Blumentopf und Femme fatale (Museum zum dritten)
Veröffentlicht: 1. März 2026 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Urban Sketching | Tags: Café, Lübeck, Museum, Renaissance, Schwerin Hinterlasse einen KommentarEnde Januar hatte ich in Lübeck zu tun; wieder einmal zog es mich ins St.-Annen-Museum, denn ich wollte zu Mariä Lichtmess eine Madonna zeichnen. Als ich in der Lübecker Altstadt angekommen war, hatte alles hinter einen sanften Schleier aus feinem fallenden Schnee gelegen, eine verzauberte Stimmung. An der Rückseite der Aegidien-Kirche hatte ich ein gemütliches Café mit großen Fenstern gefunden und war auf einen frisch gerösteten Kaffee und selbstgebackenes Brot eingekehrt.
Das Café war voll; ich fand einen Tisch etwas erhöht im Hintergrund. Mein Blick fiel über eine Zimmerpflanze und zwei Tische durch das Fenster auf die Chorseite der Aegidienkirche. Der kleine Platz, die angrenzenden alten Häuser, alles wurde verschönert vom langsam nachlassenden Schneefall. Als ich mein Skizzenbuch herausholte, erinnerte ich mich an eine Regel fürs Caféhauszeichnen: immer mit dem Vordergrund beginnen!

Gesagt, getan begann ich mit der Zimmerpflanze, die ihren eigenen Willen hatte: Als ich mit ihr fertig war, hatte sich, wie durch Zauberhand, das Blatt schon weitgehend gefüllt. Die Menschen vor dem Fenster konnte ich gerade noch andeuten, der Schneeblick reiste in meinem Herzen nach Hause.
Aus der Madonnenzeichnung im Museum wurde trotz Joseph, Engel, Ochs und Esel nichts Verwertbares, erst eine Woche später stieß ich, nun wieder im Schweriner Museum, auf die nächste interessante Frau: Judith. Das Buch Judith zählt zu den sogenannten Spätschriften des Ersten Testaments der Bibel, es ist, obwohl es eine jüdische Heldinnengeschichte erzählt, nicht in der Sakralsprache Hebräisch verfasst (die bereits damals im Alltag nicht mehr gesprochen wurde), sondern in Griechisch.
Die schöne junge Witwe Judith hatte sich, schön herausgeputzt sexuelle Verfügbarkeit vortäuschend, aus ihrer umzingelten Heimatstadt in das Lager des Feindes begeben. Beim Festmahl gelang es ihr, den Heerführer so mit Wein abzufüllen, dass es nicht zum Vollzug kam, stattdessen nahm sie sein Schwert und schlug dem betrunken eingeschlafenen den Kopf ab (die Entourage hatte sich bereits zurückgezogen). Sie steckte den Kopf in einen Sack und verließ damit, geschützt durch eine List, das Heerlager. Als sie ihren eigenen Leuten den Kopf brachte, fassten die wieder neuen Mut und schafften den Ausfall aus der Belagerung.

Lukas Cranach hat die Judith vielfach gemalt (bzw. von seiner Werkstatt malen lassen), es war ein angesagtes Motiv im kämpferischen 16.Jahrhundert. Seine Judith ist vornehm und ungemein teuer gekleidet, aus dem geschlitzten Oberteil quillt üppig die darunter liegende Stoffschicht, selbst die hautfarbenen Handschuhe, mit denen sie Schwert und Kopf hält, sind mit Schlitzen versehen. Ihr Gesichtsausdruck (den ich bei meiner 14x14cm großen Skizze wohlweislich weggelassen habe) ist kühl und distanziert. Cranach übersetzt das biblische Judithbild einer schönen und mutigen, dabei „ehrbaren“ Frau in seine Zeit.

