Hinterm Wald ist vor dem Wald

Hinter Rauenstein öffnet sich das Land, der Thüringer Wald liegt hinter mir. Hinter mir? Bei meiner Gehrichtung schon, doch die Gegend hier heißt das „Land vor dem Wald“. Und ich komme von hinterm Wald. Ein Blickwechsel, der mich eine Weile begleitet auf meinem Weg.

Es ist eine schöne Gegend, kleinteilig, unzersiedelt, lieblich; Randlage sicher nicht erst seit 1945. Ich laufe entlang einer kleinen Bahnstrecke nach Schalkau und von dort entlang der Itz, am Rand von Buchen- und Auwäldern bis Oberwohlsbach.

Maßlos schwer zu zeichnendes Maßwerk und ein paar Erlenblätter vom Rand der Itz.

Maßlos schwer zu zeichnendes Maßwerk und ein paar Erlenblätter vom Rand der Itz.


Seltsam im Nebel zu wandern …

„… einsam ist jeder Busch und Stein. Kein Baum kennt den andern.“ Hermann Hesse, wie man ihn kennt. Im Gegensatz zum Dichter habe ich die Einsamkeit auf meiner Nebelwanderung vom Rennsteig hinunter durchaus genossen. Es wäre auch ohne Nebel kein Mensch zu sehen gewesen.

Das anheimelnde Hüttchen steht schon unten im Tal, im Poppengrund kurz vor Rauenstein. Es erinnerte mich an die etwas verwunschene Waldhüterhütte, auf die Petterson und Findus auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum stoßen.

Nebelwanderung vom Rennsteig nach Rauenstein. Seite aus meinem Reisetagebuch.

Nebelwanderung vom Rennsteig nach Rauenstein. Seite aus meinem Reisetagebuch.


Am Rennsteig

Am 15. Oktober bin ich zum vierten Teil meiner langen Wanderung aufgebrochen. Einmal längs durch Deutschland – vom nördlichen Harzrand bis, nun ja, mindestens bis zum Bodensee, vielleicht auch noch weiter. Mein ganz persönlicher Pilgerweg zu den guten Orten am Wegrand, zu Kirchen und Klöstern ebenso wie zu dem, was aus der Begegnung von Mensch und Landschaft, von Kultur und Natur über Jahrhunderte und Jahrtausende entstanden ist.

Aquarell der Kirche Neuhaus am Rennweg und Reisenotizen vom Rennsteig.

Aquarell der Kirche Neuhaus am Rennweg und Reisenotizen vom Rennsteig.

Ausgangspunkt war dieses Mal Neuhaus am Rennweg, wo ich Anfang März bei strahlendem Sonnenschein aufgehört hatte. Jetzt nieselte und grieselte es, und ich stapfte meine ersten Rennsteigkilometer durch den Schneematsch. An Zeichnen im Freien war nicht zu denken, sowohl das Aquarell als auch das Blatt über die Rennsteigsteine sind nach Foto im Hotel entstanden.

Die Neuhäuser Holzkirche mit ihrer Schieferverkleidung ist ein bekanntes Weihnachtsmotiv, steht in dem wenig ansprechenden Ort leider etwas verloren zwischen gesichtslosen Neubauten.

Fasziniert haben mich am Rennsteig die Grenzsteine. Es gibt insgesamt über tausend davon, die meisten stammen aus dem 16. oder 18. Jahrhundert. Auf dem Abschnitt zwischen Neustadt und Limbach stehen sie dicht an dicht, manchmal alle fünfzig Meter einer, begrenzten einst Sachsen-Meiningen gegen Sachsen-Rudolstadt und Schwarzburg. Gezeichnet habe ich einen, auf dem das sächsische Wappen noch gut zu erkennen ist.


Weihnachtsland

Der Thüringer Wald ist Glasbläserland, und der uns allen vertraute Baumschmuck aus Glas wurde Mitte des 19.Jahrhunderts hier erfunden. Als ich Anfang März in Neuhaus war, lag dort noch Schnee, und ein Besuch im „Weihnachtsland“ der Glasmanufaktur Greiner erschien mir saisonal durchaus passend. Da sich im Zusammenhang mit Weihnachten die Kitschfrage nicht stellt (bzw. die Trennlinie anders verläuft als im restlichen Leben), konnte ich die von Kugeln, Zapfen, Glocken und Figuren überquellenden Regale von Herzen genießen. Schwierig wurde dann die Entscheidung, was am besten zu zeichnen wäre, am Ende habe ich mich für eine Schale mit Zapfen im klassischen Weihnachtsrot entschieden.

Ich habe mich beim Zeichnen allerdings auf die Form beschränkt – die Farbe ist erst zu Haus dazu gekommen, und dafür habe ich erwartungsgemäß mehrere Weilchen gebraucht – neben Aquarellfarbe, dieses Mal von White Nights, habe ich noch verschiedene Marker verwendet.

