Straßburg 2

Wohin morgens in Straßburg als Erstes, noch in der ersten Frische des Tages? Natürlich zum Münster! Leider trog das Schild, das eine Öffnung ab sieben Uhr versprach, und so machte ich mich auf den Weg nach erstens anderen Zeichenmotiven und zweitens Frühstück.

Nach einigem Umherwandern fand ich beides auf der Pláce Kléber mit Blick auf die Kirche „Saint-Pierre-le-Jeune protestant“ – („Jung-St.Peter protestantisch“) Der Namenszusatz „jung“ täuscht insofern, als hier schon in vorkarolingischer Zeit eine Kirche stand – und auch diese hier, auf meinem Bild sichtlich gotisch, hat einen romanischen Kern mit schönem und vom Stadtgewimmel abgeschirmten Kreuzgang.

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Links der Blick von der Place Kléber zur Kirche St-Pierre-le-jeune protestant in Straßburg. Rechts der Sarkophag des Adelochus in der Kirche St.Thomas.

Am späten Vormittag versuchte ich es noch einmal mit dem Münster – es war völlig überfüllt mit Schulklassen und Rentnergruppen, nur auf vorgeschriebenen Wegen zu betreten und ohne die Andeutung eines ruhigen Platzes. Ich ergriff bald wieder die Flucht.

Nachmittags zeichnete ich in St.Thomas, die mir am Vortag schon ein willkommenes abendliches Motiv gewesen war, den Sarkophag des Adelochus. Nicht, dass ich wüsste, wer Adelochus gewesen war, doch sein Sarkophag ist eine wunderschöne romanische Bildhauerarbeit, klein und zierlich, keine anderthalb Meter lang steht er auf seinen Löwenfüßen mitten im Raum. Man kann ihn von allen Seiten betrachten und sich dann in aller Ruhe einen Stuhl nehmen, die Lesebrille aufsetzen und in Zwiesprache mit dem romanischen Stein treten – Berührung eingeschlossen – ohne dass eine Aufsichtsperson eingreift.

Nachdem ich den halben Tag mit alten Steinen zugebracht hatte, verspürte ich ein dringendes Bedürfnis danach, lebendige Menschen zu zeichnen! Das tat ich dann bei Kaffee und Macarons  vor dem „Atelier 116“, einer belebten Biobäckerei.

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Abends setzte ich mich, inzwischen adaptiert, mitten ins Getümmel im alten Fachwerkviertel „Petit France“. Ich wählte das Restaurant mit dem schönsten Blick aus, so dass mein Zeichnung von Zwiebelsuppe und Sauerkraut begleitet wurde.

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Im Fachwerk- und Touristenviertel „Petit France“ in Straßburg.


Straßburg

Zum Abschluss meiner Reise habe ich mir noch einen lange gehegten Traum erfüllt und bin für drei Tage nach Straßburg im Elsass gefahren. Als ich ankam, musste ich mich erst einmal orientieren – nach elf Wandertagen, die ich weitgehend fern von Menschenansammlungen verbracht hatte, fand ich die Stadt bei aller Schönheit voll und anstrengend. Im Münster wurde ein großer Gottesdienst zelebriert – später erfuhr ich, eine Priesterweihe – die Menschen drängelten sich um den Eingang und alles war laut und viel … (Dem Münster mit dem Herzen nahe zu kommen sollte sich auch an den kommenden Tagen als nicht ganz einfach erweisen.)

Ich zog mich in das angrenzende Musée de l’Œuvre Notre-Dame zurück, in dem neben vielen anderen mittelalterlichen Stücken Teile des originalen Figurenschmucks der Münsterfassade zu betrachten sind. Nach einigem Abwägen entschloss ich mich, einige der Löwen zu zeichnen, die sich über dem Hauptportal auf einer Treppe befinden. Diese Treppe führt symbolisch zu den Thronen des König Salomon und der Gottesmutter Maria. Das wusste ich allerdings noch nicht, als ich den geradezu putzigen Löwen im Museum im wahrsten Sinne auf Augenhöhe begegnete. (Eine Treppenstufe ist ca. 50 cm hoch.) Wie spielende Kätzchen oder junge Hunde tollen sie auf ihrer Treppe herum, und je länger ich sie zeichnete, um so mehr wärmten sie mir das Herz. (Natürlich sieht man auch hier, wie bei vielen anderen mittelalterlichen Löwenskulpturen, dass der Bildhauer nie einen wirklichen Löwen gesehen hat.)

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Skulpturen junger Löwen vom Portal des Straßburger Münsters.