Einen anderen Akzent setzt Statius von Düren mit seinem 1554 gefertigten Terrakotta-Ziegel. Solche Ziegel wurden mit Modeln in Serie gefertigt und zu Schmuckfriesen zusammengestellt; dieser zierte das alte Schweriner Schloss.
Der Gesichtsausdruck der Judith war vermutlich nie besonders fein gearbeitet und hat die Zeitläufe nicht überlebt; um so erstaunlicher, was der Körper zeigt. Die Frau ist in eine Art frühneuzeitliches Dessous gekleidet. Ein kurzes Jäckchen mit Puffärmeln hat zwei kreisrunde Ausschnitte, die die Brüste freigeben, durch einen weiteren Ausschnitt ist der Bauch sichtbar. Entsprang dieses Kleidungsstück der Fantasie des Künstlers? Oder kannte er dergleichen aus dem Bordell?
Sicher ist, dass seine Judith das verkörpert, was man gemeinhin als „Femme fatale“ bezeichnet. Und bei dieser Rollenzuweisung, Ausdruck einer zunehmenden männlichen Verunsicherung, sollte es in den nächsten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit bleiben.
Römer. Und Rembrandt.
Veröffentlicht: 28. Dezember 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Urban Sketching | Tags: Museum, Schwerin, Urban Sketching Ein KommentarSeit knapp zwei Monaten ist – endlich – das Staatliche Museum in Schwerin wieder geöffnet. Vier Jahre hatte der Umbau gedauert, vier Jahre lang wird es nun freien Eintritt geben. Zahlreiche Schweriner Familien nutzten das Angebot, es war so voll, wie ich es in dem Museum noch nie erlebt hatte.
Allein das Gebäude ist sehenswert und sehr sorgfältig restauriert – worauf schon die Denkmalsschützer ein sorgsames Auge hatten. Alles ist vor sanften Farben auf das Schönste präsentiert und ausgeleuchtet; wo immer es möglich ist, werden die Gemälde durch Plastiken ergänzt. Zu meiner Freude stieß ich gleich in einem der ersten Räume meines Rundgangs auf eine Ansammlung von Abgüssen antiker Köpfe; einer war lapidar mit „Römer“ bezeichnet und stand besonders prägnant im Schlagschatten.

Das Schweriner Museum beherbergt eine der umfangreichsten und geschlossensten Sammlungen niederländischer Malerei in Deutschland – zum großen Kummer aller Beteiligten ist jedoch kein einziges Werk von Rembrandt darunter. (Das „Bildnis eines alten Mannes“ kannte ich schon von einer früheren Sonderausstellung. Es ist lange für einen Rembrandt gehalten worden, was bei der beeindruckenden Ausstrahlung des Dargestellten und der hohen malerischen Kunst nicht verwundert – erst 2008 hat man es eindeutig Rembrandts Atelierkollegen Jan Lievens zugeschrieben.)
Da war meine Freude besonders groß, dass zu Ehren der Eröffnung (und im Tausch gegen ein anderes spektakuläres Bild, das Nashorn von Oudry) momentan drei Rembrandts als Leihgabe zu besichtigen sind. Zwei Bilder neben dem Bild von Lievers hängt Rembrandts „Selbstporträt als Apostel Paulus“, ein Altersbild von nachgerade existentieller Präsenz.

Eine glückliche Stunde habe ich dort vor dem Gemälde zugebracht, mit der Betrachtung einer zum Heulen schönen zerfurchten Stirn, einer ebenso liebevollen wie schonungslosen Meditation über die eigene Endlichkeit …
Der dritte Kirchturm
Veröffentlicht: 16. Oktober 2025 Abgelegt unter: Urban Sketching | Tags: Kirche, Romanik, Südtirol Hinterlasse einen KommentarIm Örtchen Mals im oberen Vinschgau in Südtirol gibt es fünf Kirchtürme; in früheren Zeiten sollen es einmal sieben gewesen sein – bei einem Einzugsbereich von seinerzeit etwa tausend Einwohnern. Trotz dieser geringen Anzahl an Menschen war es ein regionales Zentrum, Markt- und Gerichtsort und Kreuzungspunkt wichtiger Passstraßen.
Von den heute erhaltenen Kirchtürmen zeigen drei ein romanisches Bild; sie sehen sich sehr ähnlich und wurden zwischen den Jahren 1000 und 1200 an schon vorhandene Kirchen „angebaut“. St. Benedikt und St. Martin habe ich bereits erwähnt.

