Moderne auf Madeira III – der Engel der Arbeiterklasse

Im Hotelviertel von Funchal steht auf einer tristen Verkehrsinsel die Skulptur eines Engels. Wobei: „steht“ nicht der richtige Ausdruck ist. Er ist in einem Eisengestell aufgehängt, mit deutlichen Anleihen an die Ikonografie des Schmerzensmanns. Meist fährt man mit dem Bus daran vorbei; bevor man noch richtig einordnen kann, was man da gesehen hat, ist man schon einen Kilometer weiter.
Gestern ergab es sich, dass ich in der Nähe wandern war, und so konnte ich mir die Figur endlich in Ruhe anschauen. Erst einmal: sie ist riesig. Mindestens zwei Stockwerke hoch, vielleicht drei. Und: was ikonografisch an Sakrales anknüpft, ist ein Arbeiterdenkmal. Ein Denkmal für „alle, die im Bereich des öffentlichen Bauens mitgearbeitet haben“, so ließe sich die Widmung aus dem Jahr 2004 frei übersetzen.
Auch unter den Voraussetzungen von iberischem Pathos ist das ein erstaunliches Denkmal. Erklärlicher wird es aus der Topografie der Insel: hier bedeutet „öffentlicher Bau“ Straßen- und Wasserleitungsbau unter unglaublichen Bedingungen, an Steilhängen und durch Tunnel, immer wieder zurückgeworfen durch Erdbeben, Flut und Feuer.

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„Denkmal für den Arbeiter“ – „Monumento ao Trabalhador“ von Ricardo Velosa auf der Praça Assicom in Funchal/Madeira


Justitia oder Moderne auf Madeira II

Ich erinnere mich, dass das Gebäude und die Statue mir schon vor drei Jahren, an meinem ersten Tag auf Madeira, auffielen. Düster-protzig und pathetisch erinnerten sie mich an – ja, woran eigentlich? Am ehesten an Denkmale der frühen DDR, an sowjetische Kriegerehrenmale und ähnliches.

Nun bin ich endlich dazu gekommen, mir das Ensemble genauer anzusehen. Eine Tafel erklärt in Portugiesisch und schlechtem Englisch, dass es sich um das 1962 eingeweihte Gerichtsgebäude handle, die Dame mit dem Schwert somit Justizia sei. Das Ganze wäre ein gelungenes Beispiel des Estado-novo-Stils, besonders hervorzuheben sei die Verwendung regionaler Materialien.

„Estado novo“ – „neuer Staat“ – so nannte Salazar seine Diktatur, unter der das Land immerhin bis 1974 unter einer bleiernen Decke aus Rückständigkeit und Angst lag, in der Bildung für das Volk ausdrücklich nicht erwünscht war und ein ausgesprochen konservativer Katholizismus gepflegt wurde.

Je genauer ich hinsah (und nachlas) desto unschärfer wurden mir die Zuordnungen. „Stalin“- und „Nazi“-Architektur, diese Etiketten sind schnell draufgepappt, doch was hat hier was bedingt? Was war zuerst da? Der Architekt des Funchaler Gerichtsgebäudes, Januário Godinho, gilt als Wegbereiter der Moderne in Portugal. Die italienischen Futuristen schwärmten für Mussolini … Sieht man einer Plastik von Arno Breker (um mal ein deutsches Beispiel zu wählen) an, dass er auch Hitler porträtiert hat?

Am Ende hatte ich ein paar Fragen mehr als vorher, auf denen ich nun noch eine Weile rumkauen kann, aber immerhin die Zeichnung fertig. (Und dabei z.B. gesehen, dass Moses‘ Gesetzestafeln an Justitias Füßen lehnen.)

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Eingangsbereich des Gerichtsgebäudes in Funchal/Madeira. Lexington Grey Ink und PITT Pens in S&B Epsilon.


Oscar Niemeyer oder das Glück der Moderne

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als der erste Band des „Lexikon der Kunst“ aus dem DDR-Seemann-Verlag bei uns auftauchte, irgendwann zwischen Kindheit und Noch-Nicht-Erwachsensein, Anfang der 70er. Es war eine bilderarme Zeit in einem bilderarmen Land, Papier knapp und der sozialistische Realismus noch offizielle Doktrin. So sah ich manches, was anderswo Allgemeingut war, in diesem Lexikon zum ersten Mal, und ich schaute es mir so oft an, bis es Teil meines innersten Bildarchivs geworden war.

Vermutlich habe ich auch das erste Bild von Niemeyers Brasília in einem der dicken grauen Bände gesehen. Dass ich für den Kunstunterricht ein elegantes Stelzenhaus mit schrägem Dach entwarf, war dadurch inspiriert (und durch die lichten Stahlbetonparabeln von Ulrich Müther, die ich von eigenem Ansehen kannte.) Ich mochte diese hellen, freundlichen Gebäude, so wie vermutlich die meisten Menschen in meiner Umgebung sie mochten: mit ihnen war der Krieg endgültig vorbei. Der WBS-70-Mehltau sollte sich erst zehn Jahre später über das Land legen, und bis zu den postmodernen Erkerchen war es auch noch eine Weile hin.

Das alles fiel mir heute beim Anblick des Niemeyerschen Hotelbaus in Funchal wieder ein – stückweise, denn ich hatte Jahrzehnte nicht mehr daran gedacht. Ich war zuerst wegen des spektakulären Casinos hergekommen, das leider durch hässliche Werbung so verhunzt ist, dass mir die Lust auf eine Zeichnung verging. Das Hotel sieht auf den ersten Blick wie eine ganz normale, nur etwas geschwungene Bettenburg aus. Wie harmonisch das Ganze ist, wie rhythmisch gegliedert, wie durchsichtig, ohne indiskret zu sein: das sah ich, als ich die Lobby betrat und dann auch ganz mutig bis zur Poolbar durchging. Von dort aus habe ich den Blick auf das meerseitig gelegene Restaurant skizziert.

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Restaurant des Hotel Pestana Casino Park in Funchal. Aquarell und etwas Tinte in S&B Beta.