Samurai
Veröffentlicht: 3. November 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2022 | Tags: Berlin, Japan, Ritter Hinterlasse einen KommentarInzwischen bin ich in Berlin angekommen. Wie immer fiel es mir schwer, mich auf die Großstadt mit ihrem Gewimmel einzulassen, nach so langer Zeit unter freiem Himmel und mit vorwiegend mir selbst als Gesellschaft. Aus der unendliche Zahl an Möglichkeiten entschied ich mich für das Samurai–Museum, das erst kürzlich aus einer Privatsammlung entstanden ist.

Ich war überwältigt von der schieren Zahl der doch so sehr fremdartigen Exponate und von ihrer großzügigen und eindrucksvollen Präsentation. Nachdem ich mich etwas eingesehen hatte, entschloss ich mich, die lebensgroß und sehr realistisch dargestellten Kriegerfiguren zu zeichnen, dazu noch eine Rüstung mit einem gigantischen Halbmond auf dem Helm.
Konnte man mit so einem Teil auf dem Kopf noch kämpfen? Oder war das ein Dekor-Helm für Turniere, wie es sie in Europa auch gab? (Auch bei gehörnten Tieren beendet die Natur irgendwann das Größenwachstum.)
Die Ausstellung, obschon reich kommentiert, ließ bei mir viele Fragen offen, nach den Bildern von Männlichkeit in verschiedenen Kulturen, nach Unterschieden und Ähnlichkeiten zu unseren europäischen Ritteridealen (und nach der Wirklichkeit dahinter) und natürlich immer wieder nach dem, wonach Brechts lesender Arbeiter schon fragte:
… Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?Jede Seite ein Sieg.
Bertolt Brecht „Fragen eines lesenden Arbeiters“
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen? …
Die Stimme aus dem Kuchenbaum
Veröffentlicht: 1. November 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Botanische Malerei, Herbstreise 2022, Pflanzen, Reiseskizzen | Tags: China, Japan, Park, Pflanzen, Potsdam Hinterlasse einen KommentarVon Stendal war ich nach Tangermünde gefahren und von dort – wieder einmal die Elbe querend – über Jerichow Richtung Havel. An der Havel entlang radelte ich über Brandenburg nach Potsdam, in meine alte Heimatstadt. Hier legte ich einen Pausentag ein.
Wie immer führte mich mein Weg in den Park Sanssouci, den ich nun seit unglaublichen 58 Jahren kenne und kaum ein Jahr zu besuchen versäumt habe. Ich war etwas zerknittert, eine kurze Nacht steckte mir noch in den Knochen und mein erster Bildversuch – ein neuromanisches Portal am Kreuzgang der Friedenskirche – gelang nur mäßig. Ich brach den Versuch ab und radelte zum Chinesischen Teehaus.
Mein Ziel war der Japanische Kuchenbaum, Cercidiphyllum japonicum, der unscheinbar in einem Gehölz neben dem Pavillon wächst. Im Herbst verbreiten seine gilbenden Blätter einen süßen Duft nach Zuckerwatte oder frisch gebackenem Kuchen, der intensiv das ganze Areal erfüllte.

