen so seltsamen wie nährenden Ort aufs Papier zu bringen.
Berlin, Berlin (Teil 1)
Veröffentlicht: 4. September 2023 Abgelegt unter: Mixed Media, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Bahnhof, Berlin, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarZeichnen macht glücklich, das wissen alle, die es gelegentlich praktizieren. Wie glücklich es macht, mit tausend anderen gemeinsam zu zeichnen, durfte ich am letzten Wochenende beim Deutschlandtreffen der Urban Sketchers in Berlin erleben. Die Bewegung der Urban Sketchers entstand 2007 in Seattle als Antwort auf die zunehmende Digitalisierung künstlerischen Arbeitens. Das wichtigste Grundprinzip ist das Zeichnen vor Ort als Gegenentwurf zum Arbeiten nach Fotografie – Authentizität. Die ersten Urban Sketchers waren Profikünstler, Gerichts- und Pressezeichner; bald entwickelte sich daraus eine weltweite Bewegung, an der auch viele künstlerische Laien teilhaben.
Zu den „Ritualen“ des Urban Sketchings zählt das gemeinsame Zeichnen – in kleinen Gruppen am Heimatort und auf großen, z.T. internationalen Festivals. Menschen ziehen gemeinsam los, zeichnen jedeR für sich das gleiche Motiv und sitzen danach gern noch zusammen, um ihre Bilder anzusehen, bevor sie in sozialen Medien ausgestellt werden.
Wie immer bei solchen erfolgreichen Bewegungen ist damit eine gewisse Kommerzialisierung verbunden. Die großen Farb- und Papierhersteller haben neue Materialien entwickelt und die Stadtzeichner als Multiplikatoren entdeckt; Profikünstler bieten Ihre Kurse an … Die Berliner Gruppe ging dieses Jahr einen anderen Weg, „zurück zu den Wurzeln“: kostenfreie Teilnahme, (fast) keine Sponsoren, keine Workshops, dafür ein beispielloses ehrenamtliches Engagement. Am Ende hatten sich an die tausend Leute angemeldet, die in Gruppen von 20 – 30 Personen zu interessanten Orten in der Stadt geführt wurden.
Die Zeichenspaziergänge wurden ausgelost. Am ersten Tag, am Freitag, fand ich mich auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs wieder. Es ist ein disparater Ort, eine offene Wunde in der schönen Oberfläche der Großstadt. Der ehemals größte Bahnhof Berlins war in Bombenkrieg und Häuserkämpfen schwer beschädigt worden; in der zunehmenden Abriegelung der Stadt ab der Blockade von 1948 erschien sein Weiterbetrieb nicht mehr wirtschaftlich, Ende der 50er Jahre wurde er gegen den Widerstand der Berliner Bevölkerung gesprengt. Lediglich der Portikus der Eingangshalle blieb erhalten, eingebettet in eine rudimentäre Parkanlage mit einem Schotterplatz und etwas Grün, frequentiert von Obdachlosen.

Die Zeichnung wurde dann auch etwas ruppig mit ihrem Blick auf die Reste des Gebäudes am rechten Bildrand und die Paläste des neuen Potsdamer Platzes im Hintergrund.
Der Weg führte weiter durch einen kleinen innerstädtischen Urwald, der die ehemaligen Gleisanlagen überwuchert, vorbei am Technikmuseum (die meisten Leute zeichneten das Flugzeug auf dem Dach) und unter der Hochbahnstrecke des Bahnhofs Gleisdreieck hindurch. Hier fand ich mein zweites Motiv. Inzwischen ein bisschen „eingezeichnet“, widmete ich mich akribisch der Hochbahnkonstruktion aus dem 19.Jahrhundert und ihrem Kontrast zu dem Backsteinbau mit dem Flügelrad am runden Giebel.

Eine gute Stunde saß ich dort, die genügte, um die Struktur des Motivs zu erfassen, Schatten und Schraffur ergänzte ich heute zu Hause, Stoff für eine beliebte Diskussion unter Urban Sketchers: mit wieviel Nacharbeit ist ein Bild noch authentisch?
Schwerin
Veröffentlicht: 29. August 2023 Abgelegt unter: #uskschwerin, Urban Sketching | Tags: Auto, Schwerin, Urban Sketching Hinterlasse einen KommentarSeit ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, gehe ich weniger spazieren. Und sehe weniger von der Stadt. Da braucht es erst Besucher aus Berlin, Hamburg und München, um mir die Augen zu öffnen.

Letzten Mittwoch war das, ich hatte mir den Nachmittag frei genommen und saß mit den Gästen zuerst am Schelfmarkt. Unter den vielen möglichen Blicken wählte ich einen mit angenehmer Sitzgelegenheit im Schatten; das blaue Auto kam mir gerade recht.

