Ausblick, Rückblick

Zuerst der Ausblick: Vom 4.September 2016 an werde ich einige meiner Bilder in einer Ausstellung zeigen, und zwar in der Auferstehungskirche in Berlin Friedrichshain, Friedensstraße 83, 10249 Berlin. Eröffnung ist am 4.September, Sonntag, ab 11:00.

Es werden Reise- und Alltagsskizzen aus den letzten drei Jahren sowie einige botanische Arbeiten zu sehen (und auch zu erwerben) sein. Die Ausstellung wird bis in den Herbst hinein dauern. Zu besichtigen ist sie immer sonntags von 10 – 14 Uhr sowie Dienstag 16 – 18 und Donnerstag 14 – 17 Uhr.

Der Rückblick ergibt sich daraus: ich habe alle Skizzenbücher und -blätter der letzten Jahre noch mal in die Hand genommen, einiges neu gescannt, geordnet … So kann ich jetzt hier bereits einiges ältere „neu“ zeigen. Ich beginne mit der ersten Etappe meiner Pilgerwanderung.

Im April 2014 begann ich mir den lange gehegten Traum zu erfüllen, auf einen Pilgerweg zu gehen. Über viele Jahre hatte ich den Gedanken in meinem Herzen bewegt, hatte äußere Zwänge bedacht und innere Wünsche betrachtet, bis am Ende „mein Weg“ daraus wurde, der auch diesem Blog seinen Namen gab: ein Etappenweg über „Bewohntes Gelände, entlang der Spuren unserer Vorfahren, der Schnittstellen von Kultur und Natur, Geschichte und Gegenwart, menschlichem und göttlichem. Manchmal führte er auf klassischen Pilgerrouten, manchmal mäanderte er zwischen ihnen herum.

Gestartet bin ich in der Mitte Deutschlands, am nördlichen Harzrand, in der Gernröder Stiftskirche, in die ich mich schon bei früheren Besuchen „verguckt“ hatte und die mir ein guter Ort zu Beginnen schien. Neben dem Portal sind dort einige Sätze Wilhelm von Kügelgens anlässlich des Wiederaufbaus der Kirche im 19.Jahrhundert zu lesen:

Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.


Heiligengrabe

Heiligengrabe ist einer jener Plätze, die man, zumindest wenn man irgendwo zwischen Berlin und Hamburg lebt, als Schild an der Autobahn kennt. Dass sich dort eine bedeutende und gut erhaltene Klosteranlage mit zisterziensischen Wurzeln befindet, wusste ich zwar schon länger, hatte sogar schon einmal einen in einem Sturzregen ertränkten Versuch gemacht, sie mir anzusehen, doch erst in diesem Sommer bin ich mit vollen Sinnen dort gewesen.

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Die Heiligengrabkapelle. Sie enthält eine symbolische Nachbildung des Grabes Christi, ein im Mittelalter nicht seltenes ikonographisches Motiv.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass der Ort, obschon vielfältig mit der Welt verbunden (z.B. durch ein breites Kursangebot), auf eine gewisse Weise vor ihr verborgen bleibt . Achthundert Jahre lang wurden hier die Töchter des brandenburgischem Adels in Kargheit und Strenge erzogen, achthundert Jahre lang wurden hier in aller Stille Verbindungen geknüpft, leise Fäden der Macht gezogen, Standesbewusstsein gepflegt. Zuerst, bis zur Reformation, in einem zisterziensischen Nonnenkloster, danach in einem adligen Damenstift, ab der Mitte des 19.Jahrhunderts in einer Internatsschule, die nach modernen pädagogischen Prinzipien unterrichtete und jungen Frauen ermöglichte, nach ihrem Abschluss einen Beruf zu ergreifen.

Nach 1945 fand eine aus Schlesien geflohene diakonische Einrichtung Zuflucht auf dem Gelände, und auch einige Stiftsdamen waren geblieben. Seit der Wende ist der Konvent wieder am Wachsen.

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Am Damenplatz. In diesen barocken Fachwerk-Reihenhäusern lebten die Stiftsdamen ab dem 18.Jahrhundert.

 

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Lübeck 2016

Nach meinem Ausstellungsbesuch in Lübeck hatte ich einige Zeit später noch einmal in der Stadt zu tun. Ich freute mich schon darauf, wieder ins St.Annen-Museum zu gehen und mir die Exponate, die dort zum stationären Bestand gehören, noch einmal anzusehen. Doch leider – montags hat Lübeck geschlossen. Kirchen, Museen, Cafés – alle brauchen anscheinend eine Pause vom anstrengenden Wochenende.

Schließlich fand ich aber doch noch zwei schönen Plätze zum Zeichnen. Das Arkadencafé des Hauses Niederegger besticht nicht nur durch wunderbare (und gehaltvolle) Marzipantorten, sondern auch durch ein besonders schönes Ambiente in den verglasten gotischen Rathausarkaden. Und auf dem Weg zum Bahnhof fand ich dann noch das Bistro in der Stadtinformation, wo man aus den großen Fenstern direkt auf das Holstentor blickt. (Wenn ab Dienstag wieder Vollbetrieb in der Stadt ist, sind beide Orte vermutlich überfüllt, an diesem Montagnachmittag war es sehr angenehm.)