 

Danach lief ich recht ziellos durch die Stadt und es war mir eigentlich immer noch viel zu voll. Auf dem Platz an der Thomaskirche kam ich dann zur Ruhe und ließ mich von ihrer romanischen Wuchtigkeit beeindrucken. Diesen Eindruck habe ich dann auch versucht zu Papier zu bringen – und es ganz bewusst etwas ruppig angehen lassen.

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St.Thomas in Straßburg.

 


Westwerk

Kirchen sind in den meisten Fällen in Ost-West-Richtung gebaut, unser Ausdruck „Orientierung“ stammt daher, sie sind nach Osten, Richtung Orient, ausgerichtet. Zum Lichten, Hellen, zum Sonnenaufgang hin stand in mittelalterlichen Kirchen der Hauptaltar; nach Westen, von wo die Nacht mit ihren Dämonen heraufzog, baute man Bollwerke, Türme, manchmal symbolisch, manchmal durchaus von realem Verteidigungswert. „Westwerk“ nennen Kunsthistoriker diese westlichen Querriegel.

In Drübeck habe ich mich am letzten Abend vor die Westseite der Kirche gesetzt und im sinkenden Licht erst einmal eine schnelle Vorzeichnung in einer Linie gemacht, immer wieder hilfreich, um herauszufinden, was mich an einem Motiv am meisten interessiert. Dann ging es los mit Perspektive, schön ordentlich mit Abmessen und Hilfslinien. Den Moment, auf einen etwas kräftigeren Stift umzusteigen, habe ich verpasst, und irgendwann wurde es auch am schönsten Frühlingsabend dunkel.

Zu Hause, heute, habe ich der Zeichnung erst ordentlich Farbe verpasst – und dann doch noch ein paar kräftige Linien eingefügt, weil das Ganze mir ansonsten zu vage war.

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Erst Farbe, dann kräftigere Linien mit Füller – die Westfassade der Drübecker Kirche im Abendlicht.


Drübeck

Das Drübecker Kloster ist nicht nur schon lange kein Kloster mehr, der frühmittelalterlich-archaische Eindruck seiner Kirche ist auch kein Relikt, sondern (vorläufiges) Ergebnis einer langen Reihe von Um- und Anbauten, Plünderungen, Bränden, Abrissen, Wiederaufbau und Rekonstruktion; beim letzten, gestaltgebenden wurde in den 50er Jahren des 20.Jahrhunderts gleich ein ganzes Seitenschiff wieder aufgebaut.

So ist der Raumeindruck im entkernten Innern auch nur mäßig harmonisch, der zeichnende Blick sucht nach Details und findet sie in den üppig und recht unterschiedlich verzierten Kapitellen. Besonders angetan hat es mir eines mit Eckmasken und verschlungenen, langobardisch anmutenden Mustern. Es stammt, so lese ich, nicht aus der ersten Bauphase – da versuchte man noch, das untergegangene Rom zu imitieren – sondern aus der Hochromanik.

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Säule mit reich verziertem Kapitell in der Drübecker Klosterkirche.

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Reicher Kapitellschmuck mit bärtigen Mützenmännern, über deren Bedeutung wir nichts mehr wissen.

 


QiGong im Kloster

Natürlich ist es schon lange kein Kloster mehr; seit Reformation und Bauernkrieg leben im Harzer Kloster Drübeck keine Nonnen, und auch die adeligen Stiftsdamen sind schon vor über hundert Jahren ausgezogen. Doch es gibt eine romanische Kirche, ummauerte Gärten, Hotelzimmer mit ehrwürdigen Möbeln und im Hof eine fast 300jährige Linde.

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Die Drübecker Klosterkirche im letzten Abendlicht.

In diesem fast schmerzlich schönen Ambiente habe ich ein pfingstlich beseeltes QiGong-Seminar besucht und jede Minute genossen – Ost traf auf West, Lao-tse auf Luther …

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QiGong-Übungen in einem der ummauerten Gärten.

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„Selbst an den Gesten der Schöpfung teilnehmen“ – der Qi-Gong-Lehrer Manfred Geissler zitiert den Frankochinesen François Cheng.


Ausblick, Rückblick

Zuerst der Ausblick: Vom 4.September 2016 an werde ich einige meiner Bilder in einer Ausstellung zeigen, und zwar in der Auferstehungskirche in Berlin Friedrichshain, Friedensstraße 83, 10249 Berlin. Eröffnung ist am 4.September, Sonntag, ab 11:00.

Es werden Reise- und Alltagsskizzen aus den letzten drei Jahren sowie einige botanische Arbeiten zu sehen (und auch zu erwerben) sein. Die Ausstellung wird bis in den Herbst hinein dauern. Zu besichtigen ist sie immer sonntags von 10 – 14 Uhr sowie Dienstag 16 – 18 und Donnerstag 14 – 17 Uhr.

