Die dritte Judith
Veröffentlicht: 8. März 2026 Abgelegt unter: Mixed Media | Tags: Moderne, Museum, Schwerin, Symbolismus Ein KommentarGestern war wieder Museumstag für die Schweriner Urban Sketchers. Einige zeichneten bei dem sonnigen Wetter in der Umgebung draußen, es ist ja das Welterbe-Ensemble und bietet schöne Motive; ich blieb drinnen. Ich wusste auch schon, wen ich zeichnen wollte: die dritte Judith. Oben, in der Renaissance-Abteilung, hatten mich beim letzten Mal zwei sehr unterschiedliche Darstellungen der biblischen Judith mit dem abgeschlagenen Kopf des Heerführers Holofernes in ihren Bann gezogen.
Dieses Mal blieb ich im Erdgeschoss, bei der frühen Moderne. Das düstere Bild des Franz von Stuck wollte nicht recht zu dem hellen Sonnentag passen, war auch nicht ganz ideal beleuchtet, doch ich ließ mich darauf ein.

Im Original sind die Figuren auf dem Bild etwa lebensgroß, der vergoldete Rahmen antikisierend mit kannelierten Säulen. Das Ganze ist eine ziemlich protzige Angelegenheit, die mir auch, anders als meist, unter dem Stift nicht schöner wurde. Eher im Gegenteil – das Ensemble erinnerte mich an gehobene Zeitungsreklame aus der Zeit um den 1.Weltkrieg. (Und wirklich, der Maler, Franz von Stuck, hat auch Sammelbilder für die Schokoladenfirma Stollwerck gemalt.) Geheimnisvoll aus dem Dunkel hervorleuchtende Femmes fatales gehörten zu seinem Standardrepertoire, er hat sie über dreißig Jahre hinweg immer wieder gemalt, mit austauschbaren Gesichtern und Körpern, von Schlangen umwunden oder mit Tierklauen und Fischschwänzen.
Franz von Stuck war für München, was Gustav Klimt für Wien war – ein anfangs progressiver, später gut etablierter Malerfürst mit bester Auftragslage. (Die beiden waren auch etwa gleich alt.) Er porträtierte die Damen der gehobenen Gesellschaft, daneben malte er routiniert Symbolistisches und ließ sich eine Villa bauen, die als Gesamtkunstwerk gilt und heute noch im Originalzustand zu besichtigen ist. (Klimt, man liest es aus meinem Text, ist mir lieber.)
Blumentopf und Femme fatale (Museum zum dritten)
Veröffentlicht: 1. März 2026 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Urban Sketching | Tags: Café, Lübeck, Museum, Renaissance, Schwerin Hinterlasse einen KommentarEnde Januar hatte ich in Lübeck zu tun; wieder einmal zog es mich ins St.-Annen-Museum, denn ich wollte zu Mariä Lichtmess eine Madonna zeichnen. Als ich in der Lübecker Altstadt angekommen war, hatte alles hinter einen sanften Schleier aus feinem fallenden Schnee gelegen, eine verzauberte Stimmung. An der Rückseite der Aegidien-Kirche hatte ich ein gemütliches Café mit großen Fenstern gefunden und war auf einen frisch gerösteten Kaffee und selbstgebackenes Brot eingekehrt.
Das Café war voll; ich fand einen Tisch etwas erhöht im Hintergrund. Mein Blick fiel über eine Zimmerpflanze und zwei Tische durch das Fenster auf die Chorseite der Aegidienkirche. Der kleine Platz, die angrenzenden alten Häuser, alles wurde verschönert vom langsam nachlassenden Schneefall. Als ich mein Skizzenbuch herausholte, erinnerte ich mich an eine Regel fürs Caféhauszeichnen: immer mit dem Vordergrund beginnen!