Danach erst, als die Tagestouristen schon allmählich aufbrachen, ging es Richtung Schloss. Zielsicher steuerte ich die Westbastion an, die Bank im Mauerschatten mit Blick auf den Turm. Irgendwann muss ich hier schon einmal gezeichnet haben; die Suchfunktion lässt mich im Stich und straft die Legende Lügen, ich könnte mich an alles erinnern, das den Weg in meine Skizzenbücher gefunden hat.
Mit Pinsel und Klöpfel
Veröffentlicht: 6. August 2023 Abgelegt unter: visuelles Tagebuch | Tags: Bellin, Obst 2 KommentareVergangenes Wochenende habe ich mich am Formen von Holz versucht. Drei Tage lang stand ich mit Klöpfel und Stemmeisen an einer von sieben kleinen Werkbänken, die der Holzbildhauer Yves Rasch unter der großen Linde in Bellin aufgebaut hatte. Ziel war es, eine Schale zu schaffen.
Mir, ungewohnt in Handarbeit, wurde es zeitweilig schwerer als erwartet; gern nahm ich in der Pause statt des Klöpfels Pinsel und Stift in die Hand.

Am Sonntagnachmittag war meine Schale so fertig, wie sie eben war, mit Werkzeugspuren und unpoliert nahm ich sie mit nach Hause. In der Wohnung ist jetzt, Anfang August, Schalenzeit: die ganze Fülle des Spätsommers kommt in ihnen zu liegen.

So kam die fast fertige Schale gerade recht, voller Klaräpfel steht sie auf dem Balkontisch.
Vor Gericht
Veröffentlicht: 23. Juli 2023 Abgelegt unter: #uskschwerin, Architektur, Urban Sketching | Tags: Art Déco, DDR, Mecklenburg, Schwerin Hinterlasse einen KommentarDer Schweriner Demmlerplatz liegt am nördlichen Rand der heutigen Innenstadt. In früheren Jahrhunderten befand sich auf diesem Hügel die „Königsbreite“, ein Richtplatz, weit außerhalb der Altstadt. Mecklenburg industrialisierte sich langsam, entsprechend gemächlich vergrößerte sich die Stadt. In den fetten Jahren zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg war der Stadtrand bis hier vorgerückt, mit hübschen bürgerlichen Häusern, und 1916 war das Gerichtsgebäude fertig geworden. Ein gewaltiger Kasten, stadtseitig zwischen Neoklassizismus und Art Déco – die Rückseite, die damals auf die Felder hinaus ging, gehörte zum Untersuchungsgefängnis und blieb entsprechend undekoriert.
Seit ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, streife ich diesen Stadtbezirk auf meinem Arbeitsweg und nehme mir immer wieder vor, hier zu zeichnen. Gestern war es endlich soweit, im Kreis der Schweriner Urban Sketchers.

Während einige von uns vor der einschüchternden Präsenz des Gebäudes zu den Stadtvillen flohen, nahm ich es mutig mit dem Eingangsbereich auf. Ein Mäuerchen an einer halb vertrockneten Grünanlage (der Platz liegt abseits aller Durchgangswege und wirkt trotz des angrenzenden Riesenbaus etwas vergessen) lud zum Sitzen ein, es gab sogar Schatten. Später holte ich mir doch noch einen Sonnenbrand und wurde dennoch nicht fertig.
So friemelte ich heute zu Hause an der Fassade weiter und kreiste mit meinen Gedanken um die düstere Geschichte des Ortes: das schöne Gebäude beherbergte nach 1945 ein sowjetisches Militärtribunal und seit Mitte der 50er Jahre die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit samt Untersuchungsgefängnis. (Misstraut den Grünanlagen.) Erst nach 1989 konnten Land- und Amtsgericht wieder an den Ort zurückkehren, das Dokumentationszentrum für die Opfer deutscher Diktaturen erinnert an die Geschichte.
Schwarze Königskerze
Veröffentlicht: 5. Juli 2023 Abgelegt unter: Botanische Malerei | Tags: Pflanzen 2 KommentareAls ich vor zehn Tagen mit zwei anderen Zeichnerinnen im mecklenburgischen Bellin war, habe ich natürlich auch Pflanzen gezeichnet – dazu waren wir hingefahren. Ich hatte den Wunsch nach der Kontemplation, die aus der Präzision entsteht und so verzichtete ich sogar auf Farbe.