Bergstadt

Bamberg hat so viel schönes Altes zu bieten, dass ein Aufenthalt von nur zwei Tagen einem Menschen mit Skizzenbuch immer wieder eine Auswahl aufnötigt. So hatte ich mich Ende Oktober für die Bergstadt entschieden, die sich oberhalb des Doms weit in die umgebenden Hügel erstreckt. Ausgedehnte ehemalige Klosteranlagen mit Kirchen, Gärten und Mauern geben dem Gelände eine altertümliche Struktur, auch wenn seit dem 19.Jahrhundert vieles davon säkular genutzt wird – als Museen, Kliniken und Parks.

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Blick vom Bamberger Jakobsberg zum Kloster Michelsberg.

Das Kloster Michelsberg – es hat als eine der ältesten Gründungen des Bistums gerade sein 1000jähriges Jubiläum gefeiert – ist vor allem bekannt durch den so genannten „Himmelsgarten“ – die Ausmalung des Gewölbes mit zahlreichen botanisch exakten Pflanzen. Ich hatte ihn vor einigen Jahren besichtigen können. Zur Zeit ist die Klosterkirche leider wegen schwerer Bauschäden bis auf weiteres gesperrt.

Ich hatte diese Malerei immer für einmalig gehalten und staunte nicht schlecht, auch das hochkomplexe spätgotische Zellengewölbe der Oeslauer Johanniskirche (nahe Coburg) mit solcher Bemalung geschmückt zu finden. (Auf meiner Zeichnung hatte ich mich allerdings auf das Gewölbe beschränkt.)

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In der Villa Remeis auf dem Bamberger Jakobsberg. Die Zeichnung ist vor Ort begonnen und fertig gestellt, weshalb ich auch den Herrn mittleren Alters, der ganz selig sein sehr kleines Enkeltöchterchen betrachtet, nur angedeutet habe.

Am nächsten Tag bin ich noch einmal auf den Jakobsberg gestiegen und habe in der Villa Remeis gerastet. Karl Remeis war ein Bamberger Astronom und Mäzen, in dessen ehemaligem Wohnhaus (von bescheidenen Ausmaßen, doch atemberaubender Lage) jetzt ein Café mit Weitblick zu finden ist.

 

 


Durch die Mainauen nach Bamberg

Von Kirchschletten aus bin ich  bei schönem Herbstwetter Richtung Bamberg gelaufen. Anfangs war es richtig sonnig, später stellte sich eine verhangene, sanfte Stimmung ein, die gut zu den stillen und unerwartet schönen Dörfern in der Mainaue passte. Es sind sehr alte Siedlungsplätze, meist auf kleinen warftartigen Anhöhen gelegen.

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Blick auf Ebing am Obermain. Super5-Tinte und Wasserfarbe.

Am nächsten Tag war ich dann in Bamberg unterwegs. Am Bauernmarkt mit seinen vielen alten Apfel- und Birnensorten, mit Honig und Nüssen konnte ich mich gar nicht satt sehen.

Im Diözesanmuseum des Bamberger Doms (der Dom selbst war am Samstag Nachmittag rappelvoll, so dass ich mich dorthin zurückgezogen hatte), konnte ich mich ganz in Ruhe und auf Augenhöhe noch einmal mit Maßwerk beschäftigen. So habe ich dann auch verstanden, warum es so maßlos schwer zu zeichnen ist:  die aus Kreissegmenten zusammengesetzten Formen scheinen einfach, doch entsteht ihre Komplexität aus der Räumlichkeit mit den vielen Schrägen.

Beide Zeichnungen sind vor Ort entstanden und auch abgeschlossen, lediglich die Schrift unter dem Maßwerk habe ich später ergänzt.

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Skizze vom Bamberger Bauernmarkt in Tinte und Wasserfarbe. Das Maßwerk im Diözesanmuseum ist mit Bleistift gezeichnet.


Wie im Märchen

Sieht sie nicht aus wie aus einem Märchenbuch, die Lichtenfelser Kirche? Gleich schaut der Turmwächter aus dem etwas schiefen Türmchen in der Mitte, um auf seiner Trompete den Tross des Königs anzukündigen …

Gezeichnet habe ich das Bild (die Farbe kam später), als mich der wieder aufgekommene Regen unter das Dach einer restaurierten mittelalterlichen Stadtmauer gescheucht hatte. Leider war es danach mit der Romantik ganz und gar vorbei und ich stapfte zwei oder drei Kilometer im Regen einen Autobahnzubringer entlang …

Kirche von Lichtenfeld in Oberfranken. Super5-Tinte und Wasserfarbe.

Kirche von Lichtenfeld in Oberfranken. Super5-Tinte und Wasserfarbe.


