Und hinter tausend Stäben keine Welt
Veröffentlicht: 6. April 2026 Abgelegt unter: #uskschwerin, Allgemein | Tags: Katzen, Mecklenburg, Museum, Schwerin, Tier Hinterlasse einen KommentarSein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.Rainer Maria Rilke
Jean-Baptiste Oudry war ein Malerstar des französischen Hochbarock, Hofmaler Ludwigs des Vierzehnten; spezialisiert auf repräsentative Porträts und Bilder von exotischen Tieren. Sein größter Fan war der mecklenburgische Herzog Christian II., er sammelte, was die Staatskasse des armen Landes hergab, am Ende besaß er 46 Gemälde – die größte Oudry-Sammlung weltweit, bis heute. Die Bilder hängen in einem eigenen Saal des Schweriner Staatlichen Museums, an der Stirnseite gekrönt vom drei mal viereinhalb Meter großen Porträt eines Nashorns. „Clara“ war seinerzeit eine Sensation, das erste Nashorn, das nach dem strapaziösen Transport in Europa viele Jahre überlebte.
Mir hatte es einer der beiden Leoparden angetan, der ebenfalls lebensgroß, in gereiztem, aggressiven Habitus an der Betrachterin vorbei aus dem Bild blickt. Die Haltung des Tieres ist überaus dynamisch, meisterhaft gemalt zeichnet sich jeder Muskel unter dem gefleckten Fell ab.

Ich hatte mit der Zeichnung meine liebe Not, versuchte mich in mehreren Anläufen erst an einem Ganzbild, dann nur am Kopf – erst auf der letzten Seite meines Skizzenbuchs bekam ich Haltung und Ausdruck halbwegs in den Griff. Ich fragte mich, wie es dem Künstler gelungen sein mochte, das sich bewegende Tier in dieser Weise abzubilden.
Vermutlich hat er an Hauskatzen geübt, deren Körpersprache ähnlich ist: gebleckte Zähne und weit aufgerissene Augen zeigen ebenso eine angriffslustige Stimmung wie die angelegten Ohren und der – auf meiner Zeichnung nicht sichtbare – dynamisch bewegte Schwanz. Und: er hat das Tier, das auf seinem Bild in einer exotisierten Waldlandschaft steht, vermutlich in einem engen Käfig gesehen. In einem solchen Käfig, wie ihn Rilke noch 1905 kannte und der ihn zu seinem berühmten Gedicht anregte. Bilder davon kann man im Netz finden.
So erwies sich am Ende wieder einmal, dass große Kunst immer über sich selbst hinausweist. Der Maler wollte seinem adligen Publikum eine exotische Bestie zeigen, doch dahinter scheint das Bild einer gequälten Kreatur auf; der Dichter, bekannt für seine Egozentrik, tat sich im Paris von 1905 vermutlich vor allem selbst leid – und vermag mit seinem Gedicht seit Generationen das Mitgefühl der Lesenden zu wecken.