Die Fülle an romanischen Bauten in der Region fasziniert viele Besucher. Sie blieben auch deshalb erhalten, weil es mit dem Beginn der Neuzeit zu einem wirtschaftlichen Niedergang kam. Der Schwabenkrieg hatte schwere Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert, gleichzeitig hatten die nahen Alpenpässe gegenüber dem Brenner an Bedeutung verloren. Später entvölkerten Seuchen das Land. Für die anderswo flächendeckend ausgeführte Barockisierung von Kirchen im Rahmen der Gegenreformation fehlte schlichtweg das Geld.
Zwischen Antike und Mittelalter
Veröffentlicht: 15. Oktober 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Antike, Kirche, Romanik, Südtirol 3 KommentareDas antike Rom wurde bekanntlich nicht an einem Tag errichtet; auch, dass es mehrere Jahrhunderte benötigte, um zu zerfallen, machen wir uns selten klar. Im Laufe der Zeit wurde etwas Neues daraus, mit neuen Werten, neuen Strukturen, weniger zentralisiert, noch geprägt von den zurückliegenden Wanderungsbewegungen.
Nur an wenigen Orten gelingt es heute noch, diese Übergangswelt sichtbar werden zu lassen. Das Kirchlein St.Prokulus, gelegen am Rand der Südtiroler Gemeinde Naturns, ist ein solcher Ort.
Erbaut wurde es irgendwann zwischen dem 06. und dem 08.Jahrhundert in einem schon weitgehend, aber noch nicht vollständig christianisierten Umfeld – auf dem umgebenden Friedhof fand man auch das Grab eines germanischen Kriegers, dem man sein Kurzschwert (Sax, daher stammt die Bezeichnung „Sachsen“) mit ins Grab gelegt hatte.
Man weihte die Kirche dem heiligem Prokulus, einem außerhalb des Südalpenraums kaum bekannten Heiligen, Schutzpatron der Alpenübergänge und des Viehs. Und man malte die Kirche aus.

Wegen dieser Malereien (bzw. dem, was die Jahrhunderte davon überdauerte) ist St.Prokulus eine der bekanntesten Kirchen der Region, sie hat zahlreiche Wissenschaftler beschäftigt und mittlerweile ein eigenes Museum bekommen.
Den Malereien werden byzantinische, irische und langobardische Einflüsse zugeschrieben, auch das angenommene Alter schwankt beträchtlich. Das bekannteste Bild zeigt einen Mann (an der Gloriole als Heiliger erkennbar), der in einem Korb von einer Stadtmauer abgeseilt wird. (Der Begriff „Schaukler“ ist eine moderne Zuschreibung.) Wen es darstellt, ob Paulus, Prokulus oder jemanden anders, ist wissenschaftlich umstritten.
Es gibt noch eine Rinderherde, eine Menschenmenge und großäugige Heilige im gleichen Stil; daneben Engel mit Schlangenleibern, vermutlich aus einer anderen Werkstatt, sowie Zierfriese.
Letztere haben mich besonders beeindruckt. Sie entstammen so sichtlich (geografisch) unterschiedlichen Stilregionen, spätrömische Määnder finden sich neben keltisch inspirierten Flechtbändern. Waren alle diese Handwerker in der gleichen Bauhütte beschäftigt? Zogen sie durch oder waren sie eher regional ansässig? Welchen der „wandernden Völker“ gehörten sie an?
Als ich das Kirchlein besichtigte, fand in ganz Südtirol der „Tag der Romanik“ statt, viele verborgene Schätze wurden geöffnet und waren kostenlos zugänglich. Ich verbrachte eine lange Mittagszeit in St.Prokulus, lauschte der Führerin, die virtuous zwischen Italienisch und Deutsch wechselte, und nahm mehr Fragen als Antworten mit nach Hause.
Im Kloster 2
Veröffentlicht: 11. Oktober 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Reiseskizzen, Urban Sketching | Tags: Inktober, Kirche, Kloster, Romanik, Südtirol Hinterlasse einen KommentarNachdem ich mich von den freundlichen Nonnen verabschiedet hatte, stieg ich in den gelben Schweizer Postbus und fuhr fünfzehn Kilometer talabwärts zum Kloster Marienberg in Südtirol. Das Kloster thront wie eine Burg auf einem Bergsporn über der weitläufigen Talsohle, in der sich seit frühester Zeit die Wege von mehreren Alpenpässen treffen.

