Keramik
Veröffentlicht: 1. April 2025 Abgelegt unter: #dothe100dayproject, #uskschwerin, Alltag, Dinge, Gouache | Tags: 100-Tage-Projekt, Dinge, Gouache, Mein kleines Museum Hinterlasse einen KommentarTonkrüge und -töpfe, überhaupt keramisches: davon gibt es in meinem Haushalt genug. Um genau zu sein: mehr als genug. Bäuerliche Gebrauchskeramik aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mischt sich mit moderner Salzglasurware, Erinnerungen an Osteuropa-Reisen mit Beutestücken von den Töpfermärkten der letzten dreißig Jahre …
Ich stellte drei Gefäße vor mich auf den Zeichentisch und wählte dazu erdnahe, handfeste Farben: Gouache. Gouache-Farben sind Deckfarben, die stumpf und manchmal etwas kreidig auftrocknen, und, anders als Acryl- oder Temperafarben, immer wasserlöslich bleiben. Ich hatte im letzten Sommer, angeregt durch zwei Domestika-Kurse, ein bisschen mit Gouache experimentiert, sie aber dann zugunsten von Tinten und Tuschen wieder zur Seite gelegt.

Ich nahm mir vor, mit nicht zu kleinem Pinsel zu arbeiten und hatte meine Freude an dem Motiv. Wieder einmal war ich erstaunt, wie anders sich diese deckenden Farben gegenüber den mir vertrauten Aquarellfarben verhalten. Nicht nur, dass nichts fließt und man helle Stellen nicht mühsam aussparen muss – das gesamte Mischverhalten ist ein anderes. Kaum ist ein bisschen Weiß im Spiel, verändern sich die Farbtöne, werden stumpfer, grauer, matter; Brauntöne gern auch ein bisschen rötlich. (Dass ich mir vor einem halben Jahr schon einmal ausführliche Farbkarten angelegt hatte, erinnerte ich erst, als ich fast fertig war.)
Erstaunt stellte ich fest, wie viele „bunte“ Töne meine braunen Töpfe „schluckten“ und immer noch braun blieben. Das brachte mich auf die Idee, ein bisschen mit den Farben herumzuspielen, um vertrauter mit ihnen zu werden.

Gedacht, getan zeichnete ich das das einfache Motiv schnell viermal aufs Blatt. Ich hatte mir vorgenommen, zuerst einmal die „bunten“ Töne etwas zu übertreiben (das ist das Kästchen links oben) und mich dann treiben zu lassen. Das Ergebnis wurde eine Überraschung: die Bilder ähnelten einander mehr, als ich beabsichtigt hatte. Keine krassen fauvistischen Dissonanzen, keine scharlachroten Hintergründe, keine düsteren Sepiatöne – mein Farb-Über-Ich hatte anscheinend eine ziemlich klare Vorstellung von Harmonie.
Da sind noch einige Überraschungen zu erwarten.
Drei Reisende
Veröffentlicht: 12. Januar 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Gouache | Tags: Gotik, Weihnachten Hinterlasse einen KommentarMache dich auf, Jerusalem, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.
Aus Jesaja 60, 1 – 6
Der Nahe Osten war schon in Römischer Zeit eine Krisenregion. Während Besatzung und Statthalterei anderswo fast lautlos vonstatten gingen, wehrte sich das jüdische Volk mit Guerillakämpfen und Aufständen, die im Jahr 70 blutig niedergeschlagen wurden. Die Stadt Jerusalem wurde einschließlich ihres Tempels zerstört, viele Überlebende verließen die Stadt, um nie wiederzukehren.
Etwa um die gleiche Zeit machten sich Anhänger des Jesus von Nazareth daran, aus den mündlichen Überlieferungen der langsam verstummenden Zeitzeugen zusammenhängende Texte, Evangelien (Evangelium heißt „Gute Botschaft“) zusammenzustellen. Vor dem Hintergrund der Katastrophe, die über das jüdische Volk hereingebrochen war, erinnerten sie sich der alten Prophezeiungen von Frieden, Reichtum, Glanz – und deuteten sie auf den Messias, den Christus, um. So kamen auch die „Sterndeuter aus dem Osten“ in die Erzählung von Jesu Geburt: „Heiden“ und „fremde Völker“ erkennen von Beginn an den neuen König, beten ihn an und „tuen ihre Schätze auf“.
Die christliche Legendenbildung entwickelte die Geschichte weiter – aus Sterndeutern wurden „Weise“ und später Könige, man einigte sich (in der Westkirche) auf eine Dreizahl und schließlich bekamen sie Namen: Caspar, Melchior, Balthasar. Da waren sie schon Heilige Könige, symbolisierten die drei damals bekannten Kontinente; es fanden sich Reliquien, die auf abenteuerlichen Wegen bis nach Köln gelangten. (Dort liegen sie immer noch, im Dreikönigsschrein des Doms.)