Ich sammelte einige Blätter ein – noch grüne, mit einem Stich ins Bläuliche, gelbe mit tiefbraunem Rand (als Kind fand ich immer, sie sähen aus wie eine Scheibe Rührkuchen mit Schokoladenguss) und schon ganz und gar gebräunte vom Boden. (Sie würden mit ihrem Duft noch den ganzen Abend lang mein Hotelzimmer erfüllen.)
Als ich noch dabei war, hörte ich eine hallende weibliche Lautsprechstimme, die direkt aus den Büschen zu kommen schien: „Bitte übersteigen sie NICHT die Absperrung, die Parkaufsicht wird informiert…“ Es folgte eine Erklärung über die Empfindlichkeit der Vergoldungen an den Plastiken um das Haus und eine Wiederholung auf Englisch. Als erstes schaute ich auf meine Füße: nein, ich hatte bei meiner Blättersuche keine Absperrung überschritten, vermutlich hatte sich das Geschehen auf der anderen Seite des Hauses abgespielt.
Woher kam mir die Sache mit der Stimme bekannt vor? Als ich das letzte Mal hier gewesen war, hatte ein Wachmann aus Fleisch und Blut weniger surreal und deutlich unfreundlicher für Ordnung gesorgt. Und da war noch etwas … Erst als ich am Abend im Hotel die Blätter zeichnete, erinnerte ich mich an den Film „Die Tribute von Panem“, in dem die in idyllischer Landschaft auf Leben und Tod kämpfenden Protagonisten von eben solchen Stimmen dirigiert werden …
Intermezzo: Stendal
Veröffentlicht: 29. Oktober 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2022, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Altmark, Backstein, Backsteingotik, Dom, Gotik, Mittelalter, Pilgerweg Hinterlasse einen KommentarAuf dem Weg nach Tangermünde hatte ich ein paar Stunden in Stendal eingeplant. Es war Montag (also schon wieder ein paar Tage her), grau, kühl und windig. (Bald würde ich mich über Sonne von vorn beklagen …) Am Markt rüttelte ich vergeblich an der Tür der Marienkirche. Als ich mich schon zum Gehen wenden wollte, kam eine Küsterin und es gelang mir, mit hineinzuschlüpfen.
Sofort fiel mir das mittelalterliche Taufbecken auf. Es ist mit wunderbar ausgeführten Heiligenfiguren geschmückt – „die weiblichen Heiligen größer dargestellt als die Männer!“ erklärte mir die Küsterin strahlend. Als erstes fielen mir die Füße des Gefäßes auf. Sie symbolisieren die vier Evangelisten in den seit der Antike üblichen Symbolen: Mensch, Stier, Löwe und Adler. Meist werden sie, einer biblischen Vision folgend, als geflügelte Wesen dargestellt. Hier aber waren die drei Tiere als Menschen mit Tierköpfen dargestellt, was ausgesprochen seltsam anmutete, für uns heutige vielleicht wie eine Kinderbuchillustration. Gezeichnet habe ich den „Stier“.

Danach setzte ich mich auf den Marktplatz und zeichnete mit zügigen und nach einwöchiger Reise langsam sicher gewordenen Strichen die Kirche.
Auch den Stendaler Dom sah ich mir noch an und saß lange im Chor, der mit vollständig erhaltenen mittelalterlichen Buntglasfenstern versehen ist. Man sieht das heute nur noch selten, oft sind nur Fragmente oder einzelne Fenster verglast, was die Wirkung mindert. Hier war der Raumeindruck ein überwältigender – Edelsteinlicht, zeichnerisch nicht zu erfassen.
An einem Sonntag im Oktober …
Veröffentlicht: 25. Oktober 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2022, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Backsteingotik, Elbe, Gotik, Pilgerweg 2 Kommentare…, vorgestern, machte ich gemeinsam mit einer Freundin einen Abstecher nach Werben. Werben ist ein Städtchen am Elbdeich, wenige Kilometer von Havelberg entfernt am westlichen Ufer. Werben ist mit – immerhin! – etwas über tausend Einwohnern die kleinste aller Hansestädte.
Natürlich war es auch hier still, die Lebensader Elbradweg ist Ende Oktober fast versiegt. Ziehende Gänse und streitende Spatzen gab es weit mehr als Menschen, ab und zu schlich eine Katze über die Hofmauern. (Wie laut muss es vor hundertfünfzig Jahren an einem solchen Ort zugegangen sein, als noch Hühner gackerten, Schweine grunzten und der Schmied seinen Amboss schlug.)

Nach dem Elbtor wandten wir uns der Kirche zu, einem im Vergleich mit der Überschaubarkeit des Ortes riesigen Bau, einer reich mit Maßwerkziegeln verzierten gotischen Hallenkirche. In Werben war die Johanniter-Verwaltung für ganz Norddeutschland ansässig – ihr unterstand also auch die Komturei in Kraak, wo ich am ersten Reisetag den Glockenstuhl gezeichnet hatte. Auch der Pilgerweg nach Wilsnack führte über Werben.