Die Gebäude wurden nach mehreren Bränden durchgehend barockisiert; in den 2000er Jahren verpasste eine für meinen Geschmack etwas zu ambitionierte Renovierung dem Museums- und Herbergsgebäude einen Stil mit Sichtbeton und schwarzemetallischem Industriedesign. Als Ausgangspunkt für die Touren der kommenden Tage war es praktisch und dazu noch ausgesprochen günstig, so dass ich fast eine Woche blieb.

Eine Tour führte mich in das Städtchen Glurns, dessen riesige Stadtmauer einen Ort von gerade einmal tausend Einwohnern umschließt. Durch die Laubengasse seien vor einigen zehn Jahren noch die Kühe getrieben worden, heute sitzt man hier sehr gut bei Kürbissuppe und regionalen Birnen-Spezialitäten.

Der Hauptort der Talregion ist Mals, etwa doppelt so groß und mit fünf Kirchtürmen gesegnet, davon drei romanischen.

Der zweite romanische Turm gehört zu dem Kirchlein St.Martin, dass sich seit dreihundert Jahren im privaten Besitz der ehemaligen Klosterpächter befindet. Geöffnet wird an Markttagen. Dann stehen Kirchentür und Scheunentor offen und wenn man Glück hat – so wie wir – findet man die Bäuerin am Spinnrad.
(Und wo bleibt der dritte Kirchturm? Von ihm wird noch die Rede sein.)
Buchstaben. Und Wasser.
Veröffentlicht: 20. Juli 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Urban Sketching | Tags: Café, Dom, Schwerin Hinterlasse einen KommentarAm Samstag waren die Schweriner Urban Sketchers auf „Typo-Safari“, auf der Jagd nach Beschriftungen, Graffiti, Logos und was man sonst noch aus Buchstaben im öffentlichen Raum machen kann.

Der Ausgangspunkt war ein vertrauter Ort, ein stadtbekanntes Schweriner Café, dessen drei Filialen erst einmal zur Verwirrung über den Treffpunkt sorgten. Es war ein makelloser Moment, an einem Sommervormittag, noch bevor es schwül wurde, dort an einem Tischchen im Schatten sitzen zu dürfen. Ich machte es mir bequem, zeichnete erst nach der einen Seite das Schild einer Buchhandlung, dann nach der anderen das des Cafés – bis mein Blick auf die Mineralwasserflasche vor mir auf dem Tisch fiel. Die Schrift auf der blauen Flasche sprach mich sehr an, wurde beim Abzeichnen Buchstabe für Buchstabe immer schöner. (Leider habe ich die Feinheiten von Proportion und Gestalt bei der Wiedergabe eher verhunzt.) Wirklich: als ich zu Hause nachlas, stellte ich fest, dass es für die Gestaltung der Flasche einen renommierten Designpreis gegeben hatte.
(Und, nein, eine solche blaue Edelwasserflasche zählt nicht zu den Grundbedürfnissen; sie per Verbrennungsmotor aus Italien über die Alpen nach Schwerin zu transportieren, ist eher sittenwidrig als notwendig – auch darüber zu meditieren, war Zeit und Gelegenheit, während ich mich dem edlen Schriftzug widmete …)
Die zweite Etappe führte mich in den Dom. Hier gibt es Schriftzüge in Hülle und Fülle und aus den verschiedensten Jahrhunderten; ich entschied mich für das Schriftband auf dem bronzenen Taufbecken.