Gesagt, getan begann ich mit der Zimmerpflanze, die ihren eigenen Willen hatte: Als ich mit ihr fertig war, hatte sich, wie durch Zauberhand, das Blatt schon weitgehend gefüllt. Die Menschen vor dem Fenster konnte ich gerade noch andeuten, der Schneeblick reiste in meinem Herzen nach Hause.
Aus der Madonnenzeichnung im Museum wurde trotz Joseph, Engel, Ochs und Esel nichts Verwertbares, erst eine Woche später stieß ich, nun wieder im Schweriner Museum, auf die nächste interessante Frau: Judith. Das Buch Judith zählt zu den sogenannten Spätschriften des Ersten Testaments der Bibel, es ist, obwohl es eine jüdische Heldinnengeschichte erzählt, nicht in der Sakralsprache Hebräisch verfasst (die bereits damals im Alltag nicht mehr gesprochen wurde), sondern in Griechisch.
Die schöne junge Witwe Judith hatte sich, schön herausgeputzt sexuelle Verfügbarkeit vortäuschend, aus ihrer umzingelten Heimatstadt in das Lager des Feindes begeben. Beim Festmahl gelang es ihr, den Heerführer so mit Wein abzufüllen, dass es nicht zum Vollzug kam, stattdessen nahm sie sein Schwert und schlug dem betrunken eingeschlafenen den Kopf ab (die Entourage hatte sich bereits zurückgezogen). Sie steckte den Kopf in einen Sack und verließ damit, geschützt durch eine List, das Heerlager. Als sie ihren eigenen Leuten den Kopf brachte, fassten die wieder neuen Mut und schafften den Ausfall aus der Belagerung.

Lukas Cranach hat die Judith vielfach gemalt (bzw. von seiner Werkstatt malen lassen), es war ein angesagtes Motiv im kämpferischen 16.Jahrhundert. Seine Judith ist vornehm und ungemein teuer gekleidet, aus dem geschlitzten Oberteil quillt üppig die darunter liegende Stoffschicht, selbst die hautfarbenen Handschuhe, mit denen sie Schwert und Kopf hält, sind mit Schlitzen versehen. Ihr Gesichtsausdruck (den ich bei meiner 14x14cm großen Skizze wohlweislich weggelassen habe) ist kühl und distanziert. Cranach übersetzt das biblische Judithbild einer schönen und mutigen, dabei „ehrbaren“ Frau in seine Zeit.

Einen anderen Akzent setzt Statius von Düren mit seinem 1554 gefertigten Terrakotta-Ziegel. Solche Ziegel wurden mit Modeln in Serie gefertigt und zu Schmuckfriesen zusammengestellt; dieser zierte das alte Schweriner Schloss.
Der Gesichtsausdruck der Judith war vermutlich nie besonders fein gearbeitet und hat die Zeitläufe nicht überlebt; um so erstaunlicher, was der Körper zeigt. Die Frau ist in eine Art frühneuzeitliches Dessous gekleidet. Ein kurzes Jäckchen mit Puffärmeln hat zwei kreisrunde Ausschnitte, die die Brüste freigeben, durch einen weiteren Ausschnitt ist der Bauch sichtbar. Entsprang dieses Kleidungsstück der Fantasie des Künstlers? Oder kannte er dergleichen aus dem Bordell?
Sicher ist, dass seine Judith das verkörpert, was man gemeinhin als „Femme fatale“ bezeichnet. Und bei dieser Rollenzuweisung, Ausdruck einer zunehmenden männlichen Verunsicherung, sollte es in den nächsten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit bleiben.
Römer. Und Rembrandt.
Veröffentlicht: 28. Dezember 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Urban Sketching | Tags: Museum, Schwerin, Urban Sketching Ein KommentarSeit knapp zwei Monaten ist – endlich – das Staatliche Museum in Schwerin wieder geöffnet. Vier Jahre hatte der Umbau gedauert, vier Jahre lang wird es nun freien Eintritt geben. Zahlreiche Schweriner Familien nutzten das Angebot, es war so voll, wie ich es in dem Museum noch nie erlebt hatte.
Allein das Gebäude ist sehenswert und sehr sorgfältig restauriert – worauf schon die Denkmalsschützer ein sorgsames Auge hatten. Alles ist vor sanften Farben auf das Schönste präsentiert und ausgeleuchtet; wo immer es möglich ist, werden die Gemälde durch Plastiken ergänzt. Zu meiner Freude stieß ich gleich in einem der ersten Räume meines Rundgangs auf eine Ansammlung von Abgüssen antiker Köpfe; einer war lapidar mit „Römer“ bezeichnet und stand besonders prägnant im Schlagschatten.