Leider war die Kirche erst einmal verschlossen. Wir wendeten ihr den Rücken zu und zeichneten die schönste aller schönen Werbener Türen. Daran friemelten wir lange, und als noch jemand öffnete, hörten wir auf unsere knurrenden Mägen und fingen keine Zeichnung mehr an …
Havelberg
Veröffentlicht: 23. Oktober 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2022 | Tags: Brandenburg, Gotik, Havel, Pilgerweg, Romanik Ein KommentarDer Havelberger Dom ist ein großer kompakter Bau, der machtvoll und abweisend auf dem Steilufer der Havel steht, flussseitig weithin sichtbar. Es ist kein spiritueller, sondern ein politischer Ort, ein Brückenkopf an der Grenze zwischen christlich und heidnisch, zwischen „West“ und „Ost“.
Im Innern wurde ich von Stille und romanischer Düsternis empfangen, aus der heraus kostbare Glasfenster leuchteten. Doch weder die Fenster noch der reich geschmückte gotische Lettner luden mich zum Bleiben ein, sondern der Kreuzgang. Hier verband sich das Bergende der Mauern mit dem Tageslicht, das vom letzten Grün einer alten Linde gefiltert wurde.


Am nächsten Tag war vor der Abfahrt Zeit und Gelegenheit für eine lockere Skizze des Doms von außen.
Wilsnackfahrt
Veröffentlicht: 21. Oktober 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Herbstreise 2022, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Backsteingotik, Gotik, Mittelalter, Pilgerweg, Renaissance, Urban Sketching, Wallfahrtskirche 2 KommentareEin jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.
Prediger 3,1
Nach zwei geruhsamen Fahrradtagen entlang der Elbe verbrachte ich einen Tag in Bad Wilsnack. Bahnfahrende kennen den Ort als Station an der Regionalstrecke Berlin-Schwerin, aber sonst? Wer weiß schon, dass Wilsnack im ausgehenden Mittelalter ein Pilgerort von überregionaler, ja internationaler Bedeutung war? In Nordeuropa war es einhundertfünfzig Jahre lang Santiago ebenbürtig.
Verehrt wurde nicht der Heilige Jakobus, sondern ein sogenanntes Blutwunder. Das Dorf Wilsnack war 1383 im Rahmen einer Fehde niedergebrannt worden – eine üble und weit verbreitete Angewohnheit kleinadliger Wichtigtuer. Als man in den Resten der Kirche nach Verwertbarem stocherte, fand man drei unversehrte und blutende Hostien – so geht die Legende. Ob es hier einen bakteriologischen Hintergrund gab oder der Ortspfarrer sich die Geschichte schlichtweg ausgedacht hatte, um dem Wiederaufbau seiner Kirche aufzuhelfen, lässt sich heute nicht mehr klären; erwiesen ist, dass bald diverse Wunder geschahen und und die Angelegenheit schnell an Tempo gewann.
Eine Pilgerfahrt wurde im Mittelalter nicht zu Selbstfindungszwecken unternommen. Meist versuchte man, etwas für sein Seelenheil zu tun – nichts fürchtete der mittelalterliche Mensch so sehr wie die Strafen der Hölle. Durch Pilgern konnte man die Chance auf einen guten Ausgang verbessern. Es war also häufig etwas, das wir heute vielleicht als Buße bezeichnen würden, selbst- oder fremdverordnet. Letzteres kam häufig vor, bei schweren Straftaten wie Totschlag ebenso wie bei Wirtshausrandale oder ähnlichem. Die Pilgerfahrt wurde angeordnet wie heutzutage zwanzig Tagessätze.
Entsprechend ruppig wird es vermutlich in den Pilgergruppen zugegangen sein. (Es gab natürlich auch „ordentliche“ Pilger.) Ein besonderes Phänomen war das „Wilsnacklaufen“, Züge von meist sehr jungen Menschen, die an Massenhysterie denken lassen, an „Kinderkreuzzüge“ und vor allem daran, wie wenig wir über das Mittelalter wissen.

