Requiem für ein hässliches Haus
Veröffentlicht: 28. Mai 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Architektur, Ink&Wash, Reiseskizzen, Urban Sketching, visuelles Tagebuch | Tags: Architektur, Moderne, Potsdam Hinterlasse einen KommentarAls ich 1964, gerade vier Jahre alt, nach Potsdam kam, sah ich – mit der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder sehen, nicht wissend, dass es auch anders sein könnte – noch knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende eine von Bomben und Häuserkampf gezeichnete Stadt. Erste Neubauviertel entstanden an den Rändern, in einem wohnten wir und fuhren täglich mit einer klapprigen Vorkriegsstraßenbahn an den Brachflächen vorbei, die einmal eine Stadtmitte gewesen waren; zum anderen Ende der Stadt, wo der berühmte Park seine Schönheit ausbreitete, mit Rabatten, Schlössern und Pavillons, als wäre nichts gewesen …
Später ging ich in der Innenstadt zur Schule, kurz sah ich noch die Garnisonkirche, bevor sie fiel, den stinkenden Kanal und die von Einschusslöchern vernarbten Fassaden leerstehender Häuser, deren letzte Scheiben wir auf dem Weg von der Straßenbahn einwarfen. Über all dem erhob sich die schon wieder hergerichtete Kuppel der Nikolaikirche auf würfelförmigem Rumpf, umgeben von Nirgendwo; bis in meine Träume reichte eine Vorstellung von riesiger Düsternis im Innern. (Wieder eröffnet wurde sie 1981 und war dann licht und eher klein.)
Die Jahre vergingen, die Brachflächen füllten sich mit Gebäuden: ein paar Wohnhäuser, Bibliothek, Fachhochschule, Rechenzentrum, Hotelhochhaus; füllten sich mit der Bühne meiner Wachstumsjahre, mit Etwas, wo vorher Nichts gewesen war. Manchmal hörten wir ein Raunen über dieses Nichts: dass es ein Schloss gegeben hätte, mehr Kirchen noch, unter Ulbricht gesprengt … Die Themen der Jugend sind andere.
Jetzt, über vierzig Jahre später, ist da wieder ein Schloss, genauer: ein Landtagsgebäude mit einer Schlosskulisse, umgeben von anderen Kulissen. Erstaunlich viele Potsdamer haben das gewollt. (Oder nur: erstaunlich reiche Potsdamer?) Fassungslos, noch immer, obwohl ich es schon seit Jahren aus der Ferne beobachte, fassungslos blicke ich darauf und frage mich: hätte es nichts besseres gegeben, nichts schöneres, der wechselvollen, von Verlust und Auferstehung geprägten Geschichte dieses Ortes angemesseneres?

Fachhochschule Potsdam. Lexington Grey Ink und Wasserfarbe in S&B Beta.
Die Fachhochschule ist noch in Betrieb, der Bau von außen vernachlässigt, verdreckt, die Scheiben der Ladengeschäfte im Erdgeschoss trüb und besprüht, die kleine Parkanlage daneben verkommen. Der Abriss ist längst beschlossene Sache, an der vermutlich auch eine Bürgerinitiative nichts ändern wird – auch wenn sich mittlerweile selbst die bildungsbürgerliche FAZ auf deren Seite stellt. „Racheabriss“, ich lese das Wort in einem Architekturforum und werde es nicht mehr los. Rache ist verfehlte Trauerarbeit, und getrauert werden durfte hier seit der Zeit der Soldatenkönige nur im Stillen. Wie viele Schichten von Schmerz müssen unter dem Pflaster des Alten Marktes abgetragen werden, bevor man auf den Strand stößt?
Ich finde, während ich an einem windigen Samstagvormittag mit meinem Zeichenblock dort sitze, (die Zugluft zwischen den Blöcken eint Barock und Moderne) erst einmal meinen eigenen, meine eigene Wut dazu, Nachwendeschmerz, Nachwendewut; Kolonialismus, wie lange habe ich dieses Wort nicht mehr gedacht. Als hinge die Gültigkeit meiner Biographie von der Existenz eines bisschen bröckelnden Betons ab.