Zellengewölbe und Grüner Mann

Kurz hinter Rosenau führte mein Weg durch Oeslau. Neugierig betrat ich die Kirche, an der mein Weg direkt vorüber führte und deren Tür einladend offen stand – eine Radwegkirche, wie sich herausstellte. Und was für eine! Auffälligstes Ausstattungsstück sind frühbarocke Holzeinbauten, Kanzel und Empore, quietschbunt bemalt – bei der letzten Restaurierung wurden Farben mit Perlmuttschimmer verwendet, die dem Ganzen einen Anflug von psychedelischem Jahrmarkt geben. An den Balkenköpfen finden sich groteske Masken, und da ich Grüne Männer sammle, habe ich mir zum Zeichnen so einen ausgesucht. Dem wachsen die Blätter allerdings nicht, wie sonst üblich, aus den Wangen, sondern aus der Stirn, und ein bisschen erinnert er an eine Aztekenfigur.

Den Chor schmückt ein gotisches Netzzellengewölbe, eine spätgotische Gewölbeform, die sich eher selten findet. Ausgemalt wurde es im 17. Jh. mit naturgetreuen Pflanzenabbildungen – auch ein eher ungewöhnlicher Schmuck, ich kannte ihn bisher nur vom Himmelsgarten des Klosters Michelsberg in Bamberg. (Die Pflanzen habe ich auf meiner Zeichnung allerdings weggelassen.)

Eine Seite aus meinem Reisetagebuch mit Abbildungen aus der Kirche St. Johannis in Oeslau bei Coburg,

Eine Seite aus meinem Reisetagebuch mit Abbildungen aus der Kirche St. Johannis in Oeslau bei Coburg,


Neo oder echt …

… gotisch, das ist im Coburger Land mehr noch als anderswo eine architektonische Rätselfrage. Coburg ist so etwas wie die Welthauptstadt der Neugotik, genauer gesagt: des Neu-Tudorstils. Der Prinzgemahl der englischen Königin Victoria, die einer ganzen Epoche ihren Namen gegeben hat, stammte aus dem Haus Sachsen-Coburg, und als Hommage an das englische Königshaus wurde hier im Tudorstil gebaut, was das Zeug hielt.

Das einige Kilometer von Coburg entfernte Schloss Rosenau hat einen original gotischen Kern, so dass es mir bei meiner Rast am vierten Wandertag schwer fiel, „echt“ und nachgemacht auseinander zu halten.

Eingang zum Schloss Rosenau bei Coburg, Marker, Tinte und Aquarell in einem S&B-Aquarellbuch

Eingang zum Schloss Rosenau bei Coburg, Marker, Tinte und Aquarell in einem S&B-Aquarellbuch


Hinterm Wald ist vor dem Wald

Hinter Rauenstein öffnet sich das Land, der Thüringer Wald liegt hinter mir. Hinter mir? Bei meiner Gehrichtung schon, doch die Gegend hier heißt das „Land vor dem Wald“. Und ich komme von hinterm Wald. Ein Blickwechsel, der mich eine Weile begleitet auf meinem Weg.

Es ist eine schöne Gegend, kleinteilig, unzersiedelt, lieblich; Randlage sicher nicht erst seit 1945. Ich laufe entlang einer kleinen Bahnstrecke nach Schalkau und von dort entlang der Itz, am Rand von Buchen- und Auwäldern bis Oberwohlsbach.

Maßlos schwer zu zeichnendes Maßwerk und ein paar Erlenblätter vom Rand der Itz.

Maßlos schwer zu zeichnendes Maßwerk und ein paar Erlenblätter vom Rand der Itz.


Naumburg – Schulpforta – Bad Kösen

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Blick auf das Naumburger Marientor

Die zweite Etappe meiner Reise beginnt da, wo die erste aufgehört hat – in Naumburg, und soll über Weimar nach Erfurt führen.
Für den ersten Tag habe ich mir nur die kleine Strecke bis Bad Kösen vorgenommen.
Ich will zeitig aufbrechen, muss aber noch zur Post, überschüssiges Gepäck von der vorangegangenen Reise abschicken. Die Post öffnet erst um neun, ich bin kurz vorher da und setze mich auf die Treppe für eine kleine Skizze. Na, als ich damit fertig bin, ist es bald zehn, und so trödelt sich der Vormittag hin, als ich in Schulpforta ankomme, ist es schon deutlich über Mittag.

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Westfassade der Zisterzienser-Kirche in Schulpforta.

Schulpforta ist eine typische Zisterzienser-Gründung im Sumpf, es muss früher dort unerträglich gewesen sein, und auch jetzt noch ist der Kreuzgang düster und modrig.
Die Kirche hingegen schimmert innen wie außen in sanftem Hellgrau. Die Westfassade ist eine Kuriosität, verwendeten doch die Zisterzienser sonst keinen Gebäudeschmuck. Sie wirkt seltsam deplatziert und auch nicht besonders harmonisch, vermutlich hat auch das 19.Jh. seine Vorstellungen von Gotik mit eingebracht.