Die Einnahmen aus all dem erlaubten bald den Bau einer neuen schönen Wallfahrtskirche, und als im 15.Jahrhundert zehntausende Pilger kamen, legte man noch einmal nach und erweiterte den Bau noch einmal – bis die Reformation dem Spuk ein Ende machte. Da stand er nun, ein riesiger halbfertiger turmloser Kasten, der erst 1591 mit einem Renaissance-Giebel verschlossen wurde. Bald darauf begann der Dreißigjährige Krieg, an dessen Ende Wilsnack fast entvölkert war.
Im Laufe der Jahrhunderte entsann man sich der Kirche, renovierte und restaurierte nach dem Geschmack der jeweiligen Zeit. Von außen wirkt sie intakt, wenn auch nicht besonders harmonisch; im Innern auf eine angenehme Weise provisorisch. Es gibt in dem riesigen Gebäude mehrere kleine Ausstellungsinseln, Kinderbastelecken, Büchertische; keine Bänke, sondern einfache Veranstaltungsstühle und von denen auch nicht so viele. Ich fühlte mich willkommen geheißen.

In einer Wandnische stehen die Originale einiger alter Statuen von der Außenseite der Kirche, die man durch neue Kopien ersetzt hat. Diese hier rührten mich an: „Christus als Weltenherrscher“ und „Maria Himmelskönigin“, beide verrußt, beschädigt und auf Augenhöhe gebracht – – – Es waren zwei meditative Stunden, die ich vor ihnen zubrachte, im Angesicht ihrer Fragilität und Größe.
Alle Wege sind Pilgerwege
Veröffentlicht: 19. Oktober 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Pflanzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Botanical Art, Mecklenburg, Mittelalter, Pilgerweg, Pilze, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarSind sie das, wirklich? Oder ist dieser Satz von der gleichen popkulturellen Beliebigkeit wie „Der Weg ist das Ziel“?
Im letzten Jahr, auf der großen Wanderung durch die Ostschweiz, habe ich viel darüber nachgedacht, was einen Pilgerweg ausmacht. Die Gegend ist es nicht und nicht einmal das „heilige“ Ziel – doch was ist es dann?
Dieser Herbst bietet mir – aufs Neue – eine Gelegenheit, es herauszubekommen. Nach einigen Umbrüchen im Leben bin ich zum ersten Mal mit dem (Elektro)Fahrrad unterwegs. Es ist ein Unterschied, die Füße nicht mehr auf dem Boden zu haben, die eigene Ausstattung nicht mehr von die Größe eines (möglichst kleinen) Rucksacks dabei zu haben, sondern sich Gedanken um Schlösser und Ladegeräte machen zu müssen.

Der Start konnte schon mal einen Pluspunkt verbuchen: ich bin direkt von zu Hause losgefahren. Nach einem schönen Stillleben-Abend bei einer Freundin in Sülstorf, zwei Dörfer hinter Schwerin, fuhr ich direkt nach Süden. Sülstorf hat eine wunderschöne kleine Dorfkirche, die ich allerdings schon zweimal gezeichnet hatte. Also sah ich mich im nächsten Ort um: typisch für diese Gegend ein turmloses Kirchlein mit freistehendem Glockenstuhl. Dieses Kirchlein gehörte im Mittelalter zu einer Johanniter-Niederlassung, einer sogenannten Komturei (ein Wort, das ziemlich nach Ritterroman klingt, finde ich.)
Es ging weiter durch den Jasnitzer Forst, ein ausgedehntes Waldgebiet, das in diesem Jahr von Pilzen überquillt. Leider konnte ich sie in meinen fest verzurrten Taschen nicht unterbringen, also zeichnete ich einiges von dem, was rund um meinen Rastplatz zu finden war. (Darunter befindet sich der Gasspeicher Kraak, der nicht nur ganz Meckpomm, sondern auch Hamburg versorgt. Das Private ist politisch, sogar im Wald.)

Und das Stillleben vom ersten Abend? Soll auch seinen Platz bekommen. Die Paprika hatte ich zwei Wochen vorher am Strauch gezeichnet, und dort hatten sie sich gut gehalten.