Eine Schwarze Königskerze, Verbascum nigrum, hatte es mir angetan; ich fertigte zwei Bleistiftstudien von ihr. Heute zweifelte ich noch einmal, ob sie nicht doch ein bisschen Farbe … Nein, ich blieb ganz puristisch beim Bleistift, ergänzte nach Foto heute nur noch ein paar Schatten und Tiefen.
Ein Traktor namens Belarus
Veröffentlicht: 28. Juni 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Ink&Wash | Tags: Auto Ein KommentarLetztes Wochenende war ich mal wieder im mecklenburgischen Dörfchen Bellin. Pflanzenstudien standen auf dem Programm, eine dankbare Aufgabe zu Mittsommer. Wir waren zu dritt und erfreuten uns an Mohn und Johanniskraut, an Königskerze und Natternkopf. Doch mein Favorit war, ich gebe es zu, der Traktor am Wiesenrand. Noch bevor ich am Freitag Nachmittag das Haus betrat, nahm ich mir vor, ihn zu zeichnen.

Nachdem ich mich den ganzen Sonnabend über mit herzöffnender Akribie einer Königskerze gewidmet hatte, war am Sonntag der Traktor dran. Voller Rost und sichtlich in die Jahre gekommen stand er da, der angehängte Heuwender war deutlich jüngeren Datums. Die Schrift über dem Kühler war kaum mehr zu erkennen:
„Беларyсь“.
Ein Traktor sowjetischer Bauart, produziert von ca. 1965 bis 1985, ein Oldtimer mittlerweile, vielleicht nur wenig jünger als ich. Das Land, nach dem er benannt worden war, existierte zur Zeit seiner Produktion nur als Sowjetrepublik – auch das ist schon lange her.
Nachtrag mit Postkarten
Veröffentlicht: 3. Juni 2023 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Werra-Weser 2023 | Tags: Burg, Fachwerk, Kloster, Mittelweser, Oberweser, Romanik 2 KommentareDieses Jahr hatte ich wieder einige Aquarellpostkarten im Reisegepäck, daher folgt nach dem Verdener Abschluss noch einen Nachtrag. Auf Postkarten zu zeichnen lockert die Hand, das kleine Format verhilft zur Großzügigkeit. Besonders Rasten laden dazu ein, zufällige Orte am Weg. Koloriert werden sie meist nicht gleich und noch später – oder nie – abgeschickt.

Burg Polle an der Oberweser war ein solcher Ort. Eine Bank an einer Fähre, ein heiterer Sonntag voller Ausflügler … Kaum kann man sich vorstellen, dass die Burg, Ruine seit dem Dreißigjährigen Krieg, in der sogenannten Eversteiner Fehde von 13.000 Mann belagert worden war.
Der nächste Tag war trüb und kühl und zudem ein Montag, an dem alles geschlossen hatte. So konnte ich mir die Klosterkirche in Kemnade bei Bodenwerder nur von außen ansehen. Die Region ist überzogen mit einem Netz von Klöstern und Stiftskirchen romanischen Ursprungs in sehr unterschiedlichen Erhaltungsgraden.


Stift Fischbeck ist hervorragend erhalten und immer noch von (evangelischen) Stiftsdamen bewohnt. Daher ist nur die Kirche öffentlich zugänglich. Handwerker hatten eine Gartenpforte offen gelassen, so dass ich wenigstens einen Blick in die schönen Gärten unter alten Bäumen werfen konnte, doch zum Zeichnen mochte ich mich nicht niederlassen. Das Kircheninnere ist neoromanisch ausgemalt und wirkte auf mich unruhig und düster, auch ein riesiger Reichsadler samt Hohenzollernwappen an der Decke lud mich nicht zum Bleiben ein. So versuchte ich mich an einer Außenansicht der Apsis, die gerade restauriert wird. Erst beim Zeichnen merkte ich, dass bei einer der Umbauten ein barockes Fenster hineingebrochen worden war.
An diesem Tag war die Strecke teilweise wenig attraktiv gewesen, Kiestagebaue schoben sich zwischen Fluß und Weg. Um so schöner war es, im Estorfer „Scheunenwald“ zu rasten. Der Bau der Scheunen im Wald diente dem Brandschutz; man findet solche Anlagen in der Region noch an einigen Orten. In Estorf kümmert sich ein Verein um die erhaltenen Gebäude.