Die etwa fünf Zentimeter hohen Buchstaben sind in einem rauen Bronzeguss gefertigt. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Alten Testament, dem 47.Kapitel des Prophetenbuchs Ezechiel (Hesekiel), in dem ein heilsamer Wasserstrom beschrieben wird. Die Christen bezogen diese Stelle aus der hebräischen Bibel später auf die Taufe. Ich war froh, den Text nachlesen zu können, denn die Umsetzung des lateinischen Textes in Bronze war unbeholfen – ohne Worttrennung (bzw. mit Trennungen an den falschen Stellen), dafür mit seltsamen Verbindungen zwischen einzelnen Buchstaben – beim Zeichnen kam mir der Gedanke, dass die Bronzegießer vielleicht Analphabeten waren und etwas umgesetzt hatten, was sie nicht verstanden.
Gemüse und Gesang
Veröffentlicht: 17. Juli 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Alltag, Mixed Media, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Gemüse, Kirche, Musik, Schwerin, visuelles Tagebuch Hinterlasse einen KommentarZuerst der Gesang: Am letzten Samstag gab es in der Schweriner Schelfkirche ein in mehrerlei Hinsicht bemerkenswertes Chorkonzert. Der Rachmaninow-Chor aus Kiel gastierte mit einem Benefizkonzert zugunsten der Dachsanierung. Gesungen wurden in Deutschland selten bis nie gehörte Vokalmusik-Stücke aus Osteuropa und dem Baltikum.

Das Gemüse hingegen wurde so oder anders schon des öfteren in meinen Skizzenbüchern gesehen. Noch vor dem Naturstudien-Wochenende in Bellin hatte ich eine Serie mit auskeimenden Zwiebeln ins Auge gefasst, an Ende wurden es zwei Zeichnungen. Die erste, mit Bleistift, war nicht viel mehr als eine Lockerung des Handgelenks. Bei der zweiten, mit Fineliner, erinnerte ich mich, erst vage, dann immer genauer daran, in einem der Skizzenbücher des von mir hochgeschätzten Kölner Zeichners Peter Hoffmann etwas ähnliches gesehen zu haben. So versuchte ich mich, etwas ungelenk, an einer Hommage.

Und zum guten Schluss noch ein vertrautes Genre: ein sonntägliches Frühstücksbild. Die kleinen Tomaten sind noch gekauft, die auf dem Balkon fangen gerade an sich zu röten, doch immerhin ist das Basilkumblatt bereits selbst geerntet. Natürlich dürfen auch die Bollhagen-Streifen nicht fehlen. Gezeichnet ist das Bild im 14×14 cm Watercolour Book von Hahnemühle, doch nach einer dünnen Untermalung mit Wasserfarben wechselte ich zu Buntstiften.

Winterbilder
Veröffentlicht: 22. Februar 2025 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein, Alltag, Urban Sketching | Tags: Alltag, Mecklenburg, Pilze, Schwerin, Urban Sketching Ein KommentarNachdem die Schweriner Urban Sketchers im Januar im Innenraum der Schelfkirche gezeichnet hatten, trafen sie sich im Februar in der Dauerausstellung der Stiftung Mecklenburg, einem kleinen versteckten Museum im Schleswig-Holstein-Haus gleich um die Ecke. Dort versuchte ich mich in mehreren Anläufen an einer Porträtbüste der Luise von Mecklenburg-Strelitz, besser bekannt als Königin Luise von Preußen. Am Ende war ich so unzufrieden, dass ich keinen dieser Versuche hier zeigen mag, dafür eine mit lockerer Hand gezeichnete Tulpe auf dem Caféhaustisch bei der anschließenden Zusammenkunft.

Auch die Pilzsaison habe ich nach drinnen verlegen können. Dank fertig präparierter Zuchtboxen ernte ich seit Weihnachten immer mal wieder eine Pilzmahlzeit. Austernseitlinge sind neben Champignons und Shiitake die weltweit meistgezüchteten Pilze und fruktizierten auf meinem Fensterbrett zwar mit etwas Verspätung, doch um so hübscher.