Ein Korb voller Baumschmuck im klassischen Weihnachtsrot.

Ein Korb voller Baumschmuck im klassischen Weihnachtsrot.

Mit dem Besuch in der Glasmanufaktur endete die dritte Etappe meiner Deutschlandwanderung, im Oktober will ich dann vom Rennsteig nach Bamberg gehen.


Im Walde …

… zwischen Cursdorf und Neuhaus am Rennweg war es vor allem eins: still. Dort, auf 800 Thüringer Höhenmetern, lag Anfang März noch eine geschlossene Schneedecke – wenn auch vielleicht nicht so viel wie in anderen Jahren – , die Wege waren gut begehbar, doch nutzte das außer mir nur noch ein junger Wandergeselle, den ich kurz vor Neuhaus traf. Bei meiner Rast an der Schutzhütte „Drei Lärchen“ stand einer dieser typischen Wegweiser in meinem Blickfeld, vielleicht an der Stelle, wo einmal die Lärchen gewesen waren, denn die suchte ich vergeblich. Dafür gab es ein Pilgerschild.

Wegweiser im Wald zwischen Cursdorf und Neuhaus a.R. in Thüringen

Wegweiser im Wald zwischen Cursdorf und Neuhaus a.R. in Thüringen


Frosch und Schmetterling

Historische Gasentladungsröhre und Porzellanfrosch - zu besichtigen in kleinen Museen und Galerien in Kursdorf am Thüringer Rennsteig

Historische Gasentladungsröhre und Porzellanfrosch – zu besichtigen in kleinen Museen und Galerien in Cursdorf am Thüringer Rennsteig

Der klassische Röhrenfernseher, Leuchtstoffröhren, Röntgenröhren – diese zivilisationsprägenden Produkte des technischen Zeitalters wären nicht möglich gewesen ohne die Gasentladungsröhre – und diese wurde Mitte des 19.Jahrhunderts von dem aus dem armen Thüringer Glasbläserdorf Igelshieb stammenden Heinrich Geissler erfunden. Seine Schüler gründeten um 1900 in Sachsen und ihren Thüringer Heimatorten mehrere auf spezielle Glasinstrumente spezialisierte Manufakturen, so wurden z.B. zahlreiche Demo-Geräte für Schulen dort hergestellt.

Um ein solches Gerät handelt es sich auch auf dem Bild, der Schmetterling in der Mitte beginnt zu leuchten, wenn es in Betrieb ist – leider konnte ich das im Glasapparatemuseum Cursdorf nur in einem Film sehen.

Der Frosch hingegen hat mit einem anderen alten Erwerbszweig der Region zu tun – der Porzellanherstellung. Ich bin ihm in der Galerie der Porzellankünstlerin Kati Zorn, ebenfalls in Cursdorf, begegnet.


Paulinzella

Von Niedervillingen kommend, bin ich mit der Regionalbahn nach Paulinzella gefahren. Der Zug folgt einer alten Streckenführung und fährt mehrmals über altertümliche gemauerte Viadukte. Als ich in Paulinzella ankam, war es kurz vor Mittag, und es war sonnig und still, klosterstill, als würden die frommen Benediktinerinnen immer noch das Tal bewohnen.

Dabei ist das Kloster Paulinzella längst Ruine, wurde nach der Reformation geplündert und diente als Steinbruch. Bereits 1475, also noch zu Klosterzeiten, errichtete man den schönen Fachwerkbau nebenan, ein Verwaltungsgebäude bis heute, Sitz des Forstamts (wenn auch momentan gerade in Generalüberholung.)

Ich saß dort eine Stunde in Sonne und Stille, lauschte dem plätschernden Rottenbach und freute mich, dass die anfangs geschlossene Gaststätte schließlich doch noch öffnete. Bevor ich den idyllischen Wanderweg das Tal hinauf nach Königsee antrat, zeichnete ich noch den Dialog zwischen dem wuchtig hochromanischen Kirchturm und dem kleinteiligen, spätgotisch-eleganten Amtsgebäude – die Farben habe ich später ergänzt.

Ruine des Kirchturms von Kloster Paulinzella mit spätgotischem Amtsgebäude, Wasserfarbe und PITT-Marker in S&B Beta.

Ruine des Kirchturms von Kloster Paulinzella mit spätgotischem Amtsgebäude, Wasserfarbe und PITT-Marker in S&B Beta.