Am 06.Januar ist Dreikönigstag, das kirchenoffizielle Ende der weihnachtlichen Festzeit und in manchen, vorwiegend katholisch geprägten Bundesländern offizieller Feiertag. An einigen Orten ziehen als Sternsinger verkleidete Kinder von Haus zu Haus und bitten um Spenden für gute Zwecke. Im laizistisch-atheistischen, allenfalls noch evangelischen Osten meiner Randberliner Herkunft spielte dieser Brauch keine Rolle; ich lernte die königlichen Reisenden wie so vieles andere durch meine Beschäftigung mit dem klassischen Kanon der christlichen Kunst kennen.
Häufig ging es auf diesen Bildern märchenhaft zu, mit Palmen, Kamelen und Schätzen, die drei Herren kostbar und exotisch gewandet. So eine Art Bild wollte ich zuerst malen, ein bisschen naiv, wie eine Illustration für ein Märchenbuch, ein Gegenentwurf zu meiner kämpferischen Interpretation von „Mariä Lichtmess“ im vergangenen Jahr. Ich schaute mich nach Vorbildern im Netz um und blieb bei drei spätmittelalterlichen Holzskulpturen hängen. Sie sind etwa dreiviertel lebensgroß, sehr fein und realistisch gearbeitet (man schaue sich nur die Hände an!); eine ursprüngliche farbige Bemalung hat man entfernt.
Ich brauchte die Abendstunden einer ganzen Woche, um die drei in Gouache abzumalen. Ich fremdelte mit dem Material, musste auf viele schöne Details verzichten – und genoss am Ende die Zeit als eine der Betrachtung, ja, fast der Meditation. Abgebildet sind die drei Würdenträger nicht nur als sie selbst, sondern auch als Symbole für Erdteile und Lebensalter. Links ein Vertreter Afrikas, mit schwarzafrikanischen Gesichtszügen, einem als Turban um den Kopf geschlungenen langen Tuch, den Blick zum Himmel – dem Stern, dem sie alle drei folgen – erhoben. Er ist anscheinend der jüngste im Bund, im Gegensatz zu den anderen beiden hat er keinen Bart. (Die Gestalt des „Mohren mit Turban“ wird später, z.B. als Sarotti-Mohr, zu einer kolonialrassistischen Kitschgestalt werden.)
In der Mitte der „Mann in den besten Jahren“ mit vollem Bart, einer Krone über dem Fez-artigen Hut und einem Krummsäbel an der langen Goldkette – unter „Asien“ stellte sich der spätmittelalterliche Künstler etwas irgendwie „türkisches“ vor. Der Mann rechts von ihm ist mit Glatze und buschigen Augenbrauen als „Alter Mann“ gekennzeichnet; Mantel, Hut und Tasche weisen ihn als „europäischen“ Pilger aus, königliche Insignien fehlen ganz. Alle drei tragen seltsame Gefäße mit Stiel in den Händen (beim alten Pilger ist nur der Stiel übrig geblieben); wie ein Haus oder ein Trinkhorn gearbeitet dienten sie anscheinend der Aufnahme der mitgebrachten Kostbarkeiten.
Erstaunt stelle ich fest, dass die auf meiner Weihnachtspyramide gemächlich im Kreis gehenden drei Könige auch über fünfhundert Jahre später noch der gleichen Ikonographie folgen: Turban und zu recht nicht mehr gern gesehene schwarz-weiße Kulleraugen, Weihrauchbüchsen und hohe Hüte …
Zitronat
Veröffentlicht: 1. Januar 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Alltag, Gouache, visuelles Tagebuch | Tags: Alltag, Gouache, Obst, Pflanzen, visuelles Tagebuch 2 KommentareWann habe ich das letzte Mal mit Zitronat gebacken? In den 1980ern und 90ern, als ich mit Früchtebrot und wochenlang gereiften Lebkuchenteigen experimentierte? Vermutlich. Stollen habe ich nie gebacken, auch keine Königskuchen – wozu sollte Zitronat sonst gut sein? Und woraus wird es eigentlich hergestellt? In der DDR, so lese ich, experimentierte man mit grünen Tomaten, um die teuer importierten Zitronen einzusparen, doch das ist eher eine Fußnote der Geschichte.
Nein, Zitronat wird nicht aus Tomaten hergestellt, sondern aus – man hätte es sich denken können – Zitronatzitronen, urtümlichen, durch Züchtung nur wenig veränderten Zitrusfrüchten. Aus Neugier habe ich mir bei einem Versand für exotische Früchte ein Kilogramm Zitronatzitronen mitbestellt – das sind zwei Stück, deutlich größer als normale Zitronen.

Die Früchte bestehen zu einem großen Teil aus Schale, man kann daraus Likör, Limonade oder eben Zitronat herstellen. Likör trinke ich nicht, auch für Limonade habe ich im Winter wenig Verwendung – also wird es wohl Zitronat werden. (Und was mache ich dann damit?)
Vorher wollten die Früchte allerdings noch abgebildet werden, und mit dieser Gouache-Skizze (15×15 cm) ist endlich auch die Kunstsaison wieder eröffnet. Im Herbst hatte über sechs Wochen lang praktisch täglich etwas gezeichnet, dann kam die Vorweihnachtszeit mit zahlreichen anderen Aktivitäten; viel mehr als ein paar Meetings-Kritzeleien brachte ich nicht zustande. Nach fast acht Wochen Pause will die Hand-Auge-Koordination wieder neu trainiert werden; das braucht etwas. Zwei überdimensionale Zitronen sind als Motiv da gerade einfach genug. (Die Entscheidung zwischen Gouache und Aquarell habe ich erst in letzter Minute getroffen, mit beidem hatte ich im Frühherbst aufgehört, um mich eher grafischen Techniken zu widmen – mal sehen, wie es weitergeht …)