Am letzten Radtag, kurz vor Verden, hielt ich eine lange Rast auf einem Friedhof. Es war ein freundlicher Ort, der mauerlos in Wald und Wiese überging, unter einer alten Linde stand eine Bank; der Blick ging durch die allgegenwärtigen Weißdornhecken hindurch ins Freie.
Dieser Blick – ins Freie, ins offene Land – er ist wieder da, wenn ich diese Bilder noch einmal ansehe, ich höre noch einmal den Klang der Stille in den alten Dörfern, das Herz wird mir weit und die Zeichenhand freut sich auf die nächsten Bilder …
Verden an der Aller
Veröffentlicht: 1. Juni 2023 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Werra-Weser 2023 | Tags: Dom, Mittelweser, Romanik, Taufstein, Weserradweg Ein KommentarBald nachdem ich angefangen hatte meine Tour zu planen, wusste ich, dass sie in Verden enden sollte. Mit etwas Nachdruck hätte ich es bis Bremen schaffen können, doch wer will nach drei Wochen unter freiem Himmel schon in eine Großstadt?
Nähert man sich der Stadt von der Flussseite, hat man den Eindruck, ins frühe 19.Jahrhundert zu reisen: keine Vorstadt verstellt den Blick auf die alte Stadtsilhouette mit ihren Türmen und Kirchen, aus denen wuchtig und mächtig der Dom hervorragt.
Ich hatte mir noch einen Abschiedstag in Verden gegönnt, so konnte ich es langsam angehen lassen. Es war kalt und windig geworden, zwischendurch regnete es immer mal kräftig, so dass ich mich lange im Dom aufhielt. Der Verdener Dom, der von außen massig aussieht, ist innen hell und licht und weit. Im 19.Jahrhundert wurde er neugotisch umgestaltet; in den 1960er Jahren kam bei der letzten Renovierung eine ungewöhnliche Farbfassung dazu – cremefarbene Wände und eine dunkelrote Decke. Moderne Glasfenster in warmen Farben sorgen für eine heitere, erhebende Lichtstimmung.

Doch was zeichnet man an einem solchen Ort? Ein gotischer Raumeindruck überfordert schnell die Möglichkeiten eines kleinen Skizzenbuches, im Kreuzgang war es kalt und windig … und der Chorraum mit Taufstein und Altar von einer Kordel abgesperrt. Am Ende hoffte ich auf den Zeichnerbonus und umging die Absperrung (nicht ohne mich an einer Dame zu stören, die es mir bald darauf gleichtat und allem heiligen Gerät mit ihrem Handy zu Leibe rückte.)
Dann aber wurde es still und ich konnte in aller Ruhe den schön verzierten alten Stein zeichnen.

Am Abend – noch immer segelten hochgetürmte Wolken über den Himmel – radelte ich noch einmal vor die Stadt, um die wunderbar altmodische Stadtansicht in der Abendsonne zu zeichnen. Am nächsten Tag würde ich mich durch das Vorfeiertagsgedränge in Richtung Schwerin aufmachen:
Man sah es den Wegen im Abendlicht an, dass es Heimwege waren.
Robert Walser
Fachwerk mit Vogelschiss
Veröffentlicht: 29. Mai 2023 Abgelegt unter: Reiseskizzen, Urban Sketching, Werra-Weser 2023 | Tags: Fachwerk, Mittelweser, Weserradweg Ein KommentarSeit fast zwei Wochen bin ich wieder zu Hause, und während Wohnung und Wäsche sich wieder in die alte Ordnung gefunden haben, verlieren die Orte entlang des Flusses die ihre schon wieder – jedenfalls in meinem Kopf.
Nienburg, so erinnere ich mich, war die drittletzte Station. Aus meinem Hotel hatte ich einen malerischen Flussblick, unter dem Fenster rauschte ein alter Mühlbach; ich hätte dort sitzen bleiben mögen … Natürlich tat ich das nicht, sondern lief ein bisschen umher auf der Suche nach einem schönen Zeichenblick. Passende Bänke waren nicht zu haben, eine Bordsteinkante unter den Linden auf dem Kirchplatz bot sich als Kompromiss an: Das schiefe und sich gegenseitig stützende Fachwerk lockte.

Es war ein schönes Motiv, der Füller glitt wie von allein über das Papier, als – klatsch! – ein Vogelschiss am Rand meines Blattes landete. Verwerfen? Viel zu schade! Ich wischte das grünliche Malheur weg; der Rest verfärbte sich rasch in ein unauffälliges Braun und ich zeichnete fröhlich weiter. Von der Vogelkolorierung abgesehen, blieb das Bild an dem Abend schwarzweiß – bis zur Farbe mochte ich nicht auf der harten Bordsteinkante sitzen.
Heute war es soweit, dass ich das Zeichenbuch wieder zur Hand nahm, hin und her wendete und – same procedure as every year – überlegte, in welcher Weise ich es abschließen könnte. Manche Bilder bleiben „unfertige“ Erinnerungen nur für mich, andere werden – Vogelschiss hin oder her – noch ein bisschen hübsch gemacht, bevor sie gezeigt werden können.