Schloss Schwarzburg

Schwarzburg hat nicht nur aus der Zeit gefallene Hotels zu bieten, es hat auch ein Schloss. Und was für eins! Ich habe selten einen disparateren Ort erlebt als den Schwarzburger Schlossberg. Auf einem schmalen Bergsporn thront über dem Dorf eine riesige Ruine, die auf den ersten Blick aussieht wie eine gespenstische Fabrik, sich beim Näherkommen dann als der Rest eines dort vermutlich immer deplatziert gewesenen barocken Kastens erweist, dem einige Seitenflügel fehlen. Andere sind bereits restauriert, in sehr verschiedenen Stilen, strahlend weiß ein schöner Renaissance-Bau, das Zeughaus, quietschbunt Teile eines Teils, der den sogenannten Kaisersaal enthält – einer der Schwarzburger hatte es im 14.Jahrhundert immerhin bis zum Gegenkaiser gebracht.

Der ruinöse Zustand des Gebäudes ist ein Produkt deutscher Geschichte – 1940 begannen die Nationalsozialisten mit brachialen Abrissarbeiten, denen ein Wiederaufbau als Reichsgästehaus folgen sollte – dass es dazu nicht mehr kam, ist naheliegend.

Hofseite der Ruine von Schloss Schwarzburg, Wasserfarbe und Marker in S&B Beta.

Hofseite der Ruine von Schloss Schwarzburg, Wasserfarbe und Marker in S&B Beta.

Am Schloss laufen weiter Restaurierungsarbeiten, dass sie, wie eine Tafel verspricht, 2015 abgeschlossen sein sollen, halte ich für unwahrscheinlich. Auch ein endgültiges Nutzungskonzept soll es noch nicht geben.

Ich habe mich zum Zeichnen für das entschieden, was wohl einmal so etwas wie die Hofseite gewesen sein muss – für einen wirklichen Hof ist der Bergsporn eigentlich zu schmal. Das leuchtend orange Wandstück ist eine Farbprobe, ansonsten ergeben unterschiedliche Grade von Verfall und Vernagelung eine breite Palette an braun und grau, ergänzt durch die schon frisch gedeckten Schieferdächer.


Die letzten ihrer Art

Vier alte Herren beim Skat im Schlossberg-Hotel in Schwarzburg. Wasserfarbe und PITT-Pens in Stillman&Birn Beta.

Vier alte Herren beim Skat im Schlossberg-Hotel in Schwarzburg. Wasserfarbe und PITT-Pens in Stillman&Birn Beta.

Dieses Bild ist das einzige, was ich gleich vor Ort fertigstellen konnte – ich saß ja auch warm und gemütlich auf einem 100 Jahre alten Hotelsofa im Hotel „Schlossberg“ im Schwarzburg. („Setzen Sie sich ruhig auf das Kissen, sonst sinken Sie so tief ein.“)

Schwarzburg, etwas oberhalb von Rudolstadt im Schwarzatal gelegen, war im 19.Jh. ein beliebter Urlaubsort, und in den fetten Jahren vor dem ersten Weltkrieg entstanden dort wahre Hotelpaläste, in Fachwerk und Schindeln gekleidete Schönheiten mit Türmchen und Erkerchen und Buntglasfenstern. Da die Zeitläufte ihnen gnädig waren, stehen die meisten bis heute unverändert, allerdings oft genug vernagelt und unsaniert.

Das Hotel „Schlossberg“, in das es mich verschlagen hatte, wird von dem mittlerweile über 70jährigen Inhaberpaar allein geführt. Die Zimmer sind ein auf DDR-Standard, das mag vermutlich nicht jeder, doch das gesamte Ambiente, die hervorragende Hausmannskost und vor allem die tiefe Herzlichkeit der beiden alten Leute gehören zu den Erlebnissen, um derentwillen sich eine solche Fußwanderung lohnt.

Während ich beim Mittagessen saß, trafen vier alte Herren zur Skatrunde ein – vielleicht waren sie einmal Apotheker, Oberförster und Hauptbuchhalter gewesen, jedenfalls schienen sie ebenso die letzten ihrer Art wie das Inhaberpaar zu sein.


Wo das Mittelalter begann

Liebfrauenkirche in Arnstadt, Thüringen. Im Vordergrund ein Klostergebäude aus dem 16.Jh., das gerade restauriert wird.

Liebfrauenkirche in Arnstadt, Thüringen. Im Vordergrund ein Klostergebäude aus dem 16.Jh., das gerade restauriert wird.

Am Anfang der Wanderreise stand dieses Mal Arnstadt, das sich bis 1989 mit dem Titel „Älteste Stadt der DDR“ schmücken durfte. Im deutschlandweiten Wettstreit liegen natürlich die römisch geprägten Rheinstädte vorn (oder hinten, wie mans nimmt), doch östlich des Rheins hat irgendwo hier das Mittelalter begonnen.

Die Liebfrauenkirche in Arnstadt strahlt etwas davon aus, etwas archaisches, auch wenn kaum noch ein Stein original ist, so oft wurde sie umgebaut und restauriert.