Der Rückblick ergibt sich daraus: ich habe alle Skizzenbücher und -blätter der letzten Jahre noch mal in die Hand genommen, einiges neu gescannt, geordnet … So kann ich jetzt hier bereits einiges ältere „neu“ zeigen. Ich beginne mit der ersten Etappe meiner Pilgerwanderung.

Im April 2014 begann ich mir den lange gehegten Traum zu erfüllen, auf einen Pilgerweg zu gehen. Über viele Jahre hatte ich den Gedanken in meinem Herzen bewegt, hatte äußere Zwänge bedacht und innere Wünsche betrachtet, bis am Ende „mein Weg“ daraus wurde, der auch diesem Blog seinen Namen gab: ein Etappenweg über „Bewohntes Gelände, entlang der Spuren unserer Vorfahren, der Schnittstellen von Kultur und Natur, Geschichte und Gegenwart, menschlichem und göttlichem. Manchmal führte er auf klassischen Pilgerrouten, manchmal mäanderte er zwischen ihnen herum.

Gestartet bin ich in der Mitte Deutschlands, am nördlichen Harzrand, in der Gernröder Stiftskirche, in die ich mich schon bei früheren Besuchen „verguckt“ hatte und die mir ein guter Ort zu Beginnen schien. Neben dem Portal sind dort einige Sätze Wilhelm von Kügelgens anlässlich des Wiederaufbaus der Kirche im 19.Jahrhundert zu lesen:

Diese alten Kirchen sind versteinerte Psalmen. In solcher Kirche kann die Predigt zur Not wegfallen, weil die Steine predigen.


Vietlübbe

Das Dorf Vietlübbe liegt knappe 20 km nordwestlich von Schwerin, und es ist auch darüber hinaus wegen seiner ungewöhnlichen romanischen Kirche bekannt. Die Kirche ist eines der ältesten in Mecklenburg erhaltenen Bauwerke überhaupt, architektonisch verwandt dem Ratzeburg Dom, mit einem Grundriss in Form eines gleichschenkligen, „griechischen“ Kreuzes. Diese Kreuzkonstruktion ergibt zusammen mit den wuchtigen Rundbögen einen archaischen, ganz und gar romanischen Eindruck. (Von außen ist der durch einen hohen spitzen Holzturm deutlich in die gotische Länge gezogen.)

1989 wurde die Kirche generalüberholt und „reromanisiert“, Einbauten des 19.Jahrhunderts und die Übermalung im Stil der Zeit wurden entfernt und durch schlichte rot-weiße Kalkmalerei ersetzt. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Auffassungen von Authentizität zu verschiedenen Zeiten waren und sind – hier im Vergleich der Zustand vor der Renovierung.

Auch wenn die Authentizität nur eine vermutete ist und ich mir die Lebensverhältnisse im Mecklenburg um 1250 nicht herbeiwünsche – der Raumeindruck war überwältigend. Eine freundliche Küsterin ließ mich eine ganze lange Stunde zum Zeichnen allein, eine Stunde, die mir vorkam wie ein ganz besonderes Stück Zeit, ein Stück geschenkte Ewigkeit.

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Innenraum der Kirche von Vietlübbe in Nordwestmecklenburg.

 


Nur eine Säule …

… zeugt von des Palastes Pracht, so oder so ähnlich klingt eine Zeile zu mir herüber, ich weiß nur nicht, woher und von wem. Genau genommen stehen im Benediktushof auch noch ein paar mehr romanische Säulen als nur eine, und ein Palast dürfte das Kloster auch in seinen besten Zeiten nicht gewesen sein. Wie dem auch sei, bei meinem letzten Aufenthalt habe ich endlich die Gelegenheit ergriffen und eine der Säulen des ehemaligen Kreuzgangs gezeichnet. Es sind etwa anderthalb Meter hohe, reich verzierte Mittelsäulen romanischer Doppelbögen, mit Kapitellen, die z.T. im wahrsten Sinne etwas zusammengewürfelt aussehen, aus unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt, aber dazu vielleicht später noch einmal mehr. Bei dieser Säule habe ich das Kapitell nur angedeutet und mich ganz auf das kunstvolle steinerene Flechtwerkmuster konzentriert. (Die Säulen sind nicht nur zusammgesetzt, sie sind vorwiegend Repliken – wie viele romanische und gotische Sandsteinbildhauereien waren die Originale vom Zahn der Zeit  schon sehr angenagt.)

Säule mit steinernem Flechtmuster. Wasserfarbe und verschiedene Marker in Stillman&Birn Beta.

Säule mit steinernem Flechtmuster. Wasserfarbe und verschiedene Marker in Stillman&Birn Beta.