Herbst ohne Leiter
Veröffentlicht: 8. Oktober 2022 Abgelegt unter: Botanische Malerei | Tags: Gemüse, Pilze Hinterlasse einen KommentarWer kennt es nicht, das Lied vom pinselnden Herbst auf der Leiter – und manchmal braucht er die gar nicht. Auf meinem Balkon waren Ende September die zusammen mit den Tomaten gepflanzten Paprika reif geworden – eine besonders robuste Sorte, versprach das Schild, und wirklich konnten ihnen Sturm und Regen wenig anhaben. Nur mit dem Rotwerden ließen sie sich Zeit, doch nun, wo es endlich soweit ist, warten sie in dem kühlen Wetter geduldig darauf, zum Essen an die Reihe zu kommen.

Letzten Sonnabend saßen wir zusammen um meinen Stubentisch, eine kleine zeichnende Gruppe, denn draußen regnete es in Strömen und das Stadtzeichnen musste ausfallen. Einer der beiden Paprika-Töpfe wurde hereingeholt und ich probierte es mit den Inktense-Stiften von Derwent, die, wie man sehen kann, auf dem dunklen Papier wunderbar deckten. Nur die Weißhöhung ist mit der wasserlöslichen Kreide von Art Graf aufgebracht.
In den sandigen Kiefernwäldern südlich von Schwerin „erblühen“ derweil Pilze in allen Farben – hier hat der Herbst sich gebückt. Die Pilzernte war überwältigend, ich konnte wählerisch sein und legte nur potentiell essbare in meinen Korb. Zu Hause wurden die meisten geputzt und nur einige (lange nicht alle) interessante Exemplare behielt ich zum Zeichnen zurück.
Da waren zum ersten zwei Perlpilze, Musterexemplare, die weitgehend heil zu Hause angekommen waren. (Sie sind nicht sehr stabil.) Den Perlpilz, Amanita rubescens, umgibt eine Aura des Gefährlichen, denn der essbare und schmackhafte Pilz hat einen gefährlichen Doppelgänger – den hochgiftigen Pantherpilz. Die Unterscheidung ist nicht schwierig, wenn man darum weiß und daran denkt.

Charakteristisch sind die Rötungen an Druck- und Fraßstellen – „rubescens“ bedeutet rötend – und die wie plissiert aussehende, geriefte Manschette.
Zu meiner Freude hatte ich auch eine Auswahl farbenprächtiger Täublinge einsammeln können. Es gibt weltweit mehrere hundert Täublingsarten, die oft nur unter dem Mikroskop unterschieden werden können. Pilzsammler wissen die „Täublingsregel“ zu schätzen:
Beim Zerkauen kleiner Mengen rohen Pilzfleisches schmecken essbare, in Mitteleuropa heimische Arten der Gattungen Russula, Lactarius und Lactifluus mild, während scharf und/oder bitter schmeckende ungenießbar sind.
Ist das nicht wunderbar? Pilze, die man kosten darf! (Die charakteristischen Merkmale eines Täublings – glatter, brüchiger Stiel, keine Manschette und keine Knolle – sollte man einmal von einem erfahrenen Pilzsammler gezeigt bekommen haben.)