Es ist ein ganz und gar grafisches Motiv und lud zu einer Bleistiftzeichnung ein. Ich habe zu diesem Zeichenmaterial ein ambivalentes Verhältnis: Das Endprodukt erscheint mir oft etwas blass und ohne Kontrast oder farbliche Delikatesse – das Zeichnen selbst genieße ich sehr – ähnlich dem Zeichnen mit Buntstiften, das jedoch deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Es hat etwas Meditatives, Nicht-Herausforderndes, Niederschwelliges; genau das Richtige nach einem langen Arbeitstag.
Um Niederschwelligkeit und Herausforderungen (oder eben nicht) wird es auch in meinem nächsten Projekt gehen, das bereits morgen beginnt. Man darf gespannt sein …
Drachentöter
Veröffentlicht: 11. Februar 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Urban Sketching | Tags: Drache, Heiliger, Lübeck, Mittelalter Hinterlasse einen KommentarLetzten Freitag hatte ich in Lübeck zu tun; anschließend nutzte ich, nicht zum ersten Mal, die Gelegenheit, im St.-Annen-Museum zu zeichnen. Erweitert um moderne Anbauten befindet sich das Museum in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Klosteranlage. Der Gebäudekomplex war um 1500 gebaut worden und erfüllte nur kurze Zeit den ihm zugedachten Zweck, dann kam die Reformation und alles wurde anders; die Backsteinmauern mussten verschiedene säkulare Nutzungen ertragen, Brände, Bombenangriffe …
Im zentralen Teil der Anlage, in den Räumen um Kreuzgang und Klosterhof sind spätmittelalterliche Gemälde und Schnitzereien ausgestellt. Lübeck war ein Zentrum der Produktion dieser künstlerischen Massenware. Einiges von dem, was Reformation, Kriege und zivile Katastrophen überstanden hat, findet sich im Annenmuseum: Altäre voller vergoldeter Wimmelbilder, rührende Guckkastenszenen hinter hölzernen Maßwerkvorhängen und der eine und andere schwertschwingende Heilige oder Erzengel.


Ich habe hier schon mehrmals gezeichnet; es ist selten viel Betrieb, reichlich Platz und man kommt den Objekten viel näher als in einer Kirche. Dieses Mal entschied ich mich für einen heiligen Georg, der in Lübeck Jürgen heißt und fast lebensgroß auf seinem Pferd sitzt, das Schwert gegen einen lächerlich kleinen Drachen erhoben. Während der Reformation hatte man die kostbare Figurengruppe rechtzeitig in Sicherheit gebracht, der große Lindwurm aber, zu schwer zum Transport, war dem Bildersturm zum Opfer gefallen und endete als Brennholz in den Herdfeuern der Wutbürger. Als die Zeiten sich beruhigt hatten, zogen Held, Pferd und Prinzessin (sie betet außerhalb meines Bildes) in eine kleinere Kapelle um und man gab ihnen das handlichere Tier bei.
Die Skulpturengruppe wirkt modern, nicht mehr gotisch; sie entstand um 1505, ihr Schöpfer, Henning von der Heyden, ist namentlich bekannt, auch das ein Hinweis auf die heraufziehende neue Zeit. Die Geschichte, die erzählt wird, ist noch die alte, eine Heiligenlegende samt Mission und Martyrium, der erst im Hochmittelalter eine Drachentöterlegende angestrickt worden war. Ich habe in den letzten zehn Jahren mehrere heilige Ritter beim Drachentöten gezeichnet, meine liebste Drachentöter-Geschichte aber ist die des „berufsmäßigen Helden“ Lanzelot. Der kommt in die sprichwörtliche Kleine Stadt, die sich mit ihrem Drachen längst arrangiert hat. Auch die Jungfrau, die er sich dieses Jahr ausgesucht hat, begehrt nicht gegen ihr Schicksal auf, und bald muss der Drachentöter selbst um sein Leben fürchten: Die Märchenparabel „Der Drache“ von Jewgenij Schwarz wurde über fünfzehn Jahre lang am Ostberliner Deutschen Theater gespielt und hat dafür gesorgt, dass ich zeitlebens für schlechtes Theater verloren war.