Länger habe ich nie an einem Blogartikel geschrieben, oder sollte ich sagen: länger habe ich nie an einem Blogartikel gekürzt. Umfangreicher als andere ist er geworden und bleibt für Nicht-Potsdamer in vielem vermutlich dennoch unverständlich. Zum Weiterlesen daher hier noch ein paar Links:
Die Seite der oben erwähnten Bürgerinitiative: https://www.potsdamermitteneudenken.de/
Die offizielle Seite der Potsdamer „Neuen Mitte“: http://www.potsdamermitte.de
Das Museum Barberini – Hasso Plattners spektakuläre Sammlung moderner Kunst von Impressionismus bis DDR, verpackt in Pseudobarock: https://www.museum-barberini.com
Ein Gebäude von Mies van der Rohe, dessen Architektursprache das Fachhochschulgebäude zitiert: https://www.cardcow.com/436726/home-federal-savings-loan-association-building-des-moines-iowa/
Über viele Jahre sich hinziehender Diskussionsfaden in einem Architekturforum, voller interessanter Informationen und Bilder: http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=12597
Die FAZ zum Thema: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/stadtplanung-make-potsdam-schoen-again-14953237.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
Der lang schon kränkliche Herr Hindelang
Veröffentlicht: 2. Mai 2017 Abgelegt unter: Allgemein, Mixed Media, Reiseskizzen, visuelles Tagebuch | Tags: Allgäu, Symbole Hinterlasse einen KommentarEnde März war ich auf einer Seminarreise im Allgäu. Wie immer zu solchen Anlässen, gibt es Zeichenmotive so viele, wie die Zeit knapp ist, sie umzusetzen; ich komme mit halbfertigen Skizzen nach Hause, deren Vollendung mit dem Aufarbeiten des ansonsten in Wohnung und Beruf liegen gebliebenen konkurriert.
Bei diesem Bild einer Grabplatte in der Annenkapelle von Oy kam noch hinzu, dass seine Ausführung mit Bleistift, Marker und Füller in unterschiedlichen Grautönen zwar technisch nicht anspruchsvoll war, ich aber einiges an Zeit damit zubrachte, die Inschrift und deren Bedeutung zu verstehen.
m Der Epitaph, eingelassen in die Wand des Kirchleins, vielleicht 70cm hoch, ist mit seinem Totenschädel für uns Heutige ein Hingucker. Das Symbol der Vergänglichkeit war damals auf Grabmälern weit verbreitet und hatte noch nichts von kindlichen Gruselspielen an sich. Dazu kommen in diesem Fall Kelch und Hostie als Hinweise auf den Beruf des Verstorbenen: er war Priester. Als „Beneficat“ war der lang schon kränkliche Herr Hindelang Dorfpfarrer und Inhaber einer Pfründe – eines mit dem Einkommen aus einem Stück Land verbundenen Amtes. Was heute für uns nach fett und faul klingt, reichte vermutlich seinerzeit in einem abgelegenen allgäuischen Dorf gerade zum Leben.
„Allhier gebohren“ wurde er 1763, vermutlich in kleinen Verhältnissen, und vielleicht war die Priesterweihe die einzige Möglichkeit, denen ein Stück weit zu entkommen? War er wirklich ein „Gutthäter“, oder gehörte das seinerzeit zum guten Ton auf dem letzten Stein? Wir werden es vermutlich nicht erfahren. Immerhin wissen wir, wann er – mit gerade einmal 39 Jahren – gestorben ist. Das verraten uns die rot hervorgehobenen Großbuchstaben im letzten, lateinischen Satz: als römische Zahlen ergeben sie in der Summe 1802 (in klassischer Reihenfolge geschrieben MDCCCII) – ein Chronogramm, wie auch der Totenschädel ein Stilmittel des eigentlich schon zu Ende gegangenen Barock.

Grabplatte in der Annenkapelle in Oy/Allgäu.