Das Schweriner Museum beherbergt eine der umfangreichsten und geschlossensten Sammlungen niederländischer Malerei in Deutschland – zum großen Kummer aller Beteiligten ist jedoch kein einziges Werk von Rembrandt darunter. (Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Ausstrahlung des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben.)
Da war meine Freude besonders groß, dass zu Ehren der Eröffnung (und im Tausch gegen ein anderes spektakuläres Bild, das Nashorn von Oudry) momentan drei Rembrandts als Leihgabe zu besichtigen sind. Zwei Bilder neben dem Bild von Lievers hängt Rembrandts „Selbstporträt als Apostel Paulus“, ein Altersbild von nachgerade existentieller Präsenz.

Eine glückliche Stunde habe ich dort vor dem Gemälde zugebracht, mit der Betrachtung einer zum Heulen schönen zerfurchten Stirn, einer ebenso liebevollen wie schonungslosen Meditation über die eigene Endlichkeit …
Buchstaben. Und Wasser.
Veröffentlicht: 20. Juli 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Urban Sketching | Tags: Café, Dom, Schwerin Hinterlasse einen KommentarAm Samstag waren die Schweriner Urban Sketchers auf „Typo-Safari“, auf der Jagd nach Beschriftungen, Graffiti, Logos und was man sonst noch aus Buchstaben im öffentlichen Raum machen kann.

Der Ausgangspunkt war ein vertrauter Ort, ein stadtbekanntes Schweriner Café, dessen drei Filialen erst einmal zur Verwirrung über den Treffpunkt sorgten. Es war ein makelloser Moment, an einem Sommervormittag, noch bevor es schwül wurde, dort an einem Tischchen im Schatten sitzen zu dürfen. Ich machte es mir bequem, zeichnete erst nach der einen Seite das Schild einer Buchhandlung, dann nach der anderen das des Cafés – bis mein Blick auf die Mineralwasserflasche vor mir auf dem Tisch fiel. Die Schrift auf der blauen Flasche sprach mich sehr an, wurde beim Abzeichnen Buchstabe für Buchstabe immer schöner. (Leider habe ich die Feinheiten von Proportion und Gestalt bei der Wiedergabe eher verhunzt.) Wirklich: als ich zu Hause nachlas, stellte ich fest, dass es für die Gestaltung der Flasche einen renommierten Designpreis gegeben hatte.
(Und, nein, eine solche blaue Edelwasserflasche zählt nicht zu den Grundbedürfnissen; sie per Verbrennungsmotor aus Italien über die Alpen nach Schwerin zu transportieren, ist eher sittenwidrig als notwendig – auch darüber zu meditieren, war Zeit und Gelegenheit, während ich mich dem edlen Schriftzug widmete …)
Die zweite Etappe führte mich in den Dom. Hier gibt es Schriftzüge in Hülle und Fülle und aus den verschiedensten Jahrhunderten; ich entschied mich für das Schriftband auf dem bronzenen Taufbecken.

Die etwa fünf Zentimeter hohen Buchstaben sind in einem rauen Bronzeguss gefertigt. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Alten Testament, dem 47.Kapitel des Prophetenbuchs Ezechiel (Hesekiel), in dem ein heilsamer Wasserstrom beschrieben wird. Die Christen bezogen diese Stelle aus der hebräischen Bibel später auf die Taufe. Ich war froh, den Text nachlesen zu können, denn die Umsetzung des lateinischen Textes in Bronze war unbeholfen – ohne Worttrennung (bzw. mit Trennungen an den falschen Stellen), dafür mit seltsamen Verbindungen zwischen einzelnen Buchstaben – beim Zeichnen kam mir der Gedanke, dass die Bronzegießer vielleicht Analphabeten waren und etwas umgesetzt hatten, was sie nicht verstanden.
Gemüse und Gesang
Veröffentlicht: 17. Juli 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Alltag, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Gemüse, Kirche, Musik, Schwerin, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarZuerst der Gesang: Am letzten Samstag gab es in der Schweriner Schelfkirche ein in mehrerlei Hinsicht bemerkenswertes Chorkonzert. Der Rachmaninow-Chor aus Kiel gastierte mit einem Benefizkonzert zugunsten der Dachsanierung. Gesungen wurden in Deutschland selten bis nie gehörte Vokalmusik-Stücke aus Osteuropa und dem Baltikum.

Das Gemüse hingegen wurde so oder anders schon des öfteren in meinen Skizzenbüchern gesehen. Noch vor dem Naturstudien-Wochenende in Bellin hatte ich eine Serie mit auskeimenden Zwiebeln ins Auge gefasst, an Ende wurden es zwei Zeichnungen. Die erste, mit Bleistift, war nicht viel mehr als eine Lockerung des Handgelenks. Bei der zweiten, mit Fineliner, erinnerte ich mich, erst vage, dann immer genauer daran, in einem der Skizzenbücher des von mir hochgeschätzten Kölner Zeichners Peter Hoffmann etwas ähnliches gesehen zu haben. So versuchte ich mich, etwas ungelenk, an einer Hommage.

Und zum guten Schluss noch ein vertrautes Genre: ein sonntägliches Frühstücksbild. Die kleinen Tomaten sind noch gekauft, die auf dem Balkon fangen gerade an sich zu röten, doch immerhin ist das Basilkumblatt bereits selbst geerntet. Natürlich dürfen auch die Bollhagen-Streifen nicht fehlen. Gezeichnet ist das Bild im 14×14 cm Watercolour Book von Hahnemühle, doch nach einer dünnen Untermalung mit Wasserfarben wechselte ich zu Buntstiften.

Winterbilder
Veröffentlicht: 22. Februar 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Alltag, Urban Sketching | Tags: Alltag, Mecklenburg, Pilze, Schwerin, Urban Sketching Ein KommentarNachdem die Schweriner Urban Sketchers im Januar im Innenraum der Schelfkirche gezeichnet hatten, trafen sie sich im Februar in der Dauerausstellung der Stiftung Mecklenburg, einem kleinen versteckten Museum im Schleswig-Holstein-Haus gleich um die Ecke. Dort versuchte ich mich in mehreren Anläufen an einer Porträtbüste der Luise von Mecklenburg-Strelitz, besser bekannt als Königin Luise von Preußen. Am Ende war ich so unzufrieden, dass ich keinen dieser Versuche hier zeigen mag, dafür eine mit lockerer Hand gezeichnete Tulpe auf dem Caféhaustisch bei der anschließenden Zusammenkunft.

Auch die Pilzsaison habe ich nach drinnen verlegen können. Dank fertig präparierter Zuchtboxen ernte ich seit Weihnachten immer mal wieder eine Pilzmahlzeit. Austernseitlinge sind neben Champignons und Shiitake die weltweit meistgezüchteten Pilze und fruktizierten auf meinem Fensterbrett zwar mit etwas Verspätung, doch um so hübscher.

Es ist ein ganz und gar grafisches Motiv und lud zu einer Bleistiftzeichnung ein. Ich habe zu diesem Zeichenmaterial ein ambivalentes Verhältnis: Das Endprodukt erscheint mir oft etwas blass und ohne Kontrast oder farbliche Delikatesse – das Zeichnen selbst genieße ich sehr – ähnlich dem Zeichnen mit Buntstiften, das jedoch deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Es hat etwas Meditatives, Nicht-Herausforderndes, Niederschwelliges; genau das Richtige nach einem langen Arbeitstag.
Um Niederschwelligkeit und Herausforderungen (oder eben nicht) wird es auch in meinem nächsten Projekt gehen, das bereits morgen beginnt. Man darf gespannt sein …