Das Bestimmen der Schönheiten zog sich über den halben Feiertag und ich brauchte noch einige Abende, bis ich die Bilder fertig hatte. Die Pilze trockneten derweil langsam ein, die Sporenproben krümelten vor sich hin und das Ganze begann, einen aromatischen und, nun ja, etwas unanständigen Geruch zu verbreiten.
Nun sind sie eingeräumt und am liebsten würde ich gleich wieder losziehen.
Leporello, mal wieder
Veröffentlicht: 18. September 2022 Abgelegt unter: Alltag, Artist Journal, Dinge, Mixed Media, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Dinge, Leporello, mixed media, Obst, visuelles Tagebuch 4 KommentareVor einigen Wochen sah ich mal wieder einen der hinreißenden Leporellos der Landschaftsarchitektin Martina Offenberg. Sie ist eine großartige Zeichnerin, die ihre Urban Sketches gern auf selbst gestaltete Leporellos zeichnet. Sie bereitet diese Papierstreifen als Collage aus unterschiedlichen Papieren und Stempeln vor, die unterwegs noch weiter ergänzt wird.
So etwas wollte ich auch machen! In vier Wochen habe ich Urlaub, und da wäre es schön, einen selbst gestalteten Leporello as Reisetagebuch mitzunehmen. (An fertig konfektionierten hatte ich schon zwei mal meine Freude gehabt – hier und hier) Ich beschloss einen Probelauf und sichtete meine sich als reichlich erweisenden Papiervorräte. Ich liebe die Resultate solcher Aktionen – wenn andere Leute sie angefertigt haben. Selbst bin ich darin ungeschickt; ich habe Freude an der Haptik der verschiedenen Aquarell- und Bastelpapiere, doch beim Schneiden und Kleben gab es erst einmal eine Menge Ausschuss.
Irgendwann war das Produkt fertig, zusammengeklappt hat es A6-Format. Ich hatte wild darauf los geschnippelt und geklebt, unterschiedlich Papiersorten gemischt, mit Aquarellgrundierung versehen und zusätzlich noch diverse Collage-Elemente vorbereitet.
Als erstes schnitt ich eine kleine Skizze vom Mittagessen bei „Nordsee“ aus einem anderen Skizzenbuch aus und klebte sie ein – sie ist hier nicht zu sehen, nur der Leuchtturm kündet auf dieser Seite davon. Zu sehen sind drei besondere Löffel – am liebsten hätte ich „Eine kleine Geschichte von mir in sieben Löffeln“ erzählt und mich unendlich in den Assoziationen verloren, die die Dinge an unserer Seite auftun. Aber ich beschränkte mich erst einmal auf drei – mit Fortsetzungsoption.

Den „Göffel“ hat eine Freundin liegengelassen. Es ist ein superleichtes superhartes Objekt aus Titan, die Minimalistinnen-Variante des Besteckkastens für den Rucksack. Seltsamer Weise trägt er die Inschrift „Light my Fire“.
Der Suppenlöffel mit dem „Konsum“-Signet entstammt den unendlichen Tiefen der Besteckkiste auf meiner Arbeitsstelle (und ist inzwischen dorthin zurückgekehrt). Ein rauchender Schornstein und eine Sichel ergeben in typisch ostmoderner Ästhetik zusammen ein „K“ wie „Konsum“ (gesprochen Kónsumm) – dem Inbegriff des Lebensmittelgeschäfts in der DDR. (Das interessante Wurzeln in Lebensreform und Sozialdemokratie hat und in einem gemeinwohlorientierten Land wie der Schweiz z.B. als „volg“ überleben konnte.)
Der geschnitzte „Folklore“-Löffel kam durch einen der zahlreichen Osteuropa-Kontakte meiner Mutter in unseren Haushalt und hing viele Jahre als Dekoration in der Küche – mit einer dazu passenden Gabel als Salatbesteck. Ich hätte es gern benutzt, doch es ist klein und unhandlich, so wanderte es in eine Schublade, die „Mein Museum“ heißt und voll ist mit kleinen Dingen, über die ich – irgendwann einmal – schreiben möchte.

Am nächsten Tag saß ich am Schweriner Marienplatz und versuchte mich – gleich mit Füller – an einer kleinen Stadtansicht. Über die Dachsilhouette und ein paar Oberleitungen der Straßenbahn kam ich nicht hinweg, so dass ich das Ganze abends mit drei Äpfeln übermalte.
Das hätte ich vermutlich in einem konventionellen Skizzenbuch nicht getan, doch die Anmutung von Collage, die dem ganzen Projekt eigen ist, machte es möglich. Wie immer nimmt die locker aufgebrachte Grundierung die Angst vor dem leeren Blatt, macht munter und mutig. Es liegt darin auch die Gefahr, Lockerheit mit Schlampigkeit zu verwechseln und die Struktur zu verlieren. So hat mich dieses Probe-Projekt bis heute schon gelehrt, es nicht zu übertreiben mit „Mixed media“, nicht zu viele unterschiedliche Papiersorten und Collageelemente zu verwenden – zumal die einem auf Reisen sowieso in reicher Zahl in Form von Eintrittskarten, Prospekten, Zuckertüten & Co. zufallen.
Am Tag nach den Äpfeln bin ich zu mal wieder zu einer Dorfkirche über Land gefahren: Fortsetzung folgt.




