Neige deines Herzens Ohr

Wenn man von Klosters mit der Rhätischen Bahn nach Süden durch den Tunnel fährt, kommt man in Susch wieder heraus. Hier startete ich an einem kalten, klaren Morgen Richtung Osten, das Inntal hinunter, von nun an dem Jakobsweg Graubünden folgend. Wobei „hinunter“ es nicht genau trifft: es ging in gewohnter Weise auf und ab, weil die Dörfer in sehr unterschiedlicher, oft großer, Höhe über dem Talgrund liegen. (Wer wissen will, warum das so, ist, lese Hans-Jörg Küsters „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“)

Das Dorf Guarda, auf einem Südbalkon weit über dem Inn gelegen, ist einer der höchst gelegenen dauerhaft bewohnten Orte Mitteleuropas, ein Schmuckstück aus mit Malereien und Sgrafitto schön geschmückten Bündnerhäusern. Als ich dort ankam, war es längst heiß geworden, und ich ruhte gern einen Moment in der kühlen, im Gegensatz zu den Häusern reformiert-schlichten Kirche.

Fast schon war ich eingenickt, als jemand hereinkam, ein wenig umherging, sich mal hier, mal dorthin stellte und mit eins zu singen begann. Der Mann – vielleicht in meinem Alter – hatte einen schönen, geübten, doch keinesfalls professionelle Bariton. Etwas Altes war es, was er sang, innig, eher ein Volks- als ein Kirchenlied; die Sprache erkannte ich nicht. Es sei Berndeutsch, und auf Berndeutsch sang er dann das Vaterunser und noch ein Volkslied. Er sänge immer in Kirchen, wenn er die Gelegenheit habe, zu Hause hätte er solche Akustik nicht, sagte er und verabschiedete sich schnell, fast, als wäre ihm etwas peinlich gewesen.

Die Dorfkirche von Guarda im Unterengadin

Ich blieb berührt und verzaubert zurück; nicht minder aber war ich hungrig und durstig. Gegenüber der Kirche fand sich, wie in fast jedem ostschweizerischen Dorf, der „Volg“, der Dorfkonsum alter Zeiten mit Poststelle, Kaffeeausschank und Rabattmarken … und so war beim Zeichnen neben der Seele auch noch der Leib versorgt